England kann auch anders sein

Vor Kurzem erreichte mich eine Mail vom Kollegen Christian aus Leipzig, der mir, nach der Lektüre meines Englandreiseberichtes, von seinen Erlebnissen im von mir so geschätzten Land berichtete. Ich freute mich über die unverhoffte Post, amüsierte mich beim Lesen und dachte, wie unterschiedlich man ein Land doch erleben kann. Was sicher nicht nur am zeitlichen Abstand unserer Reisen liegt. Und dann dachte ich noch: Das wäre doch auch mal ein schöner Gastbeitrag. Und da ich in diesem Jahr noch keinen Gastautoren hatte, fragte ich Christian kurzerhand, ob er sich vorstellen könnte, seine Mail hier zu veröffentlichen. Er konnte, kramte dazu alte Fotos raus, die allesamt noch einen deutlich vordigitalen Charme versprühen und Euch ebenfalls nicht vorenthalten bleiben sollen.
Viel Vergnügen!
Mahlzeit,
danke für den Link.
Er weckt in mir verschwommene Erinnerungen an unsere Fahrt in einem tarnfarbenen Passat Variant, (1978), der kurz zuvor für 2500 DM den aus heutiger Sicht viel kultigeren Trabbi unter unserem Sitzmuskel verdrängt hatte, viel zu kurz nach der Wende nach Lands End. Kiloschwere Zelte, müffelnde Luftmatratzen, Campinggaskocher und weitere militärisch angehauchte Überlebensmittel unter dem grasgrünen Fliessheck. Heute würde man ein Terrorkommando vermuten, würden wir noch mal so in eine Kontrolle fahren.
Plötzlich waren wir da, wie auf einem fremden Planeten. Gegen die Fahrtrichtung und die Sprache des Imperialismus. Und als ich Süssmaul voller Vorfreude einen black pudding* bestellte, musste ich mich mit Blick auf das Gebrachte innerlich übergeben.
Wir hatten das erste Mal das Festland verlassen. Rügen, Usedom oder Poel zählten nix, dass das Inseln sein sollen, hatten wir noch gar nicht bemerkt. Es war alles spannend und reizvoll auf diesem fremden Planeten, mit seinen vielen Essen auf den seltsamen Häusern, aber auch ernüchternd. Denn wir dachten, wir wären jetzt besonders willkommen in der freien Welt. Fühlten uns wie Aliens in friedlicher Mission, auf die alle neugierig sein müssen und ihre Türen öffnen würden. Und in England vermutlich mit lecker Tee und Keksen überschütten.
Wir glaubten uns im Besitz ausgiebiger Sonderrechte, schließlich waren wir nur knapp dem Elend des Honeckerismus entkommen. Aber es begann damit, dass uns einer mit dem Jagdgewehr von seiner Einfahrt vertreiben wollte, gerade als wir unsere Pouch-Faltboote aus den späten Sechzigern auspacken wollten, um damit die British Waterways im Inland zu beglücken. Was ohne Erlaubnis, deren Bedarf wir nicht mal erahnten, streng verboten war. Dabei waren wir doch für die allumfassende, ganz große Freiheit auf die Strasse gegangen. Und wir konnten dem weiten und bunten Westen zeigen, wie schön und kostenlos man im kontrollierten Freigehege wenigstens paddeln lernen konnte. Im Alltag und überhaupt. War ja schließlich nicht alles schlecht.
Nachdem ich den anschliessenden Konflikt mit einem Schleusenwärter mangels Verständigung abgebrochen habe und nach stundenlangem Warten in der regionalen Schiffahrtsdirektion an der Genehmigung für unsere aus der Zeit gefallenen Bötchen scheiterte, haben wir uns, auch ein bißchen aus Gewohnheit, für Schwarzfahren entschieden. Uns von der Zukunft euphorisierten Ossis würde man bestimmt nichts Schlimmes antun. Schleusenwärter waren außerdem erfreulich bestechlich, zumindest mit reichlich Alkohol. Qualität spielte dabei keine Rolle, auch das war vertraut. Diese Art des Passierscheines war auch ohne Sprache schnell herauszufinden.
Ernährungstechnisch war England gar nicht schlecht. Denn,  nachdem ich auch noch im Gutglauben Lammbraten bestellt zu haben, Haggis serviert bekam, was mein postkindliches Urvertrauen in die Kultiviertheit des modernen Menschen nachhaltig erschütterte, ernährte ich mich nur noch von Bier, Brot und Obst. In Verbindung mit wetterbedingt leichtem Frieren erwies sich das als genialer Weg zum lang ersehnten Wettkampfgewicht. Ich wurde dünn, leicht und gewann an Eleganz bei der Bewegung.
