Wintersonne

Ich weiß noch, dass ich dachte: Dieses Licht ist einzigartig! Ebenso wie die eisige Luft, deren salzige Schärfe im Rachen beißt. Spaziergänge am Nordseestrand haben im Winter einen ganz besonderen Reiz. Von einem solchen Spaziergang brachte ich die Idee zu einer Geschichte mit. Doch irgendwie wollte und wollte sie nicht werden. So lag sie lange unvollendet in der Schublade. Als ich nach einem brauchbaren Text für ein literarisches Gemeinschaftsprojekt mit dem Lyriker Matthias Rürup suchte, fiel sie mir wieder ein. Wir wollten versuchen, Prosa und Lyrik in einem Text so zu vereinen, dass sie einander ergänzen, bzw. wechselseitig beeinflussen. Der eine schreibt etwas, der andere liest es, schreibt weiter, … Das alles ohne Konzept, bzw. Plot, um so frei wie möglich zu bleiben. Es hat, zu unserer großen Freude, erstaunlich gut funktioniert. Zumindest für eine Kurzgeschichte, für eine längere Erzählung braucht es dann doch ein Konzept. Dazu ein anderes Mal mehr. Jetzt entführen wir Euch erst einmal an den Nordseestrand.

 

 

Sie verließ den Windschatten des Dünenwegs und betrat die Holztreppe, auf deren Stufen sie kaum Platz für die Füße fand. Wie schnell sich der Sand bei diesem Wetter freigeräumte Flächen zurückeroberte. Vorsichtshalber griff sie nach dem Handlauf. Nicht gut, hier zu stürzen. Am Fußende der Treppe blieb sie stehen. Dem Wasserstand nach zu urteilen, würde es noch ein oder zwei Stunden dauern, bis die Flut einsetzte. Der Wind hatte in der Nacht gedreht, blies, zum ersten Mal seit Wochen, aus Osten. Es roch nach Schnee. Für die nächsten Tage war Sturm angesagt, doch noch schaffte es die Sonne ab und an, die Wolken zu durchbrechen und alles in ein kaltes Winterlicht zu hüllen.

Spontan entschied sie sich, über den vereinbarten Treffpunkt, das Kurhauscafè, hinauszulaufen und stattdessen mal wieder bis zum „Strandgut“ zu laufen, das sie früher gern angesteuert hatten. Früher, auch so ein Wort, das sich eingeschlichen hatte. Sie schüttelte den Kopf und setzte sich in Bewegung. Also dann, zum Strandgut. Mit dem Wind im Rücken sollte es gehen. Außerdem könnte sie ja immer noch abbrechen, wenn sie sich auf Höhe des Kurhauses bereits müde fühlen sollte.

Außer ihr waren an diesem Morgen kaum Spaziergänger unterwegs, man merkte, dass die Schulferien zu Ende waren.  Zwei Labradore rannten ungestüm ins Wasser und zurück zu ihrer Besitzerin. Sie erinnerte sich an Winston, der stets völlig außer sich vor Freude gewesen war, sobald er am Strand von der Leine gelassen wurde. Ach, Winston. Nach ihm hatten sie keinen anderen Hund angeschafft. Eine gute Entscheidung, ein Jahr später wäre sie nicht mehr in der Lage gewesen, sich hinreichend mit einem Tier zu beschäftigen. Trotzdem hatte es ihr einen Stich versetzt, als Viktor meinte, sie darauf hinweisen zu müssen.

»Siehst du, gut, dass du jetzt keine Verpflichtungen hast.«
Er war es, der sich dem Wunsch nach einem neuen Hund widersetzt hatte. Angeblich, um frei zu sein. Frei wofür, hatte sie sich gefragt, es jedoch nicht ausgesprochen, sondern ihm zugestimmt und so getan, als wüsste sie nicht, dass er nur nicht zugeben konnte, wie sehr er an Winston gehangen hatte. Mit der Zeit hatte sie sich an den Alltag ohne Hund gewöhnt, er hatte auch sein Gutes.

Die Besitzerin der Labradore nickte ihr im Vorbeigehen freundlich zu. Erst im letzten Moment erkannte sie das Gesicht, sie waren sich einmal im Wartezimmer der Radiologie begegnet. Mit den vom kalten Wind geröteten Wangen sah sie gesund und energiegeladen aus. Anders als damals, wo sie ihr nicht nur wegen ihrer extremen Blässe aufgefallen war, sondern auch, weil sie ohne ein Zeichen von Ungeduld darauf wartete, aufgerufen zu werden. Sie selbst hatte sich nur mit Mühe zur Ruhe zwingen können, hatte immer wieder zu einem der ausliegenden Magazine gegriffen und es nach kurzem Durchblättern ungelesen zurückgelegt.

