Mail from England

 

Wie es war, hast du gefragt und ich habe ohne zu zögern „schön, sehr schön“ gesagt. Das ist zwar eine zutreffende, aber mitnichten erschöpfende Antwort. Es war nämlich auch:
Erholsam, entspannend, bereichernd, körperlich anstrengend, interessant, inspirierend, lustig, manchmal zu voll, unglaublich sonnig, … und damit ein ebenso gelungener Urlaub wie unser erster Englandurlaub im letzten Jahr, den wir in Cornwall verbrachten. Keine Selbstverständlichkeit, denn nicht selten gelingt die Wiederholung ja nicht so gut, wie die Premiere. Gut war sicher, dass wir uns diesmal mit Kent, Devon und den Cotswolds andere Regionen ausgesucht hatten. So kamen wir in den Genuss, Vertrautes aufs Beste mit Neuem zu kombinieren. (Fotos zum Vergrößern anklicken)

Ob wir das freiwillig täten, wurde ich im Vorfeld der Reise einmal gefragt. So was kann nur fragen, wer noch nie in England Urlaub gemacht hat. Wer einmal dort war, weiß, dass es wirklich viele gute Gründe gibt, die für eine solche Reise sprechen. Land, Leute, Kultur und ab und an auch Kulinarik. Ja, man kann lecker essen in England. Nicht immer und überall, aber wo gelingt das schon.

In Torquay aß ich beispielsweise – in einem auf den klangvollen Namen „The Elephant“ hörenden Restaurant – das beste Gericht mit Jacobsmuscheln meines bisherigen Lebens. Nein, es war nicht das Erste, ich aß sie schon oft! Unschlagbar ist die englische Küche zudem in Sachen Kuchen und Kekse. Diesen ganzen Teatime Sachen halt. Ich könnte dir von Caramelcremetorte, Karrottenkuchen, Shortbread sowie zahlreichen anderen Köstlichkeiten berichten, die es in der Art hier nicht gibt. Sensationelles Zeug, leider alles nicht niederkalorisch. Ich vermute, so ein „cream tea“ mit Scones, clotted cream (einer eingekochten Sahne mit exorbitantem Fettgehalt) und jam bringt es auf eine Kalorienzahl, für deren Verbrennung man eine mehrstündige Wanderung hinlegen muss. Was wir, sei unbesorgt, natürlich getan haben!

Womit wir schon bei einem Highlight dieser Urlaube gelandet sind:
Wanderungen auf dem South-West-Coast-Path
Ein gut 1000 km langer Weg entlang der gesamten englischen Westküste. Immer in direkter Nähe zum Meer und, meiner Meinung nach, ohne Übertreibung eine der schönsten Wanderrouten überhaupt. Verdanken tun wir ihn der Küstenwache und ihrem Kampf dem Schmuggel, der sie unentwegt jede noch so kleine Bucht patrouillieren ließ. Um dir einen kleinen Eindruck davon zu geben, dass sie dabei keinerlei Mühen gescheut haben, hier ein paar Küstenansichten aus den verschiedenen Regionen.

Leichtes Gelände sieht anders aus, doesn’t it? Mein Denglisch, dies am Rande, ist mittlerweile übrigens really brilliant! 😉 Es geht tatsächlich pausenlos auf und ab. Mal mit, mal ohne Stufen, mal leidlich eben, mal über Stock und Stein, mal im Schatten von Bäumen, mal durch maximal hüfthohe Sträucher, Farne oder Erika. Immer aber wird man mit phänomenalen Aussichten für die Strapazen belohnt. Und immer, dies eine Erkenntnis aus beiden Jahren, habe zumindest ich die Anstrengung und Dauer unterschätzt und mir im Vorfeld sehr viel mehr Wegstrecke vorgenommen, als am Ende geschafft. Was sich jedoch als Vorzug herausstellte. Denn so haben wir uns einfach unserem Rhythmus und unserer (bedauerlich mäßigen) Fitness überlassen, sind, ausgestattet mit Sandwiches und Co, gelaufen, solange wir konnten und Lust hatten, haben uns zu Mahlzeiten und Pausen niedergelassen, wo es uns gefiel und sind dann wieder zum Auto zurück. Es ist eigenartig, aber beim ziellosen Laufen, habe ich das Gefühl, sehr viel aufmerksamer für den Weg zu sein, als sonst. Was meinst du, kann es sein, dass wir uns unbewusst fokussieren? Warum übersieht man die kleinen Glockenblumen, das Wollgras und die Margaritenfelder eher, wenn man unbedingt bis zur angeblich so malerischen Bucht will, die sich dann als recht überlaufen herausstellt. Ein Umstand, der sich nur zu gern an genau den Punkten ergibt, die sich im Reiseführer finden. Wobei, auch eine relativ volle Bucht kann nett sein.

