How to kiss

Unter diesem faszinierend fremdsprachigen Titel widme ich mich diesmal dem wirklich Schweren, der für mich ultimativen Herausforderung beim Schreiben: Der Schilderung des Schönen, Leichten, des Happy Ends oder auch nur der Schilderung eines Kusses. Hat einer von Euch schon Mal eine gute Kussbeschreibung gelesen? Also nicht so einer mit wüster, gern die Protagonisten überfallender Leidenschaft, Mandeloperation und – besonders gern genommen – Atemlosigkeit nebst irgendeiner Form von Kapitulation. Letztere wird in den von mir bevorzugten Werken gottlob so gut wie nie erwähnt. Leider finden sich dort auch wenige Beispiele über diese andere Form des Küssens, die, bei der sich zwei Menschen wirklich berühren. Ein Erlebnis, das hoffentlich jeder dies Lesende bereits mindestens einmal hatte, wenn er es nicht gar regelmäßig erlebt – was ich von Herzen wünsche.

Auch schreibt scheinbar niemand über die Schwierigkeiten, die sich so ganz praktisch ergeben können. Was, wenn beide Brillenträger sind und zusätzlich noch eine Vorliebe für ausladende Modelle haben? Wenn die Nasen groß und ggf. noch verschnupft sind? Wenn er 198, sie aber nur 150 groß ist, oder umgekehrt? Auch an die bisweilen verstörende Auswirkung von Gerüchen traut sich kaum jemand. Mir fällt spontan die Mischung aus Zigarette und Kaffee ein, die einen jede Seminarpause verfluchen lässt, wenn der Nebenmann sich solchermaßen gestärkt ins Gespräch wirft. Das, werdet Ihr einwenden, findet sich doch sicher reichlich in Werken vermeintlich lustiger Prägung. Möglich bis wahrscheinlich, mir geht es aber um den Einbau solcher Szenen, ohne in diese Abteilung abzurutschen. Na? Irgendwelche Lesetipps? Das ist eine ernstgemeinte Frage, ich würde mich diesbezüglich gern am guten Beispiel schulen.

Bis Eure Tipps (hoffentlich) eintrudeln, erprobe ich mich auf bewährte Art: Den inneren Zensor ausschalten und einfach machen! Das hat zudem den Vorteil, dass sich ein Monatsbeitrag an einem schönen Nachmittag auf der Terrasse anfertigen lässt und mich nicht tagelang beschäftigt.

Nehmen wir also an, ich hätte ein Paar kreiert, das ausnahmsweise nicht in einem Konflikt gefangen, sondern im Höhenflug frisch erblühter Gefühle des Wegs kommt. Zack, schon sträubt sich was in mir. Wie langweilig, denke ich, mich der Schwärmereien Frischverliebter erinnernd. „Und dann hat er gesagt, du glaubst nicht, wie süß er dabei aussah, also, er hat gesagt, ich hätte so schöne Augen, dabei hat er selbst so schöne Augen, weißt du, so grün-grau-beige, nein, nicht beige, mehr so ein helles Braun mit blauen Sprenkeln, und Wimpern sage ich dir, …“ O.k., das war ganz Früher. Aber Ihr wisst, was ich meine. Zurück zu meinem literarischen Paar, Kurt und Gisela, … schon wieder ein Problem: Mit Kurt und Gisela assoziiert niemand zwei Menschen, die zwei Seiten später eine sich und die Leser berührende Kussszene hinlegen. Maximal Menschen, die Kurt und Gisela heißen und gerade noch einem solchen Kuss hinterherfühlen. Sorry Kurt, Du wirst ein Falk und deine Gisela eine Paula. Frag mich nicht warum, Namen ploppen in mir auf, ohne dass ich es begründen kann.

