Mail from Iceland

Wer erzählt, er sei in Island gewesen, wird immer und sofort und sehr intensiv befragt, wie es war. Spätestens seit dem sympathischen Auftritt der Isländer bei der EM, ist das Land nahezu jedem ein Begriff. Kalt, unwirtlich aber schön stellt man es sich vor. Magisch irgendwie. Mitte September hatten wir die Gelegenheit uns im Rahmen einer dreitägigen Reise einen ersten eigenen Eindruck zu verschaffen. Ich war hin und weg! Hier meine Eindrücke, die ich mit übervollem Herzen in zwei ausführliche Reisemails packte.

I

Wir sind zurück. Vollgepackt mit Eindrücken einer viel viel zu kurzen Reise. Die Erkenntnis aus diesen drei Tagen vorweg: Es gibt Sehnsuchtsländer, Länder, die uns spontan zu berühren vermögen, ohne dass wir unbedingt sagen können, warum das so ist. Ich habe in den vergangenen Tagen eines mehr für mich entdeckt. Für mich ist es magisch.

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Wo fang ich an? islandbuchIch versuche es chronologisch, was mir nicht liegt, wie du weißt. Zum Einstieg ist es jedoch nicht schlecht. Eigentlich fing es schon mit der Einladung im letzten Jahr an. Nicht, dass ich mich schon ein Leben lang nach einer Islandreise verzehrt hätte. Einmal hinfahren könnte man, klar, bestimmt interessant. Eine schöne Abwechslung zu Städtereisen und landschaftlich lieblichen und durchkultivierten Gegenden, in sonnenwarmen Regionen. Trotzdem habe ich mich gefreut wie Bolle und bin unverzüglich los, um einen der ausgesprochen schönen Bildbände zu erstehen, die der Buchhandel in großer Zahl bereithält.

Heute weiß ich, das kommt nicht von ungefähr. Man hat kaum zwei Schritte auf die Insel getan und schon überfällt einen ein kaum zu unterdrückender Drang alles, aber auch wirklich alles zu fotografieren. Ich widerstand im Wissen um die bildmindernde Qualität der Busfenster und die Gewissheit, in den nächsten Tagen sicher reichlich Gelegenheit zu haben. Außerdem hatte ich den eigens aufgeladenen Ersatzakku für die Kamera zuhause liegen gelassen, es galt zu Haushalten. Weswegen ich dir nun leider nur beschreiben kann, was ich sah. Der im Grunde eher öde Landstrich wies unzählige Felsformationen auf, die mich an Unterwasseraufnahmen von einem Vulkanausbruch erinnerten. Weißt du, was ich meine? Die im Wasser erkaltende Lava, die sich rundlich ausformt, größer wird und letztlich aufplatzt oder auch aufreißt, einen weiteren rotglühenden Auswuchs bildet, der sich ebenso fortpflanzt. Jetzt stell dir das in xxl und nicht im Fernsehformat vor. Und auf einer Ebene, in deren Hintergrund sich dunkelbraune Berge auftürmen. Das Ganze kaum bewachsen, soll heißen, keine Bäume und Sträucher, nur Moose, Flechten und Gräser. Und mittendrin ein Golfplatz.

In Reykjavik angekommen nutzten wir den Nachmittag für einen Spaziergang durch die Innenstadt. Am Wasser entlang ging es Richtung Hallgrimskirkja, der größten Kirche im Land. Nach unseren Maßstäben – ich bitte alle Isländer um Nachsicht – ein eher hässliches Bauwerk. Äußerlich. Sieh selbst. Sieht ein bisschen aus wie ein aufgeregter Rochen, oder? Nicht immer vermag Beton als Baustoff zu begeistern.

Innen hat sie jedoch eine nicht zu unterschätzende Wirkung von schlichter Erhabenheit.

