Am Fluss

Weil Gut Ding Weile braucht, und Weile im Moment Mangelware ist, gibt es im April noch einmal ein Remake anstatt der angekündigten Fortsetzung der Märzgeschichte. Das Schöne daran: Für mich war dieser Text mal wieder eine echte, und noch dazu gute, Übung. Weniger inhaltlicher, als stilistischer Art. Perspektive, Zeitform, logische Fehler, … erstaunlich, was mit etwas zeitlichem Abstand alles auffällt. Am Ende stellt man zufrieden fest, dass man aus dem ursprünglichen Text doch noch Einiges rauskitzeln kann! Ein ganz herzlicher Dank geht an die Mitglieder der Neolith Schreibwerkstatt, die mit ihrer intensiven und sehr konstruktiven Kritik dazu beigetragen haben. Nach zwei Überarbeitungsrunden, hier das (bisherige 😉 ) Ergebnis.

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Lesung

Es ist kalt. Die Nebelschwaden haben sich verdichtet und verschlucken mittlerweile das gegenüberliegende Ufer und den dahinter liegenden Wald. Ein körperloses Bellen schallt dumpf über das Wasser zu ihnen herüber. In seinem Rücken schwillt ihre Stimme auf und ab, wie von der Luft verwehte Atemfahnen. Er bleibt stehen und dreht sich zu ihr um. Den Blick auf den Weg geheftet, spricht sie mehr Richtung Boden, als zu ihm.

Der Hund scheint von ihnen wegzulaufen, sein Bellen wird leiser, geht mehr und mehr im Knirschen ihrer Schritte unter. Sie hat mal wieder die falschen Schuhe an, wollte absolut nicht auf seinen Rat hören. Jetzt stolpert sie auf dem unebenen Untergrund rum und kommt nicht ordentlich voran. Na, wenigstens kann er so immer wieder etwas Abstand zu ihr gewinnen. Ein paar Meter reichen, um ihrer Stimme diffuser klingen zu lassen. Hauptsache, er bleibt immer wieder stehen, um auf sie zu warten, denn sonst wird sie lauter. Und je lauter sie wird, desto schärfer wird ihre Stimme. Wie er es hasst, wenn sie laut wird. Überhaupt sind ihm viele ihrer Stimmmodulationen verhasst. Die latente Verächtlichkeit, die sowohl in der lauten Schärfe als auch in scheinbar nachlässig hingeworfenen Bemerkungen liegen kann, macht ihn rasend. Beides lässt keinen Widerspruch, keine andere Meinung zu. In den ersten Jahren hat er ja noch versucht dagegenzuhalten. Sinnlos. Ihr Wortschwall versiegt erst, wenn ihr Gegenüber nachgibt. Sei es durch Zustimmung oder Schweigen. Für sie gibt es nur ein Richtig: Ihr Richtig.

Ob er denn nicht auch der Meinung sei, das Gehabe der Nachbarin sei nicht zu tolerieren, fragt sie jetzt. Ach ja, heut ist gar nicht er Gegenstand der Kritik. Diesmal ist es die Nachbarin, die sich erdreistet, nicht regelmäßig Unkraut zu jäten und lieber Kunstobjekte in ihrem Garten verteilt. Und für das Nachbarschaftsfest interessiert sie sich auch nicht. Eigentlich ist sie ganz nett. Erst letzte Woche haben sie sich vor dem Haus getroffen und sind ins Gespräch gekommen. Interessante Person. Unkonventionell. Und hübsch. Mit offensichtlich anderen Interessen als Haus und Nachbarschaft. Was interessiert es ihn, wie der Garten aussieht und ob sie dort ihre Skulpturen aufstellt?

Wenn er seine Ruhe haben will, muss er jetzt etwas sagen. Am besten etwas, das sie als Zustimmung deuten kann. Gegen die Nachbarin will er aber auch nichts sagen. Nicht nur, weil sie nett ist und die Skulpturen auf originelle Weise provokant. Nein, er wird sich auf keinen Fall vor ihren Karren spannen lassen. Wenn sie Krieg mit der Nachbarin will, muss sie sich mit ihren Gartenuschis verbünden, auf ihn kann sie dabei nicht zählen. Er sucht den Flusslauf mit den Augen ab.
„Wir sollten uns beeilen, bei dem Nebel wird es früh dunkel werden.“
Er weiß, sie ist ungern im Dunkeln bei schlechter Sicht unterwegs. Sie hat kein Gespür für Natur. Natur lässt sich nicht mit Worten bändigen, man muss sich auf sie einlassen. Der eben noch selbstgefällige Zug um ihren Mund weicht einem ärgerlichen.
„Warum mussten wir auch diesen Weg nehmen? Du weißt doch ganz genau, wie lange man unterwegs ist.“

