EmpfehlBar im September

Der Angriff auf die Wahrheit beschränkt sich auch nicht auf die Vereinigten Staaten. Rund um die Welt appellieren Populismus und Fundamentalismus immer stärker an Furcht und Wut als Ersatz für die vernünftige Diskussion, untergraben demokratische Institutionen und ersetzen Fachkenntnisse durch die Weisheit der Masse.

Seit über 40 Jahren wählt die Gesellschaft für deutsche Sprache alljährlich das „Wort des Jahres“ aus tausenden von Vorschlägen. Dabei soll, laut GfdS, keine Wertung jeglicher Art vorliegen sondern rein die „Signifikanz und Popularität“ des Wortes Ausschlag geben, also welchen politischen und gesellschaftlichen Einfluss es in dem Jahr hatte. 2016 wurde das Wort „postfaktisch“ in Deutschland zum „Wort des Jahres“ gekürt, noch vor „Brexit“.

Das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte, erschien in den USA zwei Jahre später und hatte somit aber auch genug Zeit, sich mit den aktuellen Auswirkungen einer postfaktischen Politik in den Staaten auseinanderzusetzen. Und das hat Michiko Kakutani in ihrem Essay Der Tod der Wahrheit. Gedanken zur Kultur der Lüge auch getan. Im originalen Untertitel wird es wohl noch etwas klarer, worum es geht: Notes on Falsehood in the Age of Trump. Und schon habe ich meinen Schwur gebrochen, niemals ein Buch zu lesen, in dessen Titel Trump vorkommt. Aber hier geht es nicht nur um den aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten, in diesem Buch geht es um ein neues Zeitalter, dass politisch wie gesellschaftlich seine Wellen schlägt. Ein postmodernes Zeitalter, ein „postfaktisches“ eben, vielleicht klingelt es da schon in euren Ohren, vielleicht wirft da schon der Geist einer nasalen Stimme sein unheilvolles Echo in den Raum.

Doch zuerst zu der Autorin. Die amerikanische Publizistin und ehemalige Literaturkritikerin der Times ist nicht für ihre Zurückhaltung bekannt. Bücher wurden von ihr entweder in den Himmel gelobt oder völlig zerrissen, da war kaum Platz für Zwischentöne. Ihr Abschied von der Times beschied das Ende einer 34 jährigen Ära voller Freuden und Fehden. Kleiner Fun Fact: In einer Folge von Sex and the City (ja ihr wisst noch, dasSerienphänomen der späten 90er/frühen 2000er Jahre) erwartet die Protagonistin Carrie Bradshaw ängstlich eine Kritik Kakutanis. Die umstrittende und einflussreiche Kritikerin war also schon einem breiten Publikum bekannt, bevor sie ihr Buch veröffentlichte, in dem es genau so wenig Zwischentöne gibt wie in ihren Kritiken.

Kakutani ist kein Fan der Trumpregierung. Ganz klar. Keine Umschweife, keine versöhnlichen Worte. Aber Trump ist in ihrem Buch nur der Ausgangspunkt für die Analyse einer Gesellschaft, in die der „Zerfall der Wahrheit“ ihren Einzug gehalten hat und in der sie sich fragt, wie Vernunft und Wahrheit zu „bedrohten Arten“ werden konnten. Sie bezieht sich nicht nur auf „Fake News: „Ebenso geht es um Fake-Wissenschaft (konstruiert von Klimawandelleugnern und Impfgegnern), Fake-Geschichte (vorangebracht von Holocaust-Revisionisten und jenen, die die Überlegenheit von Weißen propagieren), Fake-Amerikanern auf Facebook (erschaffen von russischen Trollen) sowie Fake-Follower und Fake-Likes in sozialen Medien (erzeugt von Bots).“

Schon in ihrer Arbeit als Literaturkritikerin wurde Kakutani mit dem Rashomon-Effekt , die Ansicht, alles hinge von der eigenen Meinung ab, vertraut. Dekonstruktion, Postmodernismus,- Kakutani arbeitet den kulturellen, philosophischen und gesellschaftlichen Entwicklungsweg zu einer immer meinungsgetriebeneren, postfaktischen Gesellschaft kurz und anhand vieler weiterführender Quellen auf und zieht Verbindungen zwischen ihren Lektüren und aktueller Ereignisse und gesellschaftlicher Wandlungen.

Ja, es ist ein meinungsgetriebenes Essay, ein besorgtes und wütendes Manifesto gegen den Zerfall der Wahrheit. Das kann widersprechend wirken, eine neutrale Analyse der individuell erfahrenen Wahrheit erleben wir hier auf keinen Fall. Aber es ist gewissenhaft und ausführlich recherchiert, trennt Meinung von offiziellen Zahlen und Ereignissen, erzählt temporeich aber nachvollziehbar und hält, besonders für uns Literaturliebhaber, eine bandbreite an weiterführender Literatur aller Richtungen für uns bereit. Allerdings misst es dadurch an manchen Stellen die Tiefe, die das ein oder andere Thema brauchen könnte um ihm gerecht zu werden. Dafür reichen dann die knappen 197 Seiten nicht aus. Außerdem wirkt Kakutanis eigene Stimme unter all diesen Fremdquellen oft verloren.

Dass wir mitten in einer Wahrheitskrise stecken, ist für den kritischen Beobachter nicht zu übersehen. Corona hat uns vor neue Herausforderungen gestellt, mit neuen Fakten umzugehen und Meinungen, Panikmache, Verschwörungstheorien und wissenschaftliche Erkenntnisse zu erkennen und zu verarbeiten. Der Tod der Wahrheit bietet einen soliden, breitgefächerten Überblick in das Phänomen des postfaktischen Zeitalters, beleuchtet besonders philosophische und literarische Hintergründe und ihre Einflüsse auf unsere moderne Gesellschaft und motiviert zu weiterer Lektüre. Die artikelartigen, temporeichen Kapitel lassen sich auch mit Zeitabständen verständlich lesen. Hier werden keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse vorgebracht, keine Lösung vorgeschlagen für eine immer verzweifelte Suche nach der Wahrheit und dem Wahrhaftigen, doch es stärkt beim Lesen unsere Achtsamkeit für dieses Thema und regt an, sich eigene Gedanken zu machen. Wer sich also mit diesem wichtigen Thema, dass uns noch in vielen Bereichen unseres Lebens begleiten wird, beschäftigen möchte und auch Inspiration für weitere Autoren und Werke sucht, kann mit diesem Buch einen bündigen, kurzweiligen und literaturaffinen Anfang machen.

Michiko Kakutani – Der Tod der Wahrheit. Gedanken zur Kultur der Lüge
übersetzt aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel
April 2019 bei Klett-Cotta erschienen

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