Ein Flüstern danach

Diesmal gibt es eine Ausnahme von der Regel: einen autobiografischen Text.
Warum? Mein Kopf hat einfach keine Idee für einen fiktiven Text produziert. Nix, Null, Leere! Um im Mai nicht erstmalig den monatlichen Rhythmus zu unterbrechen, entschloss ich mich, aus der Not einer – mal wieder – schlafarmen Nacht eine Tugend zu machen, bzw. eine Übung. Das Ergebnis ist in etwa wie eine Geschichte. Denkbar wäre es als Kapitel in einer längeren Erzählung. Dazu stellt Euch bitte eine Frau vor, die mitten in der Nacht wachliegt und versucht, wieder in den Schlaf zu finden, was durch dies und das (was die längere Erzählung aufgreifen würde) beeinträchtigt wird. Das kennen vermutlich viele, schließlich soll ein Großteil der Bevölkerung schlafgestört sein. Ich selbst leider auch. Dabei erlebe ich gelegentlich Momente, in denen mir das Abdriften in den Schlaf, die Wechsel von realem und irrealem Denken, sehr bewusst sind. Faszinierende Momente, die durchaus das Potenzial dazu haben, dass man versäumtem Schlaf nicht zu sehr nachtrauert. Eine solche Nacht erlebte ich unlängst wieder und entschloss mich, den Versuch zu unternehmen, sie so wiederzugeben, dass sie als Szene funktioniert. Gar nicht so leicht wie gedacht, denn die reine Niederschrift ließ kein rechtes Lesevergnügen aufkommen. Zu lang, zu fad, zu … ach, alles mögliche!  Es galt also unter „literarischen“ Gesichtspunkten nachzubessern. Ob es gelungen ist, müsst Ihr beurteilen. Wie immer ist Euer Feedback mehr als willkommen.
Für mich war dies eine tolle Übung, gut möglich, dass ich mich in diesem Sinne ab und an dem Autobiografischen zuwende. Doch warten wir ab. Nun erst Mal ab in die Nacht!

Auch diesmal geht ein Dank an die Mitglieder der neolith Schreibwerkstatt, deren Feedback vorhandene Zweifel bestätigte und gute Impulse für die Überarbeitung lieferte.

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Lesung

Sie fährt sich mit den Händen durchs Haar. Kann es nicht eine Nacht ohne stundenlanges Wachliegen geben? Auf keinen Fall wird sie aufstehen und, wie gestern, durchs Haus tigern. Das tut nur gut, solange man es macht. Hoffentlich hört der Regen bald auf und man kann das Dachfenster wieder öffnen, es ist viel zu warm.

Sie sieht auf die Uhr: Kurz nach vier. Zwei Stunden liegt sie schon wieder wach. Noch fällt das dunkelgraue Licht einer mondlosen Nacht durch die Fenster, hell wird es erst gegen Sechs. Sie verlagert sich auf die linke Seite. Mit der Bewegung kommt der Schmerz. Vorsichtig schiebt sie die Bettdecke zurecht, um das Knie zu stützen und wartet darauf, dass er wieder abebbt.
Ein Auto fährt am Haus vorbei. Außer dem Regen das einzige Geräusch seit sie aufgewacht ist. Der Bus ist noch nicht gefahren, müsste aber bald so weit sein. Soll sie das Fenster öffnen? Nur einen Spalt, sodass es nicht reinregnen kann? Nein, dafür müsste sie eine neue Schmerzwelle in Kauf nehmen. Lieber bleibt sie liegen und schlägt die Bettdecke zurück.

Lesen? Fragt sich nur was, keinem der extra besorgten Bücher gelingt es im Moment, sie wirklich zu erreichen. Was mehr an ihr, als an den Büchern liegt. Weiter rumliegen und sich nur bemitleiden machte die Sache aber auch nicht besser. Dann lieber noch ein paar Seiten über Theodor Storms Frau lesen. Das hat einen guten Sound, sehr authentisch, man hört die gute Doris förmlich reden.

Sie schaltet die Lampe ein und greift nach dem Buch. Etwa zwanzig Seiten später beginnen die Sätze vor ihren Augen zu verschwimmen, droht das Buch ihrer Hand zu entgleiten.

Eine riesige Kaffeetafel, reichverzierte, dunkle Holzstühle, ein weit geöffnetes Fenster, Birnbäume. Helligkeit.

Sie blinzelt. Das Buch liegt mit dem Rücken nach oben auf dem Boden. Verknickte Seiten. Egal. Die Hand findet den Lichtschalter. Der Regen scheint aufgehört zu haben. Sie atmet Dunkelheit. Dunkelheit und Stille, in deren Gefolge Gedanken ihre Bahnen ziehen.

