Der zweite Weg

Es gäbe etwas zu erzählen zur Entstehung dieser Geschichte, die ich für eine Lesung unter dem Titel „Der zweite Weg“ verfasste. Doch ich breche mit der Gewohnheit und mache das diesmal erst im Anschluss. Um Euch zum einen nicht durch eine von mir verkündete Schreibabsicht eventuell einzuengen und zum anderen nichts vorwegzunehmen, das die Spannung mindern könnte. 😉

Der Titel ist noch Arbeitstitel, Anregungen werden gern angenommen.

 

Eigentlich hat sie keine Zeit, der Umweg wird sie mindestens zehn Minuten kosten. Trotzdem folgt sie den Tönen und biegt vom Weg ab. Ob sie Martina Bescheid geben soll, dass sie sich verspätet? Jetzt sieht sie das Kind. Es beginnt zu hüpfen, wodurch sich die Melodie verändert, mit der das Stöckchen die Zaunstäbe der Vorgärten entlangrattert. Sie kann am Klang erkennen, dass es aus trockenem Holz sein muss; ganz deutlich setzen sich die Töne voneinander ab. Frisches Holz klingt leicht unscharf, verwischt, so, als wären die Lücken zwischen den Stäben kaum noch da. Eva mochte die frischen Hölzer lieber.

Eva.
Eva und sie in geblümten Sommerkleidern, die Tornister auf den Rücken. Eva, wie sie sich nach den Stöcken bückt, sie prüft und aussucht. Für sich selbst einen frischen, für sie einen älteren, größeren wählt. Eva, die fang du an, sagt. Und, schneller, du musst schneller laufen, bevor sie mit wild ruderndem Arm einstimmt, der gleichmäßig klackernden Melodie eine tanzende, zweite Stimme hinzufügt. Eva, die Pause, schreit, wenn sie das Grundstück erreichen, auf dem der altdeutsche Schäferhund Wache hält. Weil er jedes Mal schier ausrastet, wenn sie es nicht tun und weil Eva sagt, Tiere darf man nicht ärgern.

Das Kind hat anscheinend genug von seinem Spiel. Es wirft den Stock weg, beginnt zu rennen und ist kurz drauf in einer Seitenstraße verschwunden. Die plötzliche Stille wirkt befremdlich. Nur zwei Straßen weiter, tobt um diese Uhrzeit der Verkehr, hastet man mit Coffee-to-go und Handy aneinander vorbei. Nichts davon hier. Sie hört zum ersten Mal seit langem Vogelgezwitscher. Amsel oder Meise? Eva, die Vögel an ihrem Gesang erkennt, weil ihr Onkel Förster ist und ihr eine Schallplatte mit Vogelgesängen zum Geburtstag geschenkt hat. Sie bleibt stehen und legt den Kopf in den Nacken, sieht in eine Baumkrone hinauf. So, wie Eva. Nur, dass sie dem, was sie sieht keinen Namen geben kann. Eva schon. Sie gräbt in ihrer Erinnerung. Buche, Ahorn? Zwecklos. Wer zuerst an der großen Linde ist! Eva, deren dunkles Haar wie eine Fahne hinter ihr her weht, die Erste schreit und lachend die Arme um den Stamm legt. Mit diesen Evaaugen. So blau, so strahlend.

Ihr Handy klingelt.
»Susanne! Wo bleibst du? Martinas Stimme schwankt zwischen Empörung und Sorge. „Breitscheid ist schon da. Mit dem gesamten Stab.«
»Bin gleich da, mach ihm Kaffee.«
Mist, ausgerechnet Breitscheid, den hat sie total vergessen. Zehn Minuten später sitzt sie im Besprechungsraum und betreibt Schadensbegrenzung. Am Ende haben sie den Auftrag in der Tasche, auch wenn sie eine Kröte dafür schlucken müssen.