Wenn du mich nun fragst, welche Streckenabschnitte mir am besten gefallen haben, entscheide ich mich für die cornischen. Sie sind rau und karg, was ich persönlich sehr mag. Im Umfeld von Torquay ist die Landschaft ein wenig weicher, stärker Baumbewachsen und weniger offen. Wir starteten unseren ersten Streckenabschnitt an Lands End, dem westlichsten Punkt Englands. Lands End selbst ist zu einer Art Vergnügungspark ausgebaut worden, für die die Engländer eine kleine Schwäche zu haben scheinen. To be honest, es ist etwas nervig dort. Aber schon ein paar hundert Meter den Pfad entlang verlaufen sich die Massen und bevor du dich versiehst, triffst du nur noch vereinzelt Leute, die sich, wie du, mit einer gewissen Mühe gegen den Wind stemmen. Wind gibt es ohne Ende. Schon auf dem Parkplatz reißt er dir die Haare aus der vorsichtshalber angebrachten Haarspange und peitscht sie dir um die Ohren. O.K, dir vermutlich nicht, aber mir. Alle Versuche sie wieder zu bändigen konnte ich mir schenken, denn je näher wir den Klippen und damit dem Meer kamen, desto mehr legt der Wind zu und belegt damit eindrücklich, dass es sich bei ihm um eine Naturgewalt handelt. Aber er vermag noch mehr, als Haare aus Klammern lösen und das Gehen zu erschweren. Bereits nach kurzer Zeit stellst du fest, dass er dir gehörig den Kopf freigeblasen hat. Eventuell noch vorhandene Anspannung, Ärger, Stress, … futsch! Gone with the wind, im besten Sinne. Da war nur noch Gehen, Luft holen, immer wieder stehen bleiben, die Aussicht genießen und dann wieder gegen den Wind gelehnt weiterstapfen. Für den Verzehr unserer in Lands End erstandenen Sandwiches suchten wir den Windschatten eines Felsens auf, der dankenswerterweise sonnig lag. Ich sage dir, man braucht nicht mehr als ein pappiges Sandwich auf einem windumtosten, sonnenwarmen Stein und diese traumhafte Kulisse vor Augen, um zufrieden zu sein. Über einem ein paar kreischende Möwen am leuchtend blauen Himmel, unter einem gegen die Felsen donnernden Wellen. Gut, vor Einbruch der Dunkelheit sollte man Obdach finden, dann wird es sicher sehr ungemütlich bis bedrohlich. Wir kehrten damals rechtzeitig, und müdegelaufen, zurück in unser kleines Hotel in Marazion. Das ist der Ort, der direkt gegenüber von St. Michaels Mount liegt, dem kleinen Bruder des berühmten französischen Klosterberges. Am Abend hatten wir uns aber schon wieder so weit erholt, dass wir bei Ebbe einen Abendspaziergang hinüber zum Mount machten. Ein unbedingt empfehlenswertes Vergnügen, auch wenn dann dort alles geschlossen ist. Tagsüber voll bis zu voll, entfaltet der Ort im sanftgrauen Abendlicht einen ganz eigenen Zauber.

