Das Mädchen mit der Anemone

Diesmal gibt es etwas, das ich noch nie zuvor versucht habe: Eine historische Geschichte.     Für mich war das eine echte Übung, bei der  – hoffentlich – für Euch eine unterhaltsame Geschichte rausgekommen ist. Recherche (ja, nicht alles ist frei erfunden) und Schreiben haben mir echt Spaß gemacht, auch wenn ich sicher nie ein größeres historisches Projekt in Angriff nehmen werde. Doch mehr dazu im Nachgang zur Geschichte, wo ich auch ein wenig Hintergrundwissen preisgebe. Jetzt möchte ich Euch erst einmal einladen, mir ins 16. Jahrhundert zu folgen.

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Die Pelzdecke bis unters Kinn gezogen fror es ihn erbärmlich. Sein Kopf schmerzte und auf der Stirn stand ihm der Schweiß. Sollte etwa der Tod die Hand nach ihm ausstrecken? Er tastete unter der Decke nach dem Geschwür in der Achsel und stöhnte. Es war schon wieder größer geworden, beinahe faustgroß. Sein Blick wanderte zur Staffelei, auf der das mit Leintuch verhängte Bild stand. Er kannte es gut genug um zu wissen, wie dumpf das graue Morgenlicht die von ihm so meisterlich eingefangene, zarte Haut machte. Ganz anders die Mittagssonne. Dann erstrahlte die Haut auf Wangen, Hals und Dekolleté, so durchscheinend, dass man die feinen Adern unter ihr zu erkennen meinte. Diese Haut. Selbst bei dem Bildnis der Anna von Kleve war sie ihm nicht so gelungen. Dabei hatte er sich so viel Mühe gegeben, hatte eine regelrecht liebreizende Version von ihr geschaffen. Ein Seufzer entfuhr ihm. Hätte er sie doch nur so gemalt, wie sie tatsächlich aussah, dann wäre er nicht mehr nur dem Namen nach Hofmaler.

Vor der Kammer waren leichtfüßige Schritte zu vernehmen. Der Junge. Kümmerte sich jetzt endlich jemand ums Feuer? Er würde hier noch erfrieren. Doch die Schritte gingen vorbei. Der Balg wurde von seiner Mutter viel zu sehr verwöhnt. So war es von Anfang an gewesen, zu lange hatte sie auf das Mutterglück warten müssen. Andere Weiber als seines wurden rund, wenn man ihnen nur ein einziges Mal beiwohnte. Wieder wanderte sein Blick zu dem Bild.

Die Pforte ließ sich nur schwer öffnen. Gott machte es den Menschen wahrlich nicht leicht, den Weg zu ihm zu finden. Ein kalter Wind trieb dunkle Wolken vor sich her und türmte sie zu riesigen Himmelsburgen auf. Sie zog das wollene Schultertuch fester und schritt eilig am Chor entlang zur Ostseite der Kirche. Den Blick zu Boden gerichtet, um von den Heiligen nicht erkannt zu werden, die vom Sims auf sie hinabsahen. Sie wussten es, da war sie sicher. Obwohl sie keinem gebeichtet hatte, dass der Glauben sie verlassen hatte. Dem Pfarrer schon gar nicht, dessen ranziger Atem den Beichtstuhl durchzog wie der Gestank der Gerberbrühe die Straßen. Nicht einmal die Köchin, die sich ihrer damals angenommen hatte, wusste es. Nur manchmal betet sie noch zur heiligen Virginia, vorsichtshalber, man konnte nie wissen. Auf der Ostseite angekommen verlangsamte sie den Schritt. Sie hatte sich angewöhnt, jedem der kleinen Kreuze im Vorbeigehen zuzunicken. Wie viele es waren. Wie nur konnte ein gnädiger Gott so viele Bälger zu sich holen, ohne sie zuvor in den Schoß der Kirche aufzunehmen? Ja, es war nicht recht gewesen, was der Meister und sie getan hatten. Doch was konnte das Balg dafür? Und was hätte sie tun sollen, immer wieder hatte die Herrin sie zu ihm geschickt. Hatte ihr aufgetragen absolut alles zu tun, was er von ihr verlangte.

