Zu Gast auf monatsweise: Matthias Rürup

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Auch in diesem Jahr gibt es einen Gastbeitrag auf monatsweise. Zu meiner großen Freude hat sich Matthias Rürup nicht lange bitten lassen und stellt mit zwei Gedichten aus seinen Igelgesängen den Augustbeitrag. Das freut mich aus vielen Gründen:

Erst einmal, weil ich ich seine Lyrik sehr mag und von ihrer Qualität immer wieder angetan bin. Hinzu kommt, dass ich ihn gern rezitieren höre. Was zu gleichen Anteilen am gekonnten Vortrag, wie an der angenehmen Stimme liegt. Davon könnt Ihr Euch selbst ein Bild machen, denn er hat die beiden Gedichte eigens für monatsweise eingelesen. Ihr findet nicht nur seine, sondern auch eine von mir eingelesene Version jeweils am Ende des Gedichtes. Aus besonderem Grund, da wir aktuell ein gemeinsames „Igelprojekt“ erarbeiten. Eine dramaturgische Lesung der Gedichte, die wir am 12. November (save the date!) in der Wuppertaler Börse präsentieren werden. Umrahmt und begleitet von Musik und Bildern. Ein spannendes Projekt und eine Herausforderung für uns beide. Kann man sagen, Matthias, oder? Schließlich sind wir beide keine gelernten Sprecher, bzw. Schauspieler und haben bislang stets nur im Alleingang Texte vorgetragen. Gern möchte ich mich an dieser Stelle bei Matthias für das entgegengebrachte Vertrauen, die Offenheit und die konstruktive Zusammenarbeit bedanken. Sie macht enorm viel Spaß und ist eine echte Bereicherung. Ich denke, die bisherigen Ergebnisse sprechen für sich.

Hier nun also für Euch ein kleiner Vorgeschmack, der neugierig machen soll auf mehr. Ihr werdet sehen, ein bisschen Igel steckt in jedem von uns. Denn, wer kennt sie nicht, die Fallstricke der Liebe?

Mehr über Matthias, wie er zum Schreiben kam und warum es Lyrik und nicht Prosa ist, erzählt er im Anschluss an die Gedichte selbst. Manchmal, so dachte ich beim Lesen, entwickelt sich aus einem Problem heraus ein großes Geschenk.

 

Wie das ging

Wie das ging,
Wie das geht:
Aneinander anzudocken?

Zu Wechseln von
Gespräch in Berührung,
Aus Abstand hin zu nah?

Da gibt es Bücher für und Kurse
Des Flirtens, Verführens,
Des Nötigens zum Verkehr.

Aber wie das ging,
Wie das geht:
Wenn es ernst ist und wichtig?

Wenn es keine Technik sein darf,
Kein Trick, sondern
Ehrliches Bemühen.

Dass Freiheit lässt,
Nicht überredet, übergeht:
Sich auftut, bittet, hofft und beugt.

Wagnis ist und Sprung,
Ein verletzlich werden,
Enttäuschend potentiell: Blamiert.

Das weiß ich nicht.
Wie das ging,
Wie das geht.

Ich versuche nur,
Kann nur versuchen
Mich traun.

Einen Scherz wagen,
Eine Formulierung
Mit doppeltem Boden.

Mich bewegen unwillkürlich,
Den Zufall suchend
Einer Berührung.

Heran beugen mich,
Streifen deine Haut
Öfters als gut.

Dass du antworten kannst,
Reagieren heimlich
So oder so.

Ob du einsteigst,
Dich einlässt
Auf diesen Ton.

Den Wechsel mitgehst
In ein anderes Reden,
Eine andere Spur.

Aber da ging nichts,
Da geht nichts
Alleine durch mich.

Uns braucht es da,
Ein Wir schon bevor
Wir dazu werden.

Einen gemeinsamen Sinn,
Ein Verbunden sein,
Um sich zu verbinden.

Eine Öffnung längst
Aller Grenzen,
Ehe sie fallen.

Und das ging nicht,
Das geht nicht.
Das muss passiern.

