Scarpe di Siena

Diesmal galt es die Begriffe Urlaub, Rezeption, Statue, Marotte und Duscherlebnis in einem Text unterzubringen. Ich ergänzte sie für mich um italienisch, Siena, Michelangelos David, und – wie könnte es anders sein, ich bin eine Frau – Schuh/karton. Wobei ich mir sicher bin, dass auch Männer bei italienischen Schuhen schwach werden. Nun, wie auch immer. Wer Siena kennt und sich fragt, wie der David sich dorthin verlaufen hat, sei zur folgenden Geschichte eingeladen. Wer am Ende zu wissen meint, wessen (zu Recht!) berühmte und in ihrem Großformat dem David ähnlichen Frauenbilder während des Schreibens vor meinem geistigen Auge auftauchten, darf gern einen Tipp abgeben.

Ein lieber Dank geht an Matthias Rürup, dank dessen konstruktivem Feedback ich ein paar Stolpersteine aus dem Weg räumen konnte. Ich begebe mich nun tatsächlich für ein paar Tage in die Toskana und schau nach, ob David wieder heimgefunden hat. A presto!

»Permesso? Darf ich?« Sie quetschte sich an der Schlange vor dem Nannini vorbei. Egal, wann man durch die Via Banchi di Sopra ging, bei Nannini war der Teufel los. Sie wunderte sich, dass die Leute selbst jetzt, wo die Sonne beinahe senkrecht am Himmel stand und die Häuser kaum Schatten warfen, so gelassen blieben. Die Schönheit der Stadt hatte offensichtlich eine besänftigende Wirkung. Vielleicht war es aber auch nur die Erschöpfung nach Dom, Campo und Co, die die Menschen so duldsam machte. Siena im Sommer konnte einen schaffen. Sie selbst bevorzugte den Abend, wenn die Reisebusse mit den Tagestouristen weg waren, sich der Himmel über der Stadt dunkelblau färbte und die Straßenlaternen alles in ein sanftes Licht tauchten. Gern saß sie dann auf einer der Barterrassen am Campo, beobachtet das abendliche Treiben und trank dazu einen Terre di Tuffi, den es zu erstaunlich moderaten Preisen gab.

Heute Morgen hatte sie den Wunsch verspürt, vor der Abreise noch einmal in die schwarz-weiße Strenge des Domes einzutauchen, die sie jedes Mal faszinierte, weil sie selbst von der Opulenz der Bodenmosaiken nicht gänzlich aufgehoben wurde. Sie war früh aufgebrochen und hatte Stunden damit verbracht die widersprüchlichen Eindrücke aufzunehmen. Wozu auch die Einheimischen gehörten, die sie heimlich beim Beten beobachtete. Wie das Schwarz und Weiß des Marmors lagen Lebensfreude und Frömmigkeit nebeneinander, konnte das eine scheinbar nicht ohne das andere. Ob die Erbauer das mit ihrem Entwurf hatten ausdrücken wollen? Nachdenklich verließ sie die Kirche. Beim Öffnen des Portals trafen sie Sonne und Hitze wie ein Faustschlag. Die Idee, noch einen letzten Besuch in einem der Papiergeschäfte zu machen, verwarf sie angesichts der Temperatur. Sie wollte zurück ins Hotel. Die Vorfreude auf dessen klimatisierte Räume trieb sie voran. Und der Gedanke an Regendusche und Pool, die sie am frühen Nachmittag garantiert für sich haben würde.

Dankbar seufzte sie auf, als sie aus der Drehtür in die Lobby trat. Der Empfangschef sah von seinem Rechner auf, lächelte und griff nach hinten in das Regal mit den Zimmerschlüsseln.
»Molto caldo oggi.«
»Troppo caldo per me, vado nuoto.«
Sie nahm den Schlüssel entgegen und bat darum, die Rechnung vorzubereiten und ein Taxi zum Flughafen zu ordern. Ihr Flug ging um neun, Zeit genug, um erst einmal in Ruhe zu entspannen und später erst zu packen.

