Tod in Zimmer 64

DAS Genre überhaupt ist der Krimi. Grund genug, sich ihm immer mal wieder zu widmen, auch wenn er nicht die Lieblingsdisziplin ist. Weil der erste Mitratekrimi, gefährliches Spiel, gut ankam, dürft Ihr auch dieses Mal raten, wer es warum war. Wer nicht drauf kommt, muss bis zum Monatsende warten, dann verrate ich es. Aber ich bin zuversichtlich, dass Ihr herausbekommt, womit sich der Täter verraten hat. Die Idee  kam mir, beim Frühstück in einem dieser Hotels, bei denen man immer froh ist, dass man nicht seinen zweiwöchigen Urlaub dort gebucht hat. Wir schliefen, Ihr ahnt es, in Zimmer 64. Meinem Mann, dies zur Info, geht es gut! 😉
Viel Vergnügen!

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Lesung

Was für ein Mistwetter! Dombrowski scannte den Parkplatz auf der Suche nach einem Platz möglichst nah an der Eingangstür. Wehmütig erinnerte er sich an den Traum von Sonne, Sand und Palmen, aus dem ihn der Wecker heute morgen gerissen hatte. Dabei konnte er Palmen nicht mal leiden. Palmen nicht, und diese ganzen, ausschließlich für Touristen hochgezogenen, angeblich landestypischen Dörfer mit ihren Liegestuhlarmeen. Von Sand gar nicht erst zu reden. Trotzdem hatte ihn sein Unterbewusstsein die Füße zu Wellengeräuschen in den Sand graben lassen. Wetten, dass das Rauschen des Regens seine Synapsen auf diese Bahn gebracht hatte. Immer wieder erstaunlich, was das Hirn so veranstaltet.

Vor ihm, unmittelbar neben dem Seiteneingang des Hotelkomplexes, leuchteten die Rücklichter eines Wagens auf. Perfekt. Von hier aus sollte es machbar sein, ins Trockene zu kommen, ohne bis auf die Haut durchnässt zu sein. Sein Schirm lag, wie immer, zuhause auf der Garderobe. Zwei Minuten später zog Dombrowski den Zündschlüssel und bereitet sich darauf vor, mit hochgeschlagenem Kragen und eingezogenem Kopf loszustürmen, sobald er den Wagen verlassen hatte. Drinnen angekommen machte er sich nicht weniger zügig auf den Weg zur Rezeption, wo Steiner ihn erwartete.

»Morgen, Chef. Hier lang.« Steiner, adrett und gut gelaunt wie immer, ging voran Richtung Aufzug.
»Morgen.« Dombrowski folgte ihm und wunderte sich einmal mehr, wie Steiner es schaffte, jeden Morgen auszusehen, wie aus dem Ei gepellt. Er kam sich dagegen oft vor wie ein Columbodouble. Wenn man mal davon absah, dass er mindestens einen Kopf größer war als das Original.
»Was haben wir?«, fragte er im Aufzug.
»Männliche Leiche, Peter Pauls, Teilnehmer der Sweet dreams, …«
»Sweet dreams?«
»Pralinenmesse, findet jedes Jahr hier statt.« Steiner wies auf ein Plakat an der Aufzugwand. »Pauls ist einer der Inhaber von PP, kennen Sie bestimmt, Pauls Pralinenwelt, das sind die mit dem stilisierten Globus als Logo . Er war einer der Favoriten für die goldene Praline. Die letzten drei Jahre hat er sie jedes Mal eingefahren. Sein Markenzeichen waren Pralinen mit zwei Kernen. Tolles Zeug, hab meiner Mutter welche zu Weihnachten geschenkt.«

