Zu Gast auf monatsweise: Jeanette Baden-Jaber

Ich freue mich sehr, dass Jeanette Baden-Jaber sich bereiterklärt hat, mich im Urlaub zu vertreten und den Novemberbeitrag übernommen hat. Ich bereite mich derweil auf einen besonderen Urlaub vor. Diesmal geht es nach Australien. Ich bin gespannt und werde sicher davon berichten. Bis dahin wünsche ich viel Vergnügen mit den Gastbeiträgen von Jeanette.

Kennengelernt habe ich Jeanette in der Schreibwerkstatt. Als ich überlegt habe, ob und wen ich um einen Gastbeitrag bitten könnte, war sie mein erster Gedanke. Zum einen, weil  sie fast ausschließlich Lyrik schreibt und damit etwas, das ich selbst nicht schreibe. In ihren Gedichten widmet sie sich – hier sind wir uns durchaus nah – dem Alltäglichen, den großen und kleinen Dingen des Lebens. Sie tut dies mit großer Genauigkeit, viel Sprachgefühl und in einem Tonfall, den ich am ehesten mit liebevoll beschreiben kann.
Der zweite Grund, warum ich an sie dachte, war einer der wenigen Prosatexte, die ich von ihr kenne. Er gewährt einen kleinen, ganz persönlich gefärbten Einblick in das Leben einer vom Krieg betroffenen Familie im Libanon, ist wie ein Blick ins private Fotoalbum, aus dem auch das Beitragsbild stammt. Es ist ihre Schwiegerfamilie, die in einem Dorf lebte, das während des Libanonkrieges zum größten Teil zerstört wurde. Mehr Erläuterndes möchte ich vorab dazu nicht schreiben, der Text spricht für sich. Sie selbst hat noch etwas über sich, die Familie und den Krieg in 2007 geschrieben, das im Anschluss angefügt ist.

Mir gefiel und gefällt an Jeanettes Erzählung vor allem eines: Sie zeigt, es gibt Verbindendes in aller Verschiedenheit. Menschen lieben ihre Heimat, ihr Zuhause, egal wo auf der Welt dies ist. Wir mögen unterschiedlichen Kaffee trinken, andere Kleider tragen und andere Gebete sprechen, in unseren Bedürfnissen sind wir uns gleich.

Über den Dächern von …
Jeanette Baden-Jaber

Libanon. Ein kleiner Ort mit dem Namen „Nahr el Bared“. „Kalter Fluss“. Eines der fünf größten Palästinenser Camps im Land. Wir sitzen auf dem Flachdach des Hauses meiner Schwiegereltern und trinken Kaffee. Arabischen Mokka in kleinen blauen Tassen mit rosafarbenen Blütenranken. Vor uns liegt das Mittelmeer. Es ist zum Greifen nahe. Luftlinie zumindest. Würden wir den Weg durch die engen Gassen nehmen, durch den Basar, vorbei an den Ständen mit frischen Feigen und Granatäpfeln, Maulbeeren und zeigefingergroßen Bananen, duftendem Kardamom und Weihrauch, vorbei an Ständen mit frisch geschlachteten Schafen und Rindern, vorbei an kleinen Käfigen mit piepsenden Küken und gackernden Hühnern, vorbei an Tischen mit Kinderbüchern und Modezeitschriften, Töpfen, Teekannen, Parfümflakons, Schnick-Schnack; ja, würden wir diesen Weg nehmen, erreichten wir das Meer erst nach ungefähr zehn Minuten ‒ sollten wir uns nicht im Gewirr der Häuser und Gassen verlieren. Das Bild von Escher mit den Treppen fiel mir bei meinem ersten Besuch von Nahr el Bared ein: „Relativität“. Das Bild, bei dem man nicht weiß, ob man die Treppen hinauf oder hinunter geht. Man hat das Gefühl, Kopf zu stehen, mal an der Decke zu laufen, mal schräg, mal führen die Stufen im Haus entlang, mal außen herum. Plötzlich steht man im Haus des Nachbarn. Begegnet lachenden Gesichtern. Sucht seinen Weg zurück. Ein Labyrinth. Hat man es schließlich geschafft, seinen verzweigten Gängen zu entkommen, wird man mit dem Blick auf das ruhige Meer belohnt. Und mit einer Tasse Mokka.

