FroschLeich – Ein Teichkrimi

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Zwar steckt nicht in jedem Frosch ein Prinz, die Sache mit dem Küssen würde ich mir also gut überlegen, aber über paar faszinierende Wesensmerkmale verfügen sie schon. Wusstet ihr, dass sie nicht nur über die Haut atmen, sondern zum Schlucken auch die Augen schließen müssen? Sie klimpern sich quasi das Essen in den Balg. Diese pittoreske Art zu speisen fand ich recht amüsant, als ich vor sechs oder sieben Jahren zufällig davon erfuhr. Dass sie, wenn sie sich mal überklimpert haben und übergeben müssen, der Magen mit ausgespien und anschließend wieder geschluckt wird, macht sie für mich zu wahren Helden. Wer das kann, dachte ich, kann noch viel mehr und taugt definitiv zum Liebling aller Krimiautoren, dem privaten Ermittler. Ehrlich gesagt, war ich nicht wenig verwundert, dass sich literarisch bis dahin dieser Spezies niemand angenommen hatte. Katzenkrimis, Schafskrimis, Hundkrimis, … alles da, aber Frösche? Fehlanzeige. Ich stürzte mich mit Feuereifer auf die Mission, diese Lücke zu füllen und fabulierte beherzt vor mich hin. Aber irgendwann ging mir dann die Puste aus. Dem Text geschah, was so vielen vor und nach ihm geschah, er verschwand in den Tiefen meines Rechners. Und genau da habe ich ihn kürzlich beim Aufräumen gefunden. Aufräumen tut man ja viel in diesen Tagen, und stellt dabei nicht selten fest, dass die Fundstücke getrost entsorgt werden können. Dazu muss man sie gemäß der japanischen Ordnungsqueen zur Hand nehmen, anschauen, befühlen und sich fragen, ob sie einen noch glücklich machen. Falls nicht, heißt es freundlich Danke sagen und lächelnd Abschied nehmen. Klappt mit T-shirts, Hosen und Co. mindestens ebenso gut, wie mit Texten. Meistens. Bei Kurt und seinen Freuden, konnte ich mich jedoch nicht entscheiden. Irgendwie hat der was, dachte ich. Klar, muss man noch viel dran machen, aber irgendwie … Aber, meldete sich der in mir wohnende Zweifler und Optimierer, lohnt das wirklich? Vertust du am Ende nicht nur wertvolle Zeit mit Kurt, um ihn dann doch zu entsorgen? Möglich, aber guck doch mal, der hat schon Potenzial. Wofür? Na, mindestens mal, um wieder mal was Längeres zu schreiben, bzw. überhaupt zu schreiben. Jaaaa, schon, aber findet sich da nicht was Passenderes? So argumentierte ich gedanklich vor mich hin und ehe ich mich versah, war der nächste Monat angebrochen, ein Beitrag musste her. Und dann hatte ich eine, wie ich finde, glänzende Idee: Ich frage einfach euch, ob ich mich mit Kurt noch einmal beschäftigen soll.

Ein paar Tage kämpfte ich noch damit einen Text in einem so frühen Entwurfsstadium, mit allen Mängeln, die Texte vor diversen Überarbeitungsrunden aufweisen, hochzuladen. Doch dann siegten der Pragmatismus und die Erkenntnis, dass ich eh keine andere Idee habe. Hier nun also die Geschichte von Kurt, verbunden mit der Bitte um euer Feedback – hier, auf Facebook, per Mail oder im direkten Gespräch. Was soll ich machen: Überarbeiten und beenden oder ab in die Tonne damit? Ich finde ja, der hat was … 😉

Kurt döste in der Abendsonne vor sich hin und klimperte ein wenig zur Übung mit den Augen. In letzter Zeit hatte er gelegentlich Schluckbeschwerden, weil seine Augenmuskulatur langsam in die Jahre kam. Sein Vater, mittlerweile stattliche neun Jahre alt, hatte nur verächtlich gequakt als er ihm davon erzählt hatte und einen seiner üblichen Vorträge begonnen. Kein Wunder, wenn man nur dieses weiche, leicht verdauliche Fliegengedöns und Vorgekautes in sich reinstopft, er würde schon seit Jahren darauf achten seine Augenmuskulatur aktiv zu halten indem er mindestens einmal täglich Schwerverdauliches zu sich nehmen würde. Aber die heutige Jugend, …

Lass den Jungen in Ruhe, war seine Mutter dazwischengefahren, er hat mit der Teichaufsicht genug zu tun. Da darf er auch ruhig weiter von meinen Kochkünsten profitieren.

Im Grunde hatte sein Vater recht. Er war mit vier Jahren eigentlich erst in der Blüte angekommen, die Welt stand ihm offen. Schluck- und Verdauungsbeschwerden sollten noch lange nicht zu seinem Alltag gehören. Manchmal wünschte er sich ein bisschen mehr von dem nachgerade preußischen Eifer mit dem sein Vater sich durchs Leben bewegte. Andererseits, wenn er sich seine Mutter Lucia so ansah, ging es ja offensichtlich auch anders und deutlich weniger selbstkasteiend. Und ehrlich, ohne ihre marinierten Maden wäre sein Leben unvorstellbar. Sei’s drum, dann musste er halt gelegentlich etwas vor sich  hinklimpern um seine Augenmuskeln bei Laune zu halten.

Heute war eh nichts los am Teich. Als Teichwächter oblag ihm die Aufgabe alles im Blick zu haben und bei Gefahr lautes Warngequake von sich zu geben. Gefahr, das hatte er in den letzten Monaten gelernt, kam meist in der Gestalt von Menschen, die Marmeladengläser mit perforiertem Deckel dabei hatten. Auf der Suche nach Froschlaich, den sie in ihren heimischen Teichen oder, Höchststrafe, in winzigen Terrarien aufzogen um ihrem Nachwuchs den Zugang zur Natur zu ermöglichen. Ab und an wurden die Opfer solcher Hetzjagden nach einiger Zeit wieder zum Teich zurückgebracht. Tief traumatisiert fristeten sie fortan ihr Dasein im tiefsten Schlick und kamen nur in absoluter Dunkelheit heraus um von ihrem Elend zu berichten. Grauenvoll!

