EmpfehlBar

An dieser Stelle erlaube ich mir ein paar missionarische Empfehlungen in Sachen Literatur, Musik und – ganz wichtig – meiner Heimatstadt. Denn ich bin eine sehr überzeugte Wuppertalerin. Diese Stadt wuchert viel zu wenig mit ihren Pfunden, das muss sich ändern.

In Wuppertal gibt es durchaus Sehens-, Hörens- und Erlebenswertes:

Natürlich muss man Schwebebahn fahren! Das ist vielleicht weniger spektakulär, als man von einem weltweit einzigartigen Verkehrsmittel erwartet, aber trotzdem eine Tour wert. Wir Wuppertaler nutzen unser Wahrzeichen sehr intensiv, transportiert es uns doch ohne Stau und in bis zu dreiminütigem Takt schnell durchs Tal.

Aussteigen sollte man

  • am Zoo, dessen Gelände einen daran erinnert, im Bergischen Land zu sein
  • an der Loher Brücke, um einen Blick auf die Junior-Uni zu werfen, deren Programm einzigartig ist und die darüber hinaus architektonisch ansprechend bunt des Wegs kommt
  • an der Adlerbrücke, um das Engelshaus und das Museum für Frühindustrialisierung zu besuchen oder am Abend ins Opernhaus zu gehen
  • und natürlich überall dort, wo man sich etwas genauer anschauen möchte, das man aus der Höhe entdeckt hat
Wer Glück hat und im Tal ist, wenn das Pina Bausch Tanztheater eine Vorstellung im Opernhaus hat, sollte sich unbedingt um Karten bemühen. Vielleicht nicht jedermanns Sache, aber immer ein Event der Sonderklasse. Mein Lieblingsstück ist Vollmond, ich kann mich gar nicht sattsehen an den Bildern, die die Tänzerinnen und Tänzer auf den Tanzboden bringen. Genial!
Unbedingtes Muss ist der Besuch im Skulpturenpark Waldfrieden. Der gebürtige Brite und weltweit anerkannte Bildhauer Tony Cragg lebt seit vielen Jahren im Tal und hat das Gelände einer ehemaligen Fabrikantenvilla zu einem grandiosen Ausstellungsgelände gemacht. Eingebettet in einen herrlich unprätentiösen Park begegnet man zahlreichen seiner Skulpturen, zu denen sich immer wieder Werke anderer Künstler gesellen. Ein Ort für Augen und Seele.
Einmal in Sachen Kunst unterwegs, gehört ein Besuch im Von der Heydt-Museum dazu. Tolle Sammlung, sensationelle Wechselausstellungen.
Nicht entgehen lassen darf man sich ein Konzert in der Wuppertaler Stadthalle. Anders als das Wort Stadthalle suggeriert, handelt es sich mitnichten um einen kastenförmigen Bau steriler Ausprägung, in dem man bei Veranstaltungen die mehr oder weniger trister Atmosphäre billigend in Kauf nimmt. Die Wuppertaler Stadthalle ist ein optisches Highlight. Das allein rechtfertig den Besuch. Für alle Musikliebhaber kommt die akustische Qualität hinzu. Unsere Stadthalle zählt zu den zehn besten Konzertsälen Europas. Man bescheinigt ihr einen warmen, weichen Klang, der von vielen großen Musikern gelobt und gesucht wird. Insbesondere bei klassischen Konzerten ein Erlebnis! Auch für ungeübte Ohren, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Ich bin jedes Mal wieder begeistert.

Musik gibt es in Wuppertal und Umgebung reichlich:

Zu meinen Lieblingen zählt die Formation Ufermann. Jazzmusik mit lateinamerikanischen Anklängen und wunderbaren Texten. Die sehr professionellen Musiker schaffen es zusammen mit der marokkanischen Sängerin Hayat Chaoui immer wieder, mich auf die Reise zu schicken.

Rocco Konserve kommt zwar nicht aus Wuppertal, aber Hagen ist ja auch nicht weit weg. Ich hatte das Vergnügen, ihren mitreißenden Liedermacherpop auf einem kleinen Privatkonzert zu hören. Ein schöner Abend. Im Nachgang beschäftigte ich mich mit ihren Texten, die live naturgemäß etwas untergehen. Spannend.

Empfehlenswerte Literatur gibt es natürlich auch, da möchte ich mich allerdings nicht regional beschränken:

Total begeistert hat mich „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler, von dem man schon den Trafikant kennt. Selten las ich ein Buch, in dem die Sprache so nah an den Charakteren war. Dazu gelingt ihm das Kunststück, dieses Leben auf 160 Seiten abzubilden. Ganz groß.
Regional hat mich Christian Oelemanns „Dumme Gedanken“ begeistert. Ein Buch, das eine herrlich skurrile, gleichwohl ernste Geschichte mit wunderbaren Wortschöpfungen und Ausflügen in die Musik liefert. Er selbst sagte in einer Lesung, das Buch sei wie ein Jazzstück komponiert. Besser kann man es kaum beschreiben. Und wie bei einem guten Jazzstück folgt man dem Protagonisten bereitwillig auf Abwege und Schlenker, geht in Gedanken mit ihm das legendäre Köln-Konzert von Keith Jarrett durch, obwohl man es selbst nicht im Ohr hat und schmunzelt über ein Gedankengut, das man bei weniger gekonnter Vermittlung vermutlich nervtötend finden würde. Klasse gemacht!
Zu Herrn Oelemann, der in Wuppertal Ronsdorf eine Buchhandlung betreibt, habe ich eine indirekte Verbindung, weil ich in der kleinen Buchhandlung seines Vaters jahrzehntelang alle meine Bücher erstand. Leider gibt es sie nicht mehr und Ronsdorf liegt für mich ganz unpraktisch weit weg auf der anderen Talseite. So kaufe ich heute beim Filialisten, der wenigstens die Angestellten in Teilen übernommen hat. 

