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When we say Black Lives Matter, we are talking about the ways in which Black people are deprived of our basic human rights and dignity.
(Alicia Garza, Aktivistin und Mitbegründerin der BlackLivesMatter-Organisation)

Black lives matter. Ich steige nicht in diese Debatte ein, weil es keine Debatte ist sondern eine Selbstverständlichkeit. Aber leider nicht überall, und leider nicht für jede*n.

Rassismus ist kein „amerikanische Problem“, es geht uns alle an. Wir blicken in diesen Tagen mit einem klareren Blick in die Staaten, Wut und Trauer über die dortige Polizeigewalt, die erneut in Mord an einem Schwarzen US-Bürger, George Floyd endete, lassen die Menschen sich erheben und auf die Straße gehen. Aber nicht nur dies: Bücher, die sich mit den Themen (Anti-)Rassismus auseinandersetzen wie Ibram X. Kendis: How to Be An Antiracist (noch nicht in Deutsch erschienen) und Robin DiAngelo’s White Fragility: Why It’s So Hard for White People to Talk About Racism (erscheint in Deutschland am 5. August bei Hoffmann und Campe), sind in Windeseile die amerikanische Bestsellerliste aufgestiegen und nun ausverkauft, mit langen Wartelisten im Buchhandel online und vor Ort. Menschen bilden sich über Rassismus weiter, oder besser: weiße Menschen bilden sich weiter. Sie lesen, sie hören zu, sie versuchen sich ihrer eigenen Priviliegien bewusst zu werden und erkennen, dass eben diese Privilegien auf den Nachteilen Unterdrückter aufbauen. Und sie sind bereit, dies zu ändern.

Ich als Weiße kann nicht für die Erfahrungen der schwarzen Gemeinschaft sprechen und will es auch nicht. Aber ich möchte mit euch die Stimmen teilen, die mir zuteil wurden. Es gibt so viel zu sehen, zu hören, zu lesen. Hier möchte ich euch eine kleine Auswahl der Titel vonAutorinnen und Autoren vorstellen, deren Leben und Werk mich bewegten und denen ich dankbar bin, dass sie ihre Stimmen erhoben und weiterhin erheben.

 Maya Angelou

Maya Angelou war eine wichtige Persönlichkeit der Bürgerrechtsbewegungder Afroamerikaner in den USA (Civil rights movement), Professorin und Ikone der afroamerikanischen Literatur. Am bekanntesten ist der erste Teil ihrer Autobiographie I Know Why the Caged Bird Sings (dt. Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt, bei Suhrkamp als Taschenbuch).
Angelou hat einen kunstvollen Schreibstil und ein bewegtes und bewegendes Leben. Tieftraurig und bitter, unbesiegt und humorvoll: Dieses Werk von Hass und Hoffnung, vom Leben und Überleben einer jungen, schwarzen Frau in den USA ist ein absolutes Leseereignis und vollkommen unbegründet so unbekannt in Deutschland.

Zum Schreiben selbst sagte Angelou:
„When I am writing, I am trying to find out who I am, who we are, what we’re capable of, how we feel, how we lose and stand up, and go on from darkness into darkness“

In der Bilderbuchbiographie-Reihe Little People, Big Dreams der Autorin María Isabel Sánchez Vegara im Insel Verlag, die ich in der der April-Rezension vorgestellt habe, gibt es auch einen Band zu Maya Angelou.

 James Baldwin

Essayist, Bühnen- und Romanautor sowie ebenfalls eine der bekanntesten Stimmen für Afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung,- James Baldwin machte in seinem Leben und Werk stets klar, dass die Gleichberechtigung aller Menschen stand, ganz gleich woher sie kamen, welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sie hatten. Seinen ersten, autobiographisch angehauchten Roman Go Tell It on the Mounain veröffentlichte er 1953, in Deutschland neu übersetzt von Miriam Mandelkow bei DTV als Von dieser Welterschienen. Die Coming-of-Age Geschichte erzählt in eindringlicher Sprache von einem jungen Mann in Harlem, John Grimes, der sich mit den den Themen wie Rasse, Religion, Sexualität und seinem übermächtugen Vater auseinandersetzen muss, lässt uns aber auch in andere Leben blicken, in denen Sklaverei keine ferne, geschichtliche Anekdote ist, sondern prägender Teil der Persönlichkeit.

Baldwin selbst sagte über seinen Debütroman:
Mountain is the book I had to write if I was ever going to write anything else. I had to deal with what hurt me most. I had to deal, above all, with my father.“

Baldwin, stets Vorreiter, Tabubrecher und Grenzensprenger, war zusätzlich ein ausgesprochener Unterstützer der LGBTQ-Gemeinde, der er als homosexueller Mann selber angehörte, und war der erste schwarze Künstler auf dem Cover des „Time Magazine im Jahr 1963.