Auf dem Hof wurde gefeiert. Hoffest, ein jährlich wiederkehrendes Ritual beim dem sich die Bewohner der umliegenden Biohöfe versammelten und sich gewaltig die Kante gaben. Da fand keiner die Zeit nach Fröschen oder ihrem Laich Ausschau zu halten. Allenfalls kam man in den frühen Abendstunden vorbei und setzte sich mit Essen und Getränken auf den Steg. Dabei, ein nicht zu verachtender Vorteil, blieben gerne die Reste liegen und lockten reichlich Fliegen an, die sich in die Gläser und auf die Teller stürzten. Klug war,  das hatte er mit der Zeit gelernt, abzuwarten, bis sie aus irgendeinem ihm nicht erklärlichen Grund, etwas taumelig nach ihrer Mahlzeit zum Heimflug aufbrachen. Die Menschen schienen etwas zu sich zu nehmen, was Fliegen nahezu bewegungsunfähig machte. Kurt legte sich dann meist ganz in die Nähe der Teller und Gläser unter ein Blatt und brauchte im Idealfall seine Zunge nur gemächlich ein und auszurollen um reiche Beute einzufahren. Und nicht nur die Menge, auch die Aromen waren an diesen Tagen bemerkenswert.

Bis zum Einbruch der Dämmerung blieben die Feiernden diesmal allerdings mit ihrem Essen auf dem Hofgelände und auch wenn er normalerweise Nachtaktiv war, überkam ihn mit der Zeit eine gewisse Müdigkeit. Es war aber auch ein heißer Tag gewesen und selbst jetzt wehte nur ein so laues Lüftchen, dass man immer wieder Abkühlung im Wasser suchen musste. Am Ostufer, dem traditionellen Jugendtreff, tobten die fast noch Kaulquappen lautstark herum. Mein Gott, was für eine Energie, dachte er träge. Wenn ich nicht so hungrig wäre, ich würde heute eher Schluss machen. Sollen die doch auf sich selbst aufpassen.

Während er noch mit seinem Verantwortungsgefühl, einem väterlicher Erziehungserfolg, rang, näherten sich schwankende Schritte dem Ufer. Bauer Henning und ein Besucher, ausgerüstet mit Schwenkbraten und Salat sowie einer Flasche unbestimmten braunen Inhalts, trampelten Kurt, der unter einem schattigen Blatt saß, dabei fast in Grund und Boden. Er gab Laut, woraufhin am Ostufer schlagartig Ruhe einkehrte. Man hätte meinen können es gäbe überhaupt kein Leben am Teich, abgesehen von einem einsamen Frosch, der allerdings auch unsichtbar blieb.  Jetzt, das wusste Kurt, galt es Ruhe zu bewahren, sich nicht sehen zu lassen und geduldig abzuwarten. Aus seinem Versteck hatte er ideale Sicht auf Teller und Menschen, vermutlich müsste er noch nicht einmal später zur Fliegenjagd seinen Standort wechseln. Hoffentlich quatschen die nicht wieder so lange wie letztes Jahr. Wobei, wenn er sich richtig erinnerte, hatte das Gequatsche schnell aufgehört und war durch leise Schmatzgeräusche und etwas, dass man am ehesten mit wohligen Seufzern beschreiben könnte ersetzt worden. Ab und an konnte man auch ein Quieken und Grunzen hören, das Kurt in Deckung hatte gehen lassen, da er sich noch allzu gut an den Besuch des Hofebers erinnern konnte, dem der ein oder andere Teichbewohner zum Opfer gefallen war. Komische Art sich miteinander zu beschäftigen. Wie unkompliziert und lautmalerisch ansprechend liefen hingegen Zusammenkünfte unter Seinesgleichen ab. Beinahe hätte er sich bei der anschließenden Nahrungsaufnahme an einer ekeligen, weißlichen Haut verschluckt, die an seiner Zunge hängen geblieben war. Im wurde heut noch ganz anders wenn er daran zurückdachte. Wie können die so etwas nur essen?  Dann doch lieber schwerverdauliche Chitinpanzer. Prompt fielen ihm seine Augenübungen wieder ein. Nein, gestand er sich zu, für heute reicht’s mit der Gesundheit.

Heute aber, das wurde schnell klar, würde das nicht passieren. Der Bauer war, wer ihn kannte hörte das sofort, offensichtlich auf 180. Alarm war angesagt. Tückisch säuselte er auf sein Gegenüber ein, bot ihm scheinbar großzügig Braten und Getränk an, nachdem sich die Beiden im Gras niedergelassen hatten. Genau so hatte er mit dem durchgeknallten Eber, der ausgebüchsten Hühnerschar und dem flüchtigen Riesenfedervieh mit dem langen Hals gesprochen um sie davon zu überzeugen, ihm zu ihrem Stall zu folgen. Zunächst. Doch Geduld war definitiv nicht seine starke Seite, stundenlanges unter Blättern auf der Lauer liegen für ein schmackhaftes Abendessen, so wie Kurt und die anderen Teichbewohner es taten, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Schon nach kurzer Zeit wurde der säuselnde Tonfall energischer, lauter um dann in ein infernalisches Gebrüll umzuschlagen, das zumindest bei den Hühnern und dem Riesenvogel einen gewissen Achtungserfolg erzeugten. Dem Eber war das Gebrüll herzlich gleichgültig gewesen, mehr als einen verächtlichen Blick hatte er sich nicht abgerungen.

Wie erwartet änderte sich der Tonfall bereits nach wenigen Minuten von säuselnd zu energisch, was den Gast jedoch anscheinend nicht beunruhigte. Er lachte selbstgefällig vor sich hin und machte sich merklich über Henning lustig. Ob es wohl richtig wäre, ihn zu warnen? Worum ging es denn überhaupt?

Noch bevor Kurt sich genauer auf den Gesprächsinhalt konzentrieren konnte, eskalierte die Situation von jetzt auf gleich. Der Bauer sprang auf, riss sein Gegenüber am Kragen mit nach oben, wobei der den Teller umstießund Kurt unter seinem Blatt beinahe zermalmt hätte. Jetzt galt es Leib und Leben zu retten und sich in Sicherheit zu bringen um nicht unter die Räder zu kommen. Sollten die sich doch die Köpfe einschlagen wie sie lustig waren, er würde jetzt den Rückzug antreten, auch wenn das bedeuten würde heute nichts mehr zu essen zu sich zu nehmen. Angeblich, so behauptete zumindest seine Freundin Cosima, war er in der letzten Zeit ohnehin etwas stark um die Hüften geworden. Also nichts wie weg.