Pralinen. Dombrowski rümpfte die Nase. Überteuertes Zeug in pompösen Verpackungen. Er bevorzugte simple Vollmilchnuss. Bei dem Gedanken meldete sich sein Magen grummelnd zu Wort, der auf das Frühstück hatte verzichten müssen. Irgendwas musste er essen, sonst wäre seine Laune bald rettungslos verloren. Im Vorbeigehen griff er sich ein paar der kleinen Weingummitütchen, die auf einem im Flur stehenden Hauswirtschaftswagen lagen, und stopfte sie in seine Manteltaschen. Besser als nichts.
»Weiter?« Er riss eine der Tüten auf und stopfte sich den Inhalt in den Mund.
»Der Zimmerservice hat ihn gefunden, als er den für 5.00 Uhr georderten Kaffee brachte.«
»Verdammt früh.«
»Pauls hatte mit der Küche ausgemacht, dass er vor dem offiziellen Frühstück dort noch etwas ausprobieren konnte. Ab halb sieben steppt da der Bär.«

Im Zimmer waren Spurensicherung und Pathologe schon bei der Arbeit. Auf dem Doppelbett lag ein massiger 1,90er mit dünnem grauem Zopf, die Augen aufgerissen, merkwürdig verdreht auf dem Rücken. Ein bräunlicher Streifen zog sich vom Mundwinkel über eine fleckig gerötete Wange, augenscheinlich hatte er unmittelbar vor seinem Tod noch Schokolade zu sich genommen.
»Jungs. Doktor.« Dombrowski nickte in die Runde und näherte sich dem Bett. »Können Sie schon was sagen, Doktor?«
»Etwa acht Stunden. Plus, minus, versteht sich. Beim ersten Anblick habe ich an Gift gedacht. Irgendwas, was spontan die Atmung lähmt. Er ist erstickt. Oder ein schwerer Allergieschock. Scheint, als hätte er sich die Vanillecreme gefüllte Praline gegönnt, die als Betthupferl auf dem Kissen lag, und sei unmittelbar danach gestorben. Vielleicht war Vanille nicht seins.«
»Oder es war etwas anderes drin.« Dombrowski drehte die Plastiktüte mit der Verpackung hin und her, die ihm Steiner während des Gesprächs angereicht hatte.
»Werden wir bald wissen, die zweite ist schon auf dem Weg ins Labor.«
»Die Zweite?« Dombrowski sah irritiert auf. »Welches Hotel legt denn zwei Schokodinger aufs Kissen?«
»Doppelzimmer, Chef«, sagte Steiner und wies auf die unbenutzte Betthälfte. »Frau Pauls wird zur Ehrung erwartet. Nach allem, was man hört, hat sie das Zusammensein mit ihrem Mann auf unvermeidbare Öffentlichkeitstermine beschränkt.«
»Chef, Doktor, das sollten sie sich ansehen.« Ein Mitarbeiter der Spurensicherung hielt ein eingetütetes Medikamentenset hoch. Der Pathologe nahm es entgegen und nickte.
»Hab ich‘s mir doch gedacht. Adrenalin, Antihistaminikum und Kortison. Der Mann war definitiv Allergiker. Schätze, damit haben Sie die Ursache. Irgendwas war in der Praline, muss heftig gewesen sein. « Er reichte das Tütchen zurück und wandte sich wieder der Leiche zu. Dombrowski runzelte die Stirn.
»Warum hat das Zeug dann nicht genommen?«
»Wenn Sie mich fragen«, der Pathologe richtete sich auf, »war er zu besoffen. Er riecht stark nach Alkohol, würde mich nicht wundern, wenn der Bluttest einiges an Promille ergibt.«

