Mail from Asia I

So, nach ein paar sehr erholsamen Tagen am Strand von Pulau Gaya, was in der Landessprache soviel wie große Insel heißt, nun endlich ein paar Worte über den ersten Stop unsere Reise: Singapur!

Die Zeit begann für mich ein wenig unglücklich, weil ich es geschafft habe, mir schon auf dem 12 stündigen Flug einzufangen, was man sich normalerweise erst nach ein paar Tagen fremder Küche einfängt. Für ursächlich halte ich die Bordtoilette der A380, die man spätestens ab der Hälfte der Flugzeit nur noch in Notfällen aufsuchen sollte. Die Folgen haben mich eine Nacht lang beschäftigt, danach ging es jedoch wieder und ich war willens mehr als die Aussicht aus dem Hotelzimmer zu erkunden. Die allerdings war wahrhaft spektakulär, wir residierten im 31. Stock eines Hotels mit Blick auf die Marina Bay und das Marina Bay Sands im Besonderen. Letzteres ist ein Megahotel (55 Stockwerke) mit 350 m Dachgarten, davon 150 m Infinity-Pool (das sind die, bei denen man meint, der Pool habe keine Kanten) nebst allem, was dazu gehört (Butler-service available). Im gesamten Komplex arbeiten 10.000 Menschen, Hotel, Casino, Shopping, … das braucht Personal. Die Arbeitslosenquote in Singapur liegt übrigens bei lediglich Einskommairgendwas. Hat man uns erzählt. Scheint aber nicht zu stimmen, laut offizieller, eigens von mir recherchierter Statistik (ich will dir schließlich keinen Murks erzählen) sind es 2,2%. So weit zu verlässlichen Informationen von Reiseleitungen. Es gab noch ein paar Infos mehr, die mir eigenartig vorkamen, aber dazu später.

Entworfen von einem israelischen Stararchitekten, der sich von Kartenspielen inspiriert fühlte, ist das Marina Bay Sands DAS Gebäude Singapurs schlechthin. Zu recht, ob einem Hochhäuser nun gefallen oder nicht. Selbst ich, die es ja mit Hochhäusern nicht so hat, kann nur beeindruckt feststellen: Irre, was man alles so bauen kann. Um deine Vorstellungskraft nicht überzustrapazieren, hier ein Paar Bilder.

 

Bei der Marina Bay handelt sich um ein komplett künstlich aufgeschüttetes Areal das gemeinhin gern so umschrieben wird: Ein Leben im modernen Luxus. Marina Bay steht in Singapur für alles, was modern und super-stylish ist, von trendigen Restaurants bis zu Vergnügungsvierteln. Besser kann man es nicht ausdrücken.

Um dorthin zu gelangen muss man jedoch erst einmal vom Flughafen in die Innenstadt, wobei man mehrfach Temperaturunterschiede von gigantischem Ausmaß erlebt. Im Flughafen wird man tiefgekühlt, vor der Tür mindestens mal sanft gegart, wenn nicht sogar direkt zum persönlichen Siedepunkt gebracht. Im Taxi herrschen moderate Kühlschranktemperaturen, vor dem Hotel beim Aussteigen wieder spontanes Sieden, im Hotel Schockfrosten. Das kann den gemeinen Mitteleuropäer schon mal überfordern, da hilft nur eiserner Überlebens- und Anpassungswille. Und ein Fächer. Ein Fächer, den ich klug genug war im Vorfeld dieser Reise zu erstehen. Dummerweise habe ich ihn trotzdem bei meinem ersten Ausflug im Zimmer vergessen, ein Fehler, den ich nicht wiederholt habe, leider habe ich ihn dann auf dem Flug nach Kuching im Flugzeug verloren.

