Die Kiste

Ein Bekenntnis vorab: Ich mag Weihnachten! Gar nicht so sehr als christliches Fest – dafür müsste ich religiös sein, was ich nicht bin – aber als Familienfest und wiederkehrendes Jahresritual. Ich finde es nett, die Familie zu treffen, Geschenke zu machen (und zu erhalten 🙂 ) und den Weihnachtsbaum zu schmücken. Ohne den ginge gar nicht. Fast ebenso sehr mag ich es jedoch, ihn nach Silvester zu entsorgen, um wieder den Normalzustand herzustellen. Zu viel Weihnachten schadet dem Genuss.

Vor zwei Jahren suchte ich in mir nach einer Geschichte, die sich für die Weihnachtskartenkollektion eignete, die ich gemeinsam mit meiner Schwiegertochter designen und vertreiben wollte. Weihnachtskarten werden meiner Meinung nach viel zu wenig geschrieben! Fündig wurde ich in meinen Kindheitserinnerungen. Zum Jahresende, und weil es noch etwas dauert, bis die Australienbilder gesichtet und sortiert sowie der Reisebericht geschrieben ist, an dieser Stelle meine ganz persönlichen Weihnachtserinnerungen. So, ganz genau so, war es bei uns am Heiligen Abend.

Euch allen einen schönen Advent! Mögen sich schöne Erinnerungen einstellen und neue hinzukommen.

Lesung

Zum ersten Mal sah ich sie im Kohlenkeller meines Großvaters. Warum sie mir auffiel könnte ich nicht sagen, aber ich erinnere mich, dass er sie unter einem an der Wand stehenden Tisch hervorzog und etwas herausholte. Was? Keine Ahnung. Der dunkle Staub hatte sich in den Maserungen des Holzes niedergelassen und gab ihr eine undefinierbare Farbe, irgendwo zwischen braun und schwarz. Wie sie in den Keller meiner Eltern kam und was meinen Vater bewogen haben mag, die Weihnachtskugeln darin aufzuheben, vermag ich ebenso wenig zu sagen. Ich war zu klein damals, muss es gewesen sein, denn erst als Aufbewahrungskiste für die goldenen und silbernen Kugeln, die Spitze mit dem dünnen weißen Engelshaar, das mit den Jahren immer spärlicher wurde, dem Lametta vom Vorjahr, das sorgfältig zusammengelegt wiederverwendet werden konnte, den Blechhalterungen für die Kerzen, die später der Lichterkette gewichen sind, ist sie wirklich in meine Erinnerung eingezogen. In meiner gesamten Kindheit tauchte sie am Heiligen Abend, etwa gegen Mittag, in unserem Wohnzimmer auf, wo zuvor der Tannenbaum in dem grünen, verschnörkelten Christbaumständer aufgebaut worden war. Eine Prozedur, die oft nicht ohne das von statten ging, was man heute Weihnachtsstress nennen würde. „So kippt er nach links, Heinrich, siehst du das nicht?!“
„Von hier ist er gerade, ich weiß nicht was du hast.“
„Dreh ihn um, die andere Seite ist doch viel schöner.“
„Nein, nicht so, anders!“
„Wie jetzt? So oder So?“
So ging es hin und her zwischen unseren Eltern, wobei unsere Mutter zwischen Küche und Wohnzimmer pendelte, um das bereits auf dem Herd stehende Essen im Auge zu behalten. Stand der Baum, waren Kopfschütteln und gereizter Ton schnell vergessen. Meine Mutter werkelte in der Küche und wir warteten darauf, dass unser Vater die Kiste aus dem Keller hochtrug, damit wir gemeinsam den Baum schmücken konnten. Er trug sie an dem auf dem Deckel in einer Vertiefung montierten Ledergriff und stellte sie entweder auf dem Tisch oder dem Sofa ab. Dann ging es endlich los. Die Kugel lagerten in ehemals weißen, mit der Zeit vergilbten, Pappschachteln, die mein heutiges Auge vermutlich wenig ansprechend finden würde. Damals habe ich sie fast ehrfürchtig geöffnet. Ich liebte es die, zum Teil mit weißen Schneeapplikationen versehenen, federleichten Gebilde aus ihren Plastikbetten, die sie in den Schachteln sicher fixierten, zu heben und meinem Vater anzureichen, damit er sie in den Baum hängen konnte. Wir halfen, er entschied über Verteilung und Ausrichtung. Furchtbar, wenn eine Kugel zu Bruch ging. Nicht weil geschimpft wurde. Nein, mich machte jeder Verlust traurig, bedeutete er doch etwas weniger Glanz an unserem Baum. Das Lametta wurde Faden für Faden gleichmäßig über den Baum verteilt, die Kerzenhalter bestückt und auf die Astspitzen gesteckt und dann war er fertig, der Baum. Unser Weihnachtsbaum. Wir räumten auf, die Kiste wanderte wieder in den Keller und wartete dort auf ihren Einsatz beim Abschmücken, für uns begann die scheinbar unendliche Wartezeit bis zum Abend.

Immer wieder erstaunt es mich, dass ich mich an kaum ein Weihnachtsgeschenk erinnere, obschon mir die Aufregung und Vorfreude auf sie noch so präsent ist. Dass das Bild der aus dem Keller herangetragenen Kiste sie alle überlagert. Als wir älter wurden verschwand sie irgendwann. Es gab neue Kugeln, andere Kerzen, kein Lametta mehr. Der Weihnachtsschmuck wurde anders gelagert, die Kiste überflüssig. Vor ein paar Jahren habe ich sie entdeckt und meine Eltern gebeten sie mir zu überlassen, was sie gern taten. Erst jetzt sah ich, dass es sich um eine Heeresmunitionskiste handelte, die mein Großvater mit aus dem Krieg gebracht haben musste. Jahrelang hatte unseren Weihnachtsschmuck in einer alten Munitionskiste gelagert! Kurz zögerte ich, ob ich mir eine Kiste aus dem letzten Weltkrieg ins Haus stellen wollte. Aber nur kurz, dann nahm ich sie mit und stellte sie in unser Schlafzimmer. Dort steht sie jetzt, schäbig, wie sie ist. Schaut man genau hin, kann man ihr immer noch den Kohlenstaub ansehen. Wenn man sie öffnet, riecht sie muffig, die Metallhenkel an den Seiten sind fast schwarz, ebenso wie der lederne Griff im Deckel. Sie ist viel kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte, es geht nicht viel hinein. Das muss es auch nicht, denn ich lege nichts hinein. Für mich ist sie voll.

Und das soll alles auf eine Karte gehen? Tut es, seht selbst:

img_4112Ihr könnte sie, mit passendem Umschlag, für 3,00€ (plus Porto) per Mail bei mir bestellen, ein paar sind noch da.

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