Leichter gesagt als getan, wenn man zwei torkelnden, einander wüst umherschubsenden Riesen gegenüberstand – hockte. Der eine von ihnen bückte sich gerade nach der am Boden liegenden Flasche, als Kurt sich für die Flucht nach vorn entschied. Mit zwei, drei gewaltigen Sätzen, so sein Plan, wollte er an den beiden Kontrahenten vorbeispringen und sich auf den Steg und dann die andere Uferseite retten. Noch bevor er jedoch zum Sprung ansetzen konnte ergoss sich eine Ladung der braunen Flüssigkeit aus der Flasche über ihn, die Bauer Hennings Gegner mit viel Schwung in die Luft gehoben hatte. So etwas hatte Kurt noch nicht erlebt! Seine ganze Haut brannte mit einem Mal wie Feuer, ein beißender Geruch stieg ihm in die empfindliche Nase und drohte ihn umkippen zu lassen, Solchermaßen der Hautatmung beraubt, schnappte er panisch mit dem Mund nach Luft und hoffte inständig, das Brennen und Beißen möge ein Ende nehmen. Mein Gott, was, wenn das Gift ist? Über die Haut würde es direkt in seine Blutbahnen gelangen und ihn unverzüglich töten. Wasser, er musste ins Wasser. Wenn ihn etwas retten konnte, dann Wasser. Scheiß auf die Gefahr durch die trampelnden Volltrottel vor ihm. Sollten sie ihn doch bemerken, er war ohnehin fast schon tot. Er machte auf dem Froschschenkel kehrt und versuchte beherzt Richtung Teichrand zu springen. Doch seine Schenkel versagten kläglich. Er bewegte sich wie eine unbeholfene Kaulquappe, die erstmals an Land ging. In seiner Verzweiflung versuchte er einen Notruf abzusetzen. Vielleicht hörte ihn ja jemand. Doch aus seiner Schallblase kam nur ein müdes, irgendwie waberig dumpfes Pfüüüüüüh. Mein Gott, das musste ein Teufelszeug sein, wenn es so schnell aus einem sportlichen Leistungsfrosch – ihm fiel wehmütig ein, wie er erst im letzten Jahr den Seerosenweitsprung für sich entschieden hatte – einen hilflosen Wurm machte. Alles um ihn begann zu schwanken und verlor die Form, zerfloss in konzentrischen Kreisen, etwa als würde man kleine Steine ins Wasser werfen während man sein Konterfei im Wasserspiegel betrachtete. Himmel, ist mir übel, mein Ende hatte ich mir rühmlicher gedacht. Eher als geschwächter, aber siegreicher Retter einer Laichbataillon vor einer Horde Marmaladenglasträger, dem umfangreiche Nachrufe gewidmet würden. Aber doch nicht jämmerlich kotzend. Kotzen an sich war ja eine Sache, aber er konnte sich nicht vorstellen in diesem Zustand seinen Magen hinterher wieder runterzuschlucken. Boah, nee! Aber ohne Magen wär jetzt auch blöd.

Und woher kam denn dieser Nebel auf einmal? Man konnte ja kaum noch die Schwimmhäute vor den Augen erkennen. Das war’s dann wohl, war sein letzte Gedanke, bevor ihm vollends die Sinne schwanden. Wäre er nur eine Sekunde eher losgesprungen, hätte er gesehen, was sich nun ungeheuerliches auf dem Teich abspielte.

Frösche, so hatte es ihm seine Mutter Lucia immer erzählt, müssen auf ihrem Weg in den Cielo dei anfibi sieben Prüfungen bestehen. Was sie nicht erwähnt hatte, waren die bohrenden Kopfschmerzen und der unbeständige Untergrund auf dem man sich dabei offenbar befand. Oder war das schon eine der Prüfungen? Oder gleich zwei? Egal, wie sehr er sich mühte, Kurt konnte sich an die einzelnen Aufgaben, die sie gestenreich geschildert hatte absolut nicht erinnern. Ihm war elend, seine Zunge klebte am Gaumen und fühlte sich an als hätte er eine Ladung pelziger Raupen nicht ganz verdaut. Er musste sich dringend um seine Augenmuskulatur kümmern. Dazu war ihm warm, nein, eher heiß, seine Haut spannte trocken über den Muskeln und drohte bei jeder Bewegung zu reißen. Wenn er nicht bald etwas zu trinken bekam … Blödsinn, viel ihm ein, ich bin ja schon hin. Sehen kann ich auch nichts. Und wie steht’s mit dem Hören, fragte er sich, als ein schrilles Quaken ihm so schmerzhaft in die Ohren fuhr, dass er panisch hochfuhr, die Augen aufriss und sofort von dem unvorstellbarsten Sonnenlicht geblendet wurde, dass er jemals in seinem Leben gesehen hatte. Gab doch Licht hier, genaugenommen sogar übertrieben viel. Mit Licht war alles nur noch schlimmer. Er schloss die Augen wieder, atmete einmal tief durch und lupfte vorsichtig nur ein einzelnes Augenlid. Geht doch. Versuch es mit zweien, ermunterte er sich, vielleicht kannst Du dann  wenigstens erkennen wo du bist. Mit kaum geöffneten Augen linste er vorsichtig um sich und war verblüfft. Hier sah es aus wie bei ihm zu Hause. Ufergras, das Beet mit den Wasseriris, die Sumpfdotterblumen und gar nicht weit von ihm die Scheinkallas. Es roch nach Wasser, Wasser mit Entengrütze und Seerosenblüten. Wasser, jetzt erinnerte er sich, er wollte ins Wasser, um irgendetwas abzuwaschen, etwas klebrig Malziges, das ihm die Luft genommen hatte.  Er roch an seinen Schenkeln. Grundgütiger, was war das? Eine erneute Übelkeitswelle drohte ihm den Magen nach außen zu stülpen. Bloß nicht, nicht auch noch das. Und dazu noch dieses unerträgliche Geschrei. Kurt raffte alle seine Energien zusammen und stieß sich mit den Hinterbeinen Richtung Teichrand ab. Zu seiner eigenen Überraschung funktionierten seine Schenkel wieder und er landete mit einem uneleganten Geräusch mitten im Uferschlamm. Unter normalen Umständen wäre ihm dies mehr als peinlich gewesen, doch für solche Feinheiten hatte er aktuell keine Antenne. Erleichtert saugte er sich so schnell es ging mit Flüssigkeit voll. Mit jedem Milliliter, den er über die Haut aufnahm erholte er sich zusehends.

