Mails from down-under II

 

Hier nun Teil II unserer Reise. Für alle, die so viel Text nicht am Bildschirm sondern lieber gedruckt lesen mögen, habe ich beide Teile als Pdf in der  DruckBar hinterlegt.

VII

Wieder unterwegs, wieder ziemliche Ödniss rechts und links der Straße. Über Rockhampton gibt es nicht so viel zu sagen. Es liegt am Fluss, in dem sich ein paar Steine namensgebend rumtreiben. Entsprechend finden sich Brücken und Blicke aufs Wasser. Die für Australien einzigartige, umfänglich historisch bebaute Straße wird gerade ebenso umfänglich saniert, was sie aktuell leider nicht besonders reizvoll macht. In der Haupteinkaufsstraße fand ein Straßenweihnachtsmarkt statt, der uns an Barmen live erinnerte. Man bekam einen Eindruck vom alltäglichen Leben in einer australischen Kleinstadt. Nicht so toll, aber man kann sich ruhig auch mit den weniger hübschen Seiten eines Landes beschäftigen.

Wir blieben und versuchten am nächsten Tag den Aussichtspunkt des nahegelegenen Nationalparks zu erreichen – leider gesperrt – , machten uns auf zu einer Höhlenbesichtigung, die ich ganz nett fand und besuchten noch die „heritage village“, ein Freilichtmuseum, aus dem ich Dir die Bilder vom OP schickte. Wir waren die einzigen Gäste an diesem Tag. Schade, denn es war durchaus liebevoll gemacht und gab einen guten Einblick in das Leben vor unserer Zeit. Bemerkenswert war ein Haus, sehr klein und heruntergekommen, gänzlich ohne Strom, das bis 2009 jedoch in diesem Zustand bewohnt gewesen sein soll. Es müssen sehr kleine Menschen gewesen sein, denn in keinem der zwei Betten hätte jemand von deiner oder auch nur meiner Größe schlafen können. Um so zu leben, muss man schon sehr speziell unterwegs sein. Nicht überliefert ist, ob die Bewohner verstarben oder letztlich doch in die Zivilisation übersiedelten. Muss ein Kulturschock ohnegleichen gewesen sein.

Unsere Höhlenbesichtigung war in Teilen sehr touristisch. Insbesondere die eingespielte Musik in der „Kapelle“, in der sowohl Trauungen als auch Opernaufführungen stattfinden, konnte man fragwürdig finden. Man wollte die einzigartige Akustik vorführen. Schlecht war sie nicht, wenngleich der gewählte Tonträger mäßig war. Wie sich der Ton in der Höhle verteilte, war jedoch erstaunlich. Angeblich ist die Akustik besser als in der Oper in Sydney. Wir tun hier nur und absolut ausschließlich touristische Dinge. Was auch sonst, wir sind schließlich Touristen. Gleichwohl kann das mehr oder weniger fühlbar sein und unterschiedlich gefallen. Mir gefielen sowohl Höhle als auch Museumsdorf, den anderen zum Teil weniger. Fraser Island, das uns allen sehr gut gefiel, ist eine reine Touristennummer, voll und ausschließlich darauf ausgelegt. Inklusive der abenteuerlich anmutenden Sandpisten. Nicht touristisch waren bisher einzig das erwähnte Straßenfest und die Obdachlosen, die wir auf dem Weg dorthin passierten.

Man kann festhalten, dass man sich selbst, die eigenen Befindlichkeiten, die Prägungen und Vorlieben mit auf jede Reise nimmt. Reisen ist, das empfinde ich immer stärker, eine Form von Illusion. Das gilt auch für die von mir so positiv erlebte Tour nach Island, das entschieden mehr mein Land ist. Vermutlich hast Du mit Deiner Bemerkung, ich sei ein nordischer Typ, ziemlich ins Schwarze getroffen. Andererseits fühle ich mich in der Toskana extrem wohl, das erklär mal. Dort ging es mir beim ersten Besuch ähnlich wie in Island. Auch damals spielten Farben und Licht eine wesentliche Rolle. Jetzt überlasse ich mich der Landschaft, den tristen Flächen und verbrannten Bäumen mit ihren schwarzen Stämmen zum spärlichen Grün, deren Überleben immer wieder überraschend ist. Vielleicht sieht man noch mal ein Känguru in der Ferne. Ein paar wenige habe ich bisher gesichtet. Von Koalas keine Spur.

Bis bald

VIII

Es ist 6.30, ich sitze in einem recht ansprechenden Wohnraum mit Blick auf die Bucht von Airlie Beach, in der Segelboote malerisch vor sich hin dümpeln. Unter dem Fenster liegt ein Teil des kleinen Ortes, Palmen und Dächer wechseln sich ab, dazwischen ein paar Straßen, ein Supermarkt, im Hintergrund Bergrücken. Gestern wurden wir beim Betreten der Terrasse von einer Schar Kakadus begrüßt. Sie erhofften – in sehr offensichtlicher Berechnung – Essbares von uns. Jetzt sind sie weg, hungrig geblieben zu sein, hat sie sicher verärgert. Es ist der erste Morgen, an dem kein Tagesprogramm uns aus dem Bett treibt. Einzig der Rhythmus, den man sich in den vergangenen Wochen angeeignet hat.

