Mail from Berlin

Noch einmal schreibe ich von einer Reise. Eigentlich war es nur ein Kurzbesuch bei der Familie und kein Sightseeing geprägter Wochenendtripp. Gleichwohl gibt es etwas zu erzählen.

Unebener Boden unter meinen Füßen, alles kippt aus dem Lot, nichts fügt sich zu rechten Winkeln. Grau. Schwarz. Weiß. Leere Räume und Alltäglichkeit. Genau diese Alltäglichkeit ist es, die sich als Kloß in meinem Hals festsetzt. Es gibt hier keine Bilder von ausgemergelten Gestalten in gestreiften Anzügen. Keine hoffnungslosen Augen, keine Leichenberge.

Wo mein Hier ist?
Ich bin in Berlin, habe den Besuch bei den Kindern dazu genutzt, das jüdische Museum in Kreuzberg zu besuchen. Oft geplant und immer wieder verschoben. Nun also bin ich hier.

Auf dem Weg von der U-Bahn habe ich mich angesichts der architektonisch ungewöhnlichen Fassade gefragt, ob man dem Thema mit solch einem Bau einen Gefallen tut. Grau und bizarr ragen die in Titanzink gehüllten Außenwände in den Himmel und spielen sich in den Vordergrund. Es würde nicht überraschen, wenn sie ein Designmuseum beherbergen würden. Kein Zweifel, hier war ein Stararchitekt am Werk: Daniel Libeskind.

Man betritt das Museum durch einen barocken Altbau, der mit dem Neubau, dem Libeskindbau, nicht verbunden zu sein scheint. Sie sind es über das Untergeschoss, in das eine merkwürdig asymmetrische, dunkle Treppe hinabführt. Between the Lines hat Libeskind den Entwurf für das Museum genannt. Und ziemlich genau so fühle ich mich. Nichts ist mehr gerade, die Böden steigen an, spitze Ecken, kippende weiße Wände mit eingelassenen Vitrinen, immer wieder leere Räume, meterhohe Betonschächte. Ich biege von der Achse der Kontinuität ein auf die des Holocaust, betrachte die in den Vitrinen ausgestellten Gegenstände, lese persönliche Briefe, in denen von Reisen gesprochen wird, deren Zielorte an den gegenüberliegenden Wänden aufgereiht stehen. Lublin, Majdanek, Treblinka. Wofür sie standen wissen Du und ich heute nur zu gut. Der ansteigende Weg endet vor einer Tür. Ich öffne sie und betrete den nur von einem schmalen, weit oben angebrachten, Lichtschlitz beleuchteten Raum. Der Holocaust-Turm. Meterhohe Leere. Keine Isolierung. Keine Heizung. Es ist kalt. Trotzdem stelle ich mir sofort vor, wie schrecklich es sein muss, wenn sich hier die Hitze staut. In der Leere ahne ich drangvolle Enge. Eingepfercht sein.
Auf der Suche nach etwas, an dem sie sich festhalten können, folgen meine Augen einem Mann, der auf die spitze Ecke des Raums zugeht. Er trägt die üblichen Winterfarben. Ob Grau, Schwarz, Blau oder Braun ist in diesem Licht nicht zu erkennen. Langsam nähert er sich der Wand. Es sieht aus, als würde sie ihn erdrücken. Plötzlich ist er nicht mehr zu sehen, verschmilzt für einen Augenblick mit der Dunkelheit, bevor er wieder aus ihr heraustritt, an mir vorbei zur Tür geht, sie öffnet und den Raum verlässt. Ausweglosigkeit. Ich tue es ihm nach, starre in die Dunkelheit und bin mir meiner roten Jacke bewusst. Reicht sie aus, um sichtbar zu bleiben? Wie fühlt es sich an unsichtbar zu sein, nicht mehr als Mensch wahrgenommen zu werden?

Zurück auf dem Gang. Zwei Silberleuchter. Beschlagnahmt. Das Foto, auf dem sie den Tisch schmücken, an dem vier ernste Gestalten in steifer Kleidung sitzen. Daneben Familienbilder, wie sie auch heute entstehen könnten. Eltern, Kinder, ein Wohnzimmer. Mittendrin ein Gesicht, das mich an eine meiner Enkelinnen erinnert. Diese Kinnlinie. Die dunklen Augen. Dieselben erwartungsvoll offenen Augen, dieselbe Unbekümmertheit, dieselbe Neugier, dieselbe Zuversicht. Polnische Juden. Keiner von ihnen hat den Holocaust überlebt. Kein einziger, auch das Kind nicht. Der Kloß in meinem Hals explodiert. Ich sehe mich in der Synagoge des Prager Ghettos stehen. An den Wänden winzige Buchstaben. Fein säuberlich ausgeführt reihen sie sich aneinander: Vorname Nachname, Herkunftsort, Punkt, Vorname Nachname, Herkunftsort, Punkt, Vorname Nachname, … Hunderte. Tausende. Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind niemals abstrakt, habe ich damals begriffen. Das Grauen bleibt konkret, egal, wie sehr man es systematisiert und anonymisiert. Männer, Frauen, Kinder. Mit Nummern versehen. Namen, Geschichten, Hoffnungen. Ausgelöscht. Jeder einzelne von ihnen so konkret.