Nach ein paar Sekunden und mehrmaligem Untertauchen fühlte er sich zusehends besser. Wenn nur dieser Lärm endlich aufhören würde. Selbst im Schlick unter der Wasseroberfläche war er noch unerträglich. Konnten diese Raudis denn nicht ein bisschen Rücksicht nehmen? Moment, von Raudis hatte seine Mutter nicht gesprochen. Angeblich war il Cielo ein friedlicher Ort. Ruhig und harmonisch. Kurt tauchte auf und riskierte einen Blick aus den nun gereinigten Augen. Hier sah es eindeutig aus wie bei ihm zuhause. Würde ihn nicht wundern, wenn gleich Bauer Henning um die Ecke käme. Je länger er sich umsah, umso sicherer war er sich: das hier war sein Teich. Und wenn dies sein Teich war, war er mitnichten im Cielo. Also auch nicht hin, perdu, von uns gegangen, in einer anderen Welt oder wie auch immer man das Ende euphemistisch umschrieb. Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm. Es gab doch einen Gott, er würde bei Bruder Bene, einem der Terrarienopfer, das Monate in einem Pfarrhaus verbracht hatte und seitdem die absonderlichsten Geschichten erzählte, Abbitte leisten müssen. Später. Jetzt musste hier erst wieder Ruhe einkehren. Er, Kurt, würde sich der Sache annehmen!

Der Lärm, soviel konnte er erkennen, kam aus Richtung der Scheinkallas. Er setzte sich in Bewegung. Verwunderlich war, dass sein Onkel Lorenzo dieses Gebrüll schon so lange ertrug, ohne einzuschreiten. Seine schöne Tenorstimme hätte dieses hysterische Getue doch mit Leichtigkeit übertönen und damit zum Schweigen bringen können. Sollte er die Nacht vielleicht bei einer seiner Herzensdamen statt am heimischen Blatt verbracht haben? Mit achteinhalb Jahren noch so einen Schlag bei den Frauen zu haben war schon bewundernswert. Dabei war er im Grunde ein mickriges Kerlchen. Klein, mehr grünbraun als von leuchtendem Grün, in den Bewegungen eher gestelzt bis ungelenk als dynamisch. Versteh einer die Frauen. Kaum kann einer drei Töne hintereinander singen, werfen sie sich ihm massenhaft zu Füßen.

Die Sprünge fielen ihm doch noch deutlich schwerer als normalerweise, musste er sich eingestehen. Immer wieder hielt er an um sich für zwei drei Atemzüge zu erholen. Gefrühstückt hatte er auch noch nicht, fiel ihm ein, als eine fette Bremse an ihm vorbeiflog.  Irgendwie wollte ihm die Zunge aber noch nicht richtig gehorchen, sie entkam ihm mit einem lässigen Schlenker. Also gut, dann frühstücke ich halt gleich bei Lorenzo. Dazu einen Schluck succo di mosca della frutta, Fruchtfliegensaft. Herrlich! Solchermaßen motiviert, sprang er die letzten Meter bis zu der Uferstelle von der die aufgeregten Stimmen kamen.

Dort standen, aufgeregt mit den Köpfen wackelnd und immer wieder auf den Teich deutend, etliche Jungfrösche und redeten wild durcheinander. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen. Etwas, so viel war klar, schien sie enorm aus der Bahn geworfen zu haben. Gerade als er seine Stimme erheben und mit seinem kräftigen Teichwächterorgan für Ruhe sorgen wollte, teilten sich die Anwesenden und ließen den Blick auf das Ufer frei. Was er sah, verschlug ihm jedoch den Atem dermaßen, dass er nur ein schwaches Gurgeln zustande brachte. Vor ihm, mit den Hinterläufen im Schlick, dümpelte sein Onkel Lorenzo mit aufgeblähtem Bauch und glasig verdrehten Augen auf dem Rücken leise klatschend ans Ufer. Es war windig heute und die Wellen, die den See kräuselten, ließen Lorenzos offensichtlich leblosen Körper willenlos auf und ab schwappen. Der ehemals kleine Frosch war fast doppelt so großwie zuvor. Die Haut hatte eine matschig braune, trostlos verwaschene Farbe angenommen, die überhaupt nicht zu der normalerweise sehr gepflegten Erscheinung seines Onkels passen wollte. An einzelnen Stellen waren schorfige Wunden zu erkennen, die auf die Arbeit von Leichputzern hindeutete, die sich über alles hermachten, was im Teich zu Tode kam. Sie waren schnell und zuverlässig in ihrer Arbeit, Lorenzo konnte noch nicht sehr lange tot sein.

