Freischwimmen I

Thema, Stilrichtung, Perspektive, Zeitform, Erzähltempo, Wortwahl … Auf dem Weg von der Idee zur Geschichte muss man jede Menge Entscheidungen fällen. Und jede Entscheidung hat Einfluss auf die Wirkung, den Sound des Textes. Nicht wenige entwerfe ich (zumindest in Teilen) in verschiedenen Varianten, bevor ich mich für eine Form entscheide, die, meiner Meinung nach, am besten das transportiert, was ich erzählen möchte.

Wie sich eine Geschichte dabei verändert, möchte ich Euch in diesem Monat am Beispiel der aktuellen Geschichte zeigen. Es wird sie im Verlauf der nächsten Wochen in mindestens einer, vielleicht sogar zwei Varianten geben. Je nachdem, wie viel Zeit die Urlaubsvorbereitungen mir lassen. Dabei wird sich die zugrundeliegende Idee nicht verändern. Es wird immer um dieselbe Frau an demselben See und in derselben Hütte gehen.  Und immer werden wir sie bei einem für sie wichtigen Schritt begleiten.

Mich würde es freuen, zu erfahren, welche Version Euch am meisten zusagt. Und am Ende verrate ich auch, welche mein Favorit ist. Hier der erste Entwurf, bei dem ich … nein, ich sag besser nichts zur beabsichtigten Wirkung. Lest einfach und macht Euch Euer eigenes Bild. Darum geht es schließlich beim Lesen! Oder doch nicht? 😉

Hier geht es zur zweiten Version

Druckversion I/II
Lesung

Sie stockt, als das Wasser ihre Kniekehlen berührt. Mit angehaltenem Atem nimmt sie zwei weitere Stufen, stößt sich ab und schwimmt mit kräftigen Zügen auf das gegenüberliegende Ufer zu. In der Mitte des Sees wird sie langsamer, dreht sich auf den Rücken und lässt sich treiben, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Eine kalte Böe streift über das Wasser; sie wendet und schwimmt zurück zum Steg. Vorsichtig steigt sie die glitschigen Stufen hinauf, greift nach dem bereitliegenden Bademantel und schlüpft in ein paar flauschige, rosafarbene Pantoffel. Johann hat sie von einer seiner Reisen mitgebracht, weil sie am Telefon darüber geklagt hatte, wie schrecklich kalt ihre Füße nach dem Schwimmen seien. Meine Güte, sind die scheußlich, entfuhr es ihr lachend, als er sie auspackte. Doch tatsächlich wurden ihre Füße sofort warm, sobald sie ein paar Schritte darin machte.

Die Luft im Haus ist kaum wärmer als draußen. Sie stellt einen zerbeulten Kessel auf einen Gaskocher, beides Leihgaben des alten Försters, Urs, dem einzigen Menschen, mit dem sie in den letzten Monaten mehr als nur das Notwendigste gesprochen hat. Als sie ihm vom Verkauf des Kaminofens erzählt hat, ist er zwei Tage später bei ihr vorbeigekommen und hat wortlos einen Karton auf ihren Tisch gestellt. Außer Kocher und Kessel enthielt er eine große Plane, eine Isomatte und einen Schlafsack. Die Plane hat sie über das Dach gespannt, nachdem sie die Isolierung unter den Holzschindeln entfernt hatte und das Dach wieder lückenhaft eingedeckt war. Eine langwierige Arbeit, für die sie fast zwei Tage gebraucht hat.

