Zwei Stück Torte

Work in progress
Wieder einmal nahm ich mir – aus Übungsgründen – eine alte Geschichte vor. Dabei wurde mir klar, selbst wenn man sich nach langer Zeit sehr viel leichtfertiger von Sätzen und Ideen trennt, anders formuliert und gewichtet, bleibt es eine alte Geschichte. „Kill your Darlings“ ist halt leichter gesagt als getan. Das ist aber nur die eine Seite des Problems. Die andere ist, dass man sich über die Zeit vom Thema entfernt hat, es einem nicht mehr so am Herzen liegt. Es fehlt an aktueller Emotion. Damit hat man jedoch gleichzeitig gute Bedingungen, um unter eher handwerklichen Gesichtspunkten an einen Text zu gehen. Gute Gründe also, immer mal wieder einen Text aus der Schublade zu kramen.
Auslöser für den damaligen Versuch war eine Dokumentation über Harz IV Empfänger, bzw. zwei Sätze, die darin fielen: »Man lädt auch niemanden mehr zu sich ein, Einladen kostet.« und »Für Besuch habe ich eine Flasche Mineralwasser im Kühlschrank, ich trinke Leitungswasser, ist billiger. Aber es kommt eh keiner.«
Vermutlich blieben sie hängen, weil ich selbst gern einlade und bewirte. Es zu können, eine Selbstverständlichkeit, über die ich zuvor nicht nachdachte.

Wem gefällt, was aus der alten Geschichte wurde, ist herzlich eingeladen, sie mit anderen zu Teilen. Kostenfrei, versteht sich! 😉

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Lesung

Ah, noch was! Die fulminante Hochzeitstorte auf dem Bild, hat meine Schwiegertochter angefertigt. Wer gern tolle Torten anschaut, mehr Bilder ihrer kunstvollen Kreationen gibt es hier.

Die Drehtür stockte, weil jemand mit dem Fuß dagegen stieß. Sie runzelte die Stirn. Konnten die Leute nicht umsichtiger sein? Es war doch wirklich keine Kunst. Im Gebäude angekommen wandte sie sich nach links und steuerte auf eine der Nobelboutiquen zu, in deren spärlich dekoriertem Fenster ein einzelnes Kleid hochmütig die Blicke auf sich zog. Die Ladeneinrichtung war, abgesehen von einem tiefen Ledersessel nebst Beistelltisch, auf dem in einem überdimensionalen Champagnerkühler mehrere Flaschen lagerten, ebenfalls sehr spartanisch. Eine aus dem Hintergrund auftauchende Verkäuferin in dezentem Kostüm lächelte ihr freundlich zu. Sie antwortete mit einem winzigen Kopfnicken und studierte weiter das Kleid. Zu gern würde sie es über den Hüften glattstreichen, den Stoff auf dem Körper spüren und sehen wie sich ihre Figur, die in den alten Jeans und Pullovern ihre Armut betonte, in die einer jener Käuferinnen verwandelte, die zum Kundenstamm einer solchen Boutique zählten. Doch dazu bedurfte es mehr als eines geerbten Mantels und der dazu passenden Handtasche. Sie erinnerte sich an die Mischung aus Freude und Scham, mit der sie beides angenommen hatte. So weit war es mit ihr gekommen.

Sollte sie hineingehen und es anprobieren? Nein, ein Blick auf ihre Schuhe würde genügen, um der Verkäuferin klar zu machen, dass sie sich ein solches Kleid niemals würde erlauben können, egal wie nobel der Mantel aussah. Darüber konnte auch ihr gepflegtes Äußeres nicht hinwegtäuschen. Sie pflegte sich so gut es ging, rauchte und trank nicht, aß wenig Fleisch und war viel an der frischen Luft. Waldspaziergänge kosteten nichts. Handpflege konnte man auch mit sehr preiswerten Mitteln hinbekommen. Denn Hände, das wusste sie genau, verrieten viel über eine Person. Ihre waren schmal und lang, sie polierte die Nägel jeden Abend, anstatt sie mit einem billigen Lack zu versehen. Eleganz ist nicht bunt, hatte ihre Mutter immer gesagt. Eleganz ist schlicht. So wie dieses Kleid, das eine Aura selbstverständlicher Eleganz verströmte. Die allerdings kostete.

In so einem Kleid könnte man sie für die Inhaberin eines exklusiven Einrichtungshauses halten, das sie mehr aus Leidenschaft, denn aus Notwendigkeit heraus betrieb. Niemand, der sie darin sähe, käme auf die Idee, dass sie in einer winzigen Sozialwohnung lebte. In so einem Kleid könnte sie zu einer der Vernissagen gehen, von denen sie so gerne las. Könnte aus der Unsichtbarkeit des Elends heraustreten, häppchenessend von Bild zu Bild schlendern und mit interessanten Männern plaudern. Wo sie wohnte plauderte man nicht, sah sich nicht interessiert an, lächelte nicht charmant. Man lud auch niemanden ein, denn Einladungen bedeuteten Ausgaben. Sie spürte, wie die Freude über ihren Ausflug abflaute und löste sich von dem Schaufenster. Besser sie machte sich auf den Heimweg.

