Es fließt nicht :(

Da habe ich vor Kurzem noch hoch und heilig gelobt, ich würde meinen Blog regelmäßig pflegen, schon hänge ich einen Monat. Noch könnte ich das ja problemlos nachlegen, doch irgendwie will es mit dem Schreiben nicht so richtig klappen zurzeit. Was unter anderem daran liegt, dass ich zum ersten Mal Großmutter geworden bin, ein Umstand, der mich beglückt, gedanklich aber auch gehörig ablenkt. Doch das ist es nicht nur. Es läuft einfach nicht, schwere Leere im Kopf und keine Ideen in Sicht. Darum dachte ich mir, warum soll ich das nicht einfach mal hier thematisieren. Ich gebe zu, der Versuch ist durchaus davon getragen, dass ich mir über die schreibende Auseinandersetzung mit dem Problem eine Klärung erhoffe. Und damit endlich ein Fortkommen.

Immer noch hänge ich mitten in einer Geschichte, die ich schon lange fertig haben will. Es soll eine Vater-Sohn- Geschichte werden, genauer, eine Geschichte, in der der Moment, in dem die über Jahrzehnte gewachsene Rollenverteilung brüchig wird. Nicht, weil man sich streitet, der Sohn sich lossagt oder der Vater einsichtig wird und was es sonst noch alles für Schwierigkeiten in diesem Verhältnis geben kann. Solche Geschichten gibt es schon zu Hauff und auch ich habe ja mit dem Novemberlauf in diese Kerbe gehauen. Ich möchte diesmal den Moment erwischen, in dem der Sohn erkennt, dass der Vater alt wird, nachlässt in Dingen, sogar in denen, die er stets mehr als gut beherrscht hat. Es soll nicht plakativ und vordergründig des Wegs kommen. Mir geht es um etwas Fragiles. Oder, wenn man so sagen will, um das ganz normale Nachlassen, die kleinen Einbrüche, die erst kaum auffallen, auch dem Betroffenen nicht. Ich stelle mir einen alternden Mann vor, der zwar bemerkt, dass er nicht mehr so kann, wie früher, dies aber negiert und mit Verdruss reagiert, wenn er seine Schwächen vor sich selbst zugeben muss. Vor anderen ganz zu schweigen. Schwankend zwischen Stolz und Sturheit, Angst und Verbissenheit, getragen von dem Wunsch stark (in jeder, auch emotionaler Beziehung) sein zu wollen. Auf der anderen Seite der Sohn, dessen einmal geprägtes Vaterbild und eine räumliche sowie (normal entwicklungsbedingte) emotionale Distanz ihn lang nicht haben erkennen lassen, was mit dem Vater geschieht.

Ich habe die beiden dazu, ausgelöst von einem Bild, zu dem es galt einen Text zu schreiben, in die Berge geschickt. Einmal jährlich machen sie eine Wanderung anlässlich des väterlichen Geburtstages. Sie mögen sich, sind sich aber nicht besonders nah. Der Sohn hat das Bergdorf verlassen, lebt und arbeitet in der Stadt, reist viel und weit. Seine Eltern sind nie gereist, haben ihr Leben im Dorf verbracht und sind maximal für größere Anschaffungen, Arztbesuche oder Krankenhausaufenthalte in die nächste Stadt gefahren. Sie sind bodenständig, bescheiden und mit dem, was sie haben und erleben sehr zufrieden. Den Sohn haben sie ziehen lassen, seinen Drang in die Welt zu gehen jedoch nie so ganz nachvollziehen können. Man sieht sich nicht oft, wenn dann aber durchaus harmonisch, wenngleich es natürlich „gewachsene“ Ansichten über den jeweils anderen gibt, die nicht immer nur positiv sind. Eine ganz normale Familie also. Mit einer Besonderheit (vielleicht ist das aber auch gar keine): Man redet nicht viel. Über Emotionen, Sorge oder Angst schon gar nicht. Machen, nicht reden, so das Motto des Vaters.

