Der Therapeut

Wer es schon einmal versucht hat, weiß, dass man auf einem schmalen Grat wandert, wenn man. versucht, das gesprochene Wort zu vermitteln Eben noch schien ein Protagonist ganz gelungen, kaum macht er den Mund auf, schon wird er unglaubwürdig, weil zu hölzern, bzw. künstlich oder – keinen Deut besser – zu lässig, bzw. aufgesetzt umgangssprachlich unterwegs. Auf der Suche nach einem glaubwürdigen Sound habe ich mir einen alten Bekannten erneut vorgenommen und ihn sprachlich runderneuert. Das Ergebnis nun hier, aus gegebenem Anlass gibt es diesmal auch endlich wieder eine Audioversion der Geschichte in der HörBar. Wer mag, kann also auch hören statt lesen. Oder beides tun. Wie auch immer: Viel Vergnügen!

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Lesung

Bah, gut riechen geht anders. Anständige Seife könntet Ihr Euch mal anschaffen. Ist ja widerwärtig dieser parfümierte Mist! Meine musste ich ja unten abgeben. Die Bürste auch, weiß der Geier, warum. Bekomme ich die wieder, wenn wir hier fertig sind? Wenn Ihr einen schon so lange warten lasst, sollte man sich doch wenigstens die Hände anständig waschen können. … Nicht? Na ja.

So richtig helle scheint der Kollege unten nicht zu sein. Hat sich kaum eingekriegt, als ich gesagt habe, was ich mache.
»Berührungstherapie?!« Man konnte ihm förmlich ansehen, welche Bilder ihm dabei kamen. Wie allen, die hören, was ich mache. Ist immer dasselbe.  …  wetten, Ihr stellt Euch auch frustrierte Einsame vor, die sich zu esoterischen Klängen befingern lassen. Räucherstäbchen und Klangschalen inklusive. Stimmt’s? … Dabei ist mein Arbeitsplatz ausgesprochen nüchtern, beinahe klinisch. Massageliege, Kleiderständer, ein Stuhl, keine Musik, keine Kerzen. Der Nebenraum, in dem Vincent arbeitet, sieht genauso aus. … Vincent? Mein Geschäftspartner. Ausgebildeter Physiotherapeut. Mit Kassenzulassung. Seinetwegen dürfen wir die Praxis unter Physiotherapie laufen lassen. Das spricht auch mehr Leute an, Physio kennt man. Hat klare Vorstellungen davon. Physio ist quasi ein Selbstläufer. Berührungstherapie nicht, das zahlt auch keine Kasse. Das muss man regelrecht verkaufen.
Was ich dabei tue, fragen die Leute, meist Frauen, wie sie sich das vorstellen müssen? Oder sie fragen, ob es so was wie Tantramassage sei, betont sachlich, versteht sich. Das fragen auch schon mal Männer, so Anzugträger, dabei lachen sie abfällig, damit jedem Vollpfosten auch direkt klar ist, dass sie das nicht nötig haben. ‘Türlich nicht!
Und dann gucken sie mir auf die Hände. Alle. Ich habe schöne Hände, schlank und feingliedrig, trotzdem kräftig, mit extrem gepflegten Fingernägeln. Das Öl hält sie so weich. Gut, ne? Trotz des häufigen Waschens, müsst Ihr mal ausprobieren. Öl, Öl ist top. Und tagsüber bin ich vorsichtig mit der Bürste. Rote Hände mögen die Leute nicht.

Könnte ich nicht vielleicht doch meine Seife …?
Dann nicht. Wo war ich? Ach ja, meine Hände. Ich trage keinen Ring, auch wichtig, es sind ungebundene Hände. Mein Kapital, kann man sagen. Wenn ich einen an der Angel habe, setze sie regelrecht in Szene. Ich gestikuliere dann betont sparsam aber sehr eindrücklich. Irgendwann taucht in den Augen fast Aller ein Funkeln auf. Dann weiß ich, ich habe sie bald auf der Liege.
Wenn einer fragt, welche Ausbildung man dafür braucht, erzähle ich die Geschichte von meiner Zeit in dem Schweizer Dorf, die Vincent und ich uns ausgedacht haben. Grundgütiger Himmel, was haben wir uns für einen Kopf gemacht. Hat aber auch Spaß gemacht. Ist gar nicht so leicht, eine Geschichte zu erfinden, die funktioniert. Man darf‘s nicht übertreiben, sie muss irgendwie abgedreht und trotzdem glaubwürdig sein. Die Leute sollen sich ja darin wiederfinden und nicht wie durchgeknallte Deppen vorkommen, wenn sie jemand davon erzählen.
Völlig verzweifelt und am Ende hätte ich von einer alten Bäuerin gehört, die ihre Nachbarn von allen möglichen Schmerzen befreite, einzig durch Berührungen. Zufällig, auf einer Zugreise von Basel nach Luzern. Fünf Jahre sei ich von ihr unterrichtet worden. Dann haben wir noch ein bisschen Chichi über Körpertraumata, Berührungsrelevanz und ein paar begeisterte Patientenstimmen erfunden.Bla bla halt. Die Leute glauben den größten Mist.