Vor ihr standen einige Möwen in den auflaufenden Wellen und pickten nach Essbarem, ohne Notiz von Spaziergängern zu nehmen. Sie blieb stehen und sah ihnen zu. Zeit, in der sich die Muskulatur ein wenig entspannen konnte. Erst jetzt sah sie, wie weit sie schon gegangen war, bis zum Kurhaus waren es nur noch ein paar Hundert Meter. Sie zog das Handy aus der Tasche, streifte die Handschuhe ab und tippte im Weitergehen eine Nachricht: Laufe bis zum Strandgut und warte dort auf dich. Die Aussicht, es diesmal bis zu ihrem Lieblingscafé zu schaffen, beflügelte ihren Schritt. Wie lange war sie schon nicht mehr so weit gelaufen?

Tun Sie sich was Gutes, hatte der Arzt gesagt. So oft Sie können. Egal was, Hauptsache, Sie fühlen sich wohl dabei. Das ist eine Verordnung, kein Rat. Sie hatte gelächelt und versprochen, sich daran zu halten. Dieser Spaziergang war ein guter Anfang.

Eine halbe Stunde später sah sie die Fahne des Strandguts aus den Dünen auftauchen, die weithin sichtbar anzeigte, dass geöffnet war. Auf die Idee, dass es geschlossen sein könnte war sie gar nicht gekommen. Glück gehabt, der Weg zurück zum Kurhaus wäre dann doch zu viel. Langsam stieg sie die Stufen hinauf, die auch hier halb von Sand bedeckt waren. Oben angekommen überlegte sie einen Moment, ob sie sich auf die Terrasse setzen sollte. Die auf den Bänken ausgelegten Schaffelle, Decken und die eingeschalteten Heizstrahler wirkten ausgesprochen einladend. Nein, sie sollte es nicht übertreiben, der Spaziergang war schon anstrengend genug gewesen, frieren wäre jetzt nicht gut. Und erfahrungsgemäß ließ sich die Kälte nur begrenzt abwehren. Sie öffnete die Tür und betrat den schummerigen Gastraum. Nur wenige Tische waren besetzt, trotzdem hing so viel Feuchtigkeit in der Luft, dass ihre Brille beschlug. Als sie wieder klar sehen konnte, steuerte sie einen Tisch an der Wand an, von denen man die Tür im Blick hatte. So würde sie ihn nicht übersehen und er müsste sie nicht lange suchen.

»Moin.«
Eine Kellnerin legte im Vorbeigehen eine Speisekarte auf den Tisch und verschwand mit einem Stapel Teller hinter dem Tresen, bevor sie antworten konnte, dass sie nur einen Cappuccino wolle. Während sie auf ihre Rückkehr wartete, betraten zwei junge Frauen mit Kinderwagen das Café und brachten einen Schwall kalte Luft mit sich, der die Eingangstür beschlagen ließ. Verwundert stellte sie fest, dass dabei ein mehrzeiliger Schriftzug auftauchte, von dem vorher nichts zu sehen gewesen war. Sie versuchte ihn zu entziffern, wurde aber von der Kellnerin unterbrochen, die nun ihre Bestellung aufnehmen wollte. Sie orderte den Cappuccino, dazu ein Glas Wasser und stellte fest, dass von der Schrift kaum mehr etwas auszumachen war, als sie wieder zur Tür sah. Schade, sie hatte nur vereinzelte Worte erkennen können, die keinen rechten Sinn ergaben.

Eine Gruppe Walkerinnen tauchte auf der Terrasse auf, diskutierte offensichtlich, ob sie drin oder draußen sitzen wollten und entschied sich nach einer kurzen Sitzprobe für drinnen. Wieder beschlug die Scheibe, wieder wurden Wörter sichtbar. Diesmal beugte sie sich extra ein Stück vor, um genauer sehen zu können und konnte tatsächlich eine ganze Zeile lesen, bevor die Schrift wieder verschwand. Das ist das Erste, was du siehst.
»Ah, Sie haben das Gedicht entdeckt.« Tasse und Glas wurden vor ihr abgestellt und zurechtgerückt.
»Das Gedicht?« Sie lehnte sich zurück und sah die junge Frau an, die lächelnd zur Tür und dann zu ihr schaute.
»Inselpoesie, eine Idee der Kurverwaltung im Rahmen des Kulturjahres. Ist mit Fettstift geschrieben und taucht nur auf, wenn die Tür beschlägt. Erst dachte ich, wie albern, mittlerweile finde ich es schön. Sie nicht?«