So laufen sie nun seit Wochen durch die Berge. Bedenkt man die Zeit, die darüber vergangen ist, stehen sie wohl eher dabei rum. Dies sogar ganz wörtlich, denn an der Stelle, an der ich hänge, bleibt der Sohn stehen um etwas zu trinken, schaut sich die Gegend an und erinnert sich an sein kindliches Weltbild. Ich bin mir nicht sicher, was nun geschehen soll. Es muss etwas sein, dass den Sohn nicht nur erkennen lässt, der Vater baut ab, sondern auch, wie sehr dieser darunter leidet. Eingestielt habe ich ein paar Hinweise bezüglich einer Wanderkarte. Und eine schwierige Stelle, die die Höhenangst des Sohnes triggert, die dem Vater immer völlig abging. Verlaufen sie sich nun und der Sohn erkennt irgendwann, dass der Vater die Karte nicht mehr richtig lesen kann? Oder bekommt auf einmal der Vater einen akuten Anfall von Höhenangst und räumt im Anschluss erstmalig eine Schwäche ein? Was nur kann ich tun, um die Kurve zu kriegen???

Nun seid Ihr auch nicht schlauer, oder? Mir ist auch nichts klarer geworden. Guter Plan gescheitert? Nein, so schnell gebe ich nicht auf. Morgen früh versuche ich es wieder. Für alle, die Lust haben, sich mein Dilemma genauer anzusehen und mir ggf. mit Rat und Tat zur Seiten stehen mögen, hier der bisherige Stand. Der Titel lautet in Anlehnung an das erwähnte Bild „Roff un runger“, was geneigte Leser bitte mit „rauf und runter“ übersetzen wollen und mir nun ins Auf und Ab des Lebens folgen.

Obwohl es nur der kleinere der beiden war, lastet der Rucksack auf seinem Rücken. Vor ihm lief sein Vater, wie gewohnt mit dem großen, der locker das Doppelte auf die Waage brachte. Ein unwirsches ‚Lass mal, is meiner’, war die Erwiderung auf Simons Vorschlag gewesen, er könne doch zur Feier des Tages den schwereren Rucksack übernehmen. Hilfe beim Schultern wurde ebenso brüsk zurückgewiesen wie die Wanderkarte, mit der die Mutter ihnen über den Hof nachgelaufen war. Den Widerspruch missachtend hatte sie die Karte in die Seitentasche der Hose geschoben und sich mit einem gezwinkerten ‚wer weiß, wofür es gut ist’ verabschiedet.

Das war vor gut zwei Stunden gewesen. Seitdem hatte der Weg sie in sengender Sonne bergauf geführt. Simon schwitzte und fluchte innerlich. Hätten sie die Geburtstagswanderung nicht auf einen weniger heißen Tag legen können? Seit einer halben Stunde befanden sie sich in einem Geröllfeld, jeder Tritt musste wohlüberlegt geschehen. Wie der Alte diese Kraxelei immer noch hinbekam, war ihm ein Rätsel. Etwas schwerfällig, nicht immer trittsicher, aber trotzdem ohne Unterlass setzte er einen Fuß vor den anderen. Jetzt blieb er stehen, drehte die Karte in seiner Hand hin und her. Dafür, dass er sie angeblich nicht brauchte, benutzte er sie bemerkenswert oft, dachte Simon. Ein paar Mal hatte er fast den Eindruck gehabt, der Held der Berge wusste nicht mehr genau, wo sie gerade waren.