Wie kann es sein, dass es heute wieder Politiker gibt, die dies öffentlich als Fliegenschiss der Geschichte bezeichnen und bagatellisieren, wenn nicht sogar negieren? In diesem Land, meinem Land. Und dass ihnen immer mehr folgen. Das treibt mich um.

Diese Kinderaugen. Unvorstellbar, was sie haben sehen müssen. Ich rette mich in den Garten des Exils, atme die kalte Luft ein und beruhige mich wieder ein wenig. Ich stehe zwischen Betonstelen auf unebenem, ansteigendem Grund. Die aus ihnen wachsenden Ölweiden sollen ein Symbol der Hoffnung sein. An schönen Tagen mag das so wirken. Heute, kahl und wirr vor regengrauem Himmel, kann ich davon wenig spüren. Aber ich spüre etwas anderes: Dass es mich an den Ausgangspunkt zurückzieht, egal in welche Richtung ich mich bewege. Genau das, höre ich via Audioguide, war Libeskinds Intention. Exil, wird mir bewusst, ist etwas anderes als Auswanderung.

Zurück im Gebäude gehen wir die Achse der Kontinuität bis zu ihrer Treppe am Ende. Von dort aus geht es ins Obergeschoss. Das ist aktuell aus Umbaugründen leider geschlossen. Ich würde gern die Stufen hinauf ins Helle gehen. So bleibt uns nur der Weg zurück.

Wieder im Erdgeschoss angekommen, gehen wir noch in die „Welcome to Jerusalem“ Ausstellung. Doch nur wenig dringt wirklich zu mir durch. Zu sehr beschäftigt mich, was ich im Untergeschoss erlebt habe. Meinem Mann geht es nicht anders. Wir gehen und setzen uns lieber noch etwas in den verglasten Innenhof.

Später, als wir uns mit den Kindern über den Besuch unterhalten, berichtet unser Sohn, wie es ihm bei einem Besuch im KZ Auschwitz-Birkenau gegangen ist. Er hatte, im Rahmen eines ehrenamtlichen Programms, amerikanische Juden dorthin begleitet. Er habe, so sagte er, sich unglaublich geschämt, dass dies in seinem Land geschehen sei.

Ist es Scham, die ich empfinde? Ich glaube nicht. Zwar denke auch ich, wie furchtbar, dass es mein Land ist, in dem dies geschehen ist, aber ich denke es nicht voll Scham. Ich denke es voll Entsetzen und immer wieder voller Fassungslosigkeit. Egal wann und wie ich damit konfrontiert werde. Aktuell oft begleitet von Sorge.
Ich empfinde keine Schuld. Zumindest keine persönliche, denn es gab mich damals noch nicht. Was ich hingegen sehr stark empfinde ist Verantwortung. Die Verantwortung, sich mit diesem Teil unserer Geschichte auseinanderzusetzen und daraus zu lernen. Als nicht religiöser Mensch kommt mir dabei manchmal der Gedanke, es ginge uns ohne Religionen besser. Doch vermutlich würden sich dann andere Gräben auftun.

Gefahr, habe ich nach den Anschlägen in Paris im November 2015 geschrieben, lauert nicht in einer anderen Hautfarbe, einer anderen Sprache, einer anderen Religion. Gefahr lauert dort, wo Menschen einander nicht mehr als Individuen wahrnehmen und ein – wie auch immer geartetes – Gesellschaftskonstrukt höher bewerten als Menschlichkeit.

Man kann das ergänzen um Profitdenken und Egoismus. Seien sie individueller oder völkischer Natur. Wehret den Anfängen ist heute so wichtig wie eh und je. Nicht wegsehen, nicht weghören, weil es angeblich nicht lohnt zu Wiedersprechen, Stellung zu beziehen.

Als ich das Museum verlasse, fällt mir die Aufschrift auf der Michael Blumenthal Akademie, dem gegenüberliegenden Gebäude auf. Sie beherbergt unter anderem die zum Museum gehörende Bibliothek, das Archiv und den öffentlichen Lesesaal. Dort steht in mehreren Sprachen:

Höre die Wahrheit, wer immer sie spricht.

Dazu braucht es Orte wie dieses Museum. Entgegen meiner ersten Einschätzung spielt sich die Architektur nicht in den Vordergrund. Im Gegenteil, sie übernimmt dabei eine eigenständige Vermittlerrolle. Fotos können sie kaum wiedergeben. Ich wollte darum erst keine einfügen. Doch dann dachte ich, dass sie , zusammen mit dieser Mail, vielleicht dazu anregen, Dir selbst einen Eindruck zu verschaffen. Ich hänge sie an.

In diesen Tagen wünschen wir einander gern besinnliche Tage und ein friedvolles Fest. Für beides muss man etwas tun. Für das erste vielleicht eher weniger statt mehr, für das zweite eher mehr statt weniger.

In diesem Sinne
Frohe Weihnachten
Kirsten

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Dezember 2018

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