Wir sitzen also auf dem Dach. Vor uns das Meer, hinter uns die Berge des Libanon mit schneebedeckten Spitzen. Auch jetzt, im Sommer, liegt noch ein wenig Schnee, doch die Kappen werden jeden Tag kleiner, schmilzen mit jedem Strahl der Sonne.

Die Sonne! Sie beginnt langsam, sich in Richtung Deutschland, Heimat, vom Tag zu verabschieden. Der Große Wagen zieht auf. Er sieht hier genauso aus wie zu Hause. Das fasziniert mich jedes Mal aufs Neue. Ich sehe den Großen Wagen am Himmel und denke an meine Familie. Verbundenheit. Einmal quer über das Mittelmeer.

Die ersten Fischerboote fahren hinaus auf’s Wasser. Plötzlich eine Explosion! Noch eine! Da, schon wieder! Eigentlich ist das Fischen mit Sprengstoff verboten. Aber wer nicht fragt… Tauben schwirren um uns her. Am Tag, während der großen Hitze, hocken sie in ihren Holzverschlägen auf den flachen Dächern der Häuser. Am Abend dürfen sie ihre Runden fliegen und ihre kurze Freiheit genießen. Junge Araber sitzen zusammen und trinken ebenso leckeren Mokka wie wir, diskutieren über Allah und die Welt und scheuchen ihre Tauben immer und immer wieder durch Pfiffe, Rufe, Gesten und ab und zu auch mal durch eine fliegende Kartoffel auf, eine weitere Runde zu drehen. Aus den Lautsprechern der Moschee, zwei Dächer weiter, dringt zunächst ein Knistern, dann der Ruf des Imam, so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Nach und nach fallen auch die Stimmen der Lautsprecher auf den anderen Häusern in den Ruf ein. Ein Kanon. Hundertfaches Echo. Unwirklich. Unglaublich. Faszinierend. Durch Mark und Bein geht der Singsang. Wie das Läuten unserer Kirchenglocken daheim. Nach fünf Minuten ist Stille. So plötzlich, dass man glaubt, in einem Wattebausch zu versinken. Samar, eine meiner sieben Schwägerinnen, bringt neuen heißen Kaffee. Sie ist nicht allein, ein Besucher begleitet sie. Ein Cousin der Familie. Noch einer. So viele Cousinen und Cousins, Tanten und Onkel, Nichten und Neffen. Eine große, lebhafte, meist fröhliche Familie.

Drei Jahre später. Wir sind wieder zu Besuch bei meinen Schwiegereltern, und wieder kocht meine Schwägerin Samar Kaffee. Wir trinken ihn auf dem engen Balkon des Mietshauses. Ein neues Haus, ein neuer Ort, neue Menschen. Den alten Ort, Nahr el Bared, gibt es nicht mehr. Er ist zerstört, zerbombt. Durch einen kurzen, erbitterten Krieg ausgelöscht. Ausgelöscht sind auch viele Menschenleben. Unsere Familie hat überlebt.

