corners of my mind IV

It’s all come back too clearly
Yes, I loved you dearly
And if you’re offering me diamonds and rust
I’ve already paid

diamonds and rust, Joan Baez

 

Es geht weiter mit Simone und Gerhard. Wie versprochen erfahrt Ihr diesmal, wie es kommt, dass Simone sich so monologisch mit ihren Erinnerungen an die, offensichtlich schon eine ganze Zeit zurückliegende, Beziehung beschäftigt. Kurz, Ihr lernt den Ausgangspunkt der Gesamterzählung kennen.

Gott, wie soll ich das hier nur beginnen? Mit Hallo, als sei es das Normalste der Welt, wieder mit dir zu sprechen, geht wohl kaum. Deine Kinder haben mich darum gebeten. Mich. Ich habe lange überlegt, wie ich mit ihrer Bitte umgehen soll. Eigentlich wollten sie, dass ich dich besuche, mich an dein Bett setze und mir dir rede. Einfach so, als sei nichts gewesen. Auf meine Frage, wie ich das hinbekommen soll, haben sie nur in ihre Kaffeetassen gestarrt. Stellen sie sich vor, ich könnte die nette alte Bekannte geben, nach allem, was war? Erzählen, was ich heute so treibe, wie gut es mir geht, wie der Laden läuft? Mir hatte es ebenfalls die Sprache verschlagen. So saßen wir da und schwiegen uns an. Minutenlang. Ich habe mich gefragt, ob sie auch nur ansatzweise ahnen, was sie da von mir erwarten, wie viel Angst mir schon der bloße Gedanke macht. Irgendwann tauchte in der Stille ein Bild in mir auf: du, lesend in meinem alten Sessel, mit Lesebrille und der Falte zwischen den Brauen, die immer dann auftauchte, wenn dir eine Stelle nicht gefiel.  Es war so … so real, so, als müsste ich mich nur umdrehen und zum Sessel gucken, so, als sei es nicht schon Jahre her.

Ich musste mich bewegen, bin aufgestanden und habe ein paar Sachen in der Küche hin und hergeräumt. Sie ist nicht groß, wie du dir vielleicht denken kannst. Die ganze Wohnung nicht. Es gab ja wenig, was nach meinem Auszug untergebracht werden musste. Bis heute habe ich mir vieles nicht wieder angeschafft, selbst wenn ich es früher für wichtig hielt. Ich wohne ohne Bilder, kannst du dir das vorstellen? Nur ein paar Kunstpostkarten kleben an den Wänden. Vier, um genau zu sein. Bücher gibt es auch nicht viele. Was ich lesen will, nehme ich aus dem Laden und horte es nicht mehr in eigenen Regalen. Die Wenigen stapeln sich an den Wänden zu unordentlichen Türmen, die dir nicht gefallen würden. Dorothe sagt immer, meine Wohnung würde wirken, als wolle ich mich nicht niederlassen. Das stimmt nicht, ich mag meine Wohnung, komme gern abends heim. Gerade weil sie so leer und improvisiert ist. Sie lässt mir … Raum, für mich. Ja, ich glaube das ist es. Es ist mein Raum. Soll ich den nun ausgerechnet wieder mit dir teilen, wenn auch nur in Gedanken? Ich fürchte, ich werde dich nicht so leicht wieder los, wenn ich das tue, wenn ich dich so quasi wieder in mein Leben lasse. Sei es auch nur, indem ich mich in Gedanken mit dir unterhalte. So wie früher, wenn du bei deiner Familie gewesen bist. Unerreichbar für mich. Stunden, ach was, Tage, habe ich so zugebracht, musste mich oft regelrecht zwingen, irgendwas zu tun. Und du? Willst du das überhaupt, bist du nicht auch froh, Ruhe zu haben?