»Was ist, verlaufen?« Erfeut über die Verschnaufpause wischte er sich mit einem Tempo den Schweiß aus dem Gesicht. Keine gute Idee, die Haut brannte nur noch mehr, als ohnehin schon.
»Da oben wird es schwierig. Meinst du, du schaffst das?«
Der ausgestreckte Zeigefinger des Vaters wies in den Schatten einer Steilwand. Der Weg schlängelte sich als feine Linie direkt am Fels entlang, der an einigen Stelle Überhänge bildete. Zur Sicherheit war ein Halteseil befestigt worden. Aus gutem Grund, auf der anderen Seite ging es ordentlich bergab. Simon spürte, wie seine Beine zu zittern begannen.
»Klar«, antwortet er, bückte sich und zog die Socken ein Stück höher. Der Schweiß fühlte sich mit einem Mal kalt an.
»Na dann.« Die Karte wurde zurück in die Hose gesteckt und gewohnt schweigsam ging es weiter. Nicht reden, machen! Das Lebensmotto seines Vaters. Gefolgt von ‚man wächst an seinen Aufgaben’. Wer hier wachsen sollte war klar. Ein Stein rollte klackernd talwärts. Sie blieben stehen und sahen ihm mit zusammengekniffenen Augen hinterher, bis er von einem Felsbrocken aufgehalten wurde.
»Noch mal gut gegangen, kann leicht eine Steinlawine draus werden«, sagte der Vater. »Du musst vorsichtig sein.«
Ohne ihn auch nur einmal angesehen zu haben, drehte er sich wieder um und ging weiter. Simon schnappte nach Luft. Gings noch? Wieso musste er sich das jetzt wieder reinziehen, er hatte den Stein schließlich nicht losgetreten?

Er blieb stehen und fischte sich die Wasserflasche aus der Seitentasche des Rucksacks. Sollte er doch auf ihn warten, für einen verweichlichten Städter hielt er ihn ohnehin. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn er mit heraushängender Zunge hier hochrennen würde. Die Hitze war echt abartig. Während er trank, sah er sich um. Die umliegenden Bergrücken schimmerten silbergrau und verloren sich in der Ferne im gleißenden Licht. Als Kind hatte er geglaubt, dass sie am Horizont mit dem Himmel verschmölzen und dort das Ende der Welt sei. Bei der Erinnerung daran, musste er schmunzeln. Schon witzig, was man als Kind so denkt. Mit etwa fünf hatte er seinem Vater als Geburtstagsgeschenk solch ein Panorama in einem Schuhkarton gebastelt. Vor der blau angemalten Rückwand – er hatte lange und ernsthaft geglaubt, der Himmel würde nach dem letzten sichtbaren Höhenrücken senkrecht zu Boden fallen wie ein Vorhang – hatte er Zeitungsschnipsel als Berge übereinandergeklebt. Auf die letzte Lage hatte er mit Wasserfarbe Bergwiesen und Bäume gemalt. Nicht bis ganz oben, denn er wusste schon, dass ganz oben in den Bergen keine Bäume mehr wachsen. Davor hatte er noch ein paar Steine geklebt, auf denen ein Legomännchen saß. Das bist Du Papa, beim Wandern, soll er gesagt haben. Der Schuhkarton hatte lange auf der Anrichte gestanden. Als er mit den Jahren begriff, dass die Welt nicht irgendwo aufhörte, nicht in einen Schuhkarton passte, war ihm sein Geschenk und die naive Weltsicht peinlich gewesen. Er begann sich zu fragen, warum seine Eltern nie raus aus dem engen Tal wollten. Er wollte. Und er tat es, sobald er alt und selbstständig genug war. Sie hatten ihn nicht aufgehalten, aber auch nicht verstanden. Warum weg, wenn man nur den Berg hinauf muss, um die Schönheit von Gottes Welt zu erleben? Egal, was er ihnen von seinen Reisen erzählte, sie hörten still zu, nickten und machten weiter wie bisher.

Irgendwann erzählte Simon nichts mehr von seinen Reisen, zog in die Stadt und kam immer seltener hoch ins Dorf. Seit einiger Zeit – trotz schlechtem Gewissen – nur noch zu den Geburtstagen der Eltern und zu Weihnachten. Im Grunde schade, schön war es hier schon.
»Kommst Du?«
Simon seufzte und steckte die Flasche zurück in den Rucksack. Es half nichts, er musste weiter. Wie hatte er nur glauben können, zum 74sten würde es einen leichten Anstieg geben.
»Irgendwie werde ich es schon schaffen«, murmelte er und konzentrierte sich wieder auf den Weg.

© Kirsten Marter-Dumsch, März 2017

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Markus sagt:

    Eine schöne Idee, das bislang zu lesende gefällt mir auch. Nun braucht es nur einen gute, weiterführenden Geistesblitz…

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s