Nur zu gern würde ich viele der Orte, die wir besuchten einmal ohne Horden anderer Reisenden erleben. Dies gilt insbesondere für die zahlreichen Gärten. Je berühmter sie sind, desto mehr. Sissinghurst, der berühmte Garten von Vita Sackville-West, einer ebenfalls schriftstellernden Zeitgenossin und engen Freundin Virginia Woolfs, quillt schon unmittelbar nach Öffnung um 11.00 Uhr über vor Menschen. Ich habe mir mit dem Besuch einen langehegten Wunsch erfüllt und war ein wenig enttäuscht. Den weltweit gerühmten, weißen Garten fand ich eher krosig und überfüllt. Am besten gefallen haben mir der Bereich vor dem Haus und der Eingangsbereich, die sich durch eine sehr romantische (Eingang) sowie natürliche (umgebende Wiesen und Anlage) Bepflanzung auszeichnen. Das hat sehr viel Charme. Dazu die landwirtschaftlichen Nutzgebäude, die zum Teil zu Café und Shop umgebaut sind, eine Wiese, auf der sich Leute zum Picknick niederließen. Schön! Leider hatte ich die Morgensonne gegen mich, was es schwierig machte, dies hinreichend mit der Kamera einzufangen.

Wobei ich nicht ungerecht sein will. Der Garten ist schon beeindruckend und sehr kunstvoll angelegt und hat sich seinen herausragenden Platz in der Geschichte der englischen Gärten redlich verdient. Die Unterschiedlichkeit der Gartenräume (die wirklich eine Raumwirkung haben), die Sichtachsen, der Wechsel vom Formalen zum Überschwang, die Farb- und Strukturkombinationen, all das ist genial umgesetzt. Und doch sah ich Gärten, die mir besser gefielen. Und zwar sowohl in Cornwall, als auch an der englischen Riviera und in den Cotswolds. Wir haben in den zwei Jahren 17! Gärten besichtigt. Bis auf einen alles Gärten, die vom National Trust verwaltet werden, für den wir uns jeweils im Vorfeld einen Touring Pass organisiert hatten, der uns weitere Park- und Eintrittskosten ersparte. Eine Investition, die ich nur empfehlen kann. Für 14 Tage und zwei Personen zahlt man derzeit 77 €, was sich bei Eintrittspreisen von 12-15 Pfund schnell amortisiert.

Was uns bei den Besuchen immer wieder aufgefallen ist, ist die unglaublich gute Laune, mit der die Leute bei der Arbeit sind. Ob Parkwächter, Kassiererin, Shopassistent, Roomguide, … die freiwilligen Helfer haben ganz offensichtlich Freude an ihrer Arbeit. Wenn man als 100er in der Schlange mit einem „oh lovely“ begrüßt wird, weil man einen Touringpass hat (der aufgrund der einzugebenden Nummern letztlich mehr Arbeit macht als ein schlichtes Ticket) und im Anschluss aufs Freundlichste auf alles Sehenswerte sowie Cafe und Shop hingewiesen wird, bevor man mit einem „enjoy your visit“ entlassen wird, fühlt man sich sehr willkommen. Überhaupt mag ich die britische Art der Freundlichkeit, ihren sehr höflichen und rücksichtsvollen Umgang mit Jedermann ausgesprochen gern. Sie ist im Grunde formal, kommt aber total lässig und selbstverständlich rüber.

Ein gutes Beispiel dafür war auch Neil, unsere B&B Gastgeber im Trafalgar House in Torquay. Sensationell, wie er sich um seine Gäste kümmert. Schon bei der Ankunft stattete er uns mit diversen Tipps für Ausflüge und Restaurants aus, die sich allesamt als Volltreffer erwiesen. Ohne ihn hätten wir sicherlich die folgenden Dinge nicht gesehen:

Würde ich noch einmal in Torquay Station machen, ich würde das Trafalgar House wieder ansteuern. Dabei allerdings darauf achten, ein Komfortzimmer zu buchen, weil das Bett im Standardzimmer für zwei Menschen jenseits von 1,60m auf Dauer doch etwas arg klein ist. Herrlich, wenn einem beim Aufwachen der Duft von Croissants in die Nase stieg, die es unter anderem neben den üblichen englischen Frühstücksdingen gab. Allesamt von Noom prima zubereitet. Besonders lecker: Scrambled eggs with salmon on toast.

