Vor dem Fest

Hast du nicht was Kurzes? So lautet eine stets wiederkehrende Frage im Kontext von Gruppenlesungen, die ich leider meist verneinen muss. Also habe ich mir überlegt, es könnte sinnvoll sein, zwischendurch mal was Kurzes zu verfassen. Gesagt getan. Am Einfachsten ist sowas für mich, wenn man mir eine Aufgabe zuweist, die eigenen Ideen ufern meist aus. Was nicht heißt, dass die Abarbeitung von Aufgaben nicht auch ausufern kann … ich schweife ab.
Zurück zur Aufgabe, sie lautete: Schreibe eine Geschichte in der die Begriffe Geburtstagsfeier, Badezimmer, Rose und Strickjacke beinhaltet sowie einen Dialog zwischen zwei Personen. Man beachte, dass es eine Geschichte sein soll! Ein Text wäre schnell erledigt, die Geschichte verlangt jedoch ein Minimum an Dramaturgie. Ich grübelte so vor mich hin, da lief mir der Bericht über Angela Merkels Outfit zur Eröffnung der Oper in Oslo zufällig über den Weg. Ihr wisst schon, der, in dem sich die Nation damals gefragt hat, ob eine Kanzlerin Busen nicht nur haben, sondern diesen auch – in Ansätzen – sichtbar machen darf. Eine unsägliche Diskussion! Und siehe da, von dieser Erinnerung beflügelt, fügten sich die Worte im Kopf zur wunschgemäß kurzen Geschichte. Von dort bis hierher war es dann nicht mehr so weit.  Dann noch kurz ins Bad und ein passendes Foto gemacht, per App „künstlerisch“ bearbeitet (ich liebe dieses Spielzeug für Unbegabte!), damit man weder Staub noch Markennamen sieht, und hier ist sie: die Septembergeschichte.

Ein Hinweis für alle Freunde der HörBar: Ich komme aufgrund von Baulärm derzeit nicht dazu, Texte einzulesen. Sobald hier wieder Ruhe eingekehrt ist, hole ich das nach.

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Lesung

»Rutsch mal.« Sie schubste ihn zur Seite und zog die Schublade auf. Mit zusammengezogenen Brauen inspizierte sie das Durcheinander, wühlte kurz darin herum und fischte einen Kajalstift heraus. »Mist, schon wieder abgebrochen. Heute bist du dran, dass das klar ist.« Sie begann den Stift zu spitzen.
Er seufzte innerlich. Sollte man an seinem Geburtstag nicht bessere Laune haben? Er hatte wirklich alles getan, um sie zufriedenzustellen. Frühstück ans Bett, inklusive Rose und Champagner, eine neue Kette, die, auf die sie erst neulich so beton beiläufig beim Schaufensterbummel gezeigt hatte, die Einkäufe übernommen, die Getränke gekühlt und ihre Deko als stylisch und unkonventionell gelobt. Warum nun diese Laune?
»Ist das eine Drohung, willst du mich um die Ecke bringen?« Er versuchte einen heiteren Gesichtsausdruck. Zwecklos, sie erdolchte ihn fast mit ihrem Blick.
»Du weißt ganz genau, was ich meine, Konstantin!«
Die Konzentration, mit der sie sich die Wimpern tuschte, verstärkte die Zornesfalte zwischen den Brauen zusätzlich. Besser, er lenkte ein.
»Ist ja gut, ich werde Marlene so weit wie möglich von Ralf fernhalten.«
»Ich bitte darum! Zu peinlich, wie sie sich an ihn ranschmeißt. Man kann keine zwei Sätze mit ihm reden, ohne, dass sie sich dazwischendrängt.«
Der Wimperntusche folgte der Lippenstift. Aha, heute war pink angesagt. Er hörte es schon, laut und affig, wie sonst keiner ihrer Freunde, würde Ralf Auflaufen: Liebes, wenn einer Pink tragen kann, dann du! Und sie, sie würde die Arme ausbreiten und sich von diesem Spinner die Wange abschmatzen lassen und dabei ihr „schaut-wie-charmant-ich-bin“-Lächeln präsentieren.
»Er hat ganz betreten geguckt, als ich ihm gesagt habe, Marlene kommt auch.«
Der Rougepinsel hinterließ einen Hauch von Sommerfrische auf ihren Wangen. Früher hat ihm die mädchenhafte Wirkung gefallen. Heute wirkte es wie ein Verzweiflungsakt auf ihn. Warum glaubten Frauen nur, sie könnten mit etwas Farbe von ihrem Alter ablenken. Und warum fuhren sie irgendwann auf Typen ab, die ihren teigigen Körper in viel zu enge Hosen und knallbunte Strickjacken hüllten und sich aufführten, als seien sie Lagerfelds heimliche Ideengeber.
»Hoffentlich trägt sie nicht wieder dieses Ding mit dem gigantischen Ausschnitt. Ralf sagt, ihm wird jedes Mal ganz anders davon.«
Der Ausschnitt. Er lächelte.
Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel, Kopf nach links, rechts, Zahnkontrolle, ein kurzes Nicken, ein Probelächeln, bereit.
»Was ist, willst du dich nicht beeilen? In Unterhosen kannst du unseren Gästen nicht über den Weg laufen. Aus dem Alter, in dem man das sehen will, bist du raus.«
Ohne ein abmilderndes Lächeln ließ sie die Bemerkung im Raum stehen und verließ das Bad. Er sah in den Spiegel. Für sein Alter fand er sich eigentlich ganz passabel. Gut, er war nicht mehr zwanzig. Aber für 57. Oder? Er drehte sich seitlich und spannte die Bauchmuskeln an. Doch, das war schon ganz passabel. Ihr Pech, wenn ihr nicht gefiel, was sie sah. Marlene hatte ihn gestern im Hotel durchaus sehenswert gefunden. Er beendete die Spiegelschau, überließ den Bauch der Wirkung der Schwerkraft und ging ins Schlafzimmer.
Klingeln. Stimmen. Lachen.
»Konstantin, kommst Du?«
»Komme!« Er lief die Treppe hinunter. Marlene.

© Kirsten Marter-Dusch, September 2018

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