Kurt war wie versteinert und stieß, ohne das er selbst es bemerkt hätte, unablässig jämmerliche Rülpser aus während er sich im Schneckentempo dem aufgedunsenen Leichnam näherte. Die anderen verstummten und wichen zur Seite. Keiner sprach mehr ein Wort. Vorsichtig stupste Kurt seinen Zio mit dem Fuß an. Einen Moment lang hatte er die vage Hoffnung, es würde ein Zischen entweichender Luft einsetzen, Lorenzo würde im nullkommanix auf Normalmaßrunterschrumpfen, sich schütteln und fröhlich sagen:

„Ah, Kurte, wie schön, diche zu sehen. Komm, lasse uns nehmen ein paar schnuckelige kleine Fruktefliegen zu die Fruhstucke. Du haste doch noch nixe gegessen, oder? E davanti un gocciolina di succo, si? Stai bene? E la tua mama, anche bene?“
Doch Lorenzo schwieg. Kein Laut kam aus seiner Kehle. Er war für immer verstummt. Erst vorgestern noch hatte er eines seiner beliebten Maikonzerte auf der Seebühne gegeben. Wie immer saßen in den ersten Reihen Frauen in den unterschiedlichsten Altersgruppen und schmachteten ihn ergeben an. Ihre Begleiter hatten sie mit den Worten, euch interessiert das ja eh nicht so, in die hinteren Ränge verbannt, wo sie der Veranstaltung meist eher missmutig folgten. Der Applaus aus den vorderen Reihen fiel stets um ein Vielfaches heftiger aus als der ihre. Der ein oder andere tröstete sich mit etwas vergorener Entengrütze was nicht selten zu Pöbeleien am Ende des Abend geführt hatte. Vorbei!  Nie mehr italienische Canzoni im Mai, nie mehr anschließende wilde Partynächte mit willigen Groupies, die Lorenzo stets großzügig mit seinen Neffen geteilt hatte, oder stundenlanges Tafeln unter den Blättern der Scheinkalla bei Mondschein. Was für ein Verlust. Wie, fragte sich Kurt, sollte er das bloßseiner Mutter beibringen, die ihren Bruder vergöttert hatte.

Gerade als Kurt sich endgültig abwenden wollte, warf eine größer Welle den Körper endgültig an Land, wobei er vom Rücken auf dem Bauch landete. Was war das? Das waren eindeutig keine Leichputzerspuren. Kurt war wie elektrisiert. Der gesamte Rücken war mit Beulen und blauen Flecken übersät. Solche Beulen und Flecken hatte er schon gesehen. Damals, als es im Frühsommer diesen unglaublichen Hagel gegeben hatte. Die Hagelkörner waren großwie Kieselsteine gewesen und hatten bei jedem, der sich nicht rechtzeitig im Schlick in Deckung gebracht hatte hässliche und schmerzhafte Wunden verursacht. Einige von ihnen waren in der Folge an inneren Blutungen elendig zu Grunde gegangen. Ihre Leiber waren aufgedunsen und ebenso verunstaltet wie jetzt Lorenzos. Es waren nur ein paar Minuten, aber sie hatten das Leben im Teich auf grauenvolle Weise verändert. Hagelalarm gehörte seitdem zu den Pflichtrufen, die ein Teichwächter in seiner Ausbildung lernen musste.
Aber gestern hatte es nicht gehagelt. Auch wenn Kurt sich an die Dinge nach seinem Zusammentreffen mit Bauer Hennings Malzbrühe nicht mehr wirklich erinnern konnte, Hagel hätte er bemerkt. Allein schon, weil er ihm völlig schutzlos ausgeliefert gewesen wäre und heute entweder Spuren davon zu sehen sein müssten oder aber er ebenso dahin wäre wie Lorenzo. Verstohlen blickte er an sich herab. Nein, da war nichts. Seine Haut war makellos wie immer. Nach dem Bad glatt, strahlend und von einem frischen Grün, auf das er seiner Meinung nach sehr stolz sein konnte. Ein selbstzufriedenes Lächeln spielte kurz um seine Mundwinkel. Wirklich, ein schönes Grün. Schäm dich, schalt er sich sofort. Dein Onkel sieht aus wie ein umgestülpter Golfball und du machst hier in Eitelkeiten.

Wenn es aber nicht gehagelt hatte, was hatte dann diese Verletzungen hervorgerufen? Und dann auch noch so viele? Es kam immer wieder vor, dass einer  von ihnen von einem Stein getroffen wurde, den Spaziergänger, meist Kinder oder ältere Männer in kindischen Hosen, über die Wasserfläche flitschen ließen. Sehr schmerzhaft, wenn sie einen unerwartet und mit voller Wucht trafen. Auch diese Geschosse hinterließen solche Beulen. Aber maximal eine, weil sich jeder halbwegs gescheite Frosch unverzüglich in den schützenden Schlick zurückzog sobald er getroffen wurde. Noch nie hatte Kurt gehört, dass jemand mehr als einen Treffer abbekommen hatte. Hier waren es aber bestimmt 20 Treffer gewesen. Lorenzo musste unvorstellbar gelitten haben. Zorn kroch in ihm hoch. Niemand hat das Recht eine andere Kreatur so zuzurichten! Wenn er rauskriegen sollte, dass hier irgendein Teichbewohner die Hände im Spiel hatte, dann sollte der sich aber besser warm anziehen. Oder noch besser, direkt auswandern. Weg, futsch, raus die Maus, hier nicht mehr, nicht mit uns und mit mir schon gar nicht, redete sich Kurt immer mehr in Rage. Ich krieg dich schon, dachte er, krieg dich und mach die platt. Lorenzo war ein guter Kerl! O.K. manchmal vielleicht ein bisschen promiskuitiv, aber das ist noch lange kein Grund, ihn so ins Jenseits zu befördern. Daran, dass ihn jemand ins Jenseits befördert hatte und nicht etwa ein tragischer Unfall geschehen war, hatte Kurt mittlerweile keine Zweifel mehr. Und wenn er richtig nachdachte, kamen auch nur Seinesgleichen für diese schändliche Tat in Frage. Wer sonst sollte ein Interesse an Lorenzos Ableben haben als all die eifersüchtigen Kerle, denen er die Frauen vor der Nase verführt hatte?

Kurt warf einen letzten traurigen Blick auf seinen toten Onkel, straffte die Schenkel, hob den Kopf und gelobte feierlich diese Tat nicht ungesühnt zu lassen. Unverzüglich würde er mit der Aufklärung des Falles beginnen. Als erstes galt es ein Hauptquartier einzurichten und sich ein oder zwei willige und vertrauenswürdige Assistenten zuzulegen, die für ihn die unangenehmen Laufarbeiten übernehmen konnten. Heigoh und Enrigoh fielen ihm ein, zwei Cousins väterlicherseits, die vor einigen Monaten aus dem Osten zugezogen waren. Gut, der Dialekt war gewöhnungsbedürftig. Allein schon dieses ’nön guudn‘, egal ob sie guten Morgen, Abend oder guten Appetit wünschten. Und ‚Bidde‘ statt Bitte, schüttelte er sich. Egal, die Jungs boten sich an. Zum einen waren sie in der Kürze der Zeit auf keinen Fall ein Opfer von Lorenzos Verführungskünsten geworden und zum anderen versuchten sie ohnehin alles Mögliche um sich bei den Teichbewohnern einzuschmeicheln um dazuzugehören. Hilfsdienste bei der Ermittlung eines schändlichen Mörders sollten sich dabei gut nutzen lassen. Das konnte er ihnen bestimmt gut verkaufen und sie so für seinen Plan gewinnen.