Danach schlenderten wir durch die Altstadt bis zur Harpa, dem Konzerthaus und architektonischem Highlight. Nicht ahnend, dass wir dort am nächsten Abend einem Kinderchor lauschen würden, der Halle und Treppenhaus (ein nur unzulänglich die wahre Dimension wiedergebendes Wort) mit einem sehr schönen „dona nobis pacem“ füllte. Anscheinend hat man beim Bau auch in diesem Teil Wert auf die Akustik gelegt, der Klang war fantastisch. Ganz warm und harmonisch. Ich bin fast geneigt zu sagen „wie in unserer Stadthalle“. Aber man soll es mit der Begeisterung nicht übertreiben. 😉

Eine Besonderheit des Baus ist die dreidimensionale Außenfassade, die, wie ich gelesen habe, die Kristallstruktur des Doppelspates aufgreift. Den kenne ich persönlich nun nicht, mich hat sie an die sechseckige Struktur des allgegenwärtigen Basalts erinnert.

Wie so oft haben mich auch dort wieder Spiegelungen fasziniert. In dem Fall die, die sich auf der verglasten Hinweistafel ergaben, auf die ich während des Essens blickte.

Siehst du, schon habe ich die Chronologie verlassen. Zurück zum ersten Tag: Wir verbrachten den Abend in der blauen Lagune, einem Thermalbad der Luxusklasse, das sich nahtlos an ein Geothermalkraftwerk anschließt. Bizarr denkt man, bis man hört, dass in diesem Fall der Luxus ein Nebenprodukt der Technik ist. Soll heißen, das Kraftwerk war zuerst da. Das Wasser ist hellblau und milchig-trüb, soll gut gegen Schuppenflechte sein, riecht jedoch wenig erbaulich.

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Doch die Nase gewöhnt sich. Wir aßen und tranken entschieden besser als im Flugzeug, unterhielten uns blendend und begaben uns für eine kaum noch Nachtruhe zu nennende Zeiteinheit ins Hotelbett.

 

 

Um kurz nach sechs verließ ich das Zimmer mit Aussicht auf die Bucht von Reykjavik zugunsten eines Gletscherausflugs. Du wirst mich naiv nennen, aber ich hatte mir nicht eine Minute Gedanken darüber gemacht, wie man zu einer Gletscherhöhlenbesichtigung kommt. Ich erwartete einen Bus vor der Tür, traf jedoch auf das hier

Ich rollte innerlich die Augen, hielt die übergroße Bereifung für einen Touristengag und stieg mit schweren Augenlidern ein. Ein Nickerchen wäre nett. Daraus wurde dann nichts. Unmittelbar nachdem man die Stadtgrenze hinter sich gelassen hat, gab die Landschaft alles, um meine Augen gefangen zu nehmen. Reykjavik selbst, unseren Maßstäben nach eher eine Klein- als eine Hauptstadt, bietet, zumindest, wenn man nicht weiß, wo man danach suchen soll, wenig Herausragendes. Die Architektur ist schlicht und pragmatisch, man hat Platz und muss nicht unnötig in die Höhe bauen, was durchaus angenehm ist, aber eben auch wenig Besonderheiten am Wegesrand bietet.

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Vom ersten Moment gefangen genommen hat mich das isländische Licht. Das Wetter ist extrem wechselhaft; man sagt, auf Island kann man alle Jahreszeiten an einem Tag erleben. Dementsprechend verändert sich das Licht beständig. Die eben noch in tiefhängenden Wolken verschwindende Landschaft kann kurz darauf absolut klar und konturiert unter einem makellos blauen Himmel liegen. Licht und Schatten wechseln sich dermaßen schnell ab, dass man mit dem Schauen kaum nachkommt. Die wenigen, sehr niedrigen Bäume, meist Birken, und Sträucher standen bereits im Herbstlaub. Ein Anblick, der mich besonders während der mittäglichen Rast erfreute. Ich fürchte ich war meinen Tischnachbarn eine wortkarge Gesellschaft, doch ich hatte so viel damit zu tun die Landschaft durch die Panoramafenster zu betrachten, dabei wohlig in die tiefstehende Sonne zu blinzeln, dass für Plauderei wenig Raum blieb. Die Augen mussten einfach nachholen, was während der Fahrt unmöglich war: schauen. Grau, blau, gelb, rot, immer wieder Lavabraun bis –grauschwarz, dazu das Weiß der Flüsse, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit eindrucksvoll in die Tiefe stürzen. Und Gelegenheiten dazu gibt es reichlich.

