25.12., 10.12 Uhr – Die Auflösung

Etwas später als angekündigt – aber immerhin noch – gibt es nun die Auflösung des Falles. Dombrowsky war krank, Grippe, wie aktuell fast jeder Dritte. Ob ich jetzt öfter Krimis schreiben werde, wurde ich gefragt. Nnnneee, ich glaube nicht. Zwar kann man daran wirklich exzellent Plotten üben (es zeigt sich auch in dieser Geschichte, dass ich das nicht gut beherrsche, sich selbst in dieser Kürze Fehler einschleichen), aber dieses genrespezifische Schreiben macht mir nur begrenzt Freude. Eigentlich hätte man noch viel mehr daraus machen können und müssen, um es rund und wirklich gelungen zu machen. Doch dann hätte die Geschichte sehr viel länger sehr viel mehr Zeit und Energie von mir verlangt, als ich einer Übung zugestehen mochte. Allem voran mehr Recherche über Tod durch Stromschlag, Spurensicherung, … Trotzdem war es nicht schlecht, den wortkargen Grantler mit dem genauen Blick durch die Gegend zu schicken, denn er bot zusätzlich reichlich Gelegenheit zur Dialogübung. Ich hoffe, er hat Euch leidlich zugesagt. Hier nun also die Auflösung.

Dombrowsky schloss die Tür hinter sich und atmete einmal tief ein, bevor er sich in Bewegung setzte. Die kalte Luft tat gut, schmerzte noch etwas in Hals, was seiner guten Stimmung jedoch keinen Abbruch tat. Nach zwei Wochen erzwungener Auszeit war er froh, endlich wieder klar denken und arbeiten zu können. Die beste Krankheit taugt nichts, hatte schon sein Vater immer gesagt. Der Wagen sprang trotz des langen Stehens in der Eiseskälte problemlos an. Als er auf die Straße fuhr, traf ihn die tiefstehende Sonne mitten ins Gesicht, die Sonnenblende schaffte es gerade eben, ihm halbwegs Sicht zu verschaffen. Mit der rechten Hand wählte er Steiner an.
»Chef, wieder auf den Beinen?«, meldete der sich bereits nach dem zweiten Klingeln. »Das hat ja gedauert.«
»Kannst du laut sagen. Aber nu is gut. «
»Wir können Sie mehr als gebrauchen, die halbe Mannschaft ist krank. Seit einer Woche liegt Roswita flach, hier stapelt sich der Schriftkram, Wolfram, Gunter und Sven fehlen und Torben schwächelt auch ziemlich. Hält sich tapfer der Kleine.«
»Hört sich nicht gut an. Sind die Gebhard-Berichte fertig?«
»Seit gestern erst, sorry, war echt was los inzwischen. Dr. Winter will Sie unbedingt sehen, sobald Sie hier sind.«
Dombrowsky seufzte. Lieber würde er sich erst in Ruhe einen Eindruck vom aktuellen Geschehen verschaffen.
»Hat sich noch was Neues in der Sache ergeben, einer der beiden sein Geständnis widerrufen, ein Anwalt auf dem Plan, irgendwas, das ich wissen sollte?«
»Nein, alles easy.«
»Gut, dann geh ich direkt hoch. Was du heute kannst besorgen.« Er fuhr am Bäckerwagen vorbei auf den Parkplatz. Der Alltag hatte ihn wieder. »Brötchen?«
»Gern, Käse/Schinken, Gruß an Maria.«
»O.k., bis gleich.«