Die Augen von Site Miriam, meiner arabischen „Schwiegergroßmutter“, sind dunkel und traurig, wenn sie von Nahr el Bared erzählt. Der Ort, der ihr zweite Heimat wurde. Nach der Flucht aus Palästina 1948. Der Ort, an dem sie zusammen mit Sidi Nimer, meinem „Schwiegergroßvater“, und ihren sechs Kindern lebte. Eine Tochter und zwei Söhne haben Site Miriam und Sidi Nimer verloren, auf dem Weg von der alten in die neue Heimat. In Nahr el Bared durchlebten Site und Sidi mit ihrer Familie den Bürgerkrieg in den 70er Jahren. In Nahr el Bared arbeiteten sie, lebten sie. Lebten ganz gut. Sahen Enkel und Urenkel aufwachsen. Vor ein paar Jahren starb Sidi und wurde auf dem Friedhof am Meer beerdigt. Site’s und Sidi’s Sohn Diab, mein Schwiegervater, arbeitet seit dem Ende des Krieges in Nahr el Bared nicht mehr. Sein Herz ist krank. Eine Notoperation rettete sein Leben. Vor dem Krieg hatte er seinen eigenen kleinen Friseursalon. Mitten im Basar. Mitten im Leben. Jetzt ist sein Leben ein anderes.

Das Leben der Kinder nach dem Krieg scheint unverändert. Es ist, als wüssten unsere Nichten und Neffen nichts mehr davon. Sie toben mit ihren Freunden durch die Straßen, spielen ihre Spiele. Vergessen? Nur so lange, bis die Erwachsenen sie fragen, wie es war. Im Krieg. Als sie vor Angst nicht schlafen konnten. Als Flugzeuge über das Camp flogen. Raketen und Gewehrkugeln Menschenleben nahmen, Häuser zerstörten.

Auch die Erwachsenen vergessen nicht. Sie reden über den Krieg. Erzählen wieder und wieder, was passiert ist, wie sie beschossen wurden, fliehen mussten, nicht wussten, wohin, ohne Essen waren, ohne Trinken, ohne Medikamente, ohne Papiere, ohne Identität. Wie sie später vor den Trümmern ihrer Häuser standen. Trümmer, unter denen ihr altes Leben, ihre Erinnerungen begraben lagen.

Jetzt, nach dem Krieg, ist alles anders. Neu. Besser? Veränderungen sollen gut sein, behaupten viele Menschen. Manchmal mag das sein. Aber Veränderungen machen auch Angst. Angst vor dem, was kommt. Viele wollen zurück, sehnen sich nach dem, was gewesen ist. Vor dem Krieg. Träumen davon, zurückzukehren in das alte Leben, das ihnen Sicherheit war. Schutz. Bekanntes. Gewohnheit. Doch dieses Leben war einmal, ist nun nicht mehr. Aber das Meer ist noch da. Und die Berge des Libanon sind es auch. Mit ihren schneebedeckten Spitzen.

Wieder zwei Jahre später. Wieder ist alles anders. Neu. Besser? Das zerstörte Nahr el Bared wird neu geboren, soll ein modernes Palästinenser Camp werden. Eines, das man vorzeigen kann. Die Regierung lässt neue Häuser bauen. Jeder soll dorthin zurückkehren, wo er vor dem Krieg lebte. Ein neues Haus an der Stelle, an der das alte einmal stand. Nur kleiner. Dafür werden die Gassen breiter. Gassen werden zu Straßen. Damit Autos fahren können durch den neuen Ort und den neuen Basar. Autos und Militärfahrzeuge. Damit es übersichtlich ist, das Camp. Ohne Gewirr der verwinkelten Gassen und verwirrenden Escher-Häuser. Übersichtlich und leicht zu kontrollieren. Von der Regierung.

Site Miriam ist bereits zurückgekehrt, in das neue Nahr el Bared. Die Soldaten der libanesischen Armee haben am Kontrollpunkt am Eingang von Nahr el Bared nur einen kurzen Blick auf ihre wenigen Habseligkeiten geworfen, und sie dann durch gewunken. Mit Site sind einige meiner Schwägerinnen und ihre Familien gegangen. Auch ihre kleinen Häuser sind fertig. Meine Schwiegereltern werden zu den Nächsten gehören, die zurückkehren dürfen. Irgendwann. In sechs Monaten vielleicht. Oder in einem Jahr. Meine Familie hofft. Und wartet.