»Hammer, du bist die Größte!« Martina stellt Gläser auf den Tisch und schwenkt eine Sektflasche. »Wie du den eingefangen hast, Hammer! Darauf trinken wir einen.« Susanne sieht ihr zu, wie sie die Flasche öffnet und den hervorquellenden Schaum geschickt im Glas auffängt. »Die Sache mit dem Fotografen ist leider nicht zu ändern, aber vielleicht ist er ja ganz o.k. Und Magnus ist eh im Moment total ausgebucht. Cheers, auf den fettesten Auftrag den wir bisher eingefahren haben.« Der Sekt ist warm und zu süß. »Sorry, war das einzig Brauchbare, das da war.« Sie stellt das Glas ab und umarmt Susanne. »Mensch, Suse, freu dich doch mal. Was ist denn los heute? Jetzt hat sich der ganze Aufwand doch gelohnt. Und mit der Zeit wird der Breitscheid noch ganz handzahm, wirst sehen.«
»Dein Wort in Gottes Ohr.« Susanne nippt noch einmal, verzieht das Gesicht und stellt das Glas zur Seite. »Aber damit kann man nicht feiern. Es fehlen ja ohnehin noch die anderen. Lass uns morgen beim Meeting mit was Anständigem anstoßen.« Sie geht zum Fenster und sieht hinunter auf die Straße.
»Alles o.k. mit Dir? Was war denn heute Morgen, du kommst nie zu spät? Irgendwas passiert?«
»Nein, ich hab nur jemanden von früher getroffen.« Unten auf der Straße hält ein Bus und entlässt eine Gruppe Kinder, die geschlossen in Richtung Museum gehen. Eva, wie sie von Bild zu Bild läuft, sich als einzige nicht langweilt, aufmerksam zuhört, noch einmal mit ihr zurückläuft zu dem riesigen Bild aus blauen und grünen Wolken, es solange ansieht, bis sie sich beeilen müssen, um den Bus nicht zu verpassen, in dem die anderen schon warten. Ich werde Künstlerin, sagt sie beim Einsteigen zum Busfahrer. Mit dieser Evastimme, die keinen Zweifel aufkommen lässt, dass es genau so passieren wird.
»Suse?«
Sie zuckt zusammen. Gott, was ist nur mit ihr los? Schluss jetzt mit der Träumerei, es gibt viel zu tun. Entschlossen dreht sie sich um und geht zum Schreibtisch.
»Entschuldige«, sagt sie, lächelt ihre Assistentin an und sperrt die Erinnerung endgültig weg, indem sie den Rechner hochfährt. »Mach mir bitte eine Verbindung mit dem Fotografen. Ich will ihn mir so schnell wie möglich ansehen. Sagt dir der Name was?«
»Nein, soll ich mich schlau machen, dir was zusammenstellen?« Mit den Gläsern in der Hand wartet Martina im Türrahmen auf die Antwort.
»Lass, ich schau selbst. Oliver ist richtig, oder?«
»Fast. Olaf, Olaf Renning.«
»Ach, Martina«, sie sieht vom Rechner auf, »wenn Magnus kommt, schick ihn mir direkt rein.«