Doch zurück zum ersten Abend. Wir wurden, weil spät gelandet, quasi ohne Verschnaufpause zu einem Abendessen in einem prämierten Seefoodrestaurant speditiert, wo wir unter anderem ein wahrlich köstliches, wenngleich – trotz Spezialwerkzeug – nur schwer zu bewältigendes ‚a bit spicy‘ Hummer/Krebsgericht serviert bekamen. Das Ganze bei ca. 90% Luftfeuchtigkeit, frag nicht nach den Auswirkungen. Ich kenne jetzt jedenfalls alle meine Schweißdrüsen. Nach allerlei Plauderei und Freude über ein Wiedersehen mit Menschen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, ging es zurück ins Kühlschrankhotel. Ich verzog mich aufgrund der o.g. Probleme ins Bett, wo ich leider nicht schlief, sondern anderweitig beschäftigte. Was, in Tateinheit mit der Zeitverschiebung, dazu führte, dass wir am nächsten Tag erst gegen Mittag erwachten. Gerade noch rechtzeitig, um ein Breakfastlunch einzunehmen. Womit alle Pläne, die Umgebung ein wenig auf eigene Faust zu erkunden, bzw. in einen jener Hüpf-rein-hüpf-raus-Busse zu steigen und sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, ausgefallen sind. Schade, aber leider nicht zu ändern.

Am Abend ging es zu einer Veranstaltung in den City Hall-Bezirk, in das in den 1930er Jahren erbaute Capitol Theatre. Restauriert und aufpoliert ist es heute ein Ort für Filmpremieren, Tanz- und Theaterproduktionen. Hübsch, sehr sehenswert. Für uns gab es neben dem Veranstaltungsprogramm im Innen- und Außenbereich Foodstationen, der vier verschiedenen Landesküchen. Ich war noch etwas zaghaft, aber am Ende siegte doch die Neugier und ich probierte mich ein wenig durch. Nur die von anderen als sehr scharf beurteilte malaysische Suppe habe ich dann noch ausgelassen.

Das Rahmenprogramm vermittelte uns Einblicke in Singapurs Geschichte. Ich hörte zum ersten Mal in meinem Leben den Namen Sir Thomas Stamford Bingley Raffles, dem Gründer des modernen Singapurs. Geschichtliche Excursionen erspare ich dir an dieser Stelle, sollte es dich interessieren, lies bitte selbst nach, was der Herr so alles auf die Beine gestellt hat. Clever war er, so viel kann man sagen!
Zur Geschichte gab es schöne Bilder von interessanter Plastizität, Tänze, Musik, … man saß bequem und nicht schwitzend … ein netter Abend. Ich beendete ihn wieder relativ früh, schließlich wollte ich mir am nächsten Tag den Ausflug in die Gartenstadt nicht entgehen lassen. Zum Ausklang noch ein paar Nachtbilder

 

Am nächsten Morgen erwachte ich rechtzeitig, tiefgekühlt und somit recht erfrischt und startet nach einem Frühstück, dessen Fülle mich beinahe erschlagen hat (zur Küche und Vielfalt später mehr) nach little India. Was mich ein wenig verwirrte, wie die meisten hatte ich nicht richtig gelesen und mich bei Gartenstadt durch den vorm Hotel liegenden Park und die Gewächshäuser schlendern sehen. Nun also little India. Auch gut. Bedauerlicherweise war little India nicht komplett schattiert, ich finde, das kann man in einer Stadt der Superlative erwarten, und ich hatte den FÄCHER nicht dabei!

 

Hey, an meine Fenster läuft gerade ein Affe vorbei. Einer von vielen, die wir hier auf Gaya Island schon gesehen haben. Sie kümmern sich wenig um uns, es sei denn, wir sind so unvorsichtig und lassen Dinge draußen rumliegen, die ihre Neugierde wecken. Wie z.B. die Müll- und Wäschesäcke des Zimmerservices. Mich findet er offensichtlich langweilig, er ist schon wieder weg. Schon toll, sie hier so frei und uneingeschränkt rumlaufen zu sehen. Auch wenn man, wie das Personal immer wieder betont, bitte vorsichtig sein soll. Augenscheinlich können sie auch grantig werden.

