For your eyes only*

am

In Anbetracht der aktuellen Hitzewelle habe ich mich einer Kreativübung gewidmet und eine Geschichte um ein paar vorgegebene Worte gebastelt. Gute Sache, wenn das eigene Hirn keine Idee ausspucken will. Ernsthaft jetzt. Immer wieder überraschend, was dabei so rauskommt.
In diesem Fall lauteten die Worte:
Geburtstag, Boxershorts, Unruhe, Ballon, Trump, Idiot und weiß.
Das wird nie was, dachte ich, doch dann traf mein Auge beim Einkauf auf eine sommerlich bekleidete Geschlechtsgenossin, die mich ein intensives „weniger (in diesem Fall Haut) wäre mehr“ denken ließ. So nahm die Geschichte ihren Anfang. Erst wollte ich sie mit „Weiß“ betiteln, doch dann war da dieses Lied im Radio …

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Lesung

Die Hitze lag wie eine zentnerschwere Decke auf der Stadt. Seit Wochen war kein Regen gefallen, in den ausgeschalteten Brunnen verdunsteten die letzten Pfützen und in den Gärten entledigten sich die Bäume mit jeder noch so leichten Brise aufseufzend eines Teils ihrer Blätter. Vor die Tür ging nur, wer unbedingt raus musste. Erst am Abend erwachte die Stadt aus ihrer Trance, wagte sich das Leben für einige Stunden vor die Türen.

Er stand in Boxershorts am Fenster seines Hotelzimmers und sah auf das Gewimmel der Altstadtdächer unter ihm. Die in die Jahre gekommene Klimaanlage schaltete sich just in diesem Moment wieder einmal aus, der Dauereinsatz drohte ihr den Rest zu geben. Er sah auf die Uhr. Halb Fünf. Wenn er noch ins Museum wollte, sollte er sich auf den Weg machen. Wollte er? Wer ging schon an seinem Geburtstag ins Museum? Noch dazu allein. Nichts war deprimierender, als sich an so einem Tag allein etwas anzuschauen, das sich dermaßen den Massen anbot, wie diese Ausstellung. Na ja, allein im Hotel war auch nicht viel besser. Im Museum würde wenigstens die Klimaanlage durchlaufen.

Als er aus der Tür trat, wäre er beinahe sofort wieder umgekehrt. Grundgütiger Himmel, so schlimm hatte er es sich nicht vorgestellt. Sei’s drum. Er setzte die Sonnenbrille auf und wandte sich nach links, Richtung Fluss. In der Hoffnung auf eine leichte Abkühlung blieb er in der Mitte der Brücke kurz stehen, doch selbst so unmittelbar über dem Wasser war nichts mehr von dessen Frische zu spüren. Er ging weiter und tauchte erleichtert in den Häuserschatten der schmalen Straße ein, die geradewegs auf das Museum zulief. In seiner Hosentasche vibrierte das Handy. Er ignorierte es. Keinen Bock auf dieses Gratulationsgerede. Und schon gar nicht auf die Reaktion, wenn er auf die Frage, was er mache, wahrheitsgemäß antwortete. Besser hätte er es im Hotelzimmer gelassen. Zu spät. Aber er könnte es auf „nicht stören“ stellen. Gute Idee.

Er zog es aus der Hosentasche und prallte im nächsten Moment mit einer Frau zusammen, die sich zwar reflexartig entschuldigte, ihn dabei aus dunklen Augen jedoch so ansah, dass klar war, wen sie für den Verursacher hielt. Er entschuldigte sich ebenfalls und erkundigte sich, ob mit ihr alles in Ordnung sei. Ja, ja, winkte sie ab und strich sich zuerst eine imaginäre Strähne aus der Stirn und dann das Kleid über den Hüften glatt, obwohl beides nicht in Unordnung geraten war. Dann drehte sie ab und ging vor ihm weiter die Straße entlang. Das bot ihm Gelegenheit, sie eingehender zu betrachten. Sie musste aus einer der winzigen Seitengassen gekommen sein, denn er hatte sie zuvor nicht gesehen. Sie wäre ihm aufgefallen, da war er sicher.