Zum feierlichen Abschluss habe ich den grünen Variant noch gegen einen im Gras versteckten Findling gesetzt, so dass ich die nunmehr dauerwippende Motorhaube über dem geteilten Grill an der Stoßstange befestigen musste, mangels Alternative mit einer viel zu dicken Wäscheleine, um im Wipptakt regelmäßig die Strasse sehen zu können. Ines saß doppelt gebeutelt neben mir und ertrug dieses Schicksal nur mit Mühe. Beim Zusammenstoß war sie noch nicht angeschnallt, sortierte gerade den Proviant im Fußraum und kegelte so ohne Ankündigung übers Cockpit kopfüber gegen die Frontscheibe. So lernte ich aus erster Hand, dass auch Frauen üble Schimpfwörter können. Später, bei der Auffahrt zur Fähre nach Holland, erntete ich mitleidige Blicke anderer Passagiere, die mich mit dem Kennzeichen L aber noch im Lahn-Dill-Kreis verorteten, was mich etwas erleichterte.
Insofern hat sich die grosse Liebe zu UK nicht so wie bei Dir eingestellt, ich erinnere mich eher mit einem komischen Geschmack auf der Zunge, so nach totem Pferd.
Neulich, in Las Vegas, hat mich in der Kneipe ein angetrunkener Engländer böse beschimpft. Wir Deutschen seien an allem Schuld, vor allem die Merkel. „Lädt ohne Not die ganze Welt Kameltreiber nach Europa ein.“ Und sei auch noch stolz darauf. Ich habe gebrochen stammelnd mein altes und zugleich neues Vaterland  verteidigt und mich vermutlich nur durch einen Lokalwechsel vor Teerung und Federung retten können. Seitdem überlege ich ernsthaft, ob ich die Rechnung für die verspätete Reparatur des Bombenschadens am Dach „meiner“ Tischtennishalle da hin schicke. Aber in solchen Momenten erinnere ich mich immer rechtzeitig an die Grundwerte, die mir mein Name vorschreibt. Der sich ankündigende Trennungsschmerz, (gibt es eine Vortrauer?), ist eher politischer Natur. Ich war nie wieder da, außer in London. Aber das ist ja eine andere Insel.
Dein Bericht und die Bilder machen natürlich Appetit, diesem Landstrich vor dem endgültigen Abdriften aufs offene Meer eine zweite Chance zu geben. Die Naivität hat sich aus den Augen gespült, ich spüre auch schon die Vorzeichen einsetzender Altersmilde. Und vorm nächsten Mal übe ich vorm Spiegel, wie man Merkel verteidigt. Also danke für die Impressionen, und meine erste Begegnung mit dem Wort: „krosig“ .
Ob ich nach Hamburg komme ist noch offen und eher unwahrscheinlich. Ich bin eingeladen nach Kemer (Türkei) zu einem internationalen Turnier.
Erstens habe ich dazu sportliche Lust und es könnte die sonnige Ruhe vor dem Herbststurm sein. Und eine Art Konfrontationstherapie mit diesem hormonell aus der Bahn geratenen Sultan, nach dem ein Kunde und Geflügelzüchter seinen durchgeknallten Ganter benannt hat. Aber hier rennen ja mittlerweile jede Menge solcher Typen rum, die müssen in irgend einem finsteren Labor die Tür aus Versehen offen gelassen haben. Anders kann ich mir das nicht mehr erklären. Wenn ich diesen wachsblassierten Björn aus Lünen mit der weißen Rose am Revers durch Chemnitz stolzieren sehe, den Blick auf einen weiten Horizont gerichtet, mischt sich black pudding mit Haggis.
So, genug getippt, ab an die Stanze.
herzliche Grüße
CHRISTian, der Agnostiker
Über den Autor
Christian G. Klas lebt und arbeitet in Leipzig. Den erfolgreichen Kampf um die Reisefrei-heit nutzte er und sammelte, in den neuen Grenzen von Zeit und Geld, schräge und unterhaltsame Storys, gern gewürzt mit Ironie und Übertreibung,  aus bislang 77 Staaten der Erde. Worauf er dabei Wert legt: als Reisender, nie als Tourist. Das Lesen von Reiseführern versucht er zu vermeiden, weil sie ihm die Vorfreude nehmen. Auf das Einlassen, auf den Umgang mit unvorhersehbaren Überraschungen, auf besondere Menschen. Erquickende Begegnungen, die ihm bevorzugt in Südamerika oder auf dem Balkan passieren. Diese Faltboottour auf die britische Insel war für kommende Entdeckungen eine schöne Aufwärmübung.
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© Text und Bilder: Christian Klas, Oktober 2018
*Black Pudding ist nicht etwa eine süße Nachspeise, sondern eine britische Blutwurst. Muss man mögen.
Hier geht es zu weiteren Reiseberichten auf monatsweise

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