Torquay selbst ist nicht so meins. Zu laut, zu viel Verkehr, zu viel Volk. Selten sah ich so viele unansehnliche Menschen jedweden Alters und Geschlechts mit unglücklichem Hang zu zu kurzer und zu enger Kleidung sowie zum hässlichen Tattoo. Gut, alles Geschmacksache. Dann war das halt einfach nicht mein Geschmack. Aber: Torquay ist ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung und insofern gute Wahl gewesen. Wir unternahmen einige sehr anstrengende, gleichwohl schöne Küstenwanderungen und besuchten von dort aus:

Das Dartmoor – Hammer! Würde ich jederzeit noch einmal und ausführlicher hin

 

Buckland Abbey – tolle Klosteranlange und Kirche, in der gerade der Organist für ein Konzert probte. Ein Glücksfall!

 

Lydford George – eine sehr idyllische, vom National Trust betreute Flusslandschaft mit Wasserfall

 

Brixham und Berry Head – trubeliger Ort, sensationeller Aussichtspunkt (im Winter kann man Wale sehen) mit Café und leckerem Kuchen, gut zu verbinden mit längerem Spaziergang

 

Dartmouth (malerisch) und Greenway, Agatha Christies Wochenendhaus (schön gelegen, leider sehr überlaufen und im Inneren total überladen), das seinen Namen zurecht trägt. Viel Grün drumherum.

 

Coleton Fishacre – unglaublich schöner Garten und Haus eines Musicalproduzenten der 30er mit traumhaftem Blick, ein echtes Highlight, kommt auf die Top 10 meiner Gartenliste!

 

Darauf stehen unter anderem noch: Hidcote Manor and Garden (Cotwolds), dessen Fülle und Schönheit überwältigend ist.

 

Snowshill Manor and Garden (Cotwolds), bizarre Sammlung eines Architekten,

 

 

sowie einige der wundervollen Gärten Cornwalls.

Außer Konkurrenz läuft Lanhydrock  in Cornwall, ein hochherrschaftlicher, viktorianischer Landsitz der Extraklasse, dessen Haus interessante Einblicke in den damaligen Lebensalltag liefert. Sehr spannend fand ich die verschiedenen Küchen und Dienstbotenräume. Man bekommt eine Ahnung, wie viel harte Arbeit ein Abendessen für die Herrschaft nebst ihren Gästen bedeutete. Und wir hexeln heute alles mögliche in Thermomix und Co klein und stellen uns immer noch an. Wobei, ich schneide ja noch von Hand, das Mulitfunktionswunder des Wuppertaler Familienunternehmens kommt mir nicht ins Haus. Viel zu unsinnlich! So weit geht mein Lokalpatroitismus dann doch nicht.

Der umgebende Garten ist dem Haus angemessen formal, hat allerdings trotzdem idyllische Ecken, die, wir waren zur Hochzeit der Hortensienblüte in Cornwall, von eben diesen geprägt sind. Superschön natürlich auch der obligatorische Staudengarten, wie könnte es anders sein. In Sachen mixed Border macht den Engländern niemand etwas vor. Als wir in Lanhydrock waren, wurden wir vom Regen überrascht. Einerseits schade, andererseits bringt so ein bisschen Regen erst die wahre Schönheit eines Gartens ans Tageslicht. Es stimmt nämlich nicht, dass Gärten in der Sonne am schönsten sind. Im Gegenteil, die Sonne, wir haben es in diesem Jahr reichlich so erleben dürfen, macht zwar das Umherschlendern und in der Gegend sitzen sehr angenehm, aber sie schluckt auch reichlich Farbe. Für Fotolaien wie mich, stellt sie damit eine große Herausforderung dar. So viele unserer Bilder vermögen nicht wiederzugeben, was unsere Augen gesehen haben.

Das trifft sowohl auf die Gärten, als auch auf die Dörfer zu, über die ich noch kein Wort verloren habe. Die in den Cotswolds haben nachgerade Bilderbuchcharakter, entzogen sich aber auf mir schleierhafte Weise meinen Fotoversuchen. Du musst mir diesbezüglich also einfach glauben. Oder guck einen englischen Krimi, der dort spielt, das ist alles echt!!! Inklusive der Malgruppen, die sich mit ihren Staffeleien in der Ortsmitte einfinden. Wir sahen eine an der Kirche von Cirencester. Ich bin mir sicher, hinter der Kirchhofmauer lag ein wegen eines Zucchiniwettbewerbs dahingemeuchelter Gemüsefreund. Wir gingen vorsichichtshalber nicht nachschauen, nicht, dass wir am Ende auch …  Und das alles wegen eines Zucchini!