Bis zum Abend hat sie sich einen Überblick über die Arbeiten des Fotografen verschafft und seine Referenzen geprüft. Wenn er nicht als Typ unmöglich ist, sollte es mit ihm gehen. Fotografieren kann er. Flexibel ist er auch, sie sind schon für den nächsten Nachmittag verabredet. Das Vormittagsmeeting ist vorbereitet, Magnus informiert, sie ist müde und entscheidet, es ist genug für heute. Draußen hat sich der Frühling an sein morgendliches Versprechen gehalten und lässt dem ersten warmen Tag einen warmen Abend folgen. Sie zögert einen Moment, dann zieht sie die Jacke aus und geht den Weg zurück, den sie immer nimmt.
Sie schläft schlecht, schreckt mehrfach aus Träumen auf, deren Schwarzweißbilder von Geklacker unterlegt sind, sieht sich zwischen Zäunen entlanggehen, ohne deren Ende erreichen zu können. Egal wie schnell sie rennt, fast fliegt, sie hören nicht auf. Immer enger wird der Weg, die Luft riecht metallen, eisenhaltig, so sehr, dass sie kaum Luft bekommt, würgt und mit hämmerndem Puls erwacht, bevor sie sich im Traum übergeben kann.
Am Morgen regnet es. Sie nimmt das Auto, weil ihr Schirm kaputt ist und sie es für die Fahrt zum Fotografen ohnehin gut gebrauchen kann. An der Abzweigung blickt sie geradeaus und stellt das Radio lauter, um nicht schon wieder in die Vergangenheit abzutauchen. Der bevorstehende Tag verlangt ihre ganze Aufmerksamkeit. Mit Tagträumen kommt man in ihrem Job nicht weit. Merkwürdig, denkt sie, warum gerade jetzt diese ständigen Erinnerungen? So präsent, als sei das alles gestern gewesen. Ich bin doch sonst nicht sentimental. Als Magnus ihr die Schulhoffotos für die Bildungskampagne gezeigt hat, musste sie sich abwenden, damit er nicht sah, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. Suse, Suse, hat was in der Bluse! Selbst die schlabberigsten T-Shirts können nicht verbergen, dass ihre Brüste lange vor denen der anderen Mädchen zu wachsen begannen und sie erbarmungslos dem Spott der Jungs und dem Neid der Mädchen aussetzen. Suse, Suse, hat was in der Bluse! Ohne Eva, die jedem ins Gesicht springt, die für jeden hörbar, ich wünschte, meine würden auch schon wachsen, sagt, wäre sie am liebsten Zuhause geblieben. Eva, der niemand zu widersprechen wagt, die mit einem einzigen Blick jede Gemeinheit im Keim ersticken kann. Mit der sich jeder gut stehen will, wofür man dann auch die mopsige Susanne mit ihren Brüsten in Kauf nimmt. Eva, die entscheidet, dass sie Küssen üben müssen, mit Zunge, so wie im Fernsehen. Deren Mund nach Apfel und Schokolade schmeckt.