Noch ein Buch, das sich mit Musik beschäftigt und zudem von einem regionalen Autor kommt, ist „Für Elise“ von Peter Klohs, einem Freund des oben erwähnten Herrn Oelemanns. Ein Musikroman in 15 Briefen (ich liebe Briefromane, dazu später einmal mehr). Die Geschichte eines Lebens und einer Freundschaft, die untrennbar mit Musik verknüpft sind. Peter Klohs ist es nicht nur gelungen mich für jedes der Musikstücke zu interessieren, sondern auch ganz genau hinhören zu wollen, zu spüren, was für mich in dieser Musik liegt. Er verwebt Geschichte und Klang so kunstvoll und einfühlsam, so mitreißend und mit so subtiler Spannung, dass ich das Buch verschlungen habe. Besonderen Gefallen habe ich an seiner Sprache gefunden. Er lässt seinen Protagonisten in einer leicht altmodisch anmutenden, gleichwohl lebendigen Sprache erzählen, die es vermag intensive Bilder zu produzieren.  Ich sah ihn von den ersten Seiten an förmlich vor mir und bin ihm gern durch die Kapitel gefolgt. Wie bei „Dumme Gedanken“ kann ich nur sagen: Lesen! Unbedingt!

Mein Dauerliebling ist Bernhard Schlink, dessen „Vorleser“ ich liebe und jedem ans Herz lege. Dazu seine Kurzgeschichten. Die neueren Roman mag ich nicht so sehr, kann mich aber trotzdem immer wieder für seine Sprache begeistern. Mir gefällt die Nüchternheit, das Knappe und Unaufgeregte.

Der Briefroman überhaupt ist für mich der erste, den es in der literarischen Welt angeblich gibt. „Gefährliche Liebschaften“ von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos, ein Name, den man nur ab- nicht aufschreiben kann. Viele kennen die Verfilmung mit Glenn Close und dem unvergleichlichen John Malkovich. Der ist, insbesondere dank der Hauptdarsteller, nicht schlecht, das Buch ist um Längen besser. Der 1782 erschienene Roman liest sich trotz seines Umfangs leicht und begeistert mit einer Sprache, die nostalgische Sehnsüchte zu wecken vermag. Ich war – und bin – begeistert, wenn ich solche Sätze lese.
Allen, die gern korrespondieren sei ein Zitat der Marquise de Merteuil an die Hand gegeben, entnommen einem Brief an ihren jugendlichen Verehrer und Liebhaber, den Ritter Danceny: „Lieber Freund, wenn Sie mir schreiben, tun Sie’s, um mir zu sagen, was Sie denken und fühlen, und nicht, um mir schöne Worte zu schicken, die ich ohne Sie, mehr oder weniger gut gesagt, im ersten besten Roman vom Tage finden kann.“ Ach, bekäme man doch stets Briefe, die dieser Maxime entsprächen. Ich könnte unzählige Zitate aus diesem Buch liefern, die von zeitloser … Weisheit sind. Eins noch, dann überlasse ich Euch den sofortigen Bemühungen dieses Werk zu erstehen: „Der Zauber, den man in anderen zu finden glaubt, liegt in uns selbst, und nur die Liebe verschönt so die geliebte Person.“ Oder lieber: „Glauben Sie mir, Vicomte, man erwirbt selten die Eigenschaften, die man entbehren kann.“ Oder … Nein, ich hör auf. Lest selbst.

Geschichte und Musik verbinden sich ebenfalls in Sarah Quigleys Buch „Der Dirigent“ auf sehr eindrucksvolle Weise. Wir treffen auf real existierende Personen zur Zeit der Belagerung Leningrads durch deutsche und finnische Truppen. Shostakovich arbeitet an seiner 7. Symphonie, der Leningrader, die später vom völlig ausgehungerten und stark dezimierten Leningrader Rundfunkorchester unter Karl Eliasberg aufgeführt wird. Sarah Quigley schildert die Lebensumstände der von Hunger, Bomben und Kälte bedrohten Menschen sehr eindringlich und lässt trotzdem genug Raum für die Musik und die Rolle, die sie für die Protagonisten spielt. Wer seine Aktentasche auskocht, um eine Suppe mit etwas Gehalt zu bekommen und anschließend zu einer, schon unter normalen Bedingungen kräftezehrenden Probe aufbricht, muss eine Form von Halt und Erfüllung darin finden, die kaum vorstellbar ist. Das Wissen um die bittere Realität dieses Romans hat mich beim Lesen begleitet, immer wieder erschüttert, aber auch die Bedeutung dieses Radiokonzerts erahnen lassen. Ich konnte verstehen, was ich – aufgewachsen ohne jegliche Kriegs- und Entbehrungserfahrung – vor Jahren bei einem Besuch in Sankt Petersburg mit einer gewissen Irritation zur Kenntnis nahm: Die vielen „Spasiba“-Rufe für die Veteranen des zweiten Weltkrieges, anlässlich der Parade zum Kriegsende am 9. Mai.
Etwa 1,1 Millionen  Zivilisten verloren zwischen Oktober 1941 und Januar 1944 ihr Leben, die meisten davon verhungerten. 1,1 Millionen. In nur einer Stadt. Einer Stadt, die heute wieder eine Schönheit ist und massenhaft besucht wird, den Touristen offen und freundlich begegnet. Auch unserer Reisegruppe aus Deutschland.
Sobald ich kann werde ich mir die 7.Symphonie live anhören.