Mit der Brötchentüte, in der sich auch eins für Torben befand, machte er sich auf in den vierten Stock, wo er das Vorzimmer verwaist vorfand. Dann woll’n wir mal, murmelte er und klopfte an die Tür des Polizeipräsidenten.
»Dombrowsky! Dass Sie noch mal wiederkommen! Na, so richtig gut sehen Sie ja noch nicht aus. Setzen Sie sich.« Winters Stimme donnerte ihm laut, aber wohlwollend entgegen. »Ich komme mir langsam vor wie der letzte Matrose auf einem sinkenden Schiff. Alle krank, Montag hat die Müllerin die Segel gestrichen, Vertretung Fehlanzeige. Haben Sie ja gesehen, so ist das mit den Sparmaßnahmen. Da muss man dann selbst ran. Kaffee ist nicht, mit dem Flugzeug komme ich nicht zurecht.«
»Kein Thema, schmeckt ohnehin noch nicht wieder so richtig.« Das war gelogen. Eigentlich hatte er sich auf den perfekten Cappuccino gefreut, den die immer freundliche Frau Müller stets ungefragt vor ihm abstellte.
»Gut, gut, dann kommen wir doch direkt zur Sache. Der Gebhard-Fall. Das ging ja fix. Trotzdem sauber gelaufen, hoffe ich. Nicht, dass uns das um die Ohren fliegt.«
Dombrowsky schob die Hände in die Manteltasche. Wenn Winter das befürchtete, hätte er ruhig zwischendurch mal bei Steiner nachfragen können. Aber der lief ja unter seiner Wahrnehmungsschwelle.
»Keine Sorge, wir haben die Geständnisse von Frau und Bruder, das Pärchen hat sich eindeutig überschätzt. Die Frau brach sofort ein, als wir sie in die Mangel genommen haben. Tja, und er hat dann auch auspackt, versucht, ihr noch so viel wie möglich in die Schuhe zu schieben.«
»Und warum das Ganze, ich dachte, die waren ein Herz und eine Seele.« Winter lehnte sich im Stuhl zurück und sah zur Decke. »Nette Familie, ich kenne den Vater von den Rotariern. Hat immer von seinen Jungs geschwärmt. Super Geschäftsmänner, perfektes Team.«
»Damit war es wohl nicht so weit her. Im Gegenteil, die Brüder waren sich zwar nicht direkt spinnefeind, aber doch wohl weniger aneinander interessiert, als die Eltern dachten. Für die und das Erbe machten sie auf heile Welt. Nach der Scheidung lief es für Bernd nicht gut, er hatte einen ziemlichen Durchhänger, was ihm Bruder Thomas gern als Versagen unter die Nase rieb. Falsche Frau, selbst Schuld, … so’n Zeug halt. Das Opfer muss ziemlich kalt und herrisch gewesen sein. Auch in der eigenen Ehe, was die Tochter bestätigt hat. Kein Wunder also, dass sich Gattin und Bruder gefunden haben. Das lief wohl schon fast zwei Jahre. Ein paar Wochen vor dem Mord muss Bernd einen ziemlichen Bock geschossen haben und ist von seinem Bruder vor der gesamten Mannschaft zusammengefaltet worden. Dummerweise hat er sich dann bei Katharina ausgeweint, die ihn liebevoll getröstet hat, wobei sie erwischt wurden. Seitdem hing der Haussegen schief und Thomas drohte mit Rauswurf von Gattin und Bruder. Er wollte nur noch Weihnachten abwarten, weil er, nach eigenen Worten, keinen Bock hatte auf ein Familiendrama zu Weihnachten und sich einen möglichst schonenden Weg für die Eltern überlegen wollte.«
»Das spricht aber nicht für kalt und herrisch«, warf Winter ein.
»Wie man’s nimmt. Die beiden argwöhnten, er wolle im Grunde nur in Ruhe überlegen, wie er sie am besten ausbooten konnte.«
Winter wiegte den Kopf hin und her.
»Wie auch immer«, fuhr Dombrowsky fort, »sie beschlossen ihm zuvor zu kommen und ihn aus dem Weg zu räumen. Dank seiner ausgeprägt regelmäßigen Lebensweise bot sich die Nummer mit dem Rollo an. Für einen Techniker wie Bernd war das kein großes Ding.«
»Aber wie haben sie es denn nun genau gemacht.«