Als sie das Büro betritt sind schon alle im Besprechungsraum versammelt und begrüßen sie mit gutgelauntem Applaus. Ein Ritual, dass sich eingebürgert hat, weniger als Anerkennung für eine einzelne Leistung, als vielmehr Ausdruck von Gemeinschaftsgefühl. Jeder freut sich, wenn es gut läuft und trägt seinen Teil dazu bei. Sie legt die Tasche zur Seite, schaut in die Runde und stimmt lächelnd ein. Lange hat sie davon geträumt einen eigenen Laden zu haben, in dem es nicht so hierarchisch zugeht, wie in den Agenturen, in denen sie als Angestellte gearbeitet hat. Magnus, Thea, Ron, Moritz, Sebastian, jeder hängt sich total rein. Für die Sache und für’s Team. Selbst Justus, die studentische Hilfskraft bildet keine Ausnahme. Martina hat das übliche Arbeitsfrühstück feierlich aufgestockt und drückt ihr ein Sektglas in die Hand.
»Kalt diesmal«, sagt sie. »Und nicht süß! Prost!«
Sie stoßen an, alle wollen wissen, wie das Gespräch genau gelaufen ist. Kurz darauf sind sie bereits mitten in einer konstruktiven Diskussion. Bis zum Mittag bleibt ihr keine Minute, um die Gedanken in andere Richtungen wandern zu lassen. Trotzdem empfindet sie eine Distanz zum Geschehen, die ihr neu ist. Sie hört sich Sätze formulieren, als spiele sie eine Rolle, die mit ihr selbst nur bedingt zu tun hat. Nach einem hastigen Mittagsimbiss macht sie sich auf den Weg zum Fotografen. Sein Atelier befindet sich in einem der erst kürzlich modernisierten Altstadtgebäude, in denen früher außer Studenten niemand wohnen wollte. Stell dich nicht so an, ist doch cool hier, selbst eine Badewanne haben sie. Eva, die lachend auf eine Zinkwanne weist, die irgendjemand im Hauseingang geparkt hatte, darübersteigt und leichtfüßig die knarrende Treppe hinaufläuft. Die dem Vermieter strahlend die Hand entgegenstreckt und nicht eine Sekunde daran zweifelt, dass sie diese Wohnung bekommen werden. Zwei Zimmer, eine winzige Küche und ein noch winzigeres Bad. Sie öffnete die Tür zum Atelier und steht in einem lichten Empfangsbereich von beeindruckender Größe. Keine Spur mehr von winzigen, dunklen Räumen. Bei der Sanierung ist ganze Arbeit geleistet worden. Schlecht verdienen kann er nicht, wenn er sich erlauben kann hier zu wohnen.
»Komme sofort, nur eine Minute!«, ruft eine Stimme aus einem der hinteren Räume.
An den Wänden hängen, scheinbar willkürlich gemischt, großformatige Fotografien. Portraits, Landschaftsaufnahmen, Stillleben, schwarzweiß und farbig, vermitteln sie ein gutes Bild von den technischen und künstlerischen Fähigkeiten des Fotografen. Seine Art mit Licht umzugehen gefällt ihr. Wer weiß, vielleicht ist er sogar langfristig eine gute Ergänzung zu Magnus, der durchaus seine Beschränkungen hat. Sie dreht sich um und bleibt wie angewurzelt stehen. An einer zurückspringenden Wand hängt ein raumhohes Bild von einem … Haus? Nein, das kann nicht sein, wie kämen dann die schemenhaften Köpfe auf die Fassade? Sie tritt näher und studiert das Bild genauer. Eine Spiegelung, es muss sich um eine Spiegelung handeln. Ein Blick in ein Mode- oder Hutgeschäft, in dessen Scheibe sich ein Haus spiegelt, sodass die Ebenen kaum auseinanderzuhalten sind. Je länger sie hinsieht, desto klarer treten die Puppenköpfe hervor. Retrobrillen, Hüte und Kappen über makellosen Stirnen, markanten Wangenknochen und vollen Lippen. Sie wirken wie aus einer anderen Zeit. Vielleicht ein Trödelladen? Bei dem Gesicht am rechten Bildrand ist sie nicht sicher, ob es auch eine Puppe ist. Es wendet sich nach links ab, schwebt scheinbar körperlos in dem dunklen Bildteil, trägt weder Brille noch Kopfbedeckung. Sie geht noch einen Schritt auf das Bild zu und im nächsten Moment schnappt sie nach Luft. Eva! Der schmale Nasenrücken über dem feingeschwungenen Mund, die hohe, eigenwillige Stirn. Makellos schön, kühl und abweisend und doch ungeheuer sinnlich. Mehr noch als damals. Und schon da hatte sie jeder haben wollen. Sie standen Schlange, überboten sich gegenseitig, um auf sich aufmerksam zu machen, und bei ihr landen zu können. Und wenn es nur für eine Nacht war. Eva, wie sie sich über sie lustig machte, sich nahm wonach ihr war, sie benutzte und wegwarf, sich nie einließ.