Das enganliegende Kleid, spannte ein wenig über den Hüften. Nicht viel, genug jedoch, um sich beim Gehen immer wieder hochzuarbeiten. Slip und BH zeichneten sich deutlich ab. Sie war nicht wirklich dick, nur etwas rundlich. Weich, dachte er. Eine der Frauen, über die Lisa gern die Nase rümpfte und abfällige Bemerkungen machte. Oh, heute haben wieder Leberwürste Ausgang. Dass ihm diese Frauen durchaus gefielen, hatte er nie gesagt. Am Ende hätte sie eh nur schnippisch gesagt, dass er dann ja mit ihr die Falsche hätte.

Aus dem locker hochgesteckten Haar löste sich eine größere Strähne. Sie blieb vor einem Schaufenster stehen, öffnete die Haarklammer, legte den Kopf in den Nacken und schüttelte ihn, bevor sie es wieder zusammenfasste. Er war ebenfalls stehengeblieben und sah ihr zu, wie sie mit den Händen hindurchfuhr, es zu einem Zopf bündelte, eindrehte und erneut feststeckte. Es war nichts Besonderes daran, er hatte schon unzählige Frauen dabei beobachtet, wie sie ihr Haar lösten und wieder zusammenbanden. Und doch konnte er den Blick nicht von ihr lassen. Jetzt beugte sie sich näher zu ihrem Spiegelbild in der Schaufensterscheibe, drehte den Kopf einmal nach links und setzte, offensichtlich zufrieden mit dem Ergebnis, ihren Weg fort. Kurz darauf unterbrach sie ihn wieder, um in ihrer Handtasche nach etwas zu suchen. Vermutlich das Handy, denn aus der Tasche erklang eine Melodie. Er kannte sie, der Titel lag ihm auf der Zunge. Mit einem erleichterten Laut zog sie die Hand inklusive Handy aus der Tasche, hielt es ans Ohr und meldete sich. Die Tasche beförderte sie mit Schwung zurück auf die Schulter, wobei das Kleid verrutschte und einen schmalen, weißen Hautstreifen auf der ansonsten braungebrannten Schulter freigab. Eine heiße Welle, die mit der Temperatur nichts zu tun hatte, stieg in ihm auf und auf der Zunge meinte er etwas mild Salziges zu schmecken.

Sie ging nun langsamer, sodass sich der Abstand zwischen ihnen immer mehr verringerte. Anstatt sie zu überholen, passte er sich ihrem Tempo an und blieb hinter ihr. Er verstand nur ab und zu ein paar Worte, trotzdem war er sicher, sie sprach mit einem Mann. Ihre Gang, die ganze Körperhaltung, der zur Seite geneigte Kopf, die Hand, mit der sie sich durch den Nacken fuhr, dazu das leicht kehlige Lachen, sprachen Bände. Passt zu ihr, das Lachen, zu ihrem Körper, dachte er. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie beim Sex lachte. Lachen war wichtig. Nichts war abturnender als ein schrilles Lachen zur Unzeit. Lisas Lachen war in Ordnung. Kein besonders sinnliches Lachen, aber eben auch nicht schrill. Oder ordinär. Ordinär ging gar nicht. Aber gelacht hatte sie in den letzten Monaten ohnehin kaum.

Sie waren mittlerweile längst am Museum vorbei, hatten das Zentrum fast schon wieder verlassen. Jetzt blieb die Frau vor einer Kirche stehen und machte Anstalten, das Telefonat zu beenden. Mehrfach setzte sie einen Fuß auf die Stufen, die zum Eingangsportal hinaufführten, sprach lächelnd ins Telefon und trat wieder zurück auf den Bürgersteig. Er war vor dem einzigen Laden auf diesem Straßenabschnitt, einem angejahrten Geschäft für Damenmode, stehen geblieben und tat, als studiere er die Auslage. Ausgerechnet. Hätte es nicht wenigstens ein angejahrter Herrenausstatter sein können? In der Scheibe sah er, dass sie ihr Telefon zurück in die Tasche steckte und dabei zu ihm herübersah. Einen Augenblick länger als normal, bildete er sich ein. Ob sie bemerkt hatte, dass er ihr gefolgt war? Was, wenn sie die Polizei rief? Was tat er hier eigentlich? Er sah auf die Uhr. Immer noch früh genug, um ins Museum zu gehen. Als ob er es nötig hätte, einer Frau nachzulaufen. Besser, er beendete das. Doch seine Füße entschieden anders. Zwei Minuten später schloss er leise die große Eingangstür der Kirche hinter sich.