Wie er sie angestarrt hatte, sie ins Licht gerückt, den Kopf nach links und rechts gedreht, die Haube gerichtet und sie gescholten, wenn sie sich auch nur einen Zoll zur Seite bewegte. Sie hatte kaum zu atmen gewagt. Ihr Kreuz hatte geschmerzt, mehr als vom Tragen eines ganzen Klafter Holz.

Am neunten Grab blieb sie stehen. Es sah aus wie jedes andere hier unter der Traufe. Doch eine einzelne Blume wuchs aus dem Gras empor. Heimlich hatte sie sie im Wald ausgegraben und hierher verpflanzt. Tiefblau leuchtet sie über dem Grün, in der Mitte ein fast schwarzes Auge. So wie die, die er damals in ihren Schoß gelegt hatte. Schau mich an, hatte er von der Staffelei her befohlen und immer wieder von der Blume zu ihrem Gesicht gesehen. Ja, das ist es, hatte er gemurmelt und zum Pinsel gegriffen. Lang, länger als je zuvor, hatte er gemalt, erst als das Licht schwand, durfte sie sich rühren. Stöhnend hatte sie den Rücken gestreckt und war taumelnd aufgestanden. Beinahe wäre sie gestürzt, doch ein beherzter Griff von ihm hatte sie bewahrt. Plötzlich war sein Gesicht ganz nah gewesen. So nah, dass sie die einzelnen Haare in seinem krausen Bart hatte erkennen können. Und den dunklen Rand um die schönen grünen Augen, die sie ansahen, als sähe er sie zum ersten Mal.

Nachdem er über sie gekommen war, hatte er ihr einen Lumpen zugeworfen, sich die Beinkleider gerichtet und war wieder an die Staffelei getreten. Die Röcke gerafft, war sie mit zitternden Knien die Stiege hinab in ihre Kammer gelaufen. Beim Nachtmahl hatte die Herrin sie so eigentümlich angesehen, dass es ihr heiß und kalt geworden war. Doch am nächsten Tag war sie wieder hinauf in die Malstube geschickt worden. Den ganzen Lenzing war es so gegangen. Als die Übelkeit sie jeden Morgen im Laufschritt zur Latrine trieb, entschied die Herrin, dass sie ihr wieder als Zofe zur Hand gehen sollte und der Meister sich ein anderes Modell suchen müsste. Im Ernting war die Wölbung ihres Bauches kaum mehr zu verbergen gewesen. Eines Morgens hatte die Herrin ihr mitgeteilt, dass sie mit ihr aufs Land zur Base reisen sollte. Drei Tage später waren sie in die Kutsche gestiegen.

Im Turm wurden die Glocken gebeiert. Sie musste sich eilen, die Kleine war mit der Köchin allein. Nicht, dass sie am Ende noch etwas ausschwatzte. Zwei Mal schon hatte die neue Herrin ihr befohlen das Kind endlich abzustillen. Die kleine Lauskrodd öffnete ihr neuerdings einfach das Mieder und nahm sich, was sie wollte. Sie lächelte. Seit die Hebemutter ihr die Kleine an die Brust gelegt hatte, gab es nichts Schöneres für sie, als dem zufriedenen Schmatzen zu lauschen. Wie hatte sie sich gewehrt und nach ihrem eigenen Wurm gerufen. Einen ganzen Tag und die Nacht hatte die Geburt gedauert. Am Ende hatte sich ein schwarzes Loch aufgetan, aus dem sie erst erwachte, als alles vorbei war. Man hatte ihn ihr nicht einmal gezeigt, völlig verunstaltet sei er gewesen. Eine Strafe Gottes.