Vor der Tür waren aufgeregte Stimmen zu hören. Dombrowski gab Steiner ein Zeichen und ging hinaus. Auf dem Flur redete eine hochgewachsene, schlanke Mittvierzigerin in einem extravaganten Kostüm auf den Polizisten ein, der die Tür bewachte. Hinter ihr stand ein Mann, der ihr, sah man von Geschlecht und Kleidung ab, auffällig ähnelte.
»Sind Sie hier verantwortlich? Ich will sofort zu meinem Mann!« Tonfall und Auftreten wirkten herrisch und keine Spur von ängstlich oder besorgt. Dombrowski stellte sich vor und registrierte, dass auch der Händedruck, mit dem sie nach kurzem Zögern, seine ausgestreckte Hand ergriff, bemerkenswert resolut war.
»Veronika Pauls. Mein Bruder, Ludger. Ludger Weiß.« Sie wies auf den hinter ihr stehenden Mann. Daher die Ähnlichkeit, dachte Dombrowski und ahnte, wer in der Geschwisterbeziehung das Sagen hatte, als ihm eine lasche Rechte gereicht wurde.
»Entschuldigen Sie bitte, aber das geht im Moment nicht. Die Kollegen sind noch bei der Spurensicherung.«
»Spurensicherung? Was soll das heißen, war es etwa kein Infarkt? Hat man ihn …?« Sie sah fragend zwischen Dombrowski und ihrem Bruder hin und her. »Du hast doch gesagt, er sei im Schlaf gestorben.«
Weiß hob abwehrend die Hände.
»Weil der Hotelchef das so gesagt hat.«
»Wann, wann hat er Ihnen das gesagt?« Dombrowski fluchte innerlich. Dass es aber auch immer Leute gab, die irgendeinen Unsinn verbreiteten, bevor sie mit den Angehörigen sprechen konnten.
»Na, als er mich aus dem Bett geholt hat und mir erzählt hat, dass man Peter tot aufgefunden hat. Obwohl …« Er sah Dombrowski an. »Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hat er vielleicht doch nichts von einem Infarkt gesagt. Ich habe das nur direkt angenommen, weil Peter in letzter Zeit über Schmerzen in der Brust geklagt hat. Erst gestern noch habe ich ihm gesagt, dass er zu viel arbeitet.«

Veronika Pauls schnaubte und wandte ihrem Bruder den Rücken zu. »Also, was ist denn nun passiert? Warum die Polizei? Hat man ihn wirklich ermordet? Wundern würde es mich nicht. Er war … Nun ja.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Die Frau machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube, so viel war klar.
»Das können wir im Moment noch nicht genau sagen. Möglich wäre auch ein allergischer Schock. Wir haben ein Notfallset gefunden, können Sie uns dazu etwas sagen?«
»Sicher, mein Mann war hochgradig allergisch. Ein Hauch von Nuss reichte aus und er bekam keine Luft mehr. Aber das wusste er und war da sehr vorsichtig.«
»Das stimmt«, bestätigte der Bruder. »In der Firma haben wir für die Nusspralinen eine eigene Abteilung und Produktionsstätte. Unter meiner Leitung, ich war sein Teilhaber. Er hat sich da voll auf mich verlassen.« Bei der letzten Bemerkung streckte er sich etwas. Aha, der gute Ludger strebte also nach Höherem.
»Demnach war das allgemein bekannt?«
»Praktisch in der ganzen Branche. Aber wie gesagt, mein Mann war sehr vorsichtig.«
Dombrowski sah wochenlange Befragungen auf sich zukommen.
»Hatte ihr Mann Feinde?«
»Mein Mann war sehr erfolgreich, da macht man sich schnell Feinde. Um ehrlich zu sein, Herr Kommissar, er war dazu auch noch ein Ekel. Aber deswegen umbringen?«
»Mein Schwager konnte vielleicht etwas aufbrausend sein«, beschwichtigte Ludger. »Aber er hat das nie bös gemeint.«
»Nicht bös gemeint?« Viktoria sah ihren Bruder an. »Hat er dich nicht erst letzte Woche vor versammelter Mannschaft so zur Schnecke gemacht, dass du alles hinschmeißen wolltest?«
»Ach das! Haben wir längst wieder geklärt.« Ludger winkte ab und warf Dombrowski einen prüfenden Blick zu. »Wann und wie sollte mein Schwager denn Nüsse zu sich genommen haben?«
»Auch das können wir noch nicht sagen. Sicher ist, dass er unmittelbar nachdem er das auf dem Kopfkissen platzierte Betthupferl gegessen hat verstorben ist.«