Im Inneren war es dunkel und angenehm kühl. Es war keine große Kirche, trotzdem sah er sie erst nachdem er den Raum mehrfach mit den Augen abgesucht hatte. Sie saß auf der linken Seite des Mittelschiffs in einer der ersten Reihen und hatte sich einen dünnen, dunkelblauen Schal um Kopf und Schultern gelegt. Vor ihr in der Reihe kniete eine betende, alte Frau, davor saß ein Mann mit Halbglatze, den Kopf in die Hände gestützt. Sonst war niemand zu sehen.

Er zögerte und entschied sich für einen Platz auf der anderen Seite des Mittelganges, von dem aus er die Frau im Halbprofil sehen konnte. Als er sich setzte wandte sie den Kopf in seine Richtung und sah ihn für einen Moment direkt an. Er spürte, dass er rot wurde und sah zu Boden.
Fünf Minuten später erhob sich alte die Frau ächzend, bekreuzigte sich, tippte dem Mann sanft auf die Schulter und ging langsam zum Ausgang. Dort wartete sie auf ihn. Er tat es ihr gleich und folgte ihr, schwer atmend und auf einen Stock gestützt. Die Tür wurde knarzend geöffnet und ebenso knarzend geschlossen. Dann waren sie allein.

Was nun? Die Frau saß, den Blick auf den Altar gerichtet, sehr aufrecht in der Bank. Der Schal lag ihr nur noch lose um die Schultern, gab Rücken und Schulter in Ansätzen frei. Hatte sie ihn absichtlich so drapiert, während er auf den Boden geschaut hatte?
Jetzt oder nie. Er stand auf, ging hinüber auf die andere Seite und setzte sich unmittelbar hinter sie. Wenn sie aufstehen und gehen würde, würde er die Sache beenden, er war schließlich kein Triebtäter. Doch sie blieb sitzen. Einzig ihrer Atmung konnte man eine gewisse Anspannung ablesen. Obwohl insgesamt rundlich, hatte sie einen schmalen Hals, der in einem sanften Bogen aus der Schulterpartie emporwuchs. Sein Blick folgte der Schulterlinie und blieb an dem Streifen leuchtendweißer Haut hängen. Etwa einen Zentimeter breithob er sich deutlich vom Braun der ihn umgebenden Haut ab und schimmerte durch das Blau des Schals. Er musste es versuchen.

Ich habe heute Geburtstag, flüsterte er in ihren Nacken.
Sie zuckte zusammen, sah, die Braue hochgezogen, über die Schulter nach hinten, ohne ihn jedoch anzusehen oder ein Wort zu sagen.  Im Mundwinkel ein winziges Lächeln. In seinem Brustkorb dehnte sich ein Ballon aus. Er beugte sich vor, schob den Schal zur Seite und fuhr mit der Fingerspitze sanft den Streifen hinab. Das Lächeln verstärkte sich. Der Ballon explodierte in seiner Brust und entließ einen Konfettiregen. Happy Birthday, dachte er, beugte sich vor und berührte die weiße Haut mit der Zungenspitze. Sie schmeckte mild salzig. Und roch nach Meer.

In ihrem Schlafzimmer sperrten hölzerne Schlagläden die Stadt und die Hitze aus. Später, als sie eingeschlafen war, stand er auf, öffnete sie und stellte fest, dass es geregnet hatte. Die Straßen glänzten feucht und die Luft war angenehm kühl. In der Wohnung gegenüber lief ein Fernseher. Nachrichten. Trump in Korea. Was für ein Idiot.

Er wandte sich um, zündete sich eine Zigarette an und betrachtete ihren im Abendlicht leuchtenden Torso. Eine Melodie ging ihm durch den Kopf. Ganz bekannt. Alt, 80er Jahre-Schnulze. Gesungen von einer Frau, meinte er. Wo hatte er sie zuletzt gehört?
Ihr Handy! Es war ihr Klingelton gewesen! Jetzt fiel ihm auch der Titel ein: For your eyes only.

Sie drehte sich im Schlaf auf den Rücken, die braune Hand kam auf dem schneeweißen Bauch zu liegen. Er lächelte. For your eyes only.
Happy Birthday, Alter, murmelte er, zog sich an und ging leise hinaus.

 

© Kirsten Marter-Dusch, August 2018

* For your eyes only – Sheena Easton, 1981 (bekannt auch als Titelsong des Bondfilms „In tödlicher Mission) – sehr, sehr 80er Jahre. Top Frisur! 🙂

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