Sie zieht den Bademantel aus, hängt ihn an einen der Nägel, die sie in die Wandbretter geschlagen hat, nimmt Unterwäsche, Hose, T-Shirt und Strickjacke aus dem aufgeschlagenen Koffer und kleidet sich an. Die Pantoffeln steckt sie in die Tasche der Strickjacke und zieht ein Paar Turnschuhe unter einem der beiden Stühle hervor. Als sie die Schleifen bindet, kocht das Wasser. Auf dem Sims über dem Steinbecken stehen zwei Emailletassen mit blauem Rand. In eine davon hängt sie jetzt einen Teebeutel, gießt Wasser aus dem Kessel hinzu, nimmt die Tüte mit dem Zwieback und trägt alles zusammen hinaus auf die Veranda. Der Gartentisch und die Stühle sollen im Lauf des Vormittages abgeholt werden. Ebenso die drei großen Körbe, in denen sie vor Jahren Strandhafer gepflanzt hat. Eine Empfehlung ihres Gärtners, den sie nach anspruchslosen und zur Landschaft passenden Pflanzen gefragt hatte. Die stahlblauen Halme harmonieren gut mit dem schwarzbraunen Holz und der schlichten Strenge der Veranda. Johanns Großvater war ein einfacher Zimmermann gewesen, der keinen Sinn in Verschnörkelungen gesehen hatte. Alles in und an der Hütte war funktional. Strom, fließendes Wasser, ein Bad, Einbauschränke, der Zwischenboden, den sie als Schlafebene nutzten, der Kaminofen – alles ihr Werk. Die meisten Arbeiten hat sie allein erledigt, wenn sie im Sommer auch die Woche über am See blieb, während Johann allein in die Stadt fuhr, wo ihn die Haushälterin versorgte. Nur in Ausnahmefällen hat sie einen Handwerker hinzugezogen. So ist aus der baufälligen Hütte ein Schmuckstück geworden, um das man sie beneidet. Häuser in direkter Seelage sind schon lange nicht mehr zu bekommen. Wer eines besitzt, verkauft es nur im äußersten Notfall.

Das Wasser schwappt leise gegen den Steg. Sie lehnt sich zurück und sieht hinauf in den Himmel. Es ist beinahe windstill, ideal, um den Haufen, den sie mit Urs auf der unteren Wiese aufgeschichtet hat, abzubrennen. Die Genehmigung liegt drin auf der Fensterbank, neben dem Korb mit den Marmeladengläsern, die sie für ihn eingekocht hat, bevor die Küche abgebaut wurde.

Warum sie sich das alles antue, hat Urs gefragt.
Sie hat ihm den Brief zu lesen gegeben und, während er las, weiter Gläser und Geschirr in Zeitungspapier eingewickelt.
»Verstehe«, hat er nach dem Lesen gesagt. »Du nimmst ihn wörtlich.«
»Sie. Das hat sie geschrieben«, hat sie korrigiert. »Sie ist Rechtsanwältin.«
»Aber er hat unterschrieben.«
»Stimmt.«

Mit einer Pechfackel entzündet sie im Inneren des Haufens das dort platzierte Anmachholz. Nach wenigen Sekunden züngeln die ersten Flammen aus dem Rauch nach oben, winden sich um die Bretter und Pfosten des ehemaligen Zwischenbodens, färben sie erst grau, dann schwarz, dann brennen sie. Als das Feuer nicht mehr qualmt, holt sie ein Brecheisen aus der Werkzeugkiste und geht damit hinunter zum Ende des Stegs. Sie schaut einige Male von dort zur Hütte und über den See, bevor sie sich bückt und das Brecheisen an einer der Holzplanken ansetzt. Noch einmal hält sie inne, sieht zur Hütte. Dann hebelt sie die erste Planke aus der Verankerung. Die zweite, dritte, stapelt sie übereinander, trägt sie zum Feuer und wirft sie hinein. Auf dem Rückweg zum Steg zieht sie die Strickjacke aus und legt sie im Vorbeigehen auf die Verandatreppe. Ein Pantoffel fällt aus der Tasche und landet im Gras. Sie hebt ihn auf, zieht den zweiten aus der Jacke und schmeißt sie mit einer weinausholenden Bewegung von dort aus ins Feuer.

Am Nachmittag ist vom Feuer nur noch ein glimmender Aschehaufen übrig. Die Gartenmöbel sind in der Zwischenzeit abgeholt worden und die Koffer aus der Hütte ins Auto getragen. Die Plane hat sie vom Dach gezogen und, ordentlich zusammengefaltet, in den Karton mit den anderen Leihgaben gelegt, die sie auf dem Weg bei Urs vorbeibringen wird. Bevor sie ihn zum Auto trägt, löscht sie mit einem verbeulten Metalleimer die Asche, bis kein Rauch mehr aufsteigt. Das laute Zischen schreckt einige Enten auf. Sie flattern davon und lassen sich in sicherer Entfernung wieder nieder.