Anfangs „überwies“ Vincent Patienten an mich, bei denen er mit seinen Möglichkeiten angeblich nicht weiterkam. Meist Frauen, weil die über so was beim Kaffee reden. Und Mundpropaganda ist immer noch die beste Werbung, könnt Ihr mir glauben. Zuerst waren die Behandlungen einstündig, manchmal sogar etwas länger. Hat sich aber gelohnt, der Aufwand, seit dem zweiten Jahr habe ich pro Tag sieben, manchmal neun Patienten. Bis heute. Immerhin schon sechs Jahre. Und wenn ich wollte, könnte ich am Wochenende durcharbeiten, so groß ist die Nachfrage.
Es sind übrigens nicht nur die Hässlichen, die, die keiner anfassen will, weil sie zu mager, zu fett, zu alt oder zu krank sind. Ihr würdet Euch wundern, wie viele von ihnen gutaussehend, wenn nicht sogar schön sind. Hat ein bisschen gedauert, bevor ich begriffen habe, warum sie kommen. Sie wollen berührt werden, ohne Trophäe zu sein, sind es leid Objekt zu sein, Statussymbol. Trotzdem gehen sie ganz selbstverständlich davon aus, dass sie quasi unwiderstehlich sind. Man spürt es an der Hemmung,sich meinen Händen zu überlassen. Sie fürchten die Laszivität der Entspannung regelrecht. Ja, ihr braucht gar nicht so zu gucken, ist so.
Einige kommen seit Jahren regelmäßig, andere kommen nach dem ersten Mal nicht wieder, weil sie mit der Intimität nicht umgehen können, sich schämen. Manchmal hilft es, wenn ich dann Vincent hinzuziehe, mit ihm ein angeblich physisches Problem in ihrer Anwesenheit erörtere und er ein paar Tipps für Entspannungsübungen oder Ähnliches gibt. Wir sind ein echt gutes Team. Er wird sich fragen, wo ich bleibe.

Die Männer? Das sind entweder Nerds, die auf alternative Medizin stehen oder vom Leben Benachteiligte. Also, nicht finanziell, versteht sich. Die Stunden bei mir sind schließlich teuer. Wer Erfolg haben will, darf sich nicht für kleines Geld verkaufen. Ne, die sind, ich sag mal, emotional gehemmt, so Gefangene ihres Leistungsanspruchs, leben allein oder in völlig öden Partnerschaften. Die würden nie jemandem erzählen, dass sie zu mir kommen. Ohne die Fensteraufschrift Physiotherapie würden die keinen Fuß über meine Schwelle setzen.
Schon witzig, eigentlich tue ich nichts, was nicht jeder halbwegs aufmerksame Partner auch tun könnte. Wobei meine Berührungen nicht liebevoll oder verführerisch sind, dass das klar ist. Ich arbeite ausschließlich mit der flachen Hand und dem Unterarm. Meine Berührungen sind sanft aber entschieden, forschend. Ich merke sofort, wenn ich eine Stelle erreiche, die selten oder nie berührt wurde. Der Körper erschrickt vor dem Unbekannten, man sieht es ganz deutlich, so ein Zucken, das von dem Punkt durch den Körper läuft und irgendwo in eine unwillkürliche Bewegung mündet. Ich vermute dann ein „Trauma“, frage nach Verletzungen, Stürzen, erfinde eine Verbindung zu einer anderen Körperregion. Und dann bleibe ich dran. Bis ich merke, dass sie Becken und Nacken loslassen. Becken und Nacken muss man immer im Blick haben. Wenn die nicht locker sind, hat man denjenigen noch nicht in der Tasche. Ja, Becken und Nacken.
Irgendwann beginnen sie zu reden. Alle. Ab dann ist es völlig egal, was ich mache, ob ich antworte oder nix sage, langsamer, schneller oder intensiver zur Sache gehe. Hauptsache ich verlasse den professionellen Rahmen nicht und enthalte mich jeder Bewertung. Absolut jeder. Wenn sie sich bemitleidet oder abgelehnt fühlen, kommen sie nämlich nicht wieder. Aus die Maus. Ja, so ist das.
Am schwierigsten sind die mit Hautschäden. Nicht weil ich mich ekele. Ekel kenn ich im Grunde nicht. Ihre … Dankbarkeit ist das Problem.Die füllt einem nicht nur die Hände, die kriecht einem förmlich die Arme rauf. Belagert einen regelrecht. Viele sind seit Ewigkeiten nicht berührt worden, fangen oft an zu Heulen dabei. Wofür sie sich schämen. … Was es noch schlimmer macht. … Nach denen schrubbe ich besonders gründlich. Selbst auf das Risiko hin, den Nächsten mit roten Händen empfangen zu müssen.