»Gefällt es ihnen?«
Sie fährt herum, sieht in ein fragendes Gesicht mit dunklen Augen unter blonden Haaren, unfähig ein Wort zu sagen.
»Ich habe es in Amsterdam gemacht. Der Laden einer Freundin im Jordan.« Er deutet auf Eva. »Es gehört zu einer Reihe, in der ich mich mit Spiegelungen beschäftigt habe, wenn sie mögen, zeige ich ihnen auch die anderen.«
Sie nickt und kann ein Ja, gern rausbringen. Er führt sie nach hinten zu einer Sitzgruppe, nimmt eine Mappe aus einem Ständer und schlägt sie auf. Sie lässt ihn reden, bekommt sich langsam wieder in den Griff und schafft es irgendwie, die Besprechung hinter sich zu bringen. Doch kaum sitzt sie wieder im Auto, ist alles wieder da. Die beiden kleinen Zimmer, die Küche, Eva, nackt auf dem Weg ins Bad, mit langen, schlanken Gliedern und rosigen Brustwarzen auf kleinen festen Brüsten. So anders als sie selbst, an der alles rund und irgendwie mütterlich ist. Partys, nach denen am nächsten Morgen immer ein anderes Gesicht aus Evas Zimmer kommt, noch einen Kaffee trinken darf und dann gehen muss. Jost, dessen Lächeln im Bauch kribbelt, der sich nicht entscheiden kann, ob er Männer oder Frauen mehr mag, der ihre runden Hüften streichelt, sie unbeholfen zögerlich liebt und sein Gesicht danach in ihren Brüsten vergräbt. Jost, der sie will und nicht Eva, bei der sie sich am Küchentisch über seine mangelnde Leidenschaft ausweint. Dessen zuckender Hintern zwischen den langen Schenkeln so gar nicht unbeholfen aussieht, als sie mit einem Eisbecher und zwei Löffeln die Tür öffnet. Eva, die an die Spüle gelehnt „er kann’s schon“ sagt. Der Nachmittag, an dem sie sich auf den Weg machen. Eva, die sich bückt und Stöcke aufhebt. Weißt du noch? Die stop ruft, der Hund, vielleicht lebt er ja noch. Der Hund, grau und schläfrig auf dem Rasen. Eva, die das Tor öffnet, sich bückt und ihn hinter den Ohren krault. Alles ist ruhig. Bis sie den Stock über die Stäbe fahren lässt. Blut, überall Blut. Es läuft Eva über Gesicht und Hände, mit denen sie versucht sich zu schützen. Der Mann, der aus dem Haus gelaufen kommt und den Hund wegzerrt. Der Krankenwagen, die Verbände um Evas Kopf, die Brille, hinter der sie die Narben versteckt, als sie ihre Sachen aus der Wohnung holt.

Sie fährt nach Hause, bucht ein Hotel, packt ein paar Sachen und macht sich auf den Weg. Der Laden einer Freundin, im Jordan. Am nächsten Morgen geht sie die Gassen ab. Willemstrat, Lindengracht, Lindenstrat. Da, das muss es sein. Der Laden ist noch geschlossen, sie setzt sich in ein Café, bestellt grünen Tee und starrt auf das Schaufenster. Der Laden einer Freundin. Ob sie sie erkennt? Sie hat zwanzig Kilo abgenommen seit sie sich das letzte Mal gesehen haben, hat bis auf die großen Brüste alles Mütterliche abgelegt und trägt ihr Haar jetzt lang. Außerdem ist es siebzehn Jahre her. Was hat sie in der Zwischenzeit gemacht? Weiter Kunst studiert, hier in Amsterdam?Gegenüber wird die Ladentür von einer rundlichen Frau mit grauem Kurzhaarschnitt aufgeschlossen. Was, wenn der Laden gar nicht mehr Eva gehört, wenn das Bild schon vor Jahren gemacht wurde? Warum hat sie nicht danach gefragt? Wahrscheinlich ist sie völlig umsonst hier. Die Bedienung fragt, ob sie noch etwas trinken möchte. Sie lehnt ab, bittet um die Rechnung. Es hat keinen Sinn es hinauszuschieben.

Das Gesicht unter der grauen Kurzhaarfrisur sieht aus der Nähe sehr viel jünger aus, als sie vermutet hat. Die Frau grüßt auf holländisch, wechselt aber sofort ins Deutsche, als Suse auf deutsch antwortet.
»Ist das der Laden von Eva Buchmüller?«
»Ja, soll ich sie rufen?« Zwei freundliche Augen sehen sie fragend an. Offen und unbefangen. Warum soll sie auch befangen sein, nur weil sie sich befangen fühlt? Wohl kaum.
»Bitte, das wäre nett.«
»Warten Sie einen Moment, ich glaube, sie ist im Atelier. Oder …«, sie überlegt, will augenscheinlich den Laden nicht unbeaufsichtigt lassen. »Sind sie eine Freundin?«
»Ich weiß nicht, wir haben uns lange nicht gesehen.« Warum sagt sie das? Die Frau sieht sie aus hellen Augen an.
»Sind Sie Suse?«
Sie nickt. Die Frau legt den Kopf schief und betrachtet sie eingehend. »Ich habe sie mir anders vorgestellt.«
»Wie, anders?« Was weiß diese Frau von ihr, dass sie sich ein Bild gemacht hat?
»Mehr so wie ich.« Sie lacht und deutet auf die Tür an der Rückwand des Ladens. »Da durch und dann über den Hof. Sie können es nicht verfehlen.«