Grantig ist ein gutes Stichwort. Grantig ist hier nie jemand. Alles sind ausnahmslos extrem freundlich und höflich. Da macht man als Tourist gern mit. Also nicht, dass ich normalerweise unhöflich bin, aber wenn du immer nur angelächelt wirst, lächelst du irgendwann auch immer zurück. Der Umgangston hier gefällt mir auf jeden Fall gut. Nun wirst du einwenden, wir wären hier nur touristisch unterwegs, das könne täuschen. Stimmt, aber trotzdem hat man den Eindruck, dass man allgemein etwas freundlicher miteinander umgeht, als es bei uns an der Tagesordnung ist. Wobei ich mich nicht beschweren will, ich erlebe selten Unfreundlichkeiten. Aber der Ton ist schon rauer. Nun, genug davon, zurück ins indische Viertel. Es ist … bunt … nein, sehr bunt … genauer: kitschig bunt. Zumindest, was die Waren und Dekorationen angeht. Beim Gang über den Wet Market sieht es anders aus. Wet, man ahnt es, steht für frische, zu kühlende Lebensmittel. Fisch, Fleisch, Geflügel. Daneben gibt es eine große Foodhalle und natürlich Gemüse und Obst. Wir waren zwischen 10.00 und 11.00 dort, eine Zeit, zu der viele Läden schon wieder geschlossen hatten.

Sorry, ich muss unterbrechen und den Ort wechseln. Draußen geht die Sonne unter und präsentiert uns einen kompletten Regenbogen. Einmal mehr bedauere ich, die Spiegelreflexcamera nicht dabei zu haben. Die Handycamera kann das Licht einfach nicht einfangen.

So, bin draußen und schreibe weiter, anstatt dem Licht beim Schwinden zuzuschauen. Ich hoffe, du weißt dieses Opfer zu schätzen. Aber ich wollte wenigstens noch diesen Ausflug zu ende schildern. Bunt kann man ja auf den Fotos sehen. Was man nicht sehen kann ist der Geruch. Sei froh, sage ich nur. Nicht sehen kann man auch die Menschen, die an den Tischen saßen und aßen. Weil ich mich immer scheue Leute einfach so abzulichten. Ich finde das übergriffig. So musst du mir einfach glauben, was ich sah. Ich sah Menschen, die so überhaupt nicht zu dem Glanzbild Singapurs passen. Viele von ihnen sehr ärmlich gekleidet, viele mit auffallend müden Gesichtern und Bewegungen. Keiner von ihnen, so meine Vermutung, treibt sich in seiner Freizeit in der Marina Bay rum. Nanu, sollte es hier doch nicht für alle so großartig sein, wie man uns in diversen Reden und Filmeinspielern vermittelt hat?

Ähnliche Beobachtungen machte ich in den nächsten Tagen auch in Chinatown und im arabischen Viertel, das mir am besten gefallen hat. Chinatown kam mir vor wie eine Kulisse, eine Inzenierung, irgendwie unecht. Dort bekommt auch das Image extremer Sauberkeit ganz erhebliche Risse. Ich fand schon manche Hintereingänge nicht ganz so dolle, andere berichteten von Ecken, in denen sich der Müll stapelte, Ratten unterwegs waren, … Und das an einem Ort, an dem man angeblich kein Kaugummi ausspucken darf, ohne bestraft zu werden.

Oh, Strafen sind auch so ein Thema, bei dem man seine Zweifel an der Fortschrittlichkeit des Staates haben kann. So gibt es dort noch die Todesstrafe, hier in Malaysia/Borneo übrigens auch. Ein weiteres beliebtes Strafmaß sind Schläge mit der Bambuspeitsche/oder Rohr auf den Rücken. Wahlweise bis zu 30. Mal abgesehen davon, dass sie sehr schmerzhaft sind, platzt die Haut auf und heilt angeblich nicht wirklich gut wieder, monatelange Folgen sind die Regel. Der Staat schlägt die Leute quasi krankenhausreif. Sorry, aber das finde ich mehr als daneben, zumal die Definition von Straftat sich bisweilen sehr von meinem/unserem Verständnis unterscheidet. Kürzlich sind zwei lesbische Frauen ausgepeitscht worden, weil sie eben das lebten, was sie sind. Nun will ich nicht jeder Straftat mit Milde begegnet wissen, aber wie kann ein Staat sich anmaßen zu morden oder krankenhausreif zu schlagen? Wie kann er sich anmaßen Menschen vorzuschreiben, wen und wie sie zu lieben haben? An der Stelle kann und will ich dem „von Singapur lernen heißt siegen lernen nicht zustimmen. Egal wie technologisch fortschrittlich und architektonisch faszinierend man dort unterwegs ist.