Zuhause? Zuhause erwartet mich seit langem keiner mehr. Der Letzte ist gegangen, weil es ihm an Nähe mangelte. Wie so vielen vor ihm.
»Das ist doch krank!«, hat er mir im Weggehen an den Kopf geworfen. »Tagsüber immer einfühlsam und abends völlig emotionslos ficken! Nur niemanden an sich ranlassen!«
Ich hab ihn gehen lassen, bin unter die Dusche und hab mir den Tag von der Haut und aus den Händen gewaschen. Ich lass die Hände immer lufttrocknen, fasse nichts mehr an, bevor ich ins Bett gehe. Am nächsten Morgen bin ich dann wie gewohnt zur Arbeit. Was soll’s auch?
An den Wochenenden gehe ich aus, erzähle von meinem Beruf, sehe die stets gleichen Reaktionen,die Begehrlichkeit, die sich mindestens für einen One-Night-Stand ausnutzen ließe. Wenn ich daran interessiert wäre. Vielleicht sogar ein Anfang von mehr sein könnte. Doch seit dem Letzten bevorzuge ich Sex gegen Bezahlung, Profis, die sich hinterher ebenfalls alles von der Haut waschen.

Ob mir etwas fehlt? Nein, mir fehlt nichts. Was soll mir fehlen? Ich will meine Ruhe, das ist alles. Wieso muss einem denn was fehlen, nur weil man seine Ruhe haben will? Nähe, wenn ich das schon höre! Könnt Ihr doch heute alles kaufen. Guckt Euch doch diese ganzen verkorksten Beziehungen an. Hat doch keiner mehr Lust, sich wirklich um jemanden zu kümmern. Die kommen zu so Leuten wie mir, legen ein paar Scheine auf den Tisch und meinen, damit hätten sie genug geleistet. Und ich, ich darf mich dann um sie kümmern und mir dabei ihr Gejammer anhören. Denn natürlich sind immer die Anderen Schuld, sind beziehungsunfähig, kalt, berechnend, egoistisch, stellen Ansprüche. Wie praktisch, dass man sich heute selbst Zuwendung kaufen kann. Ist ja auch völlig ok., ich leb schließlich davon. Nicht schlecht sogar.
Aber wenn ich mir einen Stricher gönne, dann muss ich mich fragen lassen, ob mir was fehlt. Nein, verdammt, mir fehlt nichts! Ich bin professionell, das ist alles. Warum soll ich mich mit Laien abgeben?

Warum ich ihn dann umgebracht habe?
Weil er angefangen hat, mir die Ohren vollzujammern, anstatt seinen Job zu machen. Von einem Profi kann ich erwarten, dass er tut, wofür man ihn bezahlt. Wenn ich so arbeiten würde, käme bald niemand mehr. Muss er halt mit den Konsequenzen leben.
Kann ich nicht doch meine Seife? Oder wenigstens die Bürste?

Geschichten wollen gelesen werden. Ich freue mich sehr, wenn Ihr dazu beitragt und sie weiterempfehlt und teilt!
Eine eventuelle kommerzielle Nutzung unterliegt selbstredend dem Urheberrecht und muss mit mir abgestimmt werden.

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, September 2019

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