Im Hof hört sie eine Säge kreischen, untermalt von lautem, klassischem Gesang. Noch kann sie umkehren, kann durch das Tor auf die Straße gehen, ohne der Frau begegnen zu müssen, sich ins Auto setzen und zurück nach Hause fahren. Es geht ihr gut, sie hat sich eingerichtet im Leben, sie hat Erfolg, viele Freunde. Warum tut sie sich das an? Sie hat Jahre gebraucht, um zu vergessen. Spiegelungen, hatte der Fotograf auf ihre Frage, warum er ihnen eine Serie gewidmet habe, geantwortet, brächten auf eine Ebene, was man sonst nur getrennt wahrnehmen könne. Sie schüfen einen neuen Kontext, Optionen, könnten im besten Fall Sichtweisen verändern, vielleicht sogar Horizonte erweitern.

Die Säge wird abgeschaltet, jetzt erkennt sie auch die Musik: Eva, Tränen in den Augen nach ihrer Hand greifend, während die Traviata auf der Bühne ‚è tardi’ singt. Das ist ihr alles zu viel. Jost, wie er sich die Haare rauft und irgendetwas sagt, das sie nicht hört, weil das Bild der um ihn geschlungenen Schenkel so viel lauter in ihr ist. Evas wortloser Auszug. Der Stock, der ihr aus der Hand fällt, die Schuld, die sie Eva nicht ansehen lässt. Nein, sie kann das nicht, entscheidet sie, ist schon fast beim Tor zur Straße.

»Wie hast du mich gefunden?«
Eva steht im Türrahmen, das Gesicht nach links gedreht. Unverändert schön. Das dunkle Haar nur mühsam von einem Zopfgummi zusammengehalten. Sie streicht sich mit dem Handrücken eine Strähne aus dem Gesicht und wendet langsam den Kopf. Die Narben bilden ein straff gespanntes Netz um das tote Auge, als wollten sie es rausreißen, löschen. Nur einmal hat sie sie zuvor ohne eine kaschierende Brille gesehen. Damals, im Krankenhaus, als die Verbände gewechselt wurden. Sie hatte sich abgewandt, froh, dass Eva mit dem toten Auge ihre heiße Scham nicht sehen konnte.
»Das Bild«, sagt sie mit trockenem Mund.
»Das Bild?«
Eva löst sich aus der Tür und kommt auf sie zu. Mit ihren Evabewegungen, die sie unter tausenden erkennen würde.
»Die Fotografie, von deinem Laden.« Sie kann den Blick nicht abwenden von den Narben. Weiß und schmal, nicht mehr wulstig und dunkelrot, wie das letzte Mal, als sie sich sahen. »Die Spiegelung.«
»Ah, Olaf. Toller Fotograf. Und er hat dir meine Adresse gesagt?«
Eva ist näher gekommen, steht direkt vor ihr und sieht ihr in die Augen. Sie schluckt, will etwas sagen, doch die Worte sind unerreichbar. »Warum jetzt?« Eva sieht sie immer noch an.
Wie soll sie das erklären? Das mit dem Kind, dem sie gefolgt ist, anstatt ohne Umweg zur Arbeit zu gehen.
»Ich …«, beginnt sie und weiß nicht weiter. Weil sie es ja selbst nicht weiß. Warum jetzt, nach so vielen Jahren, in denen alles gut war? »Warum Jost?«, würgt sie die einzige Frage heraus, die in ihrem Kopf Form annimmt.
Eva fährt zurück, das Gesicht verliert für den Bruchteil eines Moments die Form, weitet sich und macht Platz für ein resigniertes Lächeln.
»Du weißt das wirklich nicht, stimmt’s?«
Sie schüttelt den Kopf, immer noch halten die Worte Abstand. Eva hebt die Hand und wischt ihr mit dem Daumen etwas Feuchtes von der Wange.
»Lass uns rein gehen. Mir wäre lieber, wenn Simone das jetzt nicht hört. Ich erzähle es ihr später.«
»Simone?«
Eva deutet mit dem Kopf Richtung Laden und geht voran ins Atelier.
»Simone, meine Lebensgefährtin.«