Es wird ein neues Leben geben, im neuen alten Nahr el Bared. Das Meer ist dann noch da. Und die Berge des Libanon sind es auch. Mit ihren schneebedeckten Spitzen.

„Sie selbst hat noch etwas über sich, die Familie und den Krieg in 2007 geschrieben“ ‒ schreibt Kirsten. Was kann das sein ‒ über mich? Über die Familie: Ja. Und über den Krieg in 2007 auch. Aber über mich? Also gut. Es war einmal…

…ein kleines Mädchen, das Bücher nur so verschlang, mit Michel in der Suppenschüssel steckte, mit Bernhardiner Bootsmann Ferien auf Saltkrokan verlebte, Grizzlies am großen Bärensee begegnete, mit Hanni und Nanni Lehrerstreiche ausheckte, mit Peppi durch den Urwald streifte, und auf einem fliegenden Teppich die Himmel des Orients entdeckte…

„Wo ist der Orient?“, fragte das kleine Mädchen, als es längst erwachsen geworden war, und zum ersten Mal den Libanon bereiste. Das ist nun fast zwanzig Jahre her. Orient – das waren in meiner Vorstellung immer die prächtigen Kleider, samtenen Kissen, gefüllten Obstschalen und die Geschichten aus 1001 Nacht gewesen. Scheherazade, Aladin und Sindbad gehörten für mich ebenso dazu wie Dschinn und Alibaba und die 40 Räuber. Orient bedeutete für mich Leben, Gewusel und Gewimmel im Basar, Farben, kehlige Stimmen, auch Dattelpalmen, Wüstensand und den Ruf des Imam. Und Kamele. Ein einziges habe ich im Libanon gesehen. Auf einem Schuttberg im Palästinenser Camp Schatila in Beirut.

Die Wirklichkeit, der „echte“ Libanon wollte so gar nicht in mein Bild des Orients passen, das ich seit meiner Kindheit bei mir trug. Dieses Land verwirrte mich, zeigte es sich doch arabisch und gleichzeitig westlich geprägt durch die Zeit des französischen Mandats. Ein zerrissenes Land, und doch eins. Ein Land auf der Suche nach seiner Identität.

Es war im Jahr 2007, als mich die Wirklichkeit ein weiteres Mal auf meinem fliegenden Teppich einholte. Als der Krieg in Nahr el Bared ausbrach, und wir um das Leben unserer Familie, um das Leben aller Familien von Nahr el Bared bangten.

Die Geschichte des Orients ist eine bewegte. Bewegt wie die Geschichte und die Geschichten von 1001 Nacht. Bewegt wie die Geschichte der Menschheit und unserer Erde. Für mich ist der Orient immer noch bunt, aufregend, duftend, er vereint Abenteuer und Lebenslust. Und deshalb reise ich bis heute in Gedanken durch den Orient. Auf einem fliegenden Teppich, dessen Muster aus den Fäden meiner Jahre gewoben ist. Es ist dieser Teppich, der mich durch mein Leben trägt. Und mit mir meinen Mann und unsere Kinder.

Apropos mein Mann: Musste es also nicht so kommen, dass ich mit meinem Mann Assad einen Araber, einen Orientalen heiratete? Ein temperamentvolles, rastloses, lustiges, ungeduldiges, liebes Menschenkind, das mir den Orient in meine Heimatstadt Solingen, in mein Zuhause brachte? „Kismet“ – Schicksal.

Kirsten schreibt: „Sie (die Erzählung) zeigt, es gibt Verbindendes in aller Verschiedenheit. Menschen lieben ihre Heimat, ihr Zuhause, egal wo auf der Welt dies ist. Wir mögen unterschiedlichen Kaffee trinken, andere Kleider tragen und andere Gebete sprechen, in unseren Bedürfnissen sind wir uns gleich.“

Heimat, Zuhause – hier wie dort. „Ahlan wa sahlan!“ – willkommen!

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