EmpfehlBar im Oktober

Als der Wind heftiger wurde und eine riesige schwarze Rauchwolke den Himmel verdüsterte, wurde vor lauter Rauch die Luft knapp und man konnte kaum noch atmen. Die Vögel fielen vom Himmel und stürzten uns tot vor die Füße.

Heute möchte ich eine Autorin vorstellen, deren neuester Roman, Was dir bleibt, gerade frisch im Hardcover bei Suhrkamp Insel erschienen ist. Die frankokanadische Schriftstellerin Jocelyne Saucier hat mich mit ihrem ersten Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde und eigentlich schon ihr vierter ist, schwer beeindruckt. Also beginnen wir hier, in den Tiefen der kanadischen Wälder, gehen verwilderte Pfade entlang die ins Nichts zu führen scheinen bis wir auf eine Lichtung an einem See treffen wo eine Hütte steht. Dorthin führt uns nämlich die Fotografin, die erste Erzählerin dieses Buches, auf ihrer Suche nach den Überlebenden der Großen Brände von Matheson 1916. Genaugenommen sucht sie nach Boychuck. Doch vor dem Haus trifft sie Charlie, der ihr kurzum mitteilt, Ted Boychuck sei „tot und begraben“. Und weil der Himmel sich öffnet und ein schweres Unwetter hereinbricht öffnet der alte Mann ihr die Türe und bietet ihr einen Schlafplatz auf seinen Fellen an.

So lernen wir unsere Figuren langsam kennen. Die Fotografin, die Geschichten liest, Charlie und Tom, beide weit über 80, die sich in die Wälder zurückgezogen haben, später dann Marie-Desneiges, für die Welt gestorben, die ihre letzten Jahre in Freiheit genießen möchte und sich der kleinen Gesellschaft am See anschließt. Und natürlich erfahren wir die Geschichte des Mannes, der die Fotografin überhaupt erst in die Wälder geführt hat.

„Und Boychuck?“
„Boychuck ist eine offene Wunde.“

Ein Leben mehr ist ein kleines Buch mit ganz viel Inhalt. Es handelt vor allem von der Autonomie im Alter, vom Altern selbst, von alten Wunden die heilen oder auch nicht, von Loslösung und Verbundenheit. Die Narrative ist komplex und dennoch so gekonnt strukturiert, dass wir ihr ohne Probleme folgen. Saucier hat ein poetisches Gespür für Menschliches, ihre Sprache ist subtil und beseelt, mal augenzwinkernd, mal melancholisch. Übersetzerin Sonja Finck macht hier eine wunderbare Arbeit, dies so kraft- und kunstvoll ins Deutsche zu übertragen.

Auch einen Film gibt es nun, nach dem Drehbuch von Louise Archambault und 2019 erschienen. Noch gibt es keine übersetzte Version, doch wenn ihr Interesse habt, ist hier ein Link zu dem sehr ansprechenden Trailer mit englischen Untertiteln.

Der Nachfolger, Niemals ohne sie, erzählt die Geschichte der 21 (!) Cardinal-Geschwister. Nach 30 Jahren kehren alle noch einmal zurück in die Minenstadt Narco, ihre Heimat, um dabei zu sein, wenn ihr Vater die Medaille für den „Erzsucher des Jahres“ erhalten soll. Nach und nach enthüllt sich das schwerwiegende Familiengeheimnis, wenn einzelne Geschwister uns ihre Geschichten erzählen nachdem das Schweigen zu lang und zu schmerzhaft zwischen ihnen stand. Die Wahrheit ist traurig und unvermeidbar, aber Saucier lässt uns so intensiv und nah an den Geschwistern sein, dass wir das Brechen des Schweigens wie eine Katharsis am eigenen Leib erfahren. 

Im neuesten Roman Sauciers, Was dir bleibt, folgen wir der 76 jährigen Gladys, die eines Tages des Northlander-Zug besteigt und ab diesem Moment spurlos verschwindet. Niemand wusste etwas davon, weder ihre Freundinnen und Nachbarn, noch ihre kranke Tochter, um die sie sich ihr Leben lang aufopfernd kümmerte. Immer dann, wenn man sie als vermisst melden möchte, wird sie an irgendeinem Bahnsteig gesehen, nur um dann wieder mit dem nächsten Zug zu entkommen, den Menschen die sie suchen immer ein paar Schritte voraus.
Eine puzzleteilige, lebensbejahende Geschichte über die Natur und den Menschen und die Natur des Menschen, über das, was uns miteinander verbindet und was uns antreibt. Saucier reiste selber dank eines Stipendiums mit den Zügen durch den Norden Ontarios, was wir in der atmosphärischen Reisebeschreibung wiederfinden können.

Jocelyne Saucier – Ein Leben mehr
übersetzt aus dem Französischen von Sonja Finck
März 2017 bei Insel Taschenbuch erschienen

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Anonymous sagt:

    das ist mal eine tolle Empfehlung; Danke dafür. Lesen ist umso mehr eine Freude, je besser der Autor mit Worten umzugehen weiß…Danke dafür!

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  2. Saucier ist wirklich eine Entdeckung. Danke für den Hinweis zum Film nach ihrem Roman „Ein Leben mehr“ 🙂

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