Ein paar Stunden später saß Kurt gedankenverloren im Gras. Er hatte mittlerweile seine Mutter unterrichtet und sie über den ersten Schock getröstet, bis sein Vater von seinem Morgenlauf, einem festen Bestandteil seines Antiagingprogramms, zurückkam und ihn ablöste, indem er  Lucia überraschend liebevoll in den Arm nahm. Nanu, so kannte er seinen steifen Vater gar nicht. Normalerweise wahrte er stets eine gewisse Distanz. Wirkte kühl bis arrogant. Man lernt nie aus, resümierte er nachdenklich. Schau an, schau an. Vielleicht ging da ja auch ansonsten viel mehr als er sich bislang hatte vorstellen können zwischen seiner heißblütigen Mutter und dem pedantisch strengen Vater. Er hatte sich ja schon oft gefragt, warum die sich für so einen entschieden hatte. Humor konnte es nicht sein, sein Vater lachte quasi nie. Singen fiel auch aus, bleibt nicht mehr viel. Da fiel ihm ein, wie er in der letztjährigen Laichzeit einen Augenaufschlag seiner Mutter gesehen hatte, der ihm fast den Atem verschlagen hatte. Richtig, er hatte seinem Vater gegolten, der daraufhin scheinbar unbeteiligt und mit stoischem Gesichtsausdruck Richtung Laichkuhle geschlendert war. Bevor er seine Eltern allein zurückgelassen hatte, erteilte ihm sein Vater noch den Auftrag, sich um die Beerdigung Lorzenzos zu kümmern. Viel Zeit zur Organisation einer würdevollen Zeremonie, wie sein Vater eigens meinte betonen zu müssen, blieb ihm nicht. Wenn das noch was werden sollte, musste er sich sofort auf den Weg machen. Die Beantwortung der Frage, wer für die Tat verantwortlich war, würde er auf später verschieben. Sicher würde er bei der Beerdigung auch Heigoh und Enrigoh treffen und könnte die Gelegenheit für ihre Anwerbung nutzen. Frei nach Lorenzos Lebensmotte: Man musse die Feste feiern, wie’e sie fallen. Na ja, sehr frei.

Den Beerdigungsunternehmer und Festtagsredner Eckerhard fand Kurt nach kurzer Suche  bei Reinigungsarbeiten im Friedhofsareal. Die astigen Igelkolben neigten zu ungezügeltem Wachstum und bedurften der regelmäßigen Ausdünnung. Eine unangenehme Aufgabe, weil ihre stacheligen Fruchtstände unangenehme Hautirritationen auslösen konnten. Kurt hatte vor seiner Teichwächterausbildung ein Praktikum bei Eckerhard gemacht,  das er unter anderem aus diesem Grund in keiner guten Erinnerung hatte. Schwierig war allerdings auch Eckerhard selbst, mit dem man keine zwei Sätze wechseln konnte, ohne dass er in den Singsang verfiel, in dem er seine Reden zu halten pflegte.

Eckerhard hatte schon von Lorenzos tragischem Ende gehört. Nachrichten verbreiteten sich am Teich stets schneller als der Wind durch das Schilf zu streichen vermochte, dachte Kurt oft verdrossen. In diesem Fall war es ihm aber recht, musste er doch so nicht mehr alles von Anfang an berichten sondern konnte sich fast sofort den organisatorischen Details widmen. Da mit erheblicher Anteilnahme gerechnet werden musste, entschieden sie sich für einen längeren Trauermarsch, der von Lorenzos Wohnblatt bis zum Friedhof führen sollte. Am Ufer längs, über den Steg und die Steine bis zur Bestattungsplattform, einem flachen, großen Stein in der Mitte des Sparganiumfeldes. Das würde zwar nahezu der jährlichen Gedenkprozession für die Opfer des Ebers Heinz entsprechen, bot aber den Vorteil, die Massen kanalisieren zu können und nicht Gefahr zu laufen, das es zu chaotischen Haufenbildungen käme. Im Chaos, das hatte sich in der Vergangenheit oft gezeigt, neigten die Teichfrösche zu Ängsten, die sich in ungezügeltem und aggressiven Verhaltensweisen Bahn brachen. Nein, waren sie sich einig, es musste ein stiller Trauerzug von melancholischer Würde sein. Begleitet werden würde er vom örtlichen Chor, in dessen Repertoire sich zahlreiche Trauerlieder befanden, mit denen sie schon viele Teichbestattungen untermalt hatten. Losgehen würde es um 18.30 Uhr, der anschließende Leichenschmaus wurde für 19.30 unterhalb des Stegs auf dem Bürgerplatz anberaumt. Eckerhard übernahm die Einladung mittels eines zentral abgesetzten Rufes, der zuverlässig bis in alle Ecken des Teiches drang. Erfahrung zahlt sich halt aus.