Sein „ich mag ihn“ geht in ihrer Litanei über den unbequemen Weg und das schlechte Wetter unter. Schweigend reicht er ihr die Hand und hilft ihr über ein paar größere Steine. Sie nimmt die Hilfestellung an, ohne sich zu bedanken.
„Auf jeden Fall muss sie dieses obszöne Ding aus ihrem Vorgarten entfernen“, kommt sie stattdessen aufs Thema zurück. „Wir haben schon überlegt, ob wir sie verklagen sollen.“
Er seufzt, wendet sich ab und geht langsam weiter.
»Mehr fällt dir dazu nicht ein? Das ist ja mal wieder typisch, immer schön aus allem raushalten. Du könntest mich ruhig etwas mehr unterstützen. Und wenn du es nicht für mich tun willst, dann wenigstens für das Gemeinwohl. Die arme Frau Reckwitz von Gegenüber zum Beispiel. Was denkst du, wie sie sich fühlt, wenn sie aus dem Fenster immer auf den gigantischen Holzkerl mit seinem enormen Ding gucken muss? Aber das ist dir ja egal.«
Wie immer geht es nach wenigen Augenblicken weniger um den konkreten Anlass, als um seine mutmaßlichen Mängel. Wie konnte ihm zu Anfang ihrer Beziehung nur entgangen sein, wie kleinkariert und überzogen dramatisch sie auf Bagatellen reagiert. In ihrer Stimme liegt so viel Bitterkeit und Anklage, als betröge er sie in existenziellen Dingen. Mein Gott, es geht um ein paar Holzskulpturen und etwas Unkraut! Überhaupt, was dieses Gerede über Anstand und Pietät soll? Jede Folge ihrer Lieblingssendung übertrifft die Skulptur um Längen an Obszönität.

„Gut“, sagt er und dreht sich zu ihr um, „soll ich dann auch gleich bei Pro 7 anrufen und Sex and the city verbieten lassen?“ Als er sich sprechen hört wird ihm klar, wie sehr ihn ihr zänkisches Getue wieder nervt. Besser jetzt nichts mehr sagen, um sie nicht weiter zu reizen. Zu spät!  Sie bleibt stehen und fixiert ihn mit zusammengezogenen Brauen. Wetten, sie überlegt, womit sie ihn möglichst heftig treffen kann, ohne sich die Blöße ungezügelten Zorns zu geben. Bloß nicht angreifbar werden, nie die Kontrolle verlieren und immer schön Oberwasser behalten, das hat sie im Laufe der Jahre perfektioniert. Doch auch sie ist zu verunsichern. Dann bricht ihr ganzes Gerüst zusammen und übrig bleibt ein unangenehmes Etwas, von dessen Existenz die wenigsten Menschen wissen. Sie hütet es sorgsam vor ihrer Umwelt, für die sie die Kultivierte, stets Besonnene gibt. Er erinnert sich noch gut an ihren ersten Ausbruch und den Schock, aber auch die Faszination, die er dabei empfunden hat. Damals hätte er noch zurückgekonnt. Doch er hat sich eingeredet es sei eine Form von Leidenschaft und Vertrauen, wenn sie sich ihm so zu erkennen gäbe

Als er sieht, dass ein winziges Lächeln in ihrem Mundwinkel zuckt, weiß er, sie hat etwas gefunden, das ihn mundtot machen wird. Mit gespenstischer Präzision trifft sie ihn jedes Mal an den empfindlichsten Stellen.
„Das würde ich an deiner Stelle lieber lassen“, sagte sie leise. „Ohne diese Anregung wäre bei uns bald völlig tote Hose. Du bist ja nicht wirklich innovativ in diesem Bereich. Kann es sein, dass dir die riesen Dinger so imponieren, weil du gern selbst üppiger ausgestattet wärst?“ Scheinbar gelassen setzt sie ihren Weg fort. „Du solltest besser etwas gegen deine Minderwertigkeitsgefühle tun als, sie an mir auszuleben. Ich bin es leid dein Prellbock zu sein. Bei der Nachbarin hast du mit deiner Ausstattung jedenfalls keine Schnitte, die steht ja offensichtlich auf größere Kaliber.“

Er rührt sich nicht, starrt hinter ihr her, bis sie sich mit einem beiläufigen „was ist, sollten wir uns nicht beeilen“ umwendet. Unvermittelt lichtet sich der Nebel und gibt die Landschaft wieder frei. Überdeutlich zeichnet sie sich in ihrem Trench davor ab, wie ein Scherenschnitt ohne Tiefe. Hübsch anzusehen, die perfekte Illusion.
Okay, jetzt erst mal beruhigen, bevor er etwas sagt, das Wasser auf ihre Mühlen gießt. Darauf wartet sie nur, sicher hat sie noch was auf Lager. Er hat die Nase so voll davon, es reicht! Jetzt. Er dreht sich um und geht. Langsam, mit vorsichtigen Schritten erst, die jedoch mit jedem Meter ausholender werden. Die Schultern straffen sich, geben den Kopf quasi frei. Je weiter er ihre nun tobende Stimme hinter sich lässt, desto ruhiger wird er. Irgendwann verdrängt das Gurgeln des Flusses sie ganz aus seinen Ohren und vermischt sich mit seinen Schritten zu einer neuen Melodie.

Auf Höhe des Parkplatzes entscheidet er, dem Flussbett bis zum Stadtzentrum zu folgen, anstatt nach Hause zu fahren. Er überlässt sich der Energie des Gehens und hofft, sie wird ihn durch den nächsten Tag tragen. Besser noch durch die nächste Woche oder den nächsten Monat. Wenn sie nachlässt, wird er sehen was bleibt. Aber erst dann.

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, April 2018

 

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