Im Schatten

Tja, was soll ich sagen: In diesem Monat gibt es nur den Anfang einer – insgesamt recht langen – Geschichte. Weil sie eben echt lang und zum anderen auch noch nicht ganz abgeschlossen ist. So ein Monat ist echt schnell rum, insbesondere, wenn man nicht nur ein Projekt in der Mache hat. Ich hoffe, Ihr seht mir das nach und seid nach der Lektüre des ersten Teils hinreichend neugierig auf den zweiten. Immer noch hänge ich am Thema Eifersucht und den verschiedenen Facetten, in denen sie auftreten kann. Ein Stoff, aus dem sich viel machen lässt. Aber viel mehr will ich jetzt gar nicht sagen, lest selbst.

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Lesung

 

Vorsichtig schiebt er das Fernglas zwischen die Blätter, sorgsam darauf bedacht, keinen noch so kleinen Ast abzubrechen. Wie erwartet kann er den gesamten Wohn- und Essbereich, einen Teil des Flures sowie die Küche einsehen. Sogar die Spiegelung des Wohnraums im Küchenfenster ist erkennbar. Gut, dass er vor einer Woche schon die Gartenbeleuchtung lahmgelegt hat, sonst stünde er jetzt voll im Licht. Er hat extra noch einmal überprüft, ob das Kabel noch durchtrennt ist, bevor er seinen Posten bezog. Aber bislang hat sich niemand der Sache angenommen, er ist also ziemlich sicher hier hinten. Vermutlich würde eh keiner der beiden um diese Jahreszeit tief in die Hecke kriechen, um nachzusehen, warum der Strahler nicht funktioniert. Eigentlich muss er gar nicht so vorsichtig zu sein.

Trotzdem steht er auf dem kleinen Podest knapp über der Erdoberfläche. Es waren einige Versuche notwendig gewesen, um es so zu konstruieren, dass er es nicht mit seinem Gewicht bis auf die Erde drückt und einen gut sichtbaren Abdruck hinterlässt. Die Gewichtsabnahme des letzten Jahres macht sich mal wieder positiv bemerkbar. Mit zwanzig Kilo mehr hätte er sich etwas anderes einfallen lassen müssen.

Drinnen geht das Flurlicht an. Unmittelbar darauf sieht er sie. Sie legt den Schlüssel in eine Schale, die auf einem schmalen Schränkchen steht und streift die Schuhe ab, bevor sie den Mantel auszieht. Sicher tun ihr wieder die Füße weh. Kein Wunder bei den hohen Dingern, die sie trägt. An den Schuhen hat er es damals bemerkt. Seit Ewigkeiten hatte sie nur noch flache, unauffällige Schuhe getragen, selbst zu Kleidern. Weswegen er sofort misstrauisch geworden war, als sie in kurzem Abstand ein Paar schwarze und rote, hochhackige Schuhe kaufte. Beide viel zu elegant für die Arbeit im Jobcenter. Nach und nach waren weitere Veränderungen hinzugekommen. Figurbetonte Kleidung, neue, fast schon gewagte Dessous, halterlose Strümpfe. Anfangs hat sie noch versucht, ihm weiszumachen, sie täte es, um ihm zu gefallen, um ihre Ehe zu beleben. Als ob er so blöd wäre, darauf reinzufallen. Er hat sofort gewusst, dass ihr leidenschaftliches Getue in Wirklichkeit nicht ihm galt.

Ohne Mantel betritt sie nun das Wohnzimmer, schaltet das Deckenlicht ein und dimmt es sofort runter. Ob ihr Neuer wohl weiß, dass sie immer schon eine Abneigung gegen grelles Licht hatte? Sie geht noch einmal in den Flur und kommt mit einer Plastiktüte zurück, die sie in die Küche trägt. Dort räumt sie den Inhalt in die Schränke. In der Fensterspiegelung sieht er, wie sie eine Flasche aus dem geöffneten Kühlschrank nimmt, daraus trinkt und sie wieder zurückstellt. Dann beginnt sie das Abendessen vorzubereiten. Es gibt Salat und irgendein Fleisch, was genau, kann er nicht erkennen. Sie nimmt eine Weinflasche aus dem Regal, entkorkt sie und gießt den Inhalt in eine Glaskaraffe. Der Herr Verwaltungschef scheint Ansprüche zu haben. Sicher setzt sie keine Flasche an den Hals, wenn er in der Nähe ist. Mit ihm hat sie meist Cola getrunken. Oder Bier. Und darüber lamentiert, dass sie immer dicker wurde. Aber damit war ja dann nach den ersten neuen Schuhen auch Schluss gewesen.