Wie konnte man sich in einen wie Theodor Storm nur verlieben? Mehr, hat ihre Mutter oft erzählt, habe sie gerufen, wenn sie ihr früher seinen Häwelmann vorgelesen habe. Abends zum Einschlafen. Wo das Buch wohl abgeblieben ist? Kann man ein Leben lang auf eine Liebe hoffen?

Sie dreht sich auf den Rücken und starrt auf den Lichtspalt zwischen den Vorhängen, auf dem die Vögel zu zwitschern beginnen. Leise, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Wirtshausgeräusche, ein Holztisch, Unterarme, auf deren blonde Haare ein Streifen Sonnenlicht fällt. Eine Frau mit Haube, das Haar streng gescheitelt, leicht geöffnete Lippen, tanzt in nachtgrauem Nichts. Im Halbkreis aufgestellte Holzstühle auf derbem Dielenboden, eine Gruppe Frauen in langen, schwarzen Kleidern, die Köpfe zusammengesteckt, über allem ein Mond, auf dessen einzigem Lichtstrahl der dunkle Umriss eines Kinderwagens zu sehen ist.

Was für ein ungleiches Paar. Er so viel älter, kannte sie bereits als Kind. Hat sich sogar zu ihr hingezogen gefühlt. Zu einem Kind! Und sie? Wann stirbt Unbefangenheit?

Leere Hände. Seit Tagen keine Post. Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn sie an all die Briefe denkt, die sie ihm schrieb. *Es muss gegangen werden. Drei Briefe in fünfzehn Jahren. Zeilen reihen sich aneinander, fügen sich zum Bild. *Man kann das Leben nicht üben. Ein Mann am Klavier, gerader Rücken, kurzer Hals und schwielige Hände. Krokusse, überall Krokusse, ein Teppich auf dem ein Mann mit Schlittschuhen einen Schlitten vorantreibt, in dem eine junge Frau die Arme ausbreitet und singt.

Das Bein zuckt.
Vögel zwitschern, eine Waldlichtung im Sommer, eine Frau, das schwarze Kleid aufgeknöpft, Briefe in der Hand, im Gras eine überdimensionale Bahnhofsuhr. Die Kuhle über einem Schlüsselbein. Ein Treppenaufgang, wenn die Tür aufgleitet, wird man die Pförtnerloge sehen, den Drehstuhl, auf dem ein Mann in mittlerem Alter sitzt, die Uhr am Handgelenk versinkt in drahtigem Haar, während er einen Stapel Briefe sortiert. Mehr, brüllt der kleine Häwelmann und steigt in den Bus, der geradewegs ins Wasser fährt. Ein Mann mit Bart, eine Frau mit Haube, aufrecht und steif. Die Luft riecht nach Heu … Wärme … tonloses Flüstern … körperloses Schweben … Weite …

Sie schlägt die Bettdecke zurück, bewegt die steifen Beine ein paar Mal auf und ab, hebt sie aus dem Bett und landet mit den Füßen in einem Buch. Ach ja, es war ihr aus der Hand gefallen. Sie bückt sich danach und bleibt beim Aufheben in den Zeilen hängen.

*„Aufrecht und wahr, so schenkte ich meine Liebe, und so nahm ich sein Geschenk entgegen. Was mit Storm war, weiß ich nicht. Vieles weiß ich von seinem Hals, seinen zwei Schlüsselbeinen und seinen zwei Unterarmen. Wach sein, wach bleiben – ich wollte das Erlebte ganz für mich allein haben, bloß nicht teilen. Ich roch einen Hauch von frisch gewachsenem Gras und Feuchtigkeit, von frisch gefallenem Regen, der aus dem Garten durch das offene Fenster hereinwehte.
Storm sagte: Das ist die schönste Zeit, um Geschichten zu erzählen. Erzähl doch mal, Doris, was war eigentlich mit Tante Marie?
Er nannte die Zeit unser Après, ein Flüstern danach.“*

»Kaffee ist fertig!«, ruft ihr Mann aus der Küche.
»Komme!« Noch einmal überfliegt sie die Zeilen. Vieles weiß ich von seinen Unterarmen. Sie lächelt, stellt das Buch ins Regal und greift nach der Gehhilfe.

*Auszüge aus „Sturm und Stille“ von Jochen Missfeldt. Lesenswert! Weil ihm die Kunst gelungen ist, einer Figur eine authentische Stimme zu verleihen und sie aus einem übergroßen Schatten in ein warmes Licht zu stellen.

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Mai 2018

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