»Also«, ein bellender Husten meldete sich zu Wort, vor dem Winter erschrocken ein Stück in den Sitz auswich. »Sorry«, entschuldigte sich Dombrowsky reflexartig, als er wieder sprechen konnte und ärgerte sich im selben Moment. Winter sollte sich mal nicht so anstellen, er hätte ja auch gut noch eine Woche zu Hause bleiben können. »Rollo und gusseiserne Fußmatte wurden präpariert«, fuhr er fort. »Unter Strom gesetzt und mit der Fernsteuerung verbunden. Als das Opfer draußen war, um zu rauchen, wurden die Rollos, die er ja schon hochgelassen hatte, runtergefahren. Normalerweise kann man das Runterfahren problemlos aufhalten, wenn man versehentlich draußen ist. Einfach festhalten, dann stoppt das System. Hat das Opfer natürlich getan, dabei stand er zwangsläufig auf dem Fußabtreter, die Hände am Rollo. Es gab einen Kurzschluss, alle Rollos blieben in der Position stehen, wie wir sie vorfanden. Dann haben die beiden den Fußabtreter vor die Terrassentreppe gelegt, die Kabel entfernt und im Keller alles beseitigt, was Hinweise liefern konnte, über die Rahmen gewischt und sind in die Kirche gegangen. Wäre Jennifer zwischenzeitlich aufgestanden, hätte sie ihren Vater gefunden und sie wären fein raus gewesen. So haben sie noch mal in aller Ruhe alles kontrolliert, Jennifer geweckt und uns gerufen. Ich hatte sofort so eine Ahnung, auch wenn es überall unfassbar sauber war, am Fenster oder der Tür hätten wir Abdrücke finden müssen. Aber, nichts, nicht einmal Fingerabdrücke vom Opfer, der die Tür ja am Morgen geöffnet haben musste.. Katharina hatte ihren Putzfimmel bei der Spurenbeseitigung nicht im Griff. Vergessen hat sie nur den Fußabtreter und die Kaffeemaschine. Auf dem Fußabtreter haben wir Bernds Fingerabrücke gefunden. Zusammen mit der Aussage der Tochter konnten die nur am Morgen daran gekommen sein. Am Abend zuvor lag er noch vor der Tür, als sie ihren Vater fand schon am Fuß der Terrasse.«
»Und was war mit der Kanne?«
»Da waren Fingerabdrücke vom Opfer drauf, sonst keine. Hätte sie den Kaffee aufgesetzt, so wie sie behauptet hat, hätten ihre drauf sein müssen. Hinzu kam, dass der Kaffee extrem abgestanden schmeckte, das war mir sofort suspekt. So schmeckt kein Kaffee, der gerade mal eine gute Stunde warmgehalten wird. Einmal mit der Lüge konfrontiert, brach sie sofort zusammen.  In der Mülltonne des Nachbarhauses haben wir die Kabel gefunden. Mit Bernds Fingerabdrücken. Dass wir nicht nur in der hauseigenen Tonne nachsehen, hat er wohl nicht erwartet. Tja, das war’s.« Dombrowsky lehnte sich zurück und sah seinen Chef an, der vor sich hin nickte. Es entstand eine Pause.

»Gut, gute Arbeit.« Winter stand auf und streckte Dombrowsky die Hand entgegen. Der erhob sich ebenfalls und griff zu.
»Danke.«
»Ja, dann«, Winter kam um den Schreibtisch herum und legte Dombrowsky die Hand auf die Schulter, »dann sehen Sie mal zu, dass sie das Chaos unten in den Griff kriegen.« Mit einem letzten Lächeln schob er Dombrowsky aus der Tür. »Sie machen das schon.«
Im Flur schüttelte Dombrowsky sich einmal, zuckte die Schultern und machte sich mit der Brötchentüte auf zu seinem Mitarbeiter. Hoffentlich hatte Steiner schon Kaffee gemacht.

 

© Kirsten Marter-Dumsch, Januar 2017

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Markus sagt:

    nun habe ich es auch (fast) verstanden… 😉

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  2. monatsweise sagt:

    In Dir schlummern eindeutig keine mörderischen Absichten. Ich bin beruhigt!

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