Falk und Paula also sind irgendwie in eine Situation gekommen, die absehbar auf einen Kuss hinausläuft. Sie sind einander mehrfach über den Weg gelaufen, kamen ins Gespräch, hatten ggf. ein gemeinsames Problem (Achtung, Klischee- und Kitschgefahr!) oder wahlweise ein schönes Erlebnis (Achtung noch größere Kitschgefahr!), fanden Gefallen aneinander (Achtung: bitte subtil schildern, nicht wortreich erläutern!) und haben sich bereits wechselweise ausgemalt, wie es wäre, den anderen zu küssen. Soll heißen, sie gehen mit einer Mischung aus Erwartungshaltung und Neugier an die Sache sowie den drei großen Hs: Herzklopfen, Hemmungen und Hoffnung.

An der Stelle ist es sinnvoll zu wissen, wie die Charaktere ticken, deren erstes Lippenbekenntnis man in Szene zu setzen gedenkt. Weil ein selbstverliebter Egomane naturgemäß anders küsst und erlebt, als ein zurückhaltend scheuer Denker, bzw. deren weibliche Entsprechung. Als hilfreich erweist es sich an dieser Stelle, wenn man Namen gewählt hat, die zum gedachten Charakter passen, diesen transportieren, ohne eine explizite Beschreibung notwendig zu machen. Falk, da sind wir uns hoffentlich einig, hat etwas Zupackendes, Energisches, das gleichwohl bodenständig und verlässlich des Wegs kommt. Er könnte ein durchaus einfühlsamer Mensch mit einer Neigung zur Schweigsamkeit sein. Frauen finden ihn anziehend, weil wohlgebaut und von höflicher Zurückhaltung, hinter der man nur zu gern weitere, positiv besetzte Werte wie Loyalität, Ehrlichkeit und – Achtung, der Knaller überhaupt – Fürsorglichkeit ausmacht. Damit er nicht nur rosa leuchtet, ist er leider etwas gehemmt und schwerfällig, flirten fällt ihm schwer, dazu ist er ausgesprochen konventionell im Denken.

Nun zu Paula: Paula ist jünger, nicht viel, aber ein paar Jahre. Tochter eines Akademikerehepaares, logo bei dem Namen, sozial engagiert, fröhlich aber nicht oberflächlich, in moderatem Umfang gutaussehend (also im Auge des Betrachters), die gerade eine gescheiterte Beziehung hinter sich hat. Soll heißen, eigentlich will sie alles, nur keinen neuen Kerl, gäbe es da nicht Falk, der sich immer wieder in ihre Gedanken schleicht. Paula ist eloquent, manchmal sogar witzig, redet gern, Falk manchmal ein wenig zu viel, flirtet wenn, nur mit mäßigem Erfolg, weil sie im Grunde mindestens so gehemmt ist wie Falk, bzw. dann doch nicht leichtfüßig genug, um den Flirt als schönes Spiel zu betreiben. Paula will niemanden verletzen, das kennt sie zu gut aus eigener Erfahrung. Ergo ist auch die fröhlich plaudernde Paula ein konventioneller Mensch. Nur mal so küssen kommt nicht in Frage. Entsprechend laut hecheln die drei Hs in ihrem Kopf, als sie jetzt vor Falk steht.

Ihr seht schon, es braucht mehr als nur den Wunsch eine Kussszene zu schreiben. Leute mit Namen und Charakter, persönlichem Hintergrund und, darüber haben wir noch nicht gesprochen, einen Raum, bzw. eine Situation, in dem es zum Äußersten kommt. Paula und Falk werden darum von mir jetzt in ein volles Zugabteil gestellt. Oder? Küssen mit oder ohne Publikum? Die Antwort lautet sowohl als auch: Die Nähe im Zug bringt sie auf den Gedanken, in der Bahnhofsunterführung, nach dem Aussteigen, greift Falk zu. Na endlich, ist man geneigt zu sagen, denn immerhin habe ich bis hierhin schon 6295 Zeichen (inklusive Leerzeichen) verbraucht. Ja, Schreiben ist Arbeit! Und der eigentliche Akt kommt erst noch. Jetzt:

