Die Präparatorin

Auch wenn mein Interesse normalerweise Alltagscharakteren und deren Erleben gilt, übe ich mich ab und an in der Schilderung psychopathischer Charaktere und deren Handlungen. So wie in diesem Fall, bei dem ich mir zudem den Vorwurf, bei mir kämen die Frauen immer so gut weg, zu Herzen nahm. Zumindest habe ich es versucht. Am Ende hatte dann doch wieder ein Mann seine Finger im Spiel. Und ich landete auch wieder bei einer sehr alltäglichen Erkenntnis, die der von mir sehr verehrte Sommerset-Maugham einmal so formulierte: „Nichts, was geschieht bleibt ohne Wirkung.“
Und manchmal, kann die Wirkung sehr drastisch ausfallen.

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Zwei, drei Minuten noch, dann konnte sie beginnen. Er war ihr dermaßen leicht auf den Leim gegangen, dass sie zwischenzeitlich beinahe den Spaß an der Sache verloren hätte. Schon in der Sauna, als er ihr geifernd auf die Brüste gestarrt hatte, war ihr klar gewesen, dass es ein Kinderspiel sein würde. An der Bar bedurfte es nur noch eines winzigen Lächelns, um ihn dazu zu bewegen, sie auf einen Drink einzuladen. Mittlerweile sah er etwas belämmert aus. Das war ein Nachteil des Mittels. Die Kerle bekamen einen dermaßen dümmlichen Gesichtsausdruck, dass man Zweifel daran haben konnte, ob sie wirklich noch mitbekamen, was mit ihnen geschah. Nur den Augen konnte man die Angst ablesen; starr vor Entsetzen fixierten sie ihr Tun, ohne wegsehen zu können, so wie sie damals.

Der hier war widerstandsfähiger als gedacht, lallend forderte er sie auf, endlich in die Wanne zu kommen. Sie würde ihm noch einen Schluck einflößen müssen, bevor er endgültig drüber war. Selbstgefällig hielt er ihren Strip für den Wunsch ihn anzuturnen, statt für einen Zeitgewinn. Na also, geht doch, dachte sie, als er endlich kein Wort mehr hervorbrachte. Sie zog den Bademantel über, ging zurück ins Zimmer und nahm die Kernseife und das Skalpell aus ihrer Tasche. Vor dem nächsten Mal würde sie ein neues besorgen müssen, stellte sie bei der Prüfung der Klinge fest, für heute sollte es noch langen.

»Na, wollen wir?« Sie setzte sich auf den Wannenrand. »Oder möchtest du nicht mehr?«     Mit der umgedrehten Klinge fuhr sie die Innenseite seiner Oberschenkel entlang. In seinen Augen zuckte es, weitete sich die Pupille. Ein Reflex, der sie entzückte.
»Was denn, gefällt dir das nicht? Vorhin wolltest du doch noch so gern mit mir spielen.«
Wieder ein Zucken. Oh ja, er bekam eindeutig mit, was hier vor sich ging. Dieses Zeug war wirklich gut, trotz eindeutig sichtbarer Panik bewegte er sich kein Stück.
»Fühlt sich gut an, nicht wahr? Und erst die andere Seite. Du wirst es mögen. Die Klinge ist gerade noch scharf genug für dich. Vielleicht wird sie nicht ganz so geschmeidig eindringen wie bei deinem Vorgänger. Der bekam sich kaum ein vor Begeisterung.«

Sie ließ den Bademantel zu Boden gleiten und schob ihn mit dem Fuß zur Seite.
»Wir wollen ja nicht, dass er etwas abbekommt, nicht wahr.«
Langsam wickelte sie die Seife aus der Verpackung und legte sie auf den Wannenrand.     »Ich werde dich waschen, weißt du. Du musst sauber sein. Sauber und nach Seife riechen.«
Andächtig schäumte sie ihm die Unterarme ein. Sie waren seinen zum Verwechseln ähnlich. Das lange, wiederborstig aussehende Haar war erstaunlich weich gewesen. Einmal nur hatten ihre Lippen es unbeabsichtigt gestreift. Bei der Erinnerung krallten sich ihre Finger zusammen und gruben sich tief in seine Haut.
»Verzeih!« bat sie lächelnd. »Ich werde vorsichtiger sein, versprochen.«
In einer gleitenden Bewegung rutschte sie vom Wannenrand zu ihm ins Wasser.
»Siehst du, da bin ich. Das ist es doch, was du willst.«