»Was«, habe ich die beiden gefragt, »wenn er mich tatsächlich hört? Und erkennt. Glaubt ihr, er will gerade mich hören? Vielleicht macht das die Sache nur schlimmer.«
Johannes hat von seinem Kaffee aufgesehen und gesagt, dass negative Auswirkungen in solchen Fällen wohl extrem unwahrscheinlich wären.
»Unwahrscheinlich oder unmöglich?“, habe ich gefragt. Er wich mir aus und schon wieder sah ich dich. Er hat so viel Ähnlichkeit mit dir, das ist mir früher gar nicht so aufgefallen. Aber jetzt, wie er da saß, der gleiche zur Seite gehende Blick, die gleiche Art, Daumen und Ringfinger aneinander zu reiben.
Die Ärzte, hat er nach einer Weile endlich geantwortet, würden sagen, das Risiko sei mehr als gering. Und außerdem wäre jede Reaktion ein möglicher Schritt zum Aufwachen. Ich könnte mir sicher vorstellen, dass sie sonst nicht gekommen wären. Oder, hat er dann noch nachgeschoben, wenn sie die alten Aufnahmen mit den Lesungen gefunden hätten, um sie dir vorspielen zu können. Die Lesungen. Wie lange ist das alles schon her? Es kommt mir so unwirklich vor. Damals dachte ich, ich würde das machen, bis wir alt sind und du nicht mehr ohne mich auf Geschäftsreisen gehst. Wann hast du ihnen davon erzählt? Sicher nicht während unserer Zeit.

Sarah begann zu weinen, Johannes reichte ihr ein Taschentuch und streichelte ihr den Arm. Die Geste hat mich berührt. Sie sahen so jung aus, so hilflos. Komisch, ich habe mich immer älter gefühlt als sie.
Deine Kinder würden alles für dich tun, Gerhard. Selbst mich um Hilfe bitte, wie du siehst. Das ist ihnen sicher nicht leichtgefallen. So wenig wie mir, jetzt hier vor dem Mikrofon zu sitzen. Ist es wirklich drei Jahre her? Bis sie vor meiner Tür standen, hab ich geglaubt, ich hätte es geschafft, wäre endlich über dich, über uns hinweg. Doch allein ihr Anblick brachte mein Herz zum rasen. Und dann die Frage, ob ich helfen würde, dich besuchen, mit dir reden könnte. Sie verlangen viel. Zu viel. Ich kann das nicht, Gerhard, ich kann mich nicht neben dich setzten und auf dich einsprechen als sei nichts gewesen. Kann dich nicht mit belanglosem Zeug unterhalten, deine regungslosen Züge betrachten, deine Hände auf der Bettdecke liegen sehen. Unbeweglich. Ausgerechnet die Hände, unter denen ich mich oft so schön gefühlt habe.

Ich glaube, das letzte Mal habe ich das Mikro benutzt, als du nach Budapest gefahren bist, oder? Ich wäre so gern mitgekommen, wollte mit dir abends über die Kettenbrücke und hinauf zum Burgplatz schlendern. Als Kind hatte ich mit meinem Vater dort Fangen gespielt. Aber dann musste ich ja Dorothe in der Buchhandlung vertreten, weil sie sich das Bein gebrochen hatte. Meine Wahl war auf einen ungarischen Autor gefallen. Du mochtest ihn nicht. Wobei ich glaube, dass du nur sauer warst, weil die Ungarn nicht auf deine Bedingungen eingegangen waren und nun alle Ungarn bei dir unten durch waren. Ich fand ihn gut. Echt gut.

Sarah hatte aufgehört zu weinen und war aufgestanden. Sie erwartete eine Antwort. Ich hab mich umgedreht, entschlossen, ihre Bitte abzulehnen. Doch dann sagte sie etwas, das es mir unmöglich gemacht hat, nein zu sagen.
»Er hat uns erzählt, wie gern er deine Stimme gehört hat. Und wie sehr er sie vermisst.«
Du vermisst meine Stimme? Hast aus gerechnet ihnen davon erzählt? Weißt du, wie oft ich mir früher so etwas gewünscht habe? Als sie kurz darauf gingen, versprach ich mir zu überlegen, was ich tun kann. Ich wäre mir vorgekommen wie ein Schuft, wenn ich mich geweigert hätte, nur weil ich Angst um mein Seelenheil habe. Ihnen und noch viel mehr dir gegenüber.