Aha, anscheinend kommt er nach Hause, sie ruft lächelnd etwas in den Flur. Da ist er, ohne Mantel, aber noch in Schuhen und Jackett. Er hört noch ihr „willst du nicht auch mal wieder einen Anzug tragen?“, als sie sich morgens für die Arbeit fertig macht, den Rock hochzieht und die Bluse mit der Schleife am Ausschnitt hineinsteckt. Beides neu und sicher teuer. Ganz schön dreist, sich vor seinen Augen für einen anderen aufzutakeln. Von wegen, es macht einfach Spaß, etwas aus sich zu machen. Fragt sich nur was. War ihm schon klar gewesen, dass sie sich für den Herrn Abteilungsleiter herausputzte, von dem sie immer öfter und völlig ungeniert sprach. Der voll auf dem Karrieretrip war, sicher bald Chef werden würde. Herr Wortmann hier, Herr Wortmann da, so war es in einer Tour gegangen. Ob er nicht auch mal ein Führungsseminar mitmachen wolle? Plötzlich reichte es der Dame nicht mehr, mit jemandem vom Fußvolk verheiratet zu sein.

Durch das Fernglas kann er genau sehen, wie flüchtig der Kuss ist, den sie austauschen. Sie redet sofort los und zeigt auf die Pfanne. Er antwortet nickend, nimmt sein Handy aus der Jackentasche, legt es ans Ende des langen Tisches und geht aus dem Raum. Sie ruft noch etwas hinterher, sieht aus wie „beeil dich“. Eigentlich ist das mit dem Lippenlesen nicht so schwer, denkt er. Zumindest nicht bei kurzen Sätzen und wenn die Szene irgendwie klar ist. Sie geht zum Schrank, zieht die Schublade auf, nimmt Servietten raus, schiebt sie wieder zu und öffnet eine der Schranktüren. Gerade, als sie hineingreift, scheint sein Handy ein Geräusch zu machen. Kein anhaltendes Klingeln, denn sie sieht nur kurz hin und dann direkt wieder in den Schrank, dem sie zwei große Weingläser entnimmt und zum Tisch trägt. Im Vorbeigehen schaut sie noch einmal auf das Handy, ohne jedoch Anstalten zu machen, die Gläser abzusetzen, um es zur Hand zu nehmen. Aus der Küche holt sie Teller, die Salatschüssel und eine Schale mit Weißbrot, das sie zuvor auf einem Holzbrett in dicke Scheiben geschnitten hat. Jetzt ruft sie seinen Namen, er kann es deutlich daran erkennen, wie sich die Lippen am Ende noch einmal ploppend öffnen. Philipp! Und noch etwas ruft sie, er kann es nicht genau erkennen, weil sie sich zur Seite wendet. Es ist sicher so was wie „Essen ist fertig“. Er scheint etwas zu antworten, denn ihre Lippen formen ein lächelndes O.K..

Sie zieht eine Schublade auf, zuckt zusammen und sieht wieder zum Handy. Diesmal geht sie hin und nimmt es hoch. Mit gerunzelten Brauen tipp sie mit dem Zeigefinger auf das Display. Er kneift die Augen zusammen, damit ihm nichts entgeht. Ein überflüssiger Reflex, das Fernglas ist exzellent, liefert ein gestochen scharfes Bild, als stünde er direkt neben ihr. Er kann sogar die steile Falte auf ihrer Stirn erkennen. Beim Lesen zieht sie den Kopf leicht zurück, eine Angewohnheit, die ihm schon aufgefallen war, als sie sich kennenlernten. Ihre Augen gleiten hin und her, so, als lese sie eine kurze Nachricht mehrfach. Mit den gerunzelten Brauen und dem zurückgenommenen Kopf sieht sie überrascht und ungläubig aus. Jetzt sieht sie zur Wohnzimmertür, legt das Handy behutsam wieder zurück auf den Tisch und geht langsam in die Küche. Plötzlich dreht sich um und geht noch einmal zurück. Er sieht, wie die Displaybeleuchtung ihr Gesicht in ein bläuliches Licht taucht. Diesmal lässt sie das Gerät auf dem Tisch liegen, tippt nur mit dem Finger dagegen und schaut darauf herunter. In dem Moment kommt er ins Wohnzimmer und sagt etwas.