Jetzt erinnerte sie sich davon gelesen zu haben. Man wollte Literatur im öffentlichen Raum erlebbar machen, die Idee hatte ihr gefallen.
»Ich hab’s noch nicht ganz entziffern können.«
»Ja, heute verblasst es sehr schnell. An manchen Tagen ist es länger sichtbar. Ich habe ein Foto.« Sie zog ein Handy aus der Schürzentasche, tippte darauf herum und reichte es ihr.
»Lassen Sie sich Zeit, ich nehm eben eine Bestellung auf und hol mir das Handy gleich wieder.«
»Danke.«
Das Foto war nicht besonders gelungen, der Text jedoch gut lesbar:

Eins

Das ist das Erste, was du siehst –
Im Nebel noch – der Duft, der Klang,
Der dein war, steht dir gegenüber.

Vergänglich auf ein Mal, da schließt
Du deine Augen plötzlich bang
Und müde von der Wahrheit wieder.

Sie legte das Handy neben ihr eigenes auf die Tischplatte und sah aus dem Fenster. Am Horizont türmten sich Wolken auf, Vorboten des angekündigten Sturms, graugrün und stumpf das Meer darunter. Ruhig. Noch. Du wirst sehen, bald ist alles wieder wie gehabt. Warum meinten nur alle, sie wolle weitermachen wie bisher, wolle ihr Leben wieder genau an der Stelle aufnehmen, an der die Diagnose sie aus der Bahn geworfen hatte? Allen voran Viktor, der alte Musik und Filme aus der Versenkung hervorholte und vorschlug vergangene Reisen zu wiederholen. Als könne man die Zeit auslöschen, wenn man nur hartnäckig genug die Vergangenheit beschwor. Was, wenn die Prognose sich in zwei Jahren als falsch erweisen würde, wenn der Krebs sich zurückmelden würde? Sie schloss die Augen. Vergänglich auf ein Mal … und müde von der Wahrheit wieder.

»Ist Ihnen nicht gut?«
Die Kellnerin steckte das Handy in die Hosentasche und sah sie besorgt an. Sie lächelte und setzte sich ein wenig aufrechter.
»Alles gut, ich war in Gedanken. Schönes Gedicht«, sagte sie, nahm die Tasse in beide Hände und trank einen Schluck. »Melancholisch.«
»Stimmt, meine Kollegin mag es nicht, sie meint, es würde die Leute trübsinnig machen so was zu lesen.«
»Das glaube ich nicht.« Ihr Telefon klingelte. »Entschuldigen Sie«, sagte sie, griff danach und stellte im selben Moment fest, dass sie sich viel lieber weiter unterhalten würde, als das Telefonat anzunehmen. Die Kellnerin nickte lächelnd und ging Richtung Küche.
»Viktor«, sagte sie.
»Ich bin gleich auf dem Parkplatz, kommst Du runter? Ich muss direkt weiter zu meinen Eltern.«
Sie seufzte. Eigentlich wäre sie gern noch geblieben und hätte eine Kleinigkeit gegessen.
»Ich komme«, sagte sie und begann im Mantel nach dem Portemonnaie zu suchen. »Fünf Minuten?« Viktor hasste es zu warten. »Ich muss noch zahlen.«
»Beeil dich!«

Er stand, die Treppe zum Café im Blick, mit laufendem Motor auf dem Parkplatz.
»Was ist das, Worte für Millionen?«, fragte er auf die Stufen weisend, während er den Rückwärtsgang einlegte und losfuhr.
»Was?« Sie drehte den Kopf und konnte gerade noch erkennen, dass auf jeder Stufe eine Zeile stand. Noch ein Gedicht. »Warte«, sagte sie und öffnete die Tür genau in dem Moment, als er vom Rückwärts- in den Vorwärtsgang schaltete. »Ich möchte ein Foto machen.«
»Muss das jetzt sein?«, rief er ihr hinterher und schlug mit der Hand gegen das Lenkrad.
»Dauert nicht lang!«
Sie musste einige Schritte zurücklaufen, um die ganze Treppe aufs Bild zu bekommen. Sicherheitshalber machte sie zwei Aufnahmen, ohne nachzuschauen, ob sie was geworden waren, und lief zurück zum Auto. Falls nicht alles lesbar war, würde sie in den nächsten Tagen einfach noch einmal herkommen. Kopfschüttelnd fuhr er los. Wortlos, wie immer, wenn er sich in der letzten Zeit über sie geärgert hatte. Mit Kranken stritt man nicht, eine Beobachtung, die sie in den zurückliegenden Monaten immer wieder gemacht hatte. Man schwieg stattdessen. Das allerdings so, dass sie in den meisten Fällen sehr viel lieber gestritten hätte. Beides war auf seine Art anstrengend. Streiten hatte wenigstens ein gewisses Reinigungspotenzial. Jetzt ignorierte sie sein verschlossenes Gesicht und schaute sich stattdessen die Bilder an. Eines war etwas unscharf, das andere dafür aber um so besser, war sowohl in Tiefenschärfe als auch Bildausschnitt sehr gelungen. Trotz des geringen Farbkontrastes von Stufe und Schrift traten die Worte gut sichtbar hervor. Schon toll, was man heute mit einem Telefon machen konnte. Sie begann von oben nach unten zu lesen, erkannte jedoch schnell, dass man am Fuß der Treppe zu lesen beginnen musste.