In der Umkleide des Spabereichs war erwartungsgemäß kein Schrank belegt, das Regal mit den Handtüchern war voll bestückt, die Wäscheeimer leer. Wunderbar, kein Mensch würde sie stören. Sie schlüpfte aus den Pumps und schloss die Augen bei der Berührung mit dem Fliesenboden. Was für eine Wohltat. Kleid und Slip legte sie in einen der Schränke, ohne sich die Mühe zu machen, ihn zu schließen. Komische Marotte von ihr, nie im Hotelbademantel vom Zimmer zum Pool zu fahren. Sie hasste es, in diesen unförmigen Dingern auf vollständig angezogenen Menschen zu treffen. Zwei Handtücher und den Bikini unter dem Arm betrat sie die dem Pool vorgelagerte Dusche. Sie war so geschickt von Milchglasscheiben und zwei raumhohen, gefliesten Wänden abgeteilt, dass man weder vom Pool, noch von den dahinter liegenden Ruheräumen gesehen wurde. In eines der Milchgläser war Michelangelos David geätzt worden, was nicht nur ausgesprochen gut aussah, sondern dazu den Eindruck vermittelte, unter seinem aufmerksam in die Ferne gerichteten Blick sicher aufgehoben zu sein. Für die Dusche allein musste man das Hotel lieben. Handtuchwärmer sorgten selbst an kühlen Tagen für eine behagliche Temperatur, während man sich von der phänomenalen Regendusche berieseln ließ. Wenn eine Dusche diesen Nahmen verdiente, dann diese. Es gab unter Anderem eine Einstellung, bei der sich die Wassermenge von leichtem Tröpfeln bis zu monsunartigem Regen entwickelte, um dann in einen sanften Landregen überzugehen. Dank ihres ungewöhnlichen Ausmaßes hatte man unter der Dusche den Eindruck, einen echten Wolkenbruch zu erleben. Genau das brauchte sie jetzt.

Als die ersten Tropfen fielen, schloss sie die Augen. Gott, war das gut. Den Kopf zurückgelegt strich sie sich vom Gesicht über Haare und Nacken bis zu den Schultern. Die klebrige Hitze des Vormittages löste sich auf und floss über Brüste und Bauch zu Boden. Der Regen steigerte sich jetzt, prasselte auf sie nieder und wurde so stark, dass sie den Kopf senkte und sich die Hände zum Schutz an die Stirn hielt, um frei atmen zu können, bis der Landregen die Sturzflut ablöste. Sie reckte sich wohlig. Egal, wie viel Wasser es kostete, dieser Luxus war großartig.