Wir wohnten einfach aber nett im Lamb Inn, das eine recht ansprechende Küche hat. Es liegt in Great Rissington, wovon es auch noch ein upper, little und lower gibt, zusammen die Rissingtons genannt, die nicht weniger homogen des Wegs kamen. Unweit liegt Bourton-on-the-water, das gern auch das Venedig der Cotswolds genannt wird. Ein bisschen übertrieben, wenn du mich fragst, denn mehr als ein seichtes, munter vor sich hin fließendes Flüsschen und sieben Brücken hat es an Venezianischem nicht zu bieten. Gondeln, Brackwasser und eine Piazza sucht man vergebens. Dafür findet man reichlich Touristen aus allen Ländern der Welt sowie einen Nachbau des Dorfes in Modellgröße, inklusive Modell vom Modell vom Modell … Insgesamt durchaus charming! Nett, am Ufer zu sitzen und ein Eis zu essen. Ich empfehle Vanillefudgefantasy. Oder hieß das anders? Egal, Vanilleeis mit Fudgestücken drin. Ich sag nur fudge, salted fudge!

 

Gewandert sind wir in den Cotswolds nicht mehr, ich war etwas platt und es war zudem sehr heiß. Und irgendwie reizt mich eine Landschaft, die der unseren recht ähnlich ist, auch nicht so sehr zur fußläufigen Erkundung.

Ein Ausflug führte uns nach Oxford, das rätselhafterweise auch nicht so ruhig und beschaulich daherkommt, wie es uns englische Krimis vorgaukeln. Selten sah ich so viele Linien- und Reisebusse, Horden von japanischen Reise-  und englischen Jugendgruppen wie dort. Sie alle müssen auf geheimen Wegen von unseren Planungen erfahren haben, denn sie besuchten exakt die Orte, die wir auf unsere Liste hatten. Soll heißen, sie strömten als erstes ins Christ Church College, entrichteten den geforderten Eintrittsobolus, um sich unverzüglich in die große Halle zu begeben, in der sie, auf den Spuren von Harry Potter, der unter anderem dort gedreht wurde, Fotos schossen. Entsprechende Devotionalien konnte man dann in der zum Shop umgebauten Sakristei erstehen. Ich gestehe, ich fand das abturnend. Aber bitte, so ein College kann das Geld vermutlich gut gebrauchen.

 

Je älter ich werde, desto mehr vermögen Hitze, Lärm und Menschenmassen mir den Genuss an etwas zu verderben. Meinem Mann ging es ähnlich, sodass wir am Nachmittag entschieden, den Rückweg in die Beschaulichkeit der dörflichen Welt anzutreten. Die restliche Zeit mieden wir größere Orte und erfreuten uns stattdessen lieber an den wirklich sehr hübschen Kleinstädten und Dörfern der Gegend. So nice dort! Man könnte meinen, sich in einer Filmkulisse zu bewegen. Das hatte ich zuletzt in Brügge, wo ich nach einigen Tagen dann auch genug davon hatte. Ist mir hier ähnlich gegangen. Es ist schön anzusehen, aber es ist auch irgendwie … ja, so irgendwie halt. So aus der Zeit gefallen. Wobei das ja nur ein äußerer Anschein ist, denn hinter den Fassaden ist das Leben nicht weniger modern, als woanders. In Cornwall habe ich das so nicht empfunden. Was sicher daran liegt, dass die Orte dort deutlich weniger homogen sind. Manche sogar alles andere als hübsch. Panzance z.B., das in derselben Bucht liegt, wie Marazion, fand ich scheußlich. Ist allerdings auch schon kein Dorf mehr.

Ach, es gäbe noch so viel zu berichten, doch irgendwann sollte man ein Ende finden. Oder, um es mit den Worten des sehr kundigen Gentleman zu sagen, der uns einen Vortrag beim Besuch des Ausgrabungsortes von „the roman villa“ hielt: It’s time to bring a long story to an end“.