Wir sahen an diesem Tag den Hraunfossar. Fossar, so gut ist mein Isländisch mittlerweile, heißt Wasserfall. Eingeschlossen von eher sanften Hügeln ergießt sich Kaskaden über etwa einen Kilometer Breite in die Tiefe. Je nach Wetterlage soll sich die Farbe des Wassers von grau zu türkisblau, weißblau und marineblau verändern. Wieder wäre ich gern geblieben, am Ufer entlang spaziert und mir einen Platz zum schauen und staunen gesucht. Aber … keine Zeit. Es ging weiter.

Der Gletscher also. Nun, Einar, ein sehr freundlicher Isländer mit sympathischen Lächeln und lustiger Mütze, die er erstmalig aufsetzte, als er vor dem Abbiegen auf die Schotterpiste Luft aus den Reifen ließ – ein Umstand, aus dem ich auf einen gewissen Temperatursturz sowie auf Gründe für die Bereifung schloss – brachte uns sicher auf die dem Gletscher unmittelbar vorgelagerte Station und mich aus einem Endlossatz. Puh! Nebenher: Isländer, so mein oberflächlicher Eindruck, neigen zu einer sehr angenehm unaufgeregten Freundlichkeit, die sich wohltuend von der hierzulande immer öfter anzutreffenden „Gerne“-Hysterie abhebt. Einar und seine Kollegen entließen uns zum Pinkeln und zur Ausstattung mit warmen Overalls in die Hütte und gönnten sich selbst eine Pause im doch ziemlich frischen Wind. Ob sie die Aussicht genossen ist nicht überliefert, ich vermute, sie kennen sie hinlänglich und konzentrieren sich mehrheitlich auf andere Dinge.

Mit entleerten Blasen, reichlich neuen Fotografien – und „very slippery“ Überziehern über den zum Teil wenig treckingtauglichen Schuhen einzelner Damen – ging es zurück in die Jeeps und dann auf den Gletscher. Die Reifen waren erneut entlüftet worden, eine Maßnahme, die sich als vorausschauend erwies.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich bedauern soll, dass die Sicht erheblich schlechter wurde und ich von meinem Platz aus wenig sehen konnte. Schisserig wie ich bin, hätte mich der Anblick von Gletscherspalten nicht wenig in meinem Wohlbefinden beeinträchtigt. Das hatte durch die Schaukelei auf der Schotterpiste eh schon gelitten und sich in der Pause nur notdürftig regeneriert. So blieb mir das erspart und Einars beeindruckende Ruhe und Professionalität tat das Ihre zu einem brauchbaren Sicherheitsgefühl bei. Oben angekommen wollte ich mich erstmalig nicht gemächlich umsehen, sondern strebte zügig auf den unscheinbaren Röhreneingang zu, um einem wahrhaft eiskalten Wind zu entkommen. Dass ich eine Blechröhre mal so einladend finden würde, hatte ich zuvor auch nicht gedacht.

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Wie beschreibt man eine künstlich angelegte Gletscherhöhle, die aus etwa 500 m Gänge, einer Kapelle und mehreren Sälen besteht? Das ist nicht einfach, man muss es gesehen haben. Ich mache es am besten mit einer kleinen Bildercollage.