Zwölf Stufen

Eine gute Stufe
Leistet Widerstand,
Gibt den Tritt zurück
– Gleichsam gleich –
Als Schwung ins Bein
Zum Weiterschreiten.

Kopfschüttelnd las sie noch einmal. Dann schmunzelte sie, schaltete das Handy aus und legte es sich in den Schoß.
»Was ist so lustig?« Er sah an ihr vorbei nach rechts und bog auf die Hauptstraße ein. Sie antwortete nicht direkt, betrachtete ihn und stellte fest, dass ihr sein Profil immer noch gefiel, kaum etwas von der Wirkung verloren hatte, die sie anfangs so fasziniert hatte. Im Profil wirkte er auf eine sehr männliche Art gelassen und selbstbewusst. Warum das so war, konnte sie nicht sagen. Der Eindruck änderte sich, sobald er den Kopf nur ein wenig drehte. Dann bekam er etwas Oberlehrerhaftes, Besserwisserisches, unter dem, je nach Situation, mehr oder weniger Unsicherheit erkennbar war. Wenn sie ihn jetzt fragen würde, was eine gute Stufe ausmache, würde er sie kurz anschauen, die rechte Braue in spöttischer Irritation hochgezogen, und damit signalisieren, dass sie ihm diese Frage erst einmal erklären müsse, bevor er etwas dazu sagen könne. Leistet Widerstand, gibt den Tritt zurück, als Schwung ans Bein. Wenn man nur wüsste, wohin er führt, der Schwung. Was nützt die beste Stufe, wenn man nicht weiß, was man mit dem Schwung anfangen soll, den sie einem mitgibt? Oder wenn die Treppe in eine Richtung führt, in die man nicht will?
»Kommst du mit oder soll ich dich zuhause absetzen?«
»Nein, setz mich bitte ab, ich glaub, ich leg mich besser was hin. Ich soll es nicht übertreiben, hat Dr. Janzen gesagt.«
»Du hättest ja nicht bis zum Strandgut laufen müssen.« Die Ampel sprang auf gelb und er bremste überraschend scharf, sodass ihr Handy vom Schoß in den Fußraum fiel. Als sie sich danach bückte, wurde ihr schwindelig. »Du warst schon Ewigkeiten nicht mehr mit. Ich weiß, sie sind nicht einfach. Aber wo jetzt alles wieder gut ist, kannst du dich ruhig mal wieder bei ihnen sehen lassen. Sie meinen es doch nur gut.«
Sie hielt die Hand mit dem Handy an die Stirn und sah aus dem Fenster. Ja, sie meinten es gut. Alle meinten es immer gut.

Mit Matthias werde ich in diesem Jahr einige Gemeinschaftsprojekte in Angriff nehmen, in denen es ein mit- und nebeneinander von Lyrik und Prosa geben wird. Ganz zentral dabei, die Aufführung der „Igel-Gesänge“, einem – wie ich finde ganz wunderbaren – Lyrikzyklus von Matthias. Wir haben ihn 2017 schon einmal in einer szenischen Lesung aufgeführt, bei der ich einen rezitierenden Part übernommen habe. Eine tolle Erfahrung! Zusammen mit dem Gitarristen  Uwe Sandfort, der uns damals mit seinem Duopartner Martin Hermann begleitet hat, werden wir dies im Laufe des Jahres mehrfach wiederholen. Den Auftakt gibt es Ende Mai, genauer, am 24.5., bei der Buchvorstellung der Igel-Gesänge im Glücksbuchladen in Wuppertal. Im Juni werde wir eine gemeinsame Hörfunksendung im Bürgerradio bestreiten und im Herbst stehen dann Bandfabrik und VHS auf dem Plan. Details  zu Orten und Zeiten werde ich hier und auf Facebook verkünden. Ich freu mich drauf und hoffe man sieht sich!

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch und Matthias Rürup, April 2019

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