Bevor wir ankamen freute ich mich sehr auf einen Tag Strand und Nichtstun. Etwas Spazierengehen, lesen, schreiben natürlich. Heute habe ich Zweifel, ob das so gut gelingt. Airlie Beach ist nämlich, das war mir nicht so klar, nicht nur ein guter Startpunkt, um zum Great Barrier Reef aufzubrechen, es ist auch eine Partyhochburg. Zurzeit tummeln sich hier gefühlt alle Highschoolabgänger Queenslands und machen eine Woche lang Party. Auf den Straßen fühlt man sich alt, auf der Terrasse auch, weil die Musik vom Partyzelt im Ort so laut hochschallt, dass man genau weiß, sie gefällt einem nicht. Schwimmen wird auch schwierig, denn von November bis Mai ist Saison für sehr giftige Quallen. Warum die Australier sie jelly fish nennen, ist mir ein Rätsel. Das klingt so nett. Quallen sind nicht nett, Quallen sind ekelig! Ob die als Ausweichmöglichkeit erbaute Lagune angesichts der Teenagermassen genießbar ist, muss sich zeigen. Wir vermuteten gestern Abend, bis zum frühen Nachmittag könnte sie in absoluter Stille liegen. Bleibt noch der Pool. Morgen fahren wir dann raus zum Riff. Ich bin gespannt.

 

VI

Eigentlich sollte ich einen Artikel schreiben, hab aber keine Lust.
Wir lagern am Pool, noch einmal entspannen und Sonne tanken, bevor es heute Abend in Richtung Flughafen geht. Dort verbringen wir noch einen Nacht im Motel, weil unser Flug so früh startet, dass wir hier um 2.00 hätten losfahren müssen. Die Ruhe, das Nichtstun heute, tut gut. Rumliegen, ins Wasser, sobald einem zu warm wird, was in der australischen Sonne nicht lange auf sich warten lässt, Aussicht genießen, perfekt. Erinnerst Du Dich, als ich von Island erzählte und dem Gefühl der inneren Ruhe, das ich trotz des vollgepackten Programms und des wenigen Schlafs empfunden habe? Jetzt, während ich hier sitze und immer wieder aufs Meer schaue, empfinde ich sie auch. Doch lassen wir innere Ruhe innere Ruhe sein und kommen zurück zum Ausflug ins great barrier reef.

Es war … … … eines der Erlebnisse, die man nicht noch einmal macht. Ich nicht noch einmal mache. Aus unterschiedlichen Gründen.
A) Ist es weit weg, damit kaum zu erreichen.
B) Würde ich es auch nicht wiederholen, wenn es vor der Tür läge. Ungeachtet der faszinierenden Schönheit.
Es gibt nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten dorthin zu gelangen, entsprechend ist der Auflauf. Tauchen, Schnorcheln, halb-U-Boot, Helikopterflug, Sonnendeck, …
Alles in Massen und alles geprägt von der Hektik, bloß nichts zu verpassen. Mich hat es abgeturnt. Heftig. Den Heliflug fand ich noch ganz gut, doch auch dabei beschlich mich schon ein ungutes Gefühl. Woher nehmen wir das Recht in ein solches System mit unseren Freizeitansprüchen einzufallen?

Dieser Kakadu macht einen unfassbaren Lärm. Ich geh schwimmen!
Vielleicht bis später

IX

O.k., hier etwas detaillierter wie es war:
Wir fuhren um 8.00 mit einem Boot via Hamilton Island zum Riff. Das braucht etwa drei Stunden, so ein Riff liegt schließlich nicht vor der Haustür. Fährt man zu Beginn noch durch diverse wie dahingeworfene Inseln – alle sehr bewaldet und kaum bis gar nicht bewohnt – kommt man irgendwann aufs offene Meer. Der Wind bläst, man kann sich kaum gegen ihn auf den Beinen halten, Kleider, Röcke und Shirts werden gegen den Willen der Trägerinnen und Träger nach oben gerissen, jede Menge „free show“, wie die Australier lachend sagen. Auf dem Boot kann man bereits den Hubschrauberflug oder einen begleiteten Tauch- und Schnorchelgang buchen. Wir buchten nur den Hubschrauber und gedachten allein zu schnorcheln. Allein! Wie naiv man manchmal doch ist. Irgendwann entdeckt man in der Ferne etwas Türkises und zwei Aufbauten, die sich im Näherkommen als zwei Pontons zu erkennen geben. Genau jene, auf denen man den Tag, bzw. die nächsten vier Stunden, verbringt. Danach kommt der Gestank. Vogelscheiße, es stinkt im wahrsten Sinne zum Himmel. Besonders auf den Hubschrauberlandedecks, solange diese noch nicht oft genug gestartet und gelandet sind, wobei sie den Dreck runterpusten. Auf dem Ponton angekommen steht man in Schlangen. Zum Hubschrauber, zum Tauchen, zum Halb-U-Boot, zum Schnorcheln, zum Essen. Aus nachvollziehbaren Gründen dürfen nur Teile des Meeres beschwommen werden, was für komprimiertes Gewusel im Wasser sorgt. Ich verlor die Lust. Total! Hinzu kommt, dass man dringend einen Schutzanzug benötigt, es sei denn, man möchte lebensgefährlichen Quallen mal so von Haut zu Tentakel begegnen. Ein Erlebnis, von dem die informierende Crew aus lauter smarten jungen Menschen entschieden abrät.