„Sei froh, dass der Bankert nicht überlebt hat“, hatte die Hebemutter gesagt. „Als Amme wird es dir gut gehen. Wenn du dich geschickt anstellst, kannst du später auch Trockenamme werden. Oder willst du lieber zurück zu deinem Maler?“ Sie hatte den Kopf zur Wand gedreht und versucht nicht an die grünen Augen zu denken.

So hatte alles seinen Lauf genommen. Als sie das Kindbett verlassen konnte, war die Herrin längst abgereist und hatte sie der Base als Amme überlassen. Vier Sommer lag das nun schon zurück. Sie war froh darum. Das Kind war ihr ans Herz gewachsen, die Herrschaft wohlmeinend und in den Straßen türmte sich nicht fußhoch stinkender Blott. Es war kein schlechtes Leben. In der Stadt, hatte sie gehört, wütete die Pest.

Weg, weg mit euch! Mit matter Hand versuchte er die Dämonen zu vertreiben, die knisternd um das Bett tanzten, wie Flammen ums Holz. Aus sengenden Augen gossen sie Feuer in seine Adern, er verbrannte regelrecht. Das Fenster, er brauchte Luft. Er versuchte den Jungen zu rufen, doch mehr als ein heiseres Röcheln wollte ihm nicht gelingen. Und sie? Warum rührte sie sich nicht, kam nicht zu ihm herüber und bettete sich neben ihn. Kühl und abweisend saß sie da, mit Augen so blau und tief, wie es sie nur einmal auf der Welt gab. Wenn er sie nur berühren könnte, das glühende Haupt an ihre Brust lehnen, dann würde das Feuer in seinem Inneren erlöschen. Sein Mund füllte sich mit ihrem Namen. Bitter lag er ihm auf der Zunge. Gesche, flüsterte er, Gesche! Doch sie blieb stumm, wandte den Kopf zum Fenster und ließ Eisblumen auf den Butzen wachsen. Geifernd züngelten die Feuerteufel ihren Rock hinauf zur Blume in ihrem Schoß, die purpurn aufleuchtete und zu Asche zerfiel. Weiter und weiter fraßen sich die Flammen das Mieder hinauf. Unbeweglich ließ sie es geschehen, wandte nicht einmal den Blick, als sie ihr vom Nacken ins Haar sprangen. Nein, nicht! Nicht sie! Gesche! Er schrie, schrie mit heißem Atem, der alles in Brand setzte. Flammen, nichts als Flammen, ein Meer von Flammen, ein glutroter Derwisch fraß sein Herz und öffnete die Tür, durch die der Junge trat und mit kalter Hand in seine verkohlte Brust griff. Die Augen so blau und tief, dass er darin versank.

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Juni 2019

Nachtrag

Auf der Suche nach einer Person, um die ich eine Geschichte spinnen kann, stolperte ich über Hans Holbein  den Jüngeren (1497-1543). Wobei stolpern vielleicht nicht ganz richtig ist, denn ich war bewusst auf der Suche nach einem Maler. Auch auf die Zeit hatte ich mich in etwa festgelegt. Plus minus 100 Jahre, da darf man nicht pingelig sein. Hans Holbein der Jüngere ist vielleicht dem ein oder anderen bekannt, weil er das Bildnis der Anna von Kleve malte, die eine der Ehefrauen Heinrich des VIII war. Wie damals üblich, wurden die potenziellen Bräute von Malern portraitiert, damit der Bräutigam sich ein Bild machen konnte. Was blieb ihnen auch übrig, Internet und Co gab es schließlich noch nicht. Kurz mal rüber fliegen, um ein Auge zu werfen, war auch nicht drin. Heinrich, seines Zeichens ein echter Holbein Fan, entsandte den einzig möglichen Kandidaten für diesen Job, der sein Bestes gab. Holbeins Bild von Anna überzeugte Heinrich, Anna in echt hingegen nicht. In der Folge fiel Holbein als Hofmaler in Ungnade, wurde aber nicht fristlos entlassen, sondern durfte die Bezeichnung Hofmaler weiterführen, ohne jedoch jemals wieder ein Mitglied des Königshauses portraitieren zu dürfen. Heute würde man sagen: Kaltgestellt. So viel zur Figur des Malers.