Bis dahin war noch reichlich Zeit, fand Kurt und entschied sich doch schon im Vorfeld mit seinen Cousins zu unterhalten und sie mit ihren Aufgaben vertraut zu machen. So konnten sie sich auch bereits beim Leichenschmaus unauffällig mit den Gästen unterhalten und erste Erkenntnisse sammeln. „Dähdsch wärn“, wie sie es ausdrücken würden. Ein Blick zum Himmel, an dem sich die ersten Cumuluswolken sammelten, bestärkte ihn in der Vermutung, dass es heute noch regnen, wahrscheinlich sogar erheblich unwettern würde. Egal, wenn sie nur Lorenzo noch ohne orkanartige Winde verabschieden konnten.  Jetzt aber los, sonst findest du die beiden doch nicht mehr rechtzeitig und kannst ihnen keine Instruktionen mehr mit auf den Weg geben. Sein Plan sah vor, dass sie scheinbar arglos ihre Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen sollten und dabei so viele wie möglich nach ihrer Betroffenheit und ihrem Verhältnis zu Lorenzo befragen sollten. Er musste ihnen nur klar machen, dass sie sich tunlichst auf die Männchen konzentrieren sollten, die waren seiner Meinung nach eher potenzielle Täter als die Lorenzo so liebevoll zugeneigten Damen. Es müsste doch für seine Cousins ein Leichtes sein auf diesem Weg an ein paar interessante Informationen zu kommen. Er selbst konnte gramgebeugt und stumm in der Ecke sitzen und die ganze Bande intensiv beobachten und nach verdächtigen Regungen Ausschau halten. Jeder wusste um sein besonderes Verhältnis zu seinem Onkel und würde denken, er sei so niedergeschlagen, dass er kein Wort hervorbringen könne und ihn in diesem Zustand in Ruhe lassen.

Nach kurzer Suche fand er Heigoh und Enrigoh in trauter Zweisamkeit im Schilfgürtel dösen. Ooch, de Kurd, begrüßten sie ihn freudig, besannen sich aber sofort und äußerten ihr tiefes Mitgefühl für den erlittenen Verlust. Sie verbrachten eine Weile mit dem Austausch von Anekdoten und Traktätchen, die sie mit Lorenzo erlebt hatten, bevor Kurt zur Sache kam. Er berichtete ihnen ausführlich von seinen Entdeckungen am Morgen und von den Schlussfolgerungen, die er aus ihnen gezogen hatte. Mit offenem Mund und immer wieder betroffenem Rülpsen lauschten die beiden ihm und kamen zum gleichen Schluss wie er: Hier war ein frevelhafter Mord geschehen und ihre gemeinsame Aufgabe sei es nun, den oder die Täter zu identifizieren und zu überführen. Dieser Teich war nun auch ihre Heimat, viele seiner Bewohner waren mehr oder weniger enge Verwandte. Sowohl für das eine als auch für das andere galt es Verantwortung zu übernehmen und sich für Sicherheit und Harmonie einzusetzen. Niederträchtige Meuchelmörder gehörten hier nicht hin und mussten vertrieben werden.  Notfalls auch mit Gewalt, aber das sei ja noch lange kein Thema. Erst mussten sie versuchen Lorenzos letzte Stunden zu rekapitulieren und herausfinden wer aktuell einen besonderen Brass auf ihn gefahren hatte. Immerhin war Laichzeit und damit Lorenzos Hochzeit in Sachen Charmeoffensive. Letztes Jahr hatte er noch damit geprahlt während der Laichperiode täglich eine neue Eroberung gemacht zu haben. Wenn er diesmal ebenso erfolgreich war, konnten sie von bis zu 23 vergrätzten Liebhabern ausgehen. Eine stattliche Anzahl, es gab viel zu tun. Gemeinsam beratschlagten sie, wie sie sich aufteilen, wie sie vorgehen und wann und wo sie sich im Anschluss an die Trauerfeier zur Besprechung treffen wollten.

Über ihre erregte Diskussion war es Abend geworden. Pünktlich um 18.30 erklang Eckerhards Trauerruf, mit dem er zur Beerdigung rief. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu den Scheinkallas, neugierig, wer sich denn noch so alles einfinden würde. Schon auf dem Weg schlossen sich ihnen immer mehr Artgenossen an, begrüßten sie mit einem stillen Nicken und begleiteten sie wortlos bis zur Sammelstelle. Eckerhard hatte den  Leichnahm pietätvoll in ein Seerosenblatt gewickelt, das nun von mehreren Freiwilligen Helfern Richtung Friedhof transportiert wurde. Da Lorenzo zumindest formal ungebunden war, führte Lucia als seine einzige noch lebende Schwester den Trauerzug mit Rudolf, Kurt und einigen seiner Geschwister an. Am Wegrand hatte sich der Chor aufgebaut und intonierte die ersten Gesänge. Auf Lucias eindringlichen Wunsch hin begannen sie mit einer Adaption des Klassikers „Dein ist mein ganzes Herz“, der seit Jahren zu Lorenzos Konzertrepertoire gehört hatte. Kaum jemand hatte je mit mehr Gefühl „ich möchte Deinen Atem trinken und betend Dir zu Füßen sinken“ gesungen als er es getan hatte. Mochte das auch kein wahrhaft passendes Thema sein, es war Lorenzos Hymne an die Liebe und das Leben und als solche gehörte sie hierhin, basta! Damit hatte sie sich gegen alle Bedenken durchgesetzt und hüpfte nun sichtlich ergriffen an Rudolfs Arm hinter dem Seerosensarg am Ufer entlang auf den Steg zu.

Es war eine beeindruckende Prozession, die sich langsam und würdevoll vorwärtsbewegte. Hoffentlich hat Henning seine Viecher im Griff und es büxt ihm nicht gerade jetzt wieder einer Richtung Teich aus, betete Kurt, während er in gemessenem Abstand seinen Eltern folgte. Direkt im Anschluss an die engen Familienmitglieder hatte sich Lorenzos Fanclub eingereiht, angeführt von seiner Vorsitzenden, Helga und ihrer Stellvertreterin Chantal, einer noch recht jungen und ausgesprochen aparten Person, deren Leidenschaft für Lorenzo Kurt stets ein wenig erstaunt hatte. Aber Lorenzo wäre nicht Lorenzo gewesen, wenn er nicht mühelos alle Altersgrenzen überwunden hätte. Er wurde geliebt, ob mit zwei oder zwölf, es gab keine Ausnahmen.