Tja, da bin ich also. Nicht an deinem Bett, aber immerhin als Stimme in deinem Ohr. Ich finde, ich habe schon viel erzählt, du könntest dich revanchieren und auch was sagen. Glaub nicht, es sei einfach hier zu sitzen und kein Gegenüber zu haben. Was erzählen denn die anderen so, wenn sie bei dir sind? Es sind ja wohl einige, die sich an deiner Seite abwechseln. Sei ehrlich, sie langweilen dich. Oder freust du dich neuerdings, wenn Ruth dir von ihren Erlebnissen auf der letzten Kreuzfahrt erzählt? Dem herrlichen Kapitänsdinner, den freundlichen Stewards, der exklusiven Gesellschaft. Liest sie dir aus Klatschblättern vor? Zutrauen würde ich es ihr.
Erzählt man dir wie es dir geht? Bis auf die Tatsache, dass du nicht bei Bewusstsein bist, geht es dem Körper angeblich so gut, wie es ihm unter den Umständen gehen kann. Im Grunde stehen die Zeichen für ein Aufwachen nicht schlecht, sagen die Ärzte. Ab und zu zeigst du wohl minimale Reaktionen, auf Berührungen, vertraute Stimmen. So kamen deine Kinder auf mich, ihre Mutter kann ja leider nicht mehr mit dir sprechen. Du hörst mich nachts, weil ich darum gebeten habe, von niemandem außer dir gehört zu werden. Wenn, dann möchte ich allein sein mit dir und unseren Erinnerungen. Sie taugen nicht für andere Ohren. Außerdem habe ich keine Ahnung, wo sie mich hinführen werden. Ich fürchte, sie werden sich nicht steuern lassen. Was soll ich tun, wenn sie unsere Tiefpunkte ansteuern? Was, wenn ich zornig werde, wenn selbst drei Jahre Abstand nicht reichen, um ohne Vorwürfe mit dir zu reden? Und was mache ich, wenn sich intime Erinnerungen melden? Kann man einem Komapatienten so was erzählen? Kann man ihn mit Vorwürfen konfrontieren, sich mit ihm streiten? Das entspricht sicher nicht der Vorstellung, die deine Kinder von dieser Aktion haben. Ich hab keine Ahnung, was ich tun werde, wenn es so kommt.
Ich merke ja jetzt schon, dass ich kaum Einfluss auf meine Gedanken habe. Dabei war ich wirklich fest davon überzeugt, dich hinter mir gelassen zu haben. Wie leicht man sich doch täuscht.

Komm, lass uns einen Moment schweigen und den Geräuschen der Nacht lauschen. Weißt du noch, das haben wir früher gern getan und uns erzählt oder geschrieben, was wir zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten gehört und gesehen haben.
Wie klingt deine Nacht? Meine ist erstaunlich leise dafür, dass ich mitten in der Stadt wohne. Du hast keine Ahnung wo ich wohne, oder? Ich bin zurück in mein altes Viertel gezogen, gar nicht weit weg von meiner ersten Wohnung. Es tat mir gut nach der Trennung wieder hier zu sein. Irgendwo draußen im Grünen wäre ich verrückt geworden. Anfangs habe ich überlegt, mir einen Hund zuzulegen, Flaubert fehlte mir mit seinen bernsteinfarbenen Augen und dem Schnauzbart. Aber das hier ist keine Umgebung für einen Kerl wie ihn. Er wird dich vermissen, hast du daran mal gedacht. Schon mit deinen Geschäftsreisen hatte er ein Problem, schlich wie ein Schatten durchs Haus bis du wieder zurück warst.
Gegenüber hört jemand bei offenem Fenster Musik. Nicht laut, die Töne schweben nur gerade eben zu mir herein.
Mir fällt unser erstes Abendessen ein. Ich hatte dir bestellte Bücher ins Büro gebracht, weil du sie verschenken wolltest und keine Zeit hattest, sie rechtzeitig abzuholen. Meine Güte, war ich aufgeregt. Und neugierig. Ich kannte dich ja nur als Kunden und aus dem, was Dorothe mir über dich erzählt hatte.

Es ist spät. Draußen klappern Eisenstangen gegeneinander, unten werden schon die ersten Flohmarktstände aufgebaut. Morgen ist hier Straßenfest. Nichts für dich. Trödel und Menschenmassen waren nie Deins. Ich schätze, das hat sich nicht geändert. Eigentlich war es leichter als gedacht, zu dir zu sprechen. Irgendwie war es sogar schön. Ich hoffe, es geht dir beim Hören ebenso. Solltest Du aufwachen, kannst du mir gern eine Mail schicken. So wie damals, nach unserem ersten Abend. Die erste von vielen. Ich habe sie gefühlte fünfhundert Mal gelesen. Völlig verblüfft, dass ein so förmlicher Mann so eine Mail schreiben konnte. Sie hat mir total geschmeichelt.
Ich denke, es reicht. Für heute mache ich Schluss, morgen entscheide ich dann, ob ich weitermache oder ob es bei dieser einen Nachricht bleibt. Um meine Stimme zu hören langt das hier ja.

Ich … mach’s gut Gerhard.

Mehr über Simone gibt es hier
corners of my mind I
corners of my mind II
corners of my mind III
Vor dem Regen

Mehr über Gerhard gibt es hier

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Juli 2019

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