Was war das? Kam da jemand? Sie öffnete die Augen und landete mitten in einem intensiven Blick. Er gehörte zu einem Mann im dunkelblauen Dreiteiler. An die Handtuchtrockner gelehnt, eine Hand in der Hosentasche, strich er sich mit der anderen durch einen gepflegten, graumelierten Bart. Weder um Mund, noch um die hellen Augen lag der geringste Hauch eines Lächelns. Erschrocken zuckte sie zurück und hielt den Atem an, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren. Jetzt lösten sich seine Augen von ihrem Gesicht, glitten langsam hinab bis zu den Füßen, wo sie verharrten. Er stieß sich von der Wand ab und trat zur Seite, raus aus ihrem Blickfeld. War es das? Sie atmete durch. Doch schon war er wieder da; in der Hand ein Paar elegante, hochhackige Pumps, die er vor ihr auf dem Boden abstellte. Was wurde das? Fragend sah sie von den Schuhen zu ihm. Die Antwort war ein knappes, befehlsgewohntes Nicken. Sie trat aus dem Regen und versuchte in die Schuhe zu steigen, was mit nassen Füßen nicht einfach war. Er kam ihr entgegen und reichte ihr eine Hand, damit sie sich abstützen konnte. Die Schuhe passten perfekt, trotz ihrer Höhe fühlte sie sich erstaunlich sicher in ihnen. Was nun? Sie sah ihn an. Immer noch zeigte er keine Regung, stand dort in seinem exquisiten Anzug, mit der sorgfältig geknoteten Krawatte und den glänzend braunen Schuhen, als sei es das normalste der Welt. Mit einer winzigen Kopfbewegung bedeutet er ihr, wieder zurück unters Wasser zu gehen. Sie tat es, blieb mit leicht gespreizten Beinen genau in der Mitte stehen, straffte die Schultern und umfasste das linke Handgelenk mit der rechten Hand, um ihren Schoß vor seinem Blick zu schützten. Jetzt zuckte ein winziges Lächeln um seinen Mund. Sie entspannte sich und verlagerte sich auf ihr Standbein. Eine Weile standen sie einander so gegenüber; er mit genüsslich wandernden Augen, sie sein Gesicht fixierend. Erneut entschwand er aus ihrem Blickfeld und kehrte unmittelbar darauf zurück. Diesmal mit einem weißen Herrenhemd in den Händen. Sie legte den Kopf schief und zog lächelnd eine Augenbraue hoch. Die Idee gefiel ihr. Sie nickte, machte zwei Schritte ins Trockene und ließ sich das Hemd von ihm anziehen. Sorgsam richtete er Kragen und Schultern und entließ sie wieder unter die Dusche. Der trockene, beim Anziehen sehr feste Stoff saugte sich sofort voll Wasser und schmiegte sich an ihren Körper. Seine Augen weiteten sich begehrlich und blieben immer länger auf ihren Brüsten hängen. Als sich ihre Blicke begegneten, signalisierte er ihr, sich umzudrehen. Sie tat es. Langsam wandte sie sich dem David zu, mit dem sie dank der Schuhe nun auf Augenhöhe war. Das Spritzwasser perlte an ihm herab, rann hinunter zu den beindruckend gestalteten Lenden und den großen Füßen. Sie legte die Hände auf die Brust des antiken Helden, beugte sich vor, den Rücken ins Hohlkreuz gedrückt, und sah über die Schulter nach hinten. Wieder weiteten sich seine Augen, zuckte das Lächeln um den Mund. Im nächsten Moment streckte er die Hand aus und stellte die Dusche ab. Nur allmählich ging der Regen in ein Nieseln über, bevor er ganz verebbte. Mit den letzten Tropfen verschwand er, wortlos, so, wie er gekommen war. Ein diffuses Gefühl von Einsamkeit breitete sich auf ihrer Haut aus. Sie drehte sich um und betrachtete die Spuren, die seine Schuhe auf dem feuchten Boden hinterlassen hatten. Ob er noch einmal zurück käme? Sie lauschte in die Stille. Nichts, nur vereinzelte Tropfen und das leise Geräusch der Umwälzpumpe. Als sie zu frösteln begann, entschied sie, nicht länger zu warten. Schwimmen mochte sie nicht mehr, besser ging sie packen und nahm ein frühes Abendessen. Sie streifte Hemd und Schuhe ab, wickelte sich ins Handtuch und betrat die Umkleide.

Beim Auschecken überreichte ihr der Empfangschef einen dunkelgrauen Schuhkarton, dessen Deckel ein dezentes Firmenlogo in silbergrau schmückte. Erwartungsvoll hob sie ihn ab. Im Inneren lagen ein paar dunkelbraune Highheels von erkennbar außerordentlicher Qualität. Eindeutig Handarbeit. Obenauf eine Karte aus Büttenpapier, auf der in großen, schwungvollen Buchstaben ein einziges Wort stand: Grazie. Sie lächelte, nahm die Schuhe heraus und probierte sie an. Perfekt. Sie würde sie anbehalten.

»Nessuno fa scarpe come Bernardi. Molto elegante«, sagte der Empfangschef anerkennend.
»No, nessuno«, sagte sie und sah sich suchend in der Lobby um. Nein, niemand, der ihr bekannt vorkam.
»Il Taxi, signora.« Der Hotelboy kam herein, nahm ihren Koffer und streckte die Hand nach dem Karton aus, der nun ihre alten Schuhe enthielt.
»Grazie«, wehrte sie ab und legte ihn sich in den Arm als sei er ein Baby. Der Empfangschef registrierte es lächelnd und deutet eine Verbeugung an.
»Auf Wiedersehen signora, buon viaggio.« Sie erwiderte das Lächeln, nickte ihm zu und folgte dem Hotelboy nach draußen.

Zuhause räumte sie den Karton in den Schuhschrank und strich mit der Hand über die mit ihm nun voll gewordene, dunkelgraue Reihe.
»Ci vediamo, Signore Bernardi«, flüsterte sie, schloss die Schranktür und machte sich daran den Koffer auszupacken.

© Kirsten Marter-Dumsch, Mai 2017

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Anonymous sagt:

    Ein wunderbarer Bericht über lustvolles Duschen….sehr schön zu lesen, wie sich die Spannung langsam steigert und dann wiede nachlässt. Genau so wie die perfekte Regendusche

    Gefällt 1 Person

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