Wie es begann – Corners of my mind III

am

Jemanden vergessen wollen heißt an ihn denken.
Jean de La Bruyère (1645-1696)

Habe ich eigentlich schon verraten, dass die Frau, die ich nun schon zum dritten Mal mit ihren Erinnerungen konfrontiere Simone heißt? Im Grunde sogar schon zum vierten Mal, denn auch „Vor dem Regen“ handelt von Simone und Gerhard, den Ihr ebenfalls schon aus einem Text kennen könntet.  Im Laufe der Jahre habe ich einige Episoden über die beiden verfasst, die zwar einer Idee folgen, aber noch lange kein Gesamtwerk sind. Aktuell beschäftigt mich diese Idee wieder vermehrt, weswegen es vermutlich noch die ein oder andere Geschichte unter dem Arbeitstitel „Corners of my mind“ geben wird.

Diesmal erinnert sich Simone daran, wie sie anfing, diese Liebe, die sie für lange Zeit so unbedingt vergessen wollte. Im nächsten Monat erzähle ich dann, wie es dazu kam, dass sie den Erinnerungen nicht mehr ausweichen kann. Auch das ein Anfang, wenngleich ganz anderer Art.

Jetzt geht es um das, was gern mit Schmetterlinge im Bauch beschrieben wird. Und so ganz nebenbei erfahrt Ihr dabei auch wieder ein kleines bisschen mehr über und aus Simones Leben.

Mehr über Simone gibt es hier:
corners of my mind I
corners of my mind II

Immer wieder habe ich mich gefragt, wann es begonnen hat. Es war ja nicht so, dass ich dich gesehen habe und zack, war es um mich geschehen. Ehrlich gesagt, bist du mir zunächst gar nicht besonders aufgefallen. Obwohl ich natürlich wusste wer du warst,  schließlich warst du ein Stammkunde. Einer von denen, für den es ein Briefing gab. „Er ist Unternehmer, sehr belesen und kultiviert.“ Das ultimative Lob aus Dorothes Mund.
„Er hat es nicht leicht, musst Du wissen“, erzählte sie nach einem deiner Besuche. „Die Firma und dann die kranke Frau. Er kümmert sich rührend um sie. Traurig, traurig, so eine schöne Frau.“
Es war mir ein Rätsel, woher sie das wissen konnte. Du kamst immer allein in die Buchhandlung. Ich hatte dich auch noch nie mit ihr über Persönliches reden hören. Ihre Quelle, erfuhr ich, war Frau Severin, eure Nachbarin. Ebenfalls eine gute Kundin. Und Klatschtante erste Güte. Sie hatte Dorothe auch erzählt, dass es früher sehr lebhaft in eurem Haus zugegangen sein muss und man seit der Erkrankung deiner Frau kaum noch Gäste sah. Für sie, deine Frau, seien die Krimis, du würdest so was nicht lesen, wurde ich noch informiert, bevor sie mich zum Aufräumen in die Leseecke schickte.

Das stimmte, mit Krimis brauchte man dir nicht kommen. Überhaupt warst du sehr wählerisch. Die Stapel, die du zur Auswahl mit in die Leseecke genommen hast, waren immer beeindruckend hoch. Es dauerte, bis du dich für zwei oder drei von ihnen entschieden hattest. Ein, zwei Kaffee dazu waren nicht ungewöhnlich. Ich habe dich gern dabei beobachtet, es wirkte so entspannt. Entspannt und gleichzeitig sehr ernsthaft. So wertschätzend. Über solche Leser freuen sich Autoren, habe ich oft gedacht. Wenn ich nur die übriggebliebenen Bücher nicht wieder in die Regale hätte räumen müssen! Aufräumen war nun mal mein Job. Weil man dabei so viel lernt, wie Dorothe nicht müde wurde zu behaupten. Anfangs tat ich das sogar ganz gern, es hatte eine irgendwie beruhigende Wirkung. Ich vermute, Dorothe wusste das. Sie mag klatschsüchtig sein, aber sie ist auch sehr einfühlsam. Für mich war sie die Rettung. Ich weiß nicht, was ich nach dem Tod meiner Eltern ohne sie gemacht hätte. In den letzten Jahren hat sie echt abgebaut, du würdest sie kaum wiedererkennen. Ihr Herz macht ihr zu schaffen. Darum hat sie mir die Buchhandlung mittlerweile fast vollständig übertragen. Sie schafft es nicht mehr ganze Tage im Laden zu sein. Es kann sogar vorkommen, dass sie ein oder zwei Wochen gar nicht arbeitet. Kannst du dir das vorstellen? Wo sie den Laden und ihre Kunden doch so liebt. Ich vermisse ihre Fröhlichkeit und ihr „Liebes, wir müssen was tun“, sobald Kundschaft den Laden betritt.

