Nachtschatten – Corners of my mind II

am

Einmal angestoßen lässt sich das Erinnern nicht aufhalten. Ein Bild aus alten Tagen, eine Melodie, ein Brief (Mail oder Textnachricht) und schon ist die Vergangenheit wieder da, nah und unmittelbar. So erging es auch der Protagonistin der Februargeschichte, die sich an eine Nacht besonderer Intimität erinnert. 

Kaum hatten wir aufgelegt, meldete der Rechner eine eintreffende Mail. Du musst sie geschrieben haben, während wir miteinander sprachen. Oder hattest du sie lange zuvor schon verfasst und nur auf den geeigneten Moment gewartet? 

Schick mir ein Bild, las ich, ein Bild von deinem Bett!
Schlagartig wurde mir heiß. Es war als würde ich deine Stimme hören. Gebieterisch und so nah an meinem Ohr, dass ich deinen Atem zu spüren meinte. 
Nicht mit dir darin, schriebst du, leer, ich will ein Bild von deinem leeren Bett. Ein Bild von den Laken, die darauf warten sich an deinen Körper zu schmiegen, ihn zu umhüllen, seine Kontur sichtbar zu machen. Diese sanft geschwungene Linie, ansteigend von den Füßen bis zu den Schultern, dazwischen ein Tal, in das sich das Tuch wie ein Wasserfall ergießt. 

Ich will mir vorstellen, wie du unter die Laken schlüpfst, fröstelnd, weil die Nachtluft durch das geöffnete Fenster hereinströmt. Will deinen Geruch atmen, deinen Nachtgeruch, der schwerer ist als der des Tages. Wie das Laken will ich auf dir ruhen, fühlen wie du mich um dich ziehst, mich an Rücken, Brust und Schenkel schmiegen, unter dir liegen, wenn du den Arm auf mich legst, oder das Bein.
Schick mir ein Bild. Ein Bild von deinem leeren Bett. Mit wartenden Laken.

Minutenlang starrte ich auf den Bildschirm, las wieder und wieder die Zeilen, die Haut gespannt von einem Verlangen, das mich verstörte. Irgendwann riss ich mich los, ging ins Schlafzimmer und machte ein Bild. Das Licht der Lampe warf dabei meinen Schatten an die Wand hinter dem Bett. Aufrecht, mit zurückgenommenen Schultern, erhobenem Kopf und harten Brüsten. Beim Betrachten, hast du mir später erzählt, habe dich die Lust mit unglaublicher Wucht getroffen. 

Ich aber suchte nach Ablenkung, räumte unsinnige Dinge an unsinnige Orte und mied das Bett. Als ich endlich das Laken über mir glattstrich, war es, als hättest du auf mich gewartet. Du warst überall. Jede Bewegung eine Berührung, jeder Atemzug eine Liebkosung. Ich schlief ein, unruhig, im Traum in tiefe Gewässer tauchend, im Aufwachen mit den Lippen den Saum des Lakens suchend, es fester um mich wickelnd. Immer wieder nickte ich ein, nur um kurz darauf zu erwachen. Entrückt, sehnsüchtig, lustvoll. Erst gegen morgen fiel ich in einen traumlosen Schlaf, aus dem ich, das Tuch zwischen den Beinen, mit erschöpfter Haut erwachte.

Ich stand auf, faltete es zusammen und schickte es dir in einem Paket. Wortlos. Kaum, dass das es bei dir eingetroffen war, hast du dich auf den Weg gemacht, das Laken neben dir auf der Rückbank des Taxis. Ich habe es noch, wir haben uns oft darin geliebt. Und noch immer vermag mich die Erinnerung an jene Nacht zu verstören. 

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, März 2018

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