Die Hand, mit der er sie an sich gezogen hatte lag auf ihrem Rücken. Vorsichtig, beinahe, so, als wolle er sie nicht zerdrücken. (wir erinnern uns, der Mann ist zwar zupackend, aber auch höflich und fürsorglich) Die andere lag auf ihrer Wange.
„Darf ich?“ (grundgütiger, der fragt echt, ob er darf. So was merkt man doch! Entweder ist er wirklich sehr gehemmt, was nicht zur Aktion passt, oder aber, er ist durchtriebener als gedacht und hält das für entwaffnend liebenswerte Zaghaftigkeit)
»Was?«, fragt Paula und kommt sich sofort total bescheuert vor. (Zu recht, aber wer ist noch ganz Herr seiner Sinne, wenn gerade noch Herbeiphantasiertes den Sprung in die Realität macht)
»Das.«
Seine Lippen berühren ihren Mundwinkel (Na, er scheint wenigstens hinreichend entschlossen, auch wenn invasiv anders geht), vor lauter Herzklopfen (Klischee!) spürt sie es kaum. Sie spürt es kaum, wartet auf mehr. Mehr Druck, mehr Kontakt, mehr alles. Vermassle es jetzt nicht, denkt sie. Im nächsten Moment wird der Druck seiner Hand in ihrem Rücken stärker und alles ist gut. (Na toll, und jetzt?)

Verlegenheit und Herzklopfen vereinigen sich zu einer fast schon beängstigenden Freude, als er sich weiterwagt, behutsam und suchend, als habe er noch nie zuvor jemanden geküsst. Weich umfassen seine Lippen ihre Unterlippe und geben sie direkt wieder frei, um sich der Oberlippe zu widmen. Längst ist ihre Hand in seinem Haar, zieht sie ihn an sich und flüstert ein „darfst Du“ an seinem Mund, beinahe in seinen Mund, aus dem sich die Zunge nun vorwagt und auf ebenso sanfte Reise geht, wie zuvor die Lippen. (Langsam frage ich mich, wie ich zum Ende kommen kann, die müssen ja aus der Unterführung auch wieder raus. Also, auf zum break). Später wird sie sagen, sie habe sich entdeckt gefühlt von diesem Kuss (Ach du Schande!). Jetzt öffnet sie die Lippen und lässt ihn ein, während über ihnen ein ICE durch den Bahnhof rauscht (Sorry, ich konnte einfach nicht widerstehen).

(Absatz, neues Kapitel, interessiert eh keinen, wie genau sie aus dem Bahnhof gekommen sind, nachdem man sich durch solch eine Schilderung gelesen hat.)

Ihr seht, so eine Szene ist einem entglitten, bevor man so recht angefangen hat. Wird weichgezeichnet und verpilchert, kitschig halt. Vielleicht ist es aber auch gar nicht nötig, DEN Kuss genau zu beschreiben; vielleicht ist seine Abwesenheit in vielen Werken ein Beleg dafür, dass es auch ohne geht. Vermutlich liegt die Kunst viel mehr in der Andeutung, die das Zeug dazu hat, in Lesern das eigene Bild zu kreieren. Denn was weiß ich, wie Ihr geküsst werden müsstet, um das Erlebnis zu den wahrhaft bereichernden zu zählen. Schätze, die Antworten würden auch sehr unterschiedlich ausfallen.

Wer sich nun berufen fühlt, mir zu widersprechen oder gar eine eigene Kussszene liefern zu wollen, der möge das tun. Sie/er würde mein Herz erfreuen. Und nicht vergessen: Wer jemals irgendwo eine in seinen Augen gute Kussszene gelesen hat, möge mir bitte sagen wo und von wem.

Ich beende den Nachmittag auf der Terrasse mit dem guten Gefühl, zwar weder die Lösung gefunden, noch den inneren Zensor überwunden, aber immerhin eine Übung absolviert zu haben. Das ist doch auch was!

Und, hat’s gefallen? Falls ja, wäre es nett, wenn Ihr helft, monatsweise in die Welt zu tragen und diesen Beitrag mit Euren Freunden teilt. Ebenso sehr freue ich mich über Kommentare jeglicher Art.

 

© Kirsten Marter-Dumsch, Juni 2017

 

 

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Manuela sagt:

    Nenhum fã vai ficar surpreso nesse departamento. https://frivjogos.online/

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