Wo hast du deine Bücher gekauft, nachdem unser Laden keine Option mehr war? Angeblich gefielen dir die anderen Buchhandlungen doch alle nicht. Schon gar nicht die großen, denen du immer unterstellt hast, sie würden nur Mainstream verkaufen. Was nicht ganz fair ist. Aber nun ja. Meinst du, mir würde einfallen über welches Buch wir zum ersten Mal ins Gespräch gekommen sind. Ich hatte es gelesen und habe so davon geschwärmt, dass du es ungeprüft mitgenommen hast. Eine Woche darauf kamst du wieder und wolltest eine neue Empfehlung. Von mir, nicht von Dorothe. Ich bin fast geplatzt vor Stolz. Unerfahren, wie ich war, habe ich dir vorgeschlagen, was mir gefiel, ohne dich nach deinen Vorlieben zu fragen. Dorothe hat mir im Anschluss ganz schön die Leviten gelesen.
„Du musst dich mehr auf die Kunden einstellen, es geht nicht um deinen Geschmack. Wenn sie zweimal ein Buch empfohlen bekommen, mit dem sie nichts anfangen können, gehen sie woanders hin.“
Dir schienen meine Empfehlungen zu gefallen, egal, wie abgedreht sie waren. O.k., dass über die 68er nicht, das hab selbst ich gemerkt. Deine Nachfragen schmeichelten mir, weißt du? Ich kam mir sehr kompetent vor. Besonders, als ich dir einmal ein paar Sätze aus einem Buch vorgelesen habe und du mich dabei so konzentriert angeschaut hast. Hat es da angefangen? Möglich. Ich erinnere mich jedenfalls heute noch an diesen Moment. Ab da markierte ich mir beim Lesen Stellen, um sie dir bei Gelegenheit vorzulesen. Ich übte sie regelrecht. Grundgütiger! Das habe ich bis heute niemandem erzählt. Peinlich, sich so ins Zeug zu schmeißen. Dabei warst du gar nicht mein Typ. Dieser Haarschnitt allein. Und dann dieser Lodenmantel. Der hätte meinem Großvater gestanden, wenn ich denn noch einen gehabt hätte. Aber trotzdem war da was an dir. Ich weiß noch, als du einmal, von einem Regenschauer überrascht, vor mir aufgetaucht bist. Ich hatte dich nicht kommen sehen und bin bei deinem Hallo erschrocken zusammengezuckt. Du hast dich lächelnd entschuldigt und bist dir dabei verlegen mit der Hand durch die nassen Haare gefahren. Die Geste hatte etwas unglaublich Jungenhaftes. Du hast mindestens zehn Jahre jünger ausgesehen als sonst. Ich weiß noch, dass ich „wie charmant“ dachte. Wörtlich. Und es gleichzeitig schräg fand. Charmant waren alternde Schauspielerinnen. Oder George Clooney. Ich glaube, ich wurde ein wenig rot.

In meinen Gedanken hast du mehr und mehr Raum eingenommen. Ich rechnete mir aus, wann du neue Bücher brauchen würdest, fragte mich, wie du lebst und versuchte möglichst unauffällig mehr über dich herauszubekommen. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich mehr als nur interessiert an dir war. Hatte ich mich etwa verliebt? Ich? In einen so viel älteren Mann? Älter als mein Vater es war? Gewesen wäre, es gab ihn ja leider nicht mehr. Noch dazu einen verheirateten Mann, mit Kindern in meinem Alter. Um was? Um als Geliebte zu enden? Im Leben nicht! Trotzdem schlug mein Herz schneller, wenn du in den Laden kamst. Um die Augen dieses Regenlächeln, das ich später so vermisst habe.

Dorothe fand, unser Interesse aneinander ginge über das normale Buchhändler-Kunde-Verhältnis eindeutig hinaus. Sie hat mich vor dir gewarnt, habe ich dir das je erzählt? Mehrfach sogar.
„Liebes, nimm dich in Acht, der Mann ist nicht ohne!“
So gern, wie ich sonst ihr Liebes war, in diesem Fall ärgerte ich mich. Ich habe sie ausgelacht und versucht mein Interesse an dir vor ihr zu verbergen. Mit nur mäßigem Erfolg. Heute muss ich zugeben, dass sie sehr viel … hellsichtiger war als ich.

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Juli 2019

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Dumsch, Markus (Allianz Deutschland) sagt:

    Sehr schön, mein Lieb!

    Markus

    Liken

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