England ist definitiv mehr als eine Reise wert. Uns haben der Südwesten und die Cotswolds sehr gut gefallen. Wer weiß, vielleicht werden wir irgendwann noch einmal zu einer anderen Jahreszeit zurückkehren. Die Vorstellung, die riesigen Kamelien und Rhododendren in den cornischen Gärten in voller Blüte zu sehen, ist schon reizvoll. Oder Wiesen voller Narzissen, den Herbst, den Frühling und ja, auch den Winter, wenn sich Schnee auf die Baumriesen und akkurat beschnittenen Hecken legt.

In Hidcote fand ich dieses Schild

IMG_E2137

Wir haben jede Menge Schönes gesehen. In diesem, wie im letzten Jahr. Vieles davon war wirklich spektakulär. Doch oft lag es auch ganz unscheinbar am Wegrand oder versteckte sich im Winkel einer Kirche. Ich bin, dies wurde mir wieder überdeutlich, jemand, der das Detail liebt, die kleinen Dinge. Im Grunde geht mir das beim Schreiben nicht anderes. Die Zartheit einer weißen Mohnblühte und einer vereinzelten Rose oder auch nur Geranie vermögen mich mehr zu begeistern, als pompöse Arrangements. Dazu kam die Freude daran, eine Gegend, einen Ort gehend zu erkunden. Spazierfahrten sind nicht meins, das geht mir zu schnell. Ich möchte den Duft des Lavendelfeldes, das unerwartet am Wegrand lag, mehr als nur einen winzigen Augenblick genießen, möchte mich sattsehen am Glitzern des Meeres und dem warmen Ocker der Häuser vor blauem Himmel, will unter der riesigen Zeder stehen und durch ihre Äste blinzeln, mit den Fingerspitzen Blütenblätter streifen, über ausgetretene Pfade laufen und den Möwen zuschauen, möchte versuchen ein kleines bisschen von dem zu erspüren, was vorherige Generationen erlebt haben mögen, wie ihr Alltag aussah und was sie geleistet haben, um all das anzulegen und zu pflegen, das mich heute so erfreut.

Noch mehr als alles Schöne hat mich in diesem Jahr die Tatsache beglückt, dass mir meine Lieblingsfortbeweung wieder möglich ist. Schmerzfrei und über ein paar lächerliche Meter hinaus. Die Belastbarkeit ist noch ausbaufähig, aber die Grundfähigkeit ist da. Ich kann dir kaum beschreiben, wie happy es mich gemacht hat, selbst nach mehrstündigen Wanderungen am Abend noch auf den Beinen sein zu können und am nächsten Morgen, zwar etwas steifbeinig, bereit zu neuen Wegen. Wenn man bedenkt, wie wenig noch ein paar Wochen zuvor möglich war, grenzt das für mich an ein Wunder. Im Vorfeld der Reise habe ich gesagt, ich werde in den Klippen spazieren gehen, wenn es sein muss mit zwei Krücken. Tatsächlich habe nicht einmal den eigens erstandenen, faltbaren Stock benutzt, den ich vorsichtshalber erstanden hatte.
Ich wurde schon häufig gefragt, ob ich meine künstlichen Gelenke als Fremdkörper empfinde. Tue ich nicht! Ich betrachte sie als Geschenk. Ohne sie wäre ich unzähliger Möglichkeiten beraubt, die ich mit ihnen beinahe normal genießen kann. Mittlerweile glaube ich fest daran, mit etwas Training bald auch wieder in den Bergen wandern zu können. Ein über Jahre kaum zugelassener Traum!

Für heute habe ich genug erzählt, wenn du mehr über das ein oder andere, oder die hier unerwähnten Dinge, erfahren möchtest, frag ruhig, ich antworte gern. Der einzige Wermutstropfen der Reise ist, dass mir diesmal nicht so ein schöner Stoff für eine Geschichte über den Weg gelaufen ist wie im letzten Jahr. Ich hoffe, das Paar, das mich zu  „Rest on me“ inspiriert hat, spaziert noch immer gemeinsam über den Strand.

Ich schließe mit ein paar weiteren Bildern für dich. Denn:
We all need beauty to lift our spirits! 😉

In diesem Sinne
Kirsten

Weitere Reiseberichte auf monatsweise
A Roma 
Mail from Iceland
Mails from down under
Von Island bis zum persischen Golf

3 Kommentare Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s