Brief an Madeleine

Liebste Madeleine,
(by Jennifer Kirschke)

du hattest Recht. Der Frühling gehört denen, die es ihm gleich tun. Die jung sind und schön, die nichts vom Sterben wissen. Weißt du noch, als wir mit Sebastién und Christóphe in der Hütte eures Onkels das lange Wochenende verbrachten? Zuerst regnete es nur, aber am Sonntag war der Himmel klar und die Sonne schien so warm als sei es Sommer.
Als wir am Steg lagen während die Jungs sich an einem Seil immer wieder ins Wasser fallen ließen und wir schrill aufschrien, wenn sie uns nassspritzten?
Als ich dir einen Zopf um deinen Kopf flocht und du mir deinen Lippenstift gabst, weil du meintest, dass mir die Farbe mit meinem dunklen Haar besser stünde als dir mit deinem weizenblonden?
Da habe ich dir nicht geglaubt, dass es nicht für immer ist. Da habe ich dir in dein schönes, ernstes Gesicht gelacht und dich auf die Beine gezogen, den Steg hinunter, in das Wasser mit mir.
Du hast es zugelassen, ich habe unter den Wellen dein Lachen geatmet und geglaubt, deine düsteren Gedanken mit meiner Zuneigung heilen zu können.
Unsere Tage in der Hütte, die Abende am Ofen und die Spaziergänge durch noch frühnebelverhangene Wälder mit dir und deinem Bruder während Christóphe noch schlief.
Das gemeinsame Essen auf der Terrasse, unsere geflüsterten Vertrautheiten, – das sind die letzten schönen Erinnerungen, die ich noch wirklich zu fassen vermag. So vieles ist kurz darauf geschehen. Unsere Lebenswege, bis dahin untrennbar ineinander verwoben, rieb der Krieg auf, das Leben selbst. Wir waren unsterblich, und dann waren wir es nicht mehr. Liebste Madeleine, du hast gesagt, den Herbst könne man alleine überstehen aber dem Winter begegne man entweder gemeinsam oder gar nicht. Ich denke, du weißt, was geschah. Ich habe dir auch zuvor Briefe geschrieben, aber sie haben nie meinen Kopf verlassen, sind nie in Tinte auf Papier geflossen.
Vielleicht ist es gut, dass Christóphe gestorben ist. Wir waren nicht mehr schön. Wir sind hässlich geworden, als wir dein Herz brachen. Und dann immer hässlicher im Krieg, er verhärtet, ich verblasst.
Es ist Herbst, Madeleine, Winter fast. Dieser Brief wird dich nicht erreichen, ich wüsste nicht wie. Eine Bitte um Vergebung, die nicht erfüllt werden kann, ein letztes Aufbäumen, ein Sehnen.
Du bist mir vor langer Zeit voraus gegangen. Ich weiß, dass dein Bruder dich bei der Hütte fand. Dass er dich wie eine Wasserlilie vom Ufer auflesen und dich eigenhändig auf dem Dorffriedhof begraben musste, weil es kaum noch jemanden gab, der es sonst hätte tun können. Ich weiß, dass er jetzt neben dir liegt.
Ich hätte damals bei dir sein sollen. Was wissen die Toten von den Verbrechen, die man an ihnen beging? Die Übriggebliebenen tragen die Schuld der Welt.
Ein Abschied noch, ein Gruß, ein Kuss. Ein Hoffen auf Wiedersehen, wie damals, im Frühling. Und jetzt dieses Eine, dieses Unaussprechliche. Dass du, Madeleine, mein Frühling warst, immer gewesen bist. Jetzt weiß ich, was du wusstest, was dich zerriss.

Und in diesem Zugeständnis an ein gebrochenes Herz sage ich adieu.
Aber ich träume von einem Steg am See und von deinem schönen, ernsten Gesicht. Und wie ich hier sitze, Madeleine, da ist es, als nähmest du meine Hand, und zögest mich, zögest mich auf die Beine, den Steg hinunter, in das Wasser mit dir.

Jennifer Kirschke, 1989 in Solingen geboren, schloss 2013 ihre Lehre zur Buchhändlerin in Düsseldorf ab. Sie lebt und arbeitet in Solingen und studiert zurzeit Medien- und Kulturwisschenschaft in Düsseldorf. Seit Dezember 2019 betreut sie die EmpfehlBar auf monatsweise und stellt dort monatlich ein Buch ihrer Wahl vor.
Ich wollte sie Euch jedoch nicht nur als Buchhändlerin, sondern auch als Autorin vorstellen. Zu meiner Freude hat sie sich bereit erklärt, monatsweise einen meiner Lieblingstexte zur Verfügung zu stellen. Ich mag den sehr speziellen, zart versponnenen Stil des Briefes sehr. Solltet Ihr je die Gelegenheit haben, sie einmal öffentlich lesen hören zu können, nutzt sie! Immer wieder begeisternd, wie sehr Text und Stimme zueinander passen.

Ihre erste Empfehlung
und
ein bisschen über Jenny

© Text: Jennifer Kirschke,  Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Dezember 2019

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