Eiszeit

Zum Start ins neue Jahr gibt es eine Kostprobe, die vielleicht Eingang finden wird in ein Gemeinschaftsprojekt, das ich in 2019 mit Matthias Rürup plane. Ihr kennt ihn von seinem Gastauftritt hier auf monatsweise, einem Auszug aus seinem Gedichtzyklus „Igel-Gesänge“, die wir gemeinsam aufgeführt haben. Wobei ich rein rezitierend gewirkt habe, eine Aufgabe, die mir sehr viel Freude gemacht hat.
Für dieses Jahr planen wir mehr davon, diesmal auch eine Vermischung von Lyrik und Prosa. Das Ergebnis wollen wir, gemeinsam mit dem Gitarristen Uwe Sandfort, auf die Bühne bringen. Ein spannendes und durchaus ambitioniertes Projekt, für das ich zum Jahresende mit den ersten Texten begonnen habe. Vorgenommen habe ich mir dazu eine alte Übung, bei der es darum ging, mit so wenig Adjektiven wie möglich eine Stimmung zu transportieren. Da sie in Inhalt und Länge gut zum Projekt passt, habe ich sie überarbeitet, um ein, zwei Adjektive bereichert ;), und eröffne mit ihr das neue Jahr.
Es würde mich freuen zu erfahren, was Ihr darüber denkt.

»Komm!« Du greifst nach dem Mantel und stehst im nächsten Moment in der Tür. »Lass uns eine Runde durch den Park drehen.«
Doch der Park will uns heute nicht helfen. Er liegt einfach nur da, unter dem Novemberhimmel, verweigert uns seinen Dienst. Wir wählen den Pfad zum Teich, der im Sommer Ruhe bietet, weil nur Wenige sich in den Schatten des Waldes begeben, wenn die Sonne lockt. Heute treffen wir niemanden, nicht einmal ein Hund kreuzt unseren Weg.

Die Kälte malt uns Atemfahnen, kriecht unter Mantel und Haut und lässt uns die Schultern hochziehen. Verharscht der Boden unter unseren Füßen. Nein, es war keine gute Idee hierher zu kommen. Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr, kommen mir Rilkes Zeilen in den Sinn. Vergessen das Oktoberlicht, in dem der Sommer seine Abschiedsvorstellung gab. Vergessen die Leichtigkeit, mit der wir nebeneinander gingen. Ich sehe dich zu den Baumwipfeln aufschauen und mit den Augen einem Blatt folgen, ohne dass ein Lächeln in deinen Augenwinkeln wächst. Ob du weißt, wie mich sein Fehlen schmerzt? Noch ein paar Schritte und wir stehen am Ufer, suchen einen Anker für die Augen, damit wir einander nicht ansehen müssen. Doch der Teich hat sich ein Eiskleid angezogen, in dem Farben und Licht ertrinken. So wird er liegen bis zum Frühjahr. Liegen und warten. Auf Sonne und Wärme, die ihn aufwecken und öffnen wird. Für neue Spiegelbilder, Worte und Geschichten. Geschichten wie Deine und meine, die hier … ja, was hier findet?

»Auch Lust auf heiße Schokolade?«, fragst du.
„Ja“, antworte ich und spüre Wärme. »Ja, unbedingt.«
Aus der Hand, die du mir zum Rückweg reichst, wächst ein zartblauer Krokus.

 

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Januar 2018

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