Den leeren Eimer stellt sie auf die Veranda. Mit dem Karton im Arm sieht sie noch ein letztes Mal über den See. Dann geht sie zum Auto, verstaut ihn auf dem Beifahrersitz und fährt den Schotterweg hinauf zur Straße.

Urs hat sie vor dem Forsthaus erwartet. Jetzt sitzen sie in der Küche. Auf dem Boden steht der Karton vom Beifahrersitz, auf dem Tisch der Korb mit den Marmeladengläsern, daneben eine halbgefüllte Tasse und eine Thermoskanne.
»Das wär nicht nötig gewesen.« Er nimmt ein Glas in die Hand und liest das handgeschriebene Etikett. »Walderdbeere.«
»Doch«, sagt sie und lächelt ihn an. »Bekomme ich einen Kaffee?«
»Sicher!« Er legt das Glas zurück in den Korb, nimmt eine Tasse aus dem Schrank und gießt Kaffee hinein. »Drin oder draußen?«
»Draußen. Dann kann ich noch einmal die Aussicht genießen.«
Sie gehen hinaus und setzen sich unter dem Dachüberstand auf eine Holzbank. Unten im Tal liegt der See blauschimmernd im Nachmittagslicht.
»Von hier oben sieht er immer viel heller aus.«
»Immer nicht.« Er schaut sie von der Seite an.
Aus dem Wald klingen Sägegeräusche herüber und eine Weile sagt keiner ein Wort.
»Werden sie noch lange brauchen, bis sie mit dem Aufräumen durch sind?« Sie deutet mit dem Kopf in Richtung der Geräusche.
»Denke schon, der Sturm hat ja fast den halben Wald umgelegt. Zieht sich bestimmt bis zum Herbst.«
»Wird er sich davon erholen?«
»Der Wald? Der erholt sich immer. Selbst wenn man nichts macht. Ist nur eine Frage der Zeit.«
Wieder breitet sich Schweigen aus.
»Geht‘s dir gut?«, fragt er.
Sie antwortet nicht direkt, neigt den Kopf zur Seite und lässt die Augen über den See schweifen.
»Ja.« Sie nickt. »Ja, geht es.«
»Er wird ganz schön toben.«
»Oh ja!« Leise lachend steht sie auf und geht zum Terrassengeländer. »Und wie!«
»Ist es das wert?«
»Nein, das nicht … nicht mehr.«
»Gibt es denn etwas, das es wert ist?«
»Ja.« Sie sieht in an, lächelt. »Gibt es.«
»Gut.« Er setzt seine Tasse auf der Bank ab und erhebt sich. »Du musst los, ist ein langer Weg«, sagt er und geht ums Haus herum voran zum Auto.

 

Hier geht es zur zweiten Version

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Juni 2018

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hanns-Michael Winkler sagt:

    Guten Morgen, Sehr spannend zu lesen, bin auf die Varianten gespannt. Wieso denn schon wieder Urlaubsvorbereitungen. Wo geht es hin ?

    Vielleicht ist im Urlaub der nachstehende Blog lesenswert. https://kammerorchesterlitauen.wordpress.com/ Ist entstanden auf der Orchesterreise nach Litauen, verfasst von einer Kollegin und mir, Fotos überwiegend von mir

    Liebe Grüße an Markus

    Michael

    >

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    1. monatsweise sagt:

      Danke, freut mich, dass es gefällt und neugierig auf die Varianten macht. Bin selbst noch gespannt, wie sie am Ende werden.
      Den Reisebericht Eures Orchesters habe ich mir zum Frühstück gegönnt. Im anstehenden Englandurlaub muss ich mich schließlich auf den Moment konzentrieren. 😉 LG zurück Kirsten

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