Ihm habe ich munter Dinge angedichtet, die mit der Wahrheit relativ wenig zu tun haben. Inspiriert hat mich – der Titel lässt es vermuten – das Mädchen mit dem Perlenohrring von Jan Vermer, sowie die Überlieferung, dass Leonardo das Bildnis der Mona Lisa stets mit sich geführt haben soll. Da die Idee zur Zeit der Anemonenblüte in meinem Garten entstand, lag es nahe, diese wirklich sehr schöne Blume einzubauen. Dies umso mehr, als die mit ihr verbundene Symbolik recht gut zur Story passt. Sie steht, vereinfacht gesagt, für Vergänglichkeit/Flüchtigkeit. Und dann natürlich dieses Blau!!!

Bei der Recherche lernte ich ein paar interessante Dinge, die, ohne explizit genannt zu sein, in den Text einflossen. Zum Beispiel, dass ungetaufte Kinder früher oft unter der Traufe des Kirchendaches beerdigt wurden, damit ihnen so noch Gottes Segen zuteil wurde. Der Maler in meiner Geschichte stirbt an der Pest. Die, auch das lernte ich, innerhalb von 24 Stunden vom Ausbruch zum Tod führen konnte. Hat nicht immer alles länger gedauert damals. Die gern zitierten Beulen entstanden dabei entlang der Lymphbahnen. Gestillt, dies noch zum Schluss, wurden Kinder etwa zwei Jahre lang, danach übernahmen sogenannte Trockenammen die Betreuung, ein Begriff, der mir neu war.

Ob es mir, bei aller Schreibfreude, gelungen ist, eine spannende, oder wenigstens unterhaltsame Geschichte zu schreiben, könnt nur Ihr beurteilen. Sicher könnte man aus dem Plot noch mehr machen, könnte die junge Frau erkennen lassen, dass ihr Kind mitnichten bei der Geburt verstarb, sondern vielmehr von der Frau des Malers als das Ihre ausgegeben und großgezogen wurde. Erkennen würde sie im Verlauf einer längeren Erzählung dann auch, dass die ganze Sache ein abgekartetes Spiel von der Dame war, die selbst kein Kind bekommen konnte. Das zumindest war der Hintergrund, den ich gern transportieren wollte. Ob und in wie weit der Maler informiert war, müsste sich zeigen. Diverse Verstrickungen und Hindernisse bis zum Happy End ebenso. Stoff genug für mehr wäre also da.

Doch mir ist beim Schreiben sehr deutlich geworden, dass ich keine zweite Iny Lorentz werde. Das hat mich nicht wirklich überrascht, aber es ist ja auch schön, wenn die eigene Einschätzung sich bestätigt. Viel mehr als um den historischen Kern ging es mir bei dieser Übung um die Frage, ob ich sie sprachlich und inhaltlich halbwegs überzeugend hinbekomme. Was, wie gesagt, nur Ihr beurteilen könnt. Ich selbst bin mir meines eigenen „Sounds“ mal wieder sehr bewusst geworden, ebenso wie der Tatsache, dass es nicht leicht ist, ihn loszuwerden, wenn man ihn sich einmal draufgeschafft hat. Manche mögen das gut können, mir fällt es extrem schwer.
Gewachsen ist meine Hochachtung vor allen Schreibenden, die dieses Genre in guter Qualität bedienen, auch wenn ich es nicht so gern lese.

Ein Dank geht an die Mitglieder der neolith Schreibwerkstatt für die konstruktive Kritik des unfertigen Entwurfs. Immer wieder hilfreich!

 

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