Und wie das Gefühl, das sich einstellt, während man mit Spikesbestückten Schuhen durch die LED-beleuchtete, beständig vor sich hintropfende Eiswelt läuft? Schwierig, weil ausgesprochen ambivalent. Einerseits ist es absolut beeindruckend, 30 m Eisdecke über sich zu wissen, uralt, ständig in Bewegung und jährlich weniger werdend, bis sie in etwa 100 Jahren vollständig weg sein wird. So es denn nicht gelingt diesen Prozess aufzuhalten. Wonach es nicht aussieht, wie wir alle wissen. Unter anderem, weil wir nur zu gern CO2 in die Luft blasen, um an solch entlegene Orte zu kommen. Und ehrlich, muss man in einem Gletscher spazieren gehen, Kaffee trinken um die klammen Finger zu wärmen und abschließend noch Musik hören? Natürlich muss man nicht. Aber es war ein Erlebnis, ein sehr schönes und einmaliges. Nächstes Wochenende mache ich etwas anderes, versprochen.

Zurück in den Jeeps brachten uns Einar und seine Kollegen wieder zur Basisstation, wo uns ein perfekter Regenbogen erwartete. Wenn Du mich fragst, alles LED-Beleuchtung.

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Oder Fototapete. Dann ging es zum bereits erwähnten Wasserfall und Mittagessen hinter den Panoramafenstern eines sehr stylischen Restaurants. Das Auge isst mit, sage ich nur. Auf der Rückfahrt obsiegten die bleischweren Augenlider und schlossen sich für eine Weile. Vom Abend erzählte ich schon, die Nacht war erfreulicherweise etwas länger als die vorherige, was die Augenlider am nächsten Morgen goutierten.

Jetzt muss ich leider Schluss machen, die weiteren Erlebnisse müssen warten. Unzählige Aufgaben warten auf ihre Bearbeitung: Die Kinder ziehen um, Haus und Hof rufen nach mir und andere Schreibaufgaben schieben sich in den Vordergrund. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, ich melde mich wieder.

 

II

Da bin ich wieder. Nun ist es doch tatsächlich schon zwei Wochen her. Wie schnell man doch Abstand bekommt, selbst zu einer so intensiven Reise. Ich muss schon überlegen, was wir am nächsten Tag alles gemacht haben. Auch er fing früh an, bereits um kurz vor acht saßen wir in den Bussen. Busse diesmal, leider auch genau solche, wie ich sie zuvor schon beschrieben habe. Wenig kniefreundlich für Menschen über 1,65m. Nun ja, man kann nicht alles haben. Wieder ging es auf der Ausfallstraße Richtung Nationalpark. Begleitet wurden wir von einem wenig Hoffnung auf trockene Ausflüge machenden Regen. Dem trocken sitzenden Auge war es gleich, denn selbst jetzt ergaben sich ganz wunderbare Aussichten und Effekte. Mir war eh alles egal, ich hatte mich längst verliebt.

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Vorbei an Islands größtem Binnensee ging es zu unserem ersten Stop, dem Gulfoss Wasserfall, der sich in zwei Stufen (11 u. 21m) sehr eindrucksvoll in die Tiefe stürzt. Zu unserem Glück – oder weil Engel reisten – entschied sich der Regen für ein Päuschen. So kamen wir leidlich trocken zu den Aussichtspunkten, an denen das Getöse des Wassers Unterhaltungen nur noch deutlich jenseits von Zimmerlautstärke möglich macht.

 

Nass wurden wir trotzdem, da der Wind uns die Gischt gehörig um die Ohren blies. Sagt man Gischt bei Wasserfällen? Nein, sagt man nicht, Gischt ist dem Schaum der Wellen vorbehalten, ich sah nach, schließlich will ich Dir keinen Unfug schreiben. Dann war es halt Sprühnebel. Pro Sekunde, auch das las ich nach, führt der Fluss mehr als 100 qm3 Wasser. Pro Sekunde! Rechne das mal hoch. Das ergibt die ein oder andere Badewannenfüllung. Gut, bisschen kalt vielleicht. Hier nun gab die Kamera endgültig den Geist auf, ich dachte voll Verdruss an den daheimliegenden Akku und griff fortan nur noch zum mitgeführten Smartphone, das, für Fotolaien wie mich, erstaunlich gute Bilder liefert.

