Essstörung

Heute gibt es eine Art Vorspeise vor dem Aprilhauptgang. Das Ergebnis einer Kreativübung.
„Sucht Euch einen Artikel oder ein Bild aus den Zeitschriften aus und fangt an zu schreiben.“ So die Ansage. Wer sich, bzw. mich, nun fragt, warum das obenstehende Bild mich animierte, den muss ich enttäuschen: Ich habe keine Ahnung. Möglich, dass es an der latenten Lustlosigkeit lag, mit der ich die Prisma (für Uneingeweiht: das kostenfreie Fernsehmagazin, das den hiesigen Tageszeitungen wöchentlich beigefügt wird) aufschlug. Mir war nicht nach Animation durch die großen K, Katastrophen, Kultur und Kochrezepte. Das kenne ich als Input, das ufert immer so aus. Es sollte ja kurz werden. Ich griff wohl deshalb zur Profanbeilage und schlug sie auf. So mittig. So, wie ich auch Bücher aufschlage, wenn ich reinlesen möchte, um zu sehen, ob sie mir sprachlich zusagen. Quasi blind losgeguckt und sofort in einem alltagsrelevanten Thema gelandet.

Blähbauch, Völlegefühl und Co sprachen mich unmittelbar an, denn ich kenne die erwähnten Phänomene aus leidvoller Erfahrung. Kannte sie zumindest, bevor ich mich aus orthopädischen und psychohygienischen Gründen (Knie und Eitelkeit) für ein drastisches Kaloriendefizit nebst weitgehendem Kohlenhydratverzicht entschied. Eine Entscheidung, dies nur am Rand, dessen Auswirkungen ggf. eines Tages ein Erlebnis- und Ergebnisbericht folgen wird. Hier und jetzt sei nur erwähnt, dass sie sich dank des erwähnten Maßnahmenpaketes kaum noch einstellen, ohne dass ich das beworbene oder ein ähnliches Mittel zuführen muss. Es handelt sich bei der nachfolgenden Geschichte also mitnichten um einen Erfahrungsbericht aus meinem Leben, sondern um einen, trotz aller Realitätsnähe, absolut fiktiven Text. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Kausalzusammenhänge zwischen erwähnten Lebensmittel und deren mutmaßlicher Auswirkung auf den menschlichen Organismus sind frei erfühlt und erfunden sowie nicht wissenschaftlich bewiesen. Mit Recherche habe ich mich nicht aufgehalten, passt ja auch nicht zu einer solchen Übung. Es geht ums Sehen, Sinnieren, Loslegen. Habe ich gemacht. 15 Minuten später klappte ich den Rechner zu. Fertig. Jetzt, wo ich das Ergebnis hier einstelle, fällt mir auf, irgendwie fanden die großen Ks doch noch in die Geschichte. Sachen gibt’s!

Unbehaglich rutschte sie auf dem Stuhl nach vorn und öffnete verstohlen den Hosenbund. Ahhh, das tat gut. Warum musste sie sich auch immer wieder dermaßen den Bauch vollschlagen. Der Nachtisch hätte wirklich nicht sein müssen. Aber er war so rührend stolz auf den kleinen Schokokuchen mit weichfließenden Kern gewesen, dass sie ihn nicht hatte enttäuschen wollen. Und jetzt saß sie hier mit offener Hose und zusammengepressten Lippen, statt verführerischem Blick. Wie peinlich war das denn! Hoffentlich musste sie nicht aufstoßen. Ihre Mutter hätte bestimmt ein Wundermittel dabei. Unglaublich, was die immer mitschleppte. Herrje, jetzt nahm er auch noch ihre Hand und streichelte ihre Fingerspitzen. Lächeln wäre angesagt. Aber wie zum Teufel lächelte man mit übervollem Magen und kurz vorm Aufstoßen? Grundgütiger Himmel, so wie er sie ansah, würde er sich gleich über den Tisch beugen und sie küssen. Im Grunde keine schlechte Idee, der Abend verlief erfreulich vorhersehbar. Leider auch in Sachen Sodbrennen, das sich jetzt einstellte. Wie hieß denn noch dieses Zeug, von dem sie neulich in der Zeitung gelesen hatte? Irgendwas mit Gast. Wenn er immer so auftischte, sollte sie sich dringend was davon zulegen. Oder als Gastgeschenk mitbringen. Hihi! Sie grinste. Bisschen steif war er ja schon. Und wie er die Nase jedesmal ins Glas hielt, bevor er trank. Dieses ganze Gastrogetue hätte ihretwegen auch ausfallen können. Egal wie lecker das Zeug war. Tür auf, Klamotten runter und ab in die Horizontale wären ihr auch recht gewesen. Nüsse!!! Nüsse wären jetzt gut. Gegen dieses scheiß Sodbrennen. Sie hätte es wissen müssen, es war schließlich schon der dritte Schokokuchen mit weichem Kern in den letzten zwei Wochen. Musste das neue Männerding sein. An dem Zeug arbeitete sie sich jedes Mal ab wie Bolle. Er ließ ihre Hand los und schenkte Wein nach. Sie nutzte den Moment, drehte sich zur Seite und stieß leise auf. Hatte er was mitbekommen? Pech für ihn, was machte er auch für ein Gewese ums Kochen.

Ob sie den Reißverschluss noch ein Stück …? Zu spät, ihre Hand wurde erneut bespaßt. Gasteo, genau, so hieß das Zeug! Laut Anzeige brachte es die Verdauungssäfte und den Fettstoffwechsel in Gang, wirkte Darmanregend und transportierte zügig bereits vorhandene Gase ab. Fragte sich nur wohin.
„Woran denkst du?“
Zwei grünbraune Augen bohrten sich lächelnd in ihr Bewusstsein.
„An Flatulenzen“, hörte sie sich sagen.
Und dann war es auch schon geschehen.

© Kirsten Marter-Dumsch, April 2017

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