Corners of my mind*

Reisen, las ich dieser Tage irgendwo, gleiche heutzutage mehr einer Besichtigung als einer Erkundung. Das erinnerte mich nicht nur an meine eigene Behauptung Reisen sei wie Bilder gucken, sondern auch an einen Gedanken, bzw. ein Textfragment, das ich einmal für eine geplante Erzählung verfasst habe. Deren Vollendung, dies am Rande, bis heute ebenso immer mal wieder auf meiner Agenda steht,  wie aktuell die Ablage unzähliger Urlaubsbilder. So erschien es mir naheliegend, die Schreibaufgabe „Erinnerungsstücke“ zu bewältigen, indem ich mir den damaligen Text erneut vornahm.

O.k., diesmal werde ich erst aufgeben, wenn alles gesichtet und sortiert ist. Aussortiert wohlgemerkt, denn ganz ehrlich, kein Mensch braucht uralte Aufnahmen von Sonnenuntergängen, Landschaften und Kirchen, deren Zuordnung einem schon kurz nach der Aufnahme schwerfiel. Doch schon die ersten Fotos bringen diesen Entschluss ins Wanken. In meiner Hand reihen sich sanfte Hügel aneinander. Ockerfarben, braunrot, dazwischen dunkles Grün von Eichen, Zypressen und Pinien.

Unser Urlaub. Zehn Tage nur wir zwei. Keine Einschränkungen, keine Rücksichtnahmen, keine Anfeindungen. Lang ersehnt und immer wieder verschoben. Gefährlich solche Zeiten mit zu viel Erwartungen zu belasten. Aber Land, Sonne, Wein und Essen, Schönes und Historisches an jeder Ecke machten es uns leicht. Dazu die Sprache, in der du dich auf mich verlassen musstest. Erstaunlich, wie bereitwillig du dich mich hast machen lassen. Ausflugsziele, Wanderungen, Lokale. Immer hieß es, mach du mal. Nur den Wein durfte ich nie aussuchen.

Ein Laubengang unter Weinreben. Mehr als einmal habe wir dort stundenlang im Schatten gesessen und das Treiben auf der Piazza beobachtet. Alles musste ich dir bis ins Detail beschreiben, die Häuser, die Wäsche unter den Fenstern, die Gesichter der Frauen, die von oben auf die Piazza hinabsahen, die der Männer, die schweigsam auf den Fensterbänken saßen und der Zeit beim Vergehen zusahen. Den Kopf leicht in den Nacken gelegt, die Augen hinter der fast schwarzen Sonnenbrille geschlossen, hast du zugehört. Zwischen den Brauen eine Falte, die sich erst glättete, wenn sich dein inneres Auge sattgesehen hatte.

Es war ein wenig anstrengend, trotzdem hat es mir gefallen. Es war schön, etwas so intensiv und in Ruhe zu betrachten, nach den passenden Worten zu suchen, um es mit dir zu teilen.

»Du lernst schnell,« hast du gesagt. Wir saßen in der Nachmittagssonne auf der warmen Grundstücksmauer, ein Olivenhain zu unseren Füßen.
»Was?« Ich wandte dir das Gesicht zu und betrachtete dein Profil mit der geraden, beinahe scharf gezeichneten Nase, die so wenig zu den weichen Wangen passte.
»Genau zu sein.« Deine Hand tastet nach dem Weinglas. »Die meisten sind ungenau, wenn sie beschreiben, was sie sehen. Oberflächlich. Und …« Deine Finger berührten das Glas und griffen vorsichtig zu. »Viel zu allgemein. Olivenbäume zum Beispiel sind für die meisten nur grün mit braunem Stamm. Kein Wort über den silbrigen Schimmer, dieses Flirren und Glänzen, das sie so einzigartig macht.«
»Sei nicht so streng,« sagte ich und strich dir mit dem Zeigefinger über die Wange. »Sie haben vielleicht keinen so guten Lehrmeister wie ich.«
»Warum können es dann meine Kinder nicht?« Dein Mundwinkel zuckte.
»Vielleicht weil bisher immer du ihnen die Welt erklärt hast?«
»Aber bevormunden können sie mich schon.«
Mir lag ein „du lässt es doch geschehen“ auf den Lippen. Nein, entschied ich, zuhause führten wir genug solcher Gespräche. Ich schwieg, wandte das Gesicht wieder der Sonne zu und glitt mit den Händen über die Mauersteine. Wie viele Jahre, fragte ich mich, hat es wohl gedauert, bis sie so glatt und glänzend geworden waren.

So ging es mir oft damals. Ständig musst ich irgendetwas anfassen, streiften meine Hände über Mauern, zupften an Pflanzen, hoben etwas hoch und streichelten es. Dich eingeschlossen. Ich tippte dich an, um dir etwas zu zeigen, legte dir die Hand auf den Rücken, um dir die Richtung zu weisen, streifte deinen Unterarm …

Deine Unterarme. Noch heute erinnern sich meine Fingerspitzen, wenn ich welche sehe, die ihnen ähneln, fühl ich die weichen Haare, die so widerborstig aussehen konnten. Manchmal so sehr, dass ich wegsehen muss.

Das kleine Museum oberhalb der Piazza. Ich las die Bildunterschriften für dich und beruhigte die Aufsicht, als du einem Bild zu nah kamst, um wenigstens etwas zu erkennen. Die beiden Restauratoren, zu denen uns der Aufseher gebracht hat, damit du durch ihre Lupe sehen konntest. Wie lange waren wir dort? Zwei Stunden bestimmt. Natürlich kauften wir im Museumshop ein Buch. Ich glaube, es ist noch in einem der Umzugskartons, die ich nie ausgepackt habe.

An dem Tag hast du mir beim Abendessen von einem Besuch in den vatikanischen Museen erzählt und dass Raffaels Lieblingsmodell eine Bäckerstochter gewesen ist, in die er mordsmäßig verknallt gewesen sei. Liebe, so deine Worte, zu denen du mir ein Stück Käse in den Mund geschoben hast, Liebe ginge eben schon seit Ewigkeiten durch den Magen. Und dann musste ich beschreiben, wie der Käse schmeckt. Er hatte etwas Scharfes, das auf der Zunge brannte.

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Februar 2018

 

*The way we were 
Barbara Streisand

Memories light the corners of my mind
Misty water-colored memories of the way we were
Scattered pictures of the smiles we left behind
Smiles we gave to one another for the way we were

Can it be that it was all so simple then
Or has time rewritten every line
If we had the chance to do it all again
Tell me, would we?
Could we?

Memories may be beautiful and yet
What’s too painful to remember
We simply choose to forget
So it’s the laughter we will remember
Whenever we remember
The way we were
The way we were

 

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