Wie das ging – Matthias

Wie das ging – Kirsten

 

Nacht

In dieser einen Stunde wurde es Nacht,
Als ich fort gewesen war – ganz bei
Dir in Liebe und Verlangen.

Erklären lässt das Dunkel sich, doch macht
Es mich erschrocken, so als sei,
Nicht nur der Tag gegangen.

Wie dumm von mir, wie ängstlich, blöde, was
Soll die Nacht, die uns umfängt, denn sein,
Als Nacht und gar nichts weiter.

Du atmest zärtlich mir ins Ohr, ich lass
Dich so: zufrieden, friedlich, dein’n
Blick so sanft und heiter.

Dass du nicht siehst, nicht fragst, ob mich was quält,
Das kommt vom Dunkel sicherlich.
So biegt die Nacht es wieder hin.

Dass wir zusammen sind, ist das, was zählt,
Nicht meine Angst, mein Wahn, dass ich
So schrecklich schreckhaft bin.

Nacht – Matthias

Nacht – Kirsten

 

Warum ich schreibe – noch dazu Gedichte?

Die Antwort auf diese Frage scheint mir beinahe ZU einfach: es ist wohl eine Mischung aus Bedürfnis und Gewohnheit. Am Anfang stand – wobei Anfänge naturgemäß nebulös sind – wohl, dass ich als Kind stark stotterte und entsprechend in Therapie war. Dort wurde ich fortwährend zum Nacherzählen von irgendwelchen Bildergeschichten aufgefordert, verbunden mit viel positivem Zuspruch und Anteilnahme. Das mag meine Neigung, mir eigene Geschichten auszudenken, gefördert haben. Andererseits zwingt Stottern aber auch zum sorgsamen Sprachgebrauch, zur Achtsamkeit für Sprech- und Atem-Rhythmen. Schließlich will man ja die schwierigen Worte und peinlichen Momente möglichst vorausschauend umschiffen. Dass dabei ein bedachtes, langsam-moduliertes Sprechen nahe liegt, wird einleuchten und der Weg zum Gedicht beinahe unvermeidlich.

Spannender als die Frage, warum ich schreibe, ist für mich die Frage, warum ich so lange NICHT geschrieben habe. Denn obschon ich seit frühester Jugend literarische Texte fabrizierte (und immer als Berufswunsch Schriftsteller angab), habe ich zwischen meinem 25. und 40. Lebensjahr komplett pausiert. Die Antwort kenne ich ebenfalls: Ich hatte damals den lebendigen Eindruck, ich müsste erst mal was erleben, um was zum Schreiben zu haben … Vielleicht ist dies auch eine Fernwirkung meines Stotterns gewesen: Viele Worte zu machen – Szenen zu beschreiben, Situationen auszuschmücken – war mir immer unangenehm … vielleicht weil langes Sprechen eben ermüdet und darum gefährlich ist. Ohne etwas zu sagen zu haben, also etwas so sehr durchlebt oder auch durchdacht zu haben, dass man es sprichwörtlich auf den Punkt bringen kann, schien mir mein Schreiben damals sinnlos und leer. Also habe ich Familie gegründet und eine berufliche Karriere gestartet und bin in der Bundesrepublik und darüber hinaus durchaus umhergekommen. Dass ich dann mit 40 ungefähr wieder zum Schreiben zurückgefunden habe, brauchte sicherlich erst einmal einen krisenhaften Auslöser (der hier nichts zur Sache tut) – überraschend für mich selbst war aber, dass mir seitdem die Themen, Worte und lyrischen Formen regelrecht hinterher jagen: Als hätte sich etwas jahrelang als Erleben, Bedenken und Befühlen angesammelt, was nun plötzlich Stück für Stück Text werden will.

Dass ich schreibe ist so alles in allem ein Bekenntnis zu meiner Herkunft (meinem stotternden Beginn) und meiner zunehmend grauhaarigen Gegenwart: knapp und wohlgesetzt etwas mit Substanz sagen, sich den schwierigen, den ambivalenten Fragen stellen – in einem alles in allem geschmeidigen Ton.

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