Wir flogen also übers Riff. Das war schon nicht schlecht. Kurz aber schön. Doch in mir machte sich die Frage breit, ob es wirklich richtig ist, dass wir das tun. Bis auf das Halb-U-Boot ließen wir alles andere aus, auch Markus fühlte sich nicht so sehr behaglich. Das Riff selbst ist spektakulär. Wunderschön irisierend, wenn du von oben drauf schaust. Kurz bevor wir abfuhren ließ sich eine recht große Schildkröte sehen. Ich vermute, um nachzuschauen, ob wir bald abhauen. Als wir es taten, ließen wir einen schönen, endlich wieder stillen Ort zurück, dem unser Eindringen gottlob nicht viel angetan zu haben schien.

Heute las ich, etwa 2.000.000 bereisen jährlich das Riff. Zusammen mit den gängigen Gründen für die Erderwärmung trägt der Tourismus das Seine zur Gefährdung des Riffs bei. Ich nehmen mir fest vor, bei der Planung zukünftiger Reisen im Vorfeld sehr gründlich zu überlegen, ob ich mich daran so direkt beteiligen will. Ich weiß, ich allein ändere nichts. Aber ich finde, ab und an sollten wir Abstand nehmen von unserem Wunsch, alles sehen zu wollen und zu können. Meine Welt geht nicht unter, wenn ich nicht zwischen Korallen getaucht bin. Eine widerkehrende Erkenntnis dieses Urlaubs ist ohnehin die, dass es mir nicht so wichtig ist alles gesehen zu haben. Lieber sehe ich lange und genau hin. Heute zum Beispiel sah ich beim Frühstück die Palmblätter wedeln. Dabei bewegten sich die einzelnen Blattteile so, als würden sie applaudieren. Das ließ mich lächeln.

 

X

Wir sind zurück. Mackay – Brisbane – Bangkok – Frankfurt – Wuppertal Hbf – Dönberg – 35 Std. War es das wert, hast Du gefragt.

Es war eine schöne und interessante, vielfältige Reise, wir waren in angenehmer Gesellschaft, das Wetter war gut bis sehr schön, die Australier sind sehr nette, freundliche und scheinbar entspannte, unkomplizierte Menschen, manchmal ein wenig laut, in Gaststätten wird man lovelies genannt, ohne dass es albern klingt, Flora und Fauna sind faszinierend, der Pazifik grandios, meine Knie machten fast alles mit, Sonnenschutzfaktor 50 ist zwingend, Sydney laut und mir zu busy, Brisbane beschaulicher, Highways öde, der Himmel meist blau, …

Ja, für diesen einen Besuch hat es sich gelohnt, es hat den Horizont ein Stück erweitert. Aber auch die Erkenntnis wachsen lassen, dass es genug schöne Gegenden gibt, für die man nicht um die halbe Welt reisen muss. Ein Ziel ist nicht schöner, spannender, bereichernder, weil es weit weg ist. Aktuell kann ich mir nicht vorstellen, noch einmal dorthin zu reisen. So anders fühlt es sich nicht an, an der Nordsee spazieren zu gehen oder durch europäische Großstädte zu streifen. Und wer weiß, vielleicht kann man irgendwann auch bei uns Frangipanibäume finden. Weihnachtssterne und Hibiskus gibt es schließlich auch schon. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Vielleicht sogar besser. Wenn alles überall möglich wäre, bliebe das Besondere auf der Strecke.

Begleitet wurde ich auf der Reise von einem Wuppertaler Jutebeutel, der sich gern ins Bild schmuggelte und meinen Facebookaccount nutzte, um von seinen Erlebnissen zu berichten. Mir gefiel es, ihn bei mir zu haben, er erinnerte mich an Zuhause, und er genoss die Ausflüge sichtlich. Gestern kam ich ins Wohnzimmer und dachte, ich sehe nicht richtig: Er lümmelte sich gemütlich auf dem Sofa und schlang den Tragegurt um eine hübsche australische Plastiktüte, die sich vertrauensvoll an ihn schmiegte.

Mit diesem heimeligen Bild schließe ich.
Bis Weihnachten ist es nicht mehr lang, der Garten liegt im Winterschlaf, kein Kakadu balanciert über die Balkonbrüstung.
Ich bin Zuhause.

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. hans joachim lauber sagt:

    Schöne Bilder! Auch in den kreisförmigen Abbildungen und Anordnungen. Ich muss noch zwingend nach Barcelona, Italien, vielleicht schaffe ich noch Canada, usw.

    Liken

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