»Was habe ich gehört, Peter ist tot?« Ein korpulenter Mann in Kochjacke kam mit ausholenden Schritten auf sie zu. Auf dem geröteten Gesicht lag ein Lächeln, das nicht zum Anlass passte. »Das ist ja furchtbar!« Er warf theatralisch die Arme nach oben, was den absurden Eindruck noch verschärfte.
»Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?« Steiner, der sich bisher schweigend Notizen gemacht hatte, trat ihm entgegen.
»Jens Müller, Müller Pralinen.« Das Lächeln wurde breiter. Er wandte sich an Veronika, die es geschehen ließ, dass seine Hand über ihren Rücken strich. »Das ist ja furchtbar. Was ist denn passiert?«
»Sieht so aus, als sei es Peter zum Verhängnis geworden, dass er keiner Praline widerstehen konnte«, antwortete Ludger an ihrer Stelle und starrte Müller feindselig an. Dombrowski zuckte zusammen. Oha, da lag was in der Luft. Er spürte, wie etwas in ihm einrastete, ohne das er genau wusste, was es war.
»In welchem Verhältnis standen Sie zu dem Toten?«, fragte er und registrierte, dass die Hand immer noch auf Veronikas Rücken lag und sie dies ganz offensichtlich genoss. Jens Müller sah sie fragend an, woraufhin sie nickte.
»Sie werden es eh erfahren«, ergriff sie das Wort. »Jens und ich …«.
»Ihr Mann wusste das?«, fragte Dombrowski, der seine Vermutung bestätigt sah, ohne dass sie den Satz vollendete. Sie nickte und trat einen Schritt näher an Müller heran.
»Und hat ihn achtkantig rausgeschmissen.« Ludgers Augen funkelten. »Falls du meinst, du könntest dich jetzt in ein gemachtes Nest setzen, oder die goldene Praline abstauben, hast du dich geschnitten!«, fauchte er. »Fragen Sie ihn doch mal, was gestern Abend war. Er ist Peter fast an die Gurgel gegangen, weil der sich über seine Praline aus dem 3-D-Drucker lustig gemacht hat. Recht hatte er. Tonka 4.0! Lächerlich!«
Jens Müller löste sich von Veronika und griff nach Ludgers Revers.
»Pass mal auf, du Null!«
»Na, na, na, das lassen wir schön bleiben!« Dombrowski trennte die beiden und schob Müller zurück zu Veronika. Am Ende des Flurs wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen, nachdem der Zimmerbewohner ärgerlich den Gang hinuntergeschaut hatte. »Steiner, Sie besorgen uns einen Raum, wir müssen ja nicht das halbe Hotel aus dem Bett schmeißen. Wir gehen schon mal hoch in die Lobby.« Er hielt Ludger am Arm zurück und ließ Veronika und Jens Müller den Vortritt. Auf dem Weg nach oben versuchte er herauszufinden, was ihn hatte zusammenzucken lassen. Sein Magen knurrte hörbar. Er brauchte dringend etwas zu essen, mit leerem Magen konnte er einfach nicht denken. Vielleicht halfen ein paar Weingummis. Er griff in die Manteltasche und blieb im nächsten Moment wie angewurzelt stehen. Weingummi! Das war es! Er stopfte die Tüte zurück in die Manteltasche und ging weiter. In der Lobby angekommen platzierte er die drei in der Sitzgruppe, entschuldigte sich für einen Moment und bat den Empfangschef, den Hotelmanager zu rufen. Während er wartete, geisterte eine Melodie durch seinen Kopf, tauchten einzelne Textzeilen auf. Bevor er herausgefunden hatte, wie das Lied hieß, tauchte der Manager auf und fragte, wie er behilflich sein könnte. Dombrowski stellte ihm flüsternd ein paar Fragen, die exakt so beantwortet wurden, wie er es vermutet hatte. Er bedankte sich und ging hinüber zur Sitzgruppe. Dabei fiel sein Blick auf das Plakat für die Pralinenmesse und lieferte ihm den Titel zur Melodie. Sweet dreams! Ach, die Sache mit den Synapsen. Er dachte kurz an den morgendlichen Traum. Vielleicht sollte er in realisieren und das Novembergrau doch noch für eine Woche gegen Sand und Wärme tauschen. Er hatte noch ein paar Urlaubstage übrig. Seine Frau würde es freuen und machbar wäre es. Für Ludger hingegen hatte es sich definitiv ausgeträumt.

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, November 2018

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