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Bilder ist ein gutes Stichwort. Im Grunde ist so eine Reise ja nichts anderes, als Bilder vor Ort und nicht in Büchern zu gucken. Ein Umstand, der mich in letzter Zeit manchmal beschäftigt. Wir laufen durch die Gegend, halten unsere Kameras hier- und dorthin, immer bemüht möglichst schöne Erinnerungsfotos zu produzieren. Nicht selten vergessen wir dabei, die Gegenwart zu genießen. Ich wäre leidenschaftlich gern den Ober- und Unterlauf des Flusses entlang spaziert und hätte mehr aufgenommen, als das, was dieser  Aussichtspunkt zu bieten hatte. Zum wiederholten Mal schwor ich mir wiederzukommen und dann Zeit mitzubringen. Zeit zum Wandern und Erkunden und Zeit, um mit einer Tasse Tee in der Hand irgendwo zu sitzen und dem Wechsel aus Sonne, Wolken und Regen, aus Licht und Schatten zuzusehen. Noch nie, wirklich noch nie, habe ich solch ein Licht gesehen. Es vermag messerscharfe Konturen zu schaffen und ist gleichzeitig sanft und wohltuend. Dazu die Luft. Es ist perfekt.

Ich weiß, auch in zwei oder drei Wochen macht man im Grunde nichts anderes, als sich Bilder anzuschauen. Um ein Land bzw. eine Landschaft wirklich kennenzulernen muss man für eine Zeit dort Leben. Das gilt ebenso für andere Kulturen. Aber Bilder gucken hat auch was, ob schnell oder langsam muss jeder für sich entscheiden. Wenn wir noch einmal nach Island reisen sollten, hoffe ich, der Versuchung möglichst viel sehen zu wollen, widerstehen zu können und mir stattdessen mehr Zeit für einzelne Bilder und die Details am Wegrand zu nehmen.

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In den letzten beiden Wochen habe ich oft überlegt, warum ich mich dort so wohl gefühlt habe. Woher kam die innere Ruhe, die ich empfunden habe? Neulich, als ich durch unser von mir sehr geliebtes bergisches Land fuhr, fand ich eine Antwort für mich. Das Auge – und mit ihm die Seele – kann in Island zur Ruhe kommen. Denn ungeachtet aller spektakulären Naturschauspiele, ist dort alles reduziert. Weniger Farbe, weniger Formen, weniger Linien, weniger Menschen, mit allen daranhängenden Dingen wie Häusern, Autos, Straßen, … Dafür findet das Auge Fläche und Weite. Und das tut einfach gut.

Kurze Kaffeepause, gleich geht es weiter. Kaffee und Kuchen mögen die Isländer übrigens auch – hier ein Bild aus Reykjaviks Straßen.

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So, der Kaffee ist getrunken. Du möchtest sicher lieber wissen, wie es weiterging, anstatt Gedankenspielereien zu lesen. Es ging zu der wohl meistfotografierten Wasserfontäne des Landes, dem ältesten noch aktiven Geysir. Alle paar Minuten prustet er mit zuverlässiger Regelmäßigkeit warmes Wasser in die Höhe. Wer nicht aufpasst bekommt eine wenig hautfreundliche Dusche ab. Umsichtigerweise hat man die Stelle großräumig abgesperrt. Sehr viel lustiger als das eruptive Vergnügen ist der Anblick der ihn Fotografierenden. Kamera oder Handy im Anschlag stehen sie im Kreis um den Geysir herum und harren des Moments.

 

Faszinierend sind die Einblicke ins Erdinnere, die man dank des glasklaren Wassers an einigen Stellen im Park erhält.

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Der, dies nebenbei, ohne Eintrittsgeld betreten werden kann. Die türkisgrünen Löcher verführen dazu, näherzutreten. Am liebsten würde man reinfassen. Wären da nicht die Hinweisschilder, die verkünden, das austretende Wasser sei 80-100° heiß. Ein überzeugendes Gegenargument und so widmet man sich weiter dem Blick über die malerische Unwirtlichkeit.

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Wieder ohne nennenswerten Regen, mit dem die Reiseleitung augenscheinlich eine Vereinbarung getroffen hatte. Er begleitete uns fast ausschließlich während der Zeiten im Bus. Also wir im Bus, der Regen blieb draußen.