Wusstest du, dass in Singapur der Staat darüber bestimmt, wie viele Autos pro Jahr zugelassen werden dürfen? Neben exorbitanten Preisen für Autos, muss man dort eine Lizenz erwerben, bevor man überhaupt eines kaufen kann. Die kostest ebenfalls Erhebliches, sprich mehrere tausend Dollar. Die Fremdenführerin sprach von einer Nachbarin, die sich einen Kleinwage für das nahezu dreifache des bei uns üblichen Preises zugelegt hat, plus 60tausend Dollar für die Lizenz. Was vermutlich zu den anfangs erwähnten Übertreibungen gehört. Aber extrem teuer muss es trotzdem sein. Autos sind DAS Statussymbol in Singapur. Aber: der Verkehr ist für so eine Riesenstadt noch recht übersichtlich.

Ich merke, ich bin schon wieder hoffnungslos raus aus der Chronologie. Hier ist jetzt Essenszeit, bei Euch auch, allerdings Mittags. Vertagen wir die Fortsetzung also auf einen anderen Tag, es gibt durchaus noch was zu erzählen. Wied allerdings ein wenig dauern. Denn morgen früh um 9.00 Ortszeit machen wir uns auf den Heimweg, die Koffer sind schon weitestgehend gepackt. Etwa 30 Stunden später werden wir dann zuhause ankommen. Habe ich schon mal gesagt, dass ich Fliegen doof finde? Ich finde Fliegen doof! So als Akt an sich. Ich habe keine Angst, mir wird auch nicht übel, ich finde es einfach doof. Unbequem, schlechte Luft, … über das Essen rede ich erst gar nicht. Und ich hasse die hektische Atmosphäre am Flughafen, die ewigen, leider notwendigen Sicherheitschecks (meine Knie lösen zudem jedes Mal den Alarm aus und darf mich abtasten lassen), … Und letztlich hadere ich immer mehr mit dem Ressourcenverbrauch, zu dem ich so beitrage. Das auch nicht nur durch den Kerosinverbrauch, sondern auch durch gefühlte 5T Plastik, in die jeder Krümel verpackt wird, der einem während des Fluges angeboten wird. Da spare ich zuhause Verpackungsmüll, wo immer es geht, so sehr, dass ich mir schon manchmal etwas nerdig vorkomme, und kaum begebe ich mich in den Urlaub, wird diese Bilanz wieder desaströs. Doch auch dieses Thema vertage ich auf die Fortsetzung. Dann erzähle ich noch von einem Besuch in einem indischen Haus, einem Gartenbaubetrieb (fand ich spannend und überraschend), den Besuch des cloud forest, einem asiatischen Wochenmarkt, dem Besuch bei den Orang Utans, Wasserspielen, Sonnenuntergängen, … Massage und Nichtstun.

Hope to see you soon!

 

© Text und Bilder: Kirsten Marter-Dumsch, Oktober 2019

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. monatsweise sagt:

    Liebe Freunde,

    Unmittelbar vor der Abreise schon mal ein weiterer Teilbericht über unsere Reiseerlebnisse. Schön war’s! Morgen geht es Heim, wie immer mit großer Freude. Sobald die Koffer ausgepackt und die wichtigsten Dinge erledigt sind, folgt dann der Rest.

    Bis dahin liebe Grüße Kirsten Freu mich, wenn Ihr teilt!

    >

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  2. Hallo Kirsten,

    toller Blog. Tolle Geschichte!

    Ich bin auf dich und den Blog über das Interview auf dem Blog der Textmanufaktur gestoßen.
    Die monatsweise Veröffentlichung finde ich super.

    Ich hatte auch die Idee der Veröffentlichung kurzer Geschichten über einen Blog.
    Noch bin ich ziemlich am Anfang: auf meinem Blog nikitascats.com geht es um zwei Katzengeschwister (Milo und Marlin), die bei einer vermietbaren griechischen Ferienvilla leben. So kommen die beiden auf rund 50 unterschiedliche „Besitzer“ pro Jahr. Im Blog schildern sie wöchentlich ihre Erlebnisse, einerseits mit den Urlaubern und andererseits auch mit ihrem üblichen Umfeld.
    Vielleicht möchtest du mal lesen und den Blog weiterempfehlen?
    Liebe Grüße
    Ulrike (alias Milo und Marlin)

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    1. monatsweise sagt:

      Liebe Ulrike, vielen Dank für das nette Feedback. Was Milo und Malin so treiben schaue ich mir gern einmal an. LG Kirsten

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