EmpfehlBar im August

Und? Wie war dein erster Tag?“ fragte er.
„Eine Entführung, Vampire, ich habe einen Verdächtigen erschossen, einen Zeugen an einen Profikiller verloren, Goliath hat versucht, mich umlegen zu lassen, und außerdem hatte ich einen Platten. In einem Wort: der übliche Mist.“
„Einen Platten? Im Ernst?“ (Band 1, Der Fall Jane Eyre)

Besonders wenn es in der realen Welt nicht ganz so läuft, wie wir es uns wünschen würden, tauchen wir gerne in die Welt der Bücher ab. Die Buchwelt als tatsächliche, erfahr-, bereis- und manipulierbare Welt haben schon viele Autor*innen als Motiv für sich entdeckt. Dabei gibt es einmal die, welche die Welt der Bücher außerhalb der uns bekannten Literatur erfinden wie Cornelia Funke mit ihrer Tintenherz-Trilogie oder Michael Ende mit DieUnendliche Geschichte. Dann gibt es jene Figuren, die durch die uns bekannten Bücher reisen wie es  in Mechthild Gläsers Büchern Die Buchspringer und Emma und das vergessene Buch, H. G. Parrys Die unglaubliche Flucht des Uriah Heep oder Mary E. Garners Buch-der-gelöschten-Wörter-Trilogie der Fall ist.

Heute möchte ich euch meine Lieblingsreihe dieses „Buchreise-Genres“ vorstellen: Jasper Ffordes Thursday-Next-Reihe um, ja, ihr ahnt es, Thursday Next, eine LiteraturAgentin der besonderen Sorte.

1985 in der Republik England (Ein Vereintes Großbritannien gibt es nicht mehr, seit Wales sich in den Fünfziger Jahren zur sozialistischen Volksrepublik erklärt hat):
Retro-Haustiere wie Dodos sind Dank Gentechnik weit verbreitet, Zeitreisen normal (so normal, wie sie nun einmal sein können), der Krimkrieg geht in sein 131. Jahr und Bücher und ihre Autoren sind nationale Schätze und somit eine wirklich ernstzunehmende Sache. Baconier predigen an Haustüren und auf Straßen, dass Francis Bacon der tatsächliche Autor der Werke sei, die Shakespeare zugeschrieben werden, Klassiker sind gängige Tausch- und Schmuggelware und tausende von Menschen heißen John Milton, was die Arbeit der Behörden nicht gerade einfacher macht.
Thursday Next, Krimkriegveteranin und seit sieben Jahren LiteraturAgentin bei SpecOps, Tochter eines flüchtigen Zeitagenten und Nichte des Universalgenies Mycroft, der mal eben so in seiner Garage ein Buchportal ertüftelt, ist eigentlich für das Ausfindigmachen von Fälschungen und illegal gedruckter Ausgaben literarischer Werke verantwortlich. Eines Tages jedoch wird sie in den größten Literaturkriminalfall hineingezogen, den die Welt je gesehen hat. Acheron Hades, seines Zeichens eine Koryphäe des Verbrechens (wenn wir seiner Autobiografie „Die Lust am Laster“ Glauben schenken dürfen) und der drittmeist gesuchte Mann der Welt, stiehlt das Originalmanuskript von Dickens‘ „Martin Chuzzlewit“ und tötet einen Nebencharakter, der daraufhin aus allen Auflagen des Werkes ebenfalls für immer verschwindet. Und das ist nur der Anfang, denn tatsächlich hat er es auf jemand ganz anderen abgesehen: Auf Jane Eyres, Charlotte Brontës Protagonistin des gleichnamigen Romans, Liebling der lesenden Massen, und nur Thursday kann sie retten.

Die Geschichte um den „Fall Jane Eyre“ ist nur der erste Band der fünfteiligen Reihe Ffordes, die durch so viel Witz, schrullige Einfälle und unglaublichen Spaß an Literatur und Sprache glänzen, dass nicht nur Genreliebhaber auf ihre Kosten kommen. In den folgenden Bänden dann reisen wir immer mehr in die sogenannte Buchwelt, die Heimat aller schriftlich oder mündlich überlieferten, fiktiven Figuren und treffen alle möglichen bekannten und weniger bekannten Charaktere wie den erfolgsverwöhnten Heathcliff oder den ewig zaudernden Hamlet.
In keinster Weise erschafft Fforde hier eine ernstzunehmende Alternativwelt, dafür bleibt es doch zu albern, was aber keineswegs den Spaß aus den Büchern raubt. Wunderbar wie Literatursnobismus hier einen augenzwinkernden Dämpfer erhält und dennoch die Liebe zu Sprache und Überlieferung immer wieder unter Beweis gestellt werden.
Ein skurriler, spannender und wechselseitiger Lesespaß, an dem ich immer wieder Freude habe. Ihr hoffentlich auch.

Außerdem: Kennt ihr sie schon, die wunderschönen Klassiker-Schmuckausgaben von Coppenrath? Untere anderem ist Jane Austen vertreten mit gleich drei Werken, aber  auch Emily und Charlotte Brontë, Virginia Woolf, Lewis Carroll und weitere.
Mit diesen Büchern können wir wahrlich in die Welt ihrer Protagonist*innen abtauchen. In den einzelnen Bänden, kunstvoll und ansprechend illustriert, befinden sich noch weitere aufwendig gestaltete Extras wie Briefe, Karten, Stammbäume und weitere Hintergrundinformationen zu Figuren oder Autor*innen. Keine Bücher, die man sich in die Tasche packt und in der Bahn liest: Mit ihren rund  1 1/2 Kilo und den lose im Buch liegenden Beigaben sind diese Ausgaben für das bedachte genießen zu Hause geeignet. Ob nun für Leser*innen, die den Titeln schon verfallen sind und nun eine besondere Ausgabe wünschen, oder für die, die zum ersten Mal in die Welt von Elizabeth Bennet, Jane Eyre und Emma eintauchen möchten: Diese hochwertigen und liebevoll Schmuckausgaben bereiten einfach Freude. Und was will man mehr?

Jasper Fforde – Thursday-Next-Reihe
Band 1:Der Fall Jane Eyre
Band 2:In einem anderen Buch
Band 3:Im Brunnen der Manuskripte
Band 4:Es ist was faul
Band 6:Irgendwo ganz anders
übersetzt aus dem Englischen von Lorenz Stern und Joachim Stern
Mai 2011 im dtv erschienen

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