Nach dem Mittagessen, und gefühlten fünf bis zehn Wetterwechseln, ging es noch an die Stelle im Nationalpark, an der sich die eurasische und nordamerikanische Platte treffen und jährlich etwa zwei Zentimeter auseinanderdriften, der Almannagjá (Allmänner-Schlucht). Ein kleiner Spaziergang war geplant. Nix Dolles, dachte ich. War es im Grunde auch nicht. Ein großer Graben mit einem flachen Tal zwischen zwei Steilen Wänden, in der Ferne ein See, aus Felsen austretendes Wasser, ein paar Erdspalten. Hübsch. Wir stiegen in der Ebene aus und wurden oberhalb wieder eingesammelt. Gut, mal ein paar Schritte mehr tun zu können, muss ja auch nicht immer was Spektakuläres des Wegs kommen.

Tatsächlich ist mir auf diesem Spaziergang wieder sehr bewusst geworden, dass wir ein erdgeschichtlicher Krümel sind. Eine Bagatelle. Eine minimale Episode. Und um einem von Dir vermuteten Minderwertigkeitsgefühl anlässlich dieser Tatsache zuvor zu kommen: Es war ein gutes Gefühl. Der Ausblick von oben war phantastisch.

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Im Graben befindet sich der historische Ort Islands überhaupt. „Der Þingplatz war nach der Besiedlung Ìslands die Keimzelle des mittelalterlichen Staates. 930 wurde hier der erste Alþing, eine parlamentsartige Versammlung, einberufen, die einmal jährlich tagte. Bis zu 4000 Menschen versammelten sich, um Streitereien zu schlichten und Gesetze zu beschließen. Sitz und Stimme hatten die 48 Goden (Häuptlinge). Die Zusammenkunft bestand bis ins Jahr 1798. Dann lösten die Dänen das Alþing auf. Hier wurde am 17. Juni 1944 die Republik Island ausgerufen und ist heute wieder Schauplatz zahlreicher staatlicher Feierlichkeiten.“ (Quelle: Wikipedia) Kleiner Bildungsbeitrag! 🙂

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Mit dem nun schon hinlänglich vertrauten Gefühl, zu schnell wieder weg zu müssen, stiegen wir in unseren Bus und fuhren zurück nach Reykjavik. Abends gab es dann noch ein schönes Abschiedsessen, wieder im o.g. Graben, zu dem man sich ein paar Statisten in historischen Kostümen einfanden, die in dieser Kulisse unfassbar echt wirkten.

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Nach einer weiteren kurzen Nacht ging es am nächsten Tag zum Flughafen und nach Hause. Ein letzter Blick auf die isländische Dreifaltigkeit aus Stein, Wasser und Himmel und weg waren wir.

Der anbrechende Abend bescherte uns einen Sonnenuntergang über den Wolken, der wie von Gerhard Richter gemalt schien. Am Flughafen in Köln hatte uns der Alltag dann endgültig wieder, die restliche Heimreise erfolgte im eigenen Auto. Versorgt wurden wir in den Tagen aufs Beste. Perfekt organisiert und freundlich begleitete man uns durch die Zeit. Würde nicht der Verlust jeglicher Eigenverantwortung drohen, könnte man sich das des Öfteren vorstellen. Besser, man freut sich auf eine weitere Reise mit den Organisatoren und bemüht sich zwischenzeitlich, die genossene Bequemlichkeit auf ein gesundes Maß zu reduzieren und packt bis dahin im Bedarfsfall selbstständig Schirm und Mütze ein.

Tja, das war’s. Ich bin ein bisschen melancholisch an dieser Stelle.
Lust auf Island bekommen? Gut, Einar und Co werden sich freuen.
Liebe Grüße und ein herzliches HUH
Kirsten

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Markus sagt:

    Wunderbar!!!

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  2. Christiane Schneider sagt:

    Macht Geschmack auf mehr

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