Diesmal waren die Stulpen besonders gut gelungen. Wenn sie unterwegs war, trug sie die Haare nach innen, genoss die streichelzarte Berührung unter den Jackenärmeln. Die Idee, sie mit Manschetten zu versehen, um sie so auch in der Öffentlichkeit tragen zu können, war ihr nach den ersten beiden Versuchen gekommen. So flach wie diesmal hatte sie die Nähte noch nie hinbekommen, perfekte Wendenähte. Selbst jetzt, ein Jahr nach Fertigstellung, waren die Haare noch so weich und zart, als befänden sie sich an einem lebenden Arm, würden wachsen, ausfallen, sich erneuern. Stunden saß sie am Tisch und streifte mit den Lippen hindurch. Wie konnte man nur einen Nierenwärmer aus so etwas Wunderbarem machen?

Er hatte sie geschlagen, als sie, die Katze im Arm, zu ihm gelaufen kam und ihn begeistert aufforderte, zu fühlen, wie schön das Fell am Mund kitzle. So wie die Haare auf seinem Arm.
»Lass mich doch noch einmal deinen Arm fühlen, Papa. Es ist so schön, mir wird ganz warm im Bauch dabei.«
Mit voller Wucht hatte die Hand ihre Wange getroffen, waren die Worte über sie hergefallen: Widerlich verdorbenes Balg! Die Katze strampelte hilflos in seiner großen Hand als er mit ihr zum Hauklotz ging, auf dem immer die Hühner geköpft wurden. Unfähig sich zu rühren oder auch nur einen Laut von sich zu geben, hatte sie zusehen müssen, wie ihm das Blut beim Häuten über die Hände lief und die Ärmelkanten rot färbte.
Vor drei Jahren, bei der Sichtung seines Nachlasses, fand sie den abgetragenen Nierenwärmer. Zwei Tage und Nächte hatte sie sie sich die Seele aus dem Leib gewürgt. Der Arzt untersuchte sie lange, mit Händen, auf denen sich die Ausläufer einer dunklen Armbehaarung verloren.

Der Wecker klingelte zum wiederholten Mal. Sie musste sich beeilen. Hastig streifte sie die Stulpen ab und ging ins Bad. Beim Anziehen rutschten sie auf der feuchten Haut nicht richtig bis nach oben. Zum Pudern war die Zeit zu knapp. Für heute musste es so gehen, sie musste nur darauf achten, die Ärmel des Blazers immer wieder nach unten zu ziehen.
Als sie um die Ecke bog stand der Bus schon an der Haltestelle. Wild winkend rannte sie los, sie durfte ihn auf keinen Fall verpassen. Doch sie hatte Glück, der Fahrer schien keine Eile zu haben. Schwer atmend streckte sie ihm mit einem Lächeln das Geld entgegen.
»Danke! Einmal zum Bahnhof bitte.«
Irgendwas war falsch. Anstatt das Geld entgegenzunehmen und die Fahrkarte zu drucken, starrte er auf die Hand mit dem Schein. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, was passiert war. Warum war sie nach dem ersten Klingeln nur liegengeblieben?Das hatte sie jetzt davon.
»Er war ein Arschloch. Glauben Sie mir, er war ein grausames Arschloch«, sagte sie, drehte sich um und lief zurück über die Straße. Weg, sie musste weg, viel Zeit würde ihr nicht bleiben, bevor man sie ausfindig machte. Sie hörte ein lautes Quietschen, dann einen Knall. Wie merkwürdig, dachte sie, und spürte, wie die Welt sich überschlug.

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