Jetzt ist es ihr Gesicht, das für einen Moment die Form verliert. Sie starrt auf die Tür, durch die sie vor ein paar Minuten in den Hof getreten ist. Das Rundliche, Weiche, die kurzen Haare, die hellen Augen. Ein bisschen mehr wie ich.
»Kommst du?« Eva wendet sich nach ihr um. Eine fragende Augenbraue wölbt sich in perfektem Bogen über ihrem Auge, um den Mund zuckt ein Lächeln. Um diesen Evamund, der nach Apfel und Schokolade schmeckt.

Als ich überlegte, wie ich das Lesungsmotto umsetzen kann, las ich per Zufall den Satz „Sichtbarkeit ist die Basis von Selbstakzeptanz“ in einem Artikel über Homosexualität. Ich stutzte, fand das zunächst übertrieben formuliert. Doch irgendwie ist schon was dran. Und es gilt in allen Bereichen. Im Kleinen kennt es vermutlich jeder. Man hält etwas zurück, weil die Situation nicht passt, man Kritik oder gar Ablehnung vermutet, … Aber wie unwichtig die einzelne Situation aufs Ganze betrachtet auch sein mag, sie ist im Kern vergleichbar. Man stellt sich selbst in Frage, wird partiell unsichtbar. Dass es nicht folgenlos für einen Lebenslauf bleibt, wenn das zu oft passiert und/oder elementare Persönlichkeitsanteile betrifft, kann man sich vorstellen. Womit ich einen Ansatzpunkt für eine Geschichte hatte.

Viel mehr als den Plan eine Protagonistin zu Beginn einen Umweg gehen zu lassen, den zweiten Weg also wörtlich zu nehmen, und die Idee, dass es in ihrem Leben einen potenziell anderen Weg gegeben hat, hatte ich nicht, als ich zu schreiben begann. Doch wie so oft ergab eins das andere. Plötzlich war da Eva und mit Eva bekam das Ganze seinen ganz eigenen Drive. Aber heute darf doch jeder sein wie er will, ist Individualität die Norm, beinahe schon Pflicht, kann man einwenden. Ich bin mir da nicht so sicher. Es gibt sehr wohl Konventionen, sie sind mächtig, wirken von außen und innen auf uns. Sich davon frei zu machen, seinen Weg zu finden und zu gehen, verlangt einem im Zweifel viel ab. Und immer noch gibt es schräge Blicke, Beleidigungen, Anfeindungen … bis hin zu Situationen, in denen man im Falle einer Andersartigkeit ggf. um seinen körperliche Unversehrtheit fürchten muss. Momente, in denen man – mehr oder weniger freiwillig – einen entscheidenden Teil seiner Identität unsichtbar macht. Und das nicht selten, ohne dass sie sich gegen jemanden richtet, im Minimum nicht mehr verlangt, als in Ruhe gelassen zu werden.

Beim Schreiben wuchs mir die Geschichte ans Herz. Auch aus persönlichen Gründen. Sie ist, wie alle meine Geschichten, absolut fiktiv. Nur ein ähnlich dem im Text beschriebenes Foto gibt es, das tatsächlich in Amsterdam entstand. Ich widme sie meiner Tochter, mit der ich dort schöne Tage verbrachte. Und ich veröffentliche sie an genau dem Tag, an dem im deutschen Bundestag über die Ehe für alle abgestimmt wird. Ein positives Votum wäre ein wichtiger, gesellschaftspolitischer Schritt, der uns gut zu Gesicht stehen würde. Ein weiterer Schritt hin zu selbstverständlicher Sichtbarkeit.

 

© Kirsten Marter-Dumsch, Juli 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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