Zurück auf der Straße überließ sie sich dem Strom der Passanten, bis er vor einer Ampel zum Stehen kam. Ach, dort war ja schon das Café, von dem ihre alte Nachbarin immer wieder schwärmte. Früher, hatte sie schon unzählige Male erzählt, früher sei sie jede Woche dort hin gegangen. Das erste Haus am Platz. In ihrem schönsten Kleid und mit einem frechen Hütchen auf dem Kopf habe sie die Tür geöffnet und sich an einen Fenstertisch gesetzt. Ein Kännchen Kaffee und zwei Stücke Torte, das habe sie sich vom Wirtschaftsgeld abgespart. Einmal in der Woche ein kleiner Urlaub von der Familie und so tun, als sei man wer. Es sei herrlich gewesen. Nun sei das ja nicht mehr drin, schob sie stets nach. Auf die melancholisch wehmütige Art, die nur alte Frauen an den Tag legen konnten.

Einem Impuls folgend betrat sie das Café. Eine Mischung aus süßlicher Wärme, leiser Musik und Gemurmel umfing sie. In der Auslage reihten sich bestimmt zehn Torten aneinander, eine üppiger als die andere, dazu Kuchen und unzählige Teilchen. Sie dachte an das Kleid. Wie merkwürdig, hier der totale Überfluss, dort totale Reduzierung, beides Indiz für Wohlstand.
»Was darf es sein?«
Die Bedienung sah sie an, in den Mundwinkeln ein professionelles Lächeln. Nach einiger Überlegung entschied sie sich für die Schwarzwälder Kirschtorte nach Art des Hauses. Ein Viertel Torte. Behutsam wurden die Stücke von der Bedienung einzeln in Zellophan geschlagen und in der Schachtel platziert. Als Beigabe legte sie drei hübsch bedruckte Servietten hinzu. Als sie bezahlte, bereute sie ihre Idee fast. Sie würde die nächsten Tage besonders sparsam sein müssen.

Zuhause angekommen hängte sie den Mantel auf dem für ihn reservierten Kleiderbügel an die Garderobe, an der sonst nur ihre abgetragene Winterjacke hing. Die Schachtel in der Hand stand sie kurz darauf vor der Tür der Nachbarin und klingelte. Mit ungläubigem Staunen bat die alte Frau sie herein. Vorsichtshalber hatte sie etwas Kaffeepulver eingesteckt und erbot sich, in der Küche das Aufbrühen zu übernehmen. Sie ließ sich alles zeigen, deckte den Küchentisch mit Tassen und Kuchentellern und bediente die alte Dame, als seien sie in ihrer, nicht in deren Wohnung. Dabei hörte sie sich erneut die Geschichte der wöchentlichen Besuche an, ohne sie mit dem Hinweis zu unterbrechen, dass sie ihr schon bekannt sei. Auf das immer wieder eingeflochtene „wissen Sie“, lächelte sie nur nickend, was ihre Gesprächspartnerin in keiner Weise irritierte.
»Mögen Sie noch?« Sie schob den Tortenheber unter das verbliebene Stück Torte und sah die Nachbarin fragend an. »Ich habe schon in der Stadt gegessen«, log sie, um der Frage zuvorzukommen, ob sie selbst denn nicht wolle. »Mir reicht eine zweite Tasse Kaffee.«
»Oh, ja dann, gern. Aber für mich keinen Kaffee.« Die Nachbarin hob den Teller vor die Brust und stach mit der Gabel in die weiche Masse. »Der Schlaf, wissen Sie?« Sie schob sich die Gabel in den Mund und schloss die Augen. »Meine Mutter – sie war sehr religiös, wissen Sie.« In den nun wieder geöffneten Augen tanzte ein Lächeln. »Sie hat mir immer Verschwendung vorgeworfen. Aber ich habe nie auf sie gehört. Das war meine Sache, ich brauchte das, war nicht leicht damals, wissen Sie? Aber das ist es ja heute auch nicht«, stellte sie kopfschüttelnd fest. Erstaunlich schnell verschwand auch das zweite Tortenstück von ihrem Teller.
»Wissen Sie, schon lange hat mir niemand mehr so eine Freude gemacht«, sagte die Nachbarin und tätschelte ihr die Hand, als sie sich in der Tür verabschiedete. »Ein schöner Mantel, den sie da angehabt haben, als sie nach Hause gekommen sind. Den sollten sie öfter tragen«, sagte sie und schloss die Tür.

Zurück in ihrer Wohnung strich sie über den weichen Stoff des Mantels, packte ihn in seine Schonhülle und hängte ihn zurück in den Schrank. Die überzählige Serviette, die sie unbemerkt eingesteckt hatte, faltete sie auseinander und legte sie auf den Tisch.

 

© Text und Bild: Kirsten Marter-Dumsch, Februar 2018

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. HJL sagt:

    Ist , wenn auch schon etwas älter, nach wie vor schön zu lesen. Besinnlich – regt zur Selbstrefektion ab. HJL Künstlerin- Deine Tochter!!

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    1. monatsweise sagt:

      Freut mich! Die Künstlerin ist allerdings meine Schwiegertochter, Ehre, wem Ehre gebührt!

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