Dem Fanclub folgten zahlreiche nicht organisierte Anhängerinnen bevor sich die dazugehörigen Männchen anschlossen. Wurde im vorderen Teil der Dahinschreitenden noch andächtig geschwiegen, gelegentlich von einem tragischen Rülpsen unterbrochen, konnte man am hinteren Ende leise Geräusche vernehmen. Ab und an hatte Kurt den Eindruck ein verächtliches Schnauben zu hören. Also wirklich, konnten die eifersüchtigen Kerle nicht wenigstens abwarten bis ihr Widersacher in den Fluten versunken war. Da, das war doch wirklich der Gipfel, da hatte doch tatsächlich jemand ein triumphierendes Lachen nicht gänzlich unterdrücken können! Er war drauf und dran nach hinten zu stürmen und sich die Bagage vorzuknöpfen. Ungehobelte Tölpel, kein Wunder, wenn ihr Frauen sich lieber mit einem charmanten Italiener einließen als ihnen willig zur Verfügung zu stehen. Etwas mehr Bildung,  Umgangsformen und  – es war ihm schon beim Vorbeilaufen aufgefallen – Körperpflege hätten sie vielleicht nicht so schlecht aussehen lassen neben seinem alten Onkel. Pah, selbst im hohen Alter hatte er die meisten noch lässig in die Tasche gesteckt! Kurt dachte an Cosima, die derzeit leider einen Besuch bei Verwandten machte und ihn nicht begleiten konnte.  Ohne Lorenzos Hautpflegetipps wäre ihm die steilste Braut im Teich sicher nicht ins Netzt gegangen. Eine Welle der Dankbarkeit überschwemmte ihn. Der Chor begann gerade Händels Largo anzustimmen, auch dies ein Wunsch Lucias. „Cara ed amabile, soave pui“, tönte es so ergreifend aus den 30 Kehlen, dass auch die Hinteren einen Moment schwiegen.

Ohne weitere, pietätlose Störungen gelangten sie über den Steg zur Steinpromenade, dem heikelsten Abschnitt auf dem Weg zum Friedhof. Die Steine lagen in einem erheblichen Abstand voneinander und verlangten, auch ohne die Last eines Sarges, einiges an Weitsprungtalent. Zudem waren sie bisweilen etwas glitschig und neigten bei rauem See zur Instabilität. Wer an dieser Stelle nicht alle seine Sinne beisammen hatte, konnte leicht baden gehen. Die Sargträger erwiesen sich jedoch als souveräne Kenner des Terrains und brachten den Dahingeschiedenen sicher zum Eingangstor seiner letzten Ruhestätte. Ihnen folgten die Trauernden. Rudolf, einmal mehr Gentleman und liebevoller Gatte, half Lucia behutsam hinüber, die ihm mit einem Lächeln aus tränenverhangenen Augen dankte.

In der Mitte des Igelkolbenfeldes befand sich ein leicht erhöht liegender, abgeschrägter Stein, auf dem die Toten während der Trauerrede aufgebahrt wurden. Eckerhard hockte sich neben Lorenzos sterbliche Hülle, wartete, bis alle eingetroffen waren und Platz genommen hatten und begann mit seiner Ansprache. Er erinnerte an Stationen aus Lorenzos Leben, seiner Kindheit in Venedig, im Garten von La Fenice, den er blutjung der Liebe wegen verlassen musste. Die nächtlichen Konzerte störten die Aufführungen im Haus so sehr, dass die Familie ans Festland umgesiedelt wurde. Seine Ankunft auf Bauer Hennings Hof, gemeinsam mit seiner Schwester in ein Minibiotop der Kinder gepfercht. Seine große, glückliche Zeit mit Clara, einer begnadeten Grasharfenspielerin, die viel zu früh einem Nierenversagen erlag. Wie Musik, seine zweite große Liebe,  ihm über diese schwerer Zeit hinweghalf. Gemeinsam mit seiner langjährigen Duettpartnerin Renata Rana-Tebaldi rief er die Maikonzerte ins Leben und fand damit auch selbst ins Leben zurück. Lorenzo war, so schloss Eckerhard, ein Mann  der großen Leidenschaften. Von hinten rief jemand unwirsch „wohl wahr“, zog sich aber sofort zurück, als Kurt sich bedrohlich aufrichtete. Ein Mann mit einem großen, liebevollen Herzen, mit dem er bereitwillig gab, „Fragt sich nur wem?“, tönte es erneut vom Rand der Menge. Eckerhard stutze einen Moment irritiert bevor er den Chor nach vorne bat um ein letztes Lied anzustimmen. Ein leichter Wind strich sanft durch die Halme und trug das nun einsetzende. leise Summen der Sänger über den See. Aus der Mitte des Chores löste sich Renata, trat an den Stein heran und begann zu singen:

Quando sono solo
sogno all´orizzonte …

Mit den ersten Tönen des allen bestens bekannten  Stückes brach ein Teil der Anwesenden in lautes Schluchzen aus.  Helga, die resolute Fanclubvorsitzende schniefte hörbar und legte den Arm um ihre haltlos rülpsende Stellvertreterin, die ihrer Erschütterung nicht Herr werden konnte. Unzählige Male hatte Renata im Duett mit Lorenzo mit dieser Melodie die Konzerte beendet. Ihre sonst so helle und reine Stimme klang heute dunkel und getragen über das Wasser. Zitternd brachen sich die Töne an den Halmen der Igelkolben, am Himmel schienen die Wolken still zu stehen.

Time to say goodbye.
Paesi che non ho mai
veduto e vissuto con te, …

Die Sargträger, die Lorenzo bis jetzt auf dem Stein gehalten hatten, ließen ihn nun langsam ins Wasser gleiten. In einem sanften Bogen glitt er hinab, während die Trauernden in Renatas Gesang einstimmten.

Con te partirò
su navi per mari
che, io lo so,
no, no, non esistono più,
it´s time to say goodbye.

Mit dem finalen, langezogen schwebenden  „Io con te“ versank er geräuschlos zwischen den klagend in den Himmel ragenden Ästen des Igelkolbens.

Kurt schluckte. Seine Augen schmerzten. Muskelkater? Muss wohl, schüttelte er die Beklemmung von sich. Ab sofort galt es wachsam zu sein. Er drehte sich um und beobachtete die sich langsam auflösende Menge, die sich auf dem Weg zu Leichenschmaus machte. Noch wirkten sie alle ganz betreten. Aber er hatte schon zu viele Beerdigungen erlebt, um nicht genau zu wissen, das spätestens nach den ersten Bissen und dem ersten Glas vergorener Entengrütze die Erleichterung einsetzen würde und nach und nach alle in ihre normalen Gemütszustände zurückfinden würden.

to be continued …?

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Juni 2020

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