Sie antwortet nicht, nimmt das Handy und hält es ihm stumm entgegen. Er stutzt, greift danach, macht eine wischende Bewegung mit dem Daumen und liest. Dann zuckt er die Schultern. Er sagt etwas, tippt auf dem Gerät herum, schüttelt den Kopf und legt es nach einem weiteren Kopfschütteln zur Seite. Sie stehen nun so zueinander, dass er nicht erkennen kann, wer spricht und wie der andere darauf reagiert. Nach einer Weile drückt er ihr einen Kuss auf die Stirn, greift sich einen Stuhl und setzt sich an den Tisch. Sie geht, immer noch etwas Verhaltenes in den Bewegungen, in die Küche und macht sich daran, das Essen aufzutragen.

Seine Finger werden langsam klamm und er ist froh, auf dem Podest zu stehen. So kriecht ihm die feuchte Abendkühle nicht so schnell die Beine hinauf. Er weiß noch, wie er vor dem Restaurant gestanden hat, in dem sie sich trafen, und schon nach kurzer Zeit ständig von einem Bein auf das andere trat, um sich warum zu halten. Trotzdem hat er bis zum Ende ausgehalten und sich erst ins Auto gesetzt, als er sah, wie er dem Kellner ein Zeichen gab und um die Rechnung bat. Es war leicht gewesen ihnen unauffällig bis zu dem Hotel zu folgen, in dem sie damals ihren ersten Hochzeitstag mit einem Essen gefeiert hatten. Als im zweiten Stock das Licht anging, war er nach Hause gefahren und hatte später so getan, als habe er schon lange geschlafen. Rosi hätte sich bei ihr ausgeweint, sie sei nicht eher weggekommen, so hatte sie sich für das späte Heimkommen entschuldigt und war beinahe sofort eingeschlafen. Lange hatte er wachgelegen, in der Nase den Geruch nach Sex, der von ihr ausging.

Er trinkt schon das dritte Glas Wein, während sie noch beim ersten ist. Immer wieder sieht sie ihn nachdenklich an, lässt den Blick hinüber zu seinem Handy schweifen, das immer noch am Tischende liegt. Nach dem Essen räumt sie ab und macht sich in der Küche zu schaffen. Er geht zum Sofa, schaltet den Fernseher ein und ruft etwas. Sie antwortet nicht direkt, so dass er noch einmal aufsteht, einige Schritte Richtung Küche macht und es offensichtlich wiederholt, denn diesmal wendet sie sich um, weist auf die Pfanne, die sie gerade zum Abtrocknen in der Hand hält und nickt. Kurz darauf schaltet sie die Küchenbeleuchtung aus, setzt sich zu ihm aufs Sofa und zieht die Beine unter sich.

Ihm reicht’s, er sollte zusehen, dass er nach Hause und ins Bett kommt, morgen soll die Umstellung erfolgen, da muss er fit sein. Wenn einer wie er Fehler macht, wird das nicht gern gesehen. Ebenso leise und vorsichtig wie er gekommen ist, macht er sich auf den Heimweg. Im Auto schaltet er sein Handy ein und sieht nach ob es eine Nachricht gibt, auf die er noch reagieren sollte. Doch außer zwei Werbemails ist sein Postfach leer. Gut, das spricht dafür, dass die Kollegen die Sache im Griff haben. Er schaltet den Motor ein und dreht die Heizung auf. Fehlt noch, dass er sich wegen ihr eine Erkältung einfängt. Schlimm genug, was sie aus ihm gemacht hat. Einen Typ, der seiner Frau nachspioniert und dabei voll auf die Fresse fällt. Unvergessen, wie sie ihn angesehen hat, als sie ihn mit ihrem Handy in der Hand erwischt hat. Nach Heulen und Zähneknirschen war er dann plötzlich der Arsch. Zwei Monate später war sie weg. Auf zu Philipp, dem Macher, der seiner Frau einen Tritt verpasst hat, um sie gegen eine zehn Jahre jüngere auszutauschen. Als der Herr kurz darauf befördert wurde, bekam sie als nächstes den Job als Sekretärin zugeschustert. Chefsekretärin, mit entsprechendem Verdienst. Klar, irgendwie muss die Superhütte ja bezahlt werden. Geldgeiles Karrierearschloch. Leute runtermachen kann er, das muss man ihm lassen. Wie er neulich den Leiter der Technik vor allen rund gemacht hat, meine Fresse! Mit dem legt man sich lieber nicht an, hatte Manuel vor sich hingemurmelt und den Kopf eingezogen, als Mister Wichtig an ihnen vorbei aus der Abteilung stolziert war.

Zuhause angekommen schreibt er noch zwei, drei Nachrichten und terminiert die Zustellung, damit ihm das morgen, in dem zu erwartenden Trubel, nicht durchgehen kann, und geht schlafen. Man muss am Ball bleiben, so gut kennt er die Frauen immerhin, auch wenn ihn viele für einen Nerd halten.

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, März 2018

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