Sehenswert: Das Film-Essay I Am Not Your Negro von Raoul Peck hat als Grundlage Baldwins dreißigseitiges, unvollendetes Manuskript Remember This House.Erschreckend, wie aktuell die Bilder, Worte und Eindrücke heute wieder und noch immer sind. Er wollte nie ein Anführer sein, kein Vorzeigemensch einer Bewegung, sondern eine „Zeuge der Wahrheit“. Dies hat er mit seinen Büchern erreicht.

Toni Morrison

Die im letzten Jahr im Alter von 88 Jahren verstorbene amerikanische Schriftstellerin zählt ebenfalls zu den bedeutendsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur und erhielt 1988 für Beloved(dt. Menschenkind) den Pulitzer und 1993 als erste afroamerikanische Autorin den Literaturnobelpreis. Menschenkind ist ein starker und düster-schmerzhafter Roman über die psychologischen Folgen der Sklaverei.

Morrisons Debütroman, The Bluest Eyewurde 1979 von Susanna Rademacher mit Sehr blaue Augenins Deutsche übersetzt und erschien bei Rowohlt. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt, bekommen wir Eindrücke davon was es heißt, als schwarze Person in einer von Weißen dominierten Welt aufzuwachsen. Das ist harter Tobak, diese Geschichte, bitter und ebenfalls erschreckend aktuell. Der Titel bezieht sich auf den Gedankengang eines kleinen Mädchens, dem schon früh von der Gesellschaft und ihrem Umfeld Selbsthass und Gewalt eingeimpft wurde. Sie glaubt daran, dass ihr Leben besser wäre, hätte sie nur blaue Augen anstatt ihrer braunen.

Morrison trat furchtlos für die Gleichberechtigung ein und scheute sich nicht davor, die Missstände in der Gesellschaft aufzuzeigen. 1975 sagte sie in ihrer Rede in der Portland State University zur Natur des Rassismus:

“The very serious function of racism is distraction. It keeps you from doing your work. It keeps you explaining, over and over again, your reason for being. Somebody says you have no language and so you spend 20 years proving that you do. Somebody says your head isn’t shaped properly so you have scientists working on the fact that it is. Somebody says that you have no art so you dredge that up. Somebody says that you have no kingdoms and so you dredge that up. None of that is necessary. There will always be one more thing.”

Niemand sollte jemals sein Leben und seinen Platz in der Gesellschaft als Gleichgestellter unter Gleichgestellten rechtfertigen müssen. Noch immer aber werden Menschen aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe immer wieder damit konfrontiert, dass ihr Leben institutionell und  im Alltag als minderwertig eingestuft wird. Gerade gehen Menschen auf die Straßen für die „BlackLivesMatter“-Bewegung, die Medien und Sozialen Netzwerke sind gefüllt mit Solidaritätsbekundungen und Zeugnissen einer Bewegung, die nichts anderes sein kann als ein historischer Grundbaustein für eine bessere Gesellschaft.

Keine Frage, auch in unserem Land ist der Rassismus tief verankert. Michel Abdollahi erhielt unter anderem für die Dokumentation „Im Nazidorf“ 2016 den Deutschen Fernsehpreis. In seinem im Februar 2020 bei Hoffmann und Campe erschienenen Buch Deutschland schafft mich schreibt der iranisch-deutsche Performance-Künstler, Maler, Journalist und Autor:
„Deutschland ist seit Jahrzehnten im Tiefschlaf. Denn solange das Privileg der eigenen Herkunft Schutz bietet, wird die Bedrohung durch rechts nur als peripher empfunden.“

Was können wir also tun? Fangen wir an, uns zu informieren. Hinterfragen wir unsere Privilegien und woher sie kommen. Ist meine Herkunft, meine Hautfarbe ein Schutz, den andere nicht haben? Lange Zeit wurde das Thema der weißen Vorherrschaft von vielen Weißen vermieden, sogar unterdrückt, denn es ist unbequem, seine Vorteile, die zu oft auch den Nachteilen Schwächerer beruhen, zu beleuchten und zu erörtern. Hören wir zu, lesen wir, schauen wir uns die Berichte, die Dokumentationen an. Setzen wir uns, wenn auch nur für eine kurze Weile, mit diesen schmerzhaften, unbequemen, hässlichen und monströsen Zuständen auseinander, die für andere alltäglich sind. Das Ende der Ignoranz ist der Beginn einer besseren Gesellschaft.

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