EmpfehlBar im Dezember

Aufs richtige Pferd gesetzt

„Wir waren wie Götter zu Anbeginn der Welt, und unsere Freude war so hell, dass wir nichts anderes sahen als uns selbst“

Wir kennen sie alle, mehr oder weniger, die großen griechischen Heldensagen, wir kennen Odysseus und seine Irrfahrt, die seinen Namen trägt, kennen Herakles, Jason, Perseus und Theseus. Ihr merkt es, es ist wie Philoctetes, kurz Phil, der Heldentrainer in dem 1997 erschienenen Disney Film Hercules, schon sagt: „Odysseus, Perseus, Theseus… a lot of ‚euses“. Wenn also nun jemand eine dieser Geschichten wieder literarisch aufleben lässt, dann ist das ein altes Lied, mögt ihr jetzt sagen, und ihr habt damit kein Unrecht. Aber es ist ein so schönes Lied, dass ich es euch hiermit gerne einmal anstimmen möchte.

2012 erschien Madeline Millers Debütroman Das Lied des Achill zum ersten Mal auf Englisch, drei Jahre später auf Deutsch. Nun wurde er, nach dem Erfolg des Folgeromans, neu im Eisele Verlag aufgelegt und erlangt langsam auch hier die Aufmerksamkeit, die dieses Buch verdient. 
Miller gibt in ihren Büchern denen eine Stimme, die sonst unerhört blieben. Kein absolut neues Konzept, aber ein wirksames. Diese Geschichte um Achill, diese altvertraute und neu erzählte, erfahren wir aus der Sicht des Patroklos. Der ungeliebte Königssohn wird eines schicksalhaften Tages verstoßen und kommt an den Hof des Peleus, wo er zusammen mit vielen anderen Jünglingen zum Kämpfer erzogen werden soll. Strahlender Mittelpunkt dieser vielen verschiedenen Jungen ist der Prinz, Sohn des Königs und der Meeresgöttin Thetis, Achill. Schön, stark, talentiert und charmant,- der junge Halbgott ist gesegnet und er weiß genau, dass Großes auf ihn wartet. Als die beiden Jungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sich begegnen, wird ein Seelenband zwischen ihnen geknüpft, das sich selbst in den Wirren des trojanischen Krieges und über den Tod hinaus nicht mehr lösen wird.

Miller beschreibt das Aufwachsen der zwei Königssöhne, ihre gemeinsame Ausbildung und ihre Liebe zueinander, die früh erblüht. Im Krieg der Griechen gegen Troja werden sie oft getestet, doch niemals bricht ihr unsägliches Vertrauen zueinander, niemals sind sie missgünstig oder nachtragend.
Die Autorin verwebt mit Leichtigkeit den bekannten Mythos mit ihrer Neuerzählung, bleibt den Figuren treu und schenkt ihnen Platz, um ihre Charaktere auszuspielen. Die Ilias ist eine Geschichte der Widersprüche, und diese Widersprüche finden wir auch hier wieder. Hände, die ohne Zögern töten und plündern, spielen die schönsten Lieder, Verrat ist der Inbegriff von Loyalität und Sanftmut und Gnade werden zu Akten der größten Stärke.

Wir wissen, wie die Geschichte endet, sie lässt und mitlieben und mitleiden, sie bricht uns das Herz auf die schönste aller Arten. Ja, wir wissen schon, wie die Geschichte endet, aber Patroklos, das verspreche ich euch, weiß noch ein bisschen mehr.
Sagenhaft, poetisch, wunderschön – Das Lied des Achillist mehr als nur eine  Liebesgeschichte, es ist eine Geschichte der Liebe.

Der Roman, dem wir die Neuauflage des Achill zu verdanken haben, ist allerdings ein anderer. Ich bin Circe, Ende 2020 als Taschenbuch bei Eisele erschienen, war der unerwartete Erfolg der Autorin in Deutschland.
Stark und besonnen ist es hier die geheimnisvolle Hexe von Aiaia, die ihre Geschichte erzählen kann. Sie, die wir sonst nur als Nebenfigur aus der Odyssee kennen, berichtet von ihrem Leben am Hof ihres Titanenvaters Helios als unbeachtete Göttin im Schatten und Hohn ihrer Familie (es ist wohl kaum verwunderlich, dass unter Titanen, Göttern und weiteren Sagengestalten schlimmer gelästert wird als auf jeder Firmenweihnachtsfeier). Sie erzählt von ihrer ersten Liebe, von Rach- und Machtsucht, von ihrem Exil, in dem sie ihre Ewigkeit verbringen soll. Die Frau, die sie in diesem Exil werden wird, die Ausgestoßene, die Hexe,- sie ist es, die wir im Titel so sicher sagen hören: „Ich bin Circe.“ Eine Frau, die sich ihr Leben und ihre Freiheit erkämpft, die ihre eigenen Stärken und Leidenschaften erfährt und sie zu verteidigen willig und fähig ist. Wir lernen mit ihr, manchmal schmerzhaft, aber immer triumphal. Großartig stark, mitreißend und tiefgründig.

Wer sind die ganzen „euses“ von denen ich spreche, was hat es mit Göttern und Titanen auf sich und lag Troja nicht in Griechenland? Wenn ihr ein bisschen Hilfe braucht, euch in der griechischen Mythologie und Heldenweld zurecht zu finden aber kein schnödes Sachbuch lesen möchtet, kann euch bestimmt der wunderbare Stephen Fry aushelfen. Der Fan altgriechischer Kultur hat mittlerweile zwei Bücher in Deutschland zu diesen Themen veröffentlicht: Mythos und Helden. Was soll ich sagen? Selten hatte ich so viel Spaß, etwas zu lernen, so humor- und liebevoll, mit Kenntnis und Menschlichkeit erklärt uns Fry die Götter- und Sagenwelt der alten Griechen und berichtet von den großen Helden, deren Mythos heute noch nachhallt und unsere Erzählungen beeinflusst. Habe ich euch nun zu oft das Wort Mythologie geschrieben? Es tut mir Leid, man könnte sagen, dieses Thema ist meine Achillesferse.

 

Madeline Miller – Das Lied des Achill
übersetz aus dem Englischen von Michael Windgassen
2020 im Eisele Verlag erschienen



 

 

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