Im Alter

Also gut, beschäftige ich mich aus gegebenem Anlass mit der Frage, wie ich im Alter sein will. Das frage ich mich ohnehin gelegentlich. Zum Beispiel, wenn eines meiner Kinder älter wird, oder wenn ich ältere Menschen erlebe, die mir wahlweise besonders gut oder aber gar nicht gefallen. Oder wenn ich meine Mutter mal wieder so beschwingt über die Straße gehen sehe, als sei sie nicht 83, sondern erheblich jünger. Was nicht nur an ihrem Gang und ihrer Haltung liegt, sondern auch am offenen Gesicht, mit dem sie dabei in die Welt guckt. In Sachen positiv altern kann man von ihr definitiv lernen.

Die Frage ist müßig, es kommt, wie es kommt, man hat das nur begingt in der Hand?
Das lässt sich nicht ganz von der erwähnten Hand weisen. Man lebt schließlich weder isoliert, noch lässt sich der körperliche und geistige Verfall zur Gänze steuern. Und doch denke ich, man kann sich entscheiden. Dazu gehört als Erstes, sich nicht auf ein „ich möchte …“ zu reduzieren, sondern ganz unbescheiden „ich will“ zu sagen. Ich hab das heute mal gemacht und gemerkt, es ist eine Variante der „was ich mag“-Übung, die etwas in Bewegung zu bringen vermag. Beim Schreiben fiel mir eine Gedichtzeile ein: „Kann doch was ich bin nur sein, wenn ich es auch werde.“
Welches Gedicht? Ich geh suchen, Ihr könnt ja so lange lesen.

Im Alter will ich gelassen sein, will mich nicht um die Meinung Anderer kümmern, solange mein Handeln ihnen keine Nachteile zufügt. Ich will Andersartigkeit neugierig begegnen und sie mögen oder nicht, ohne mich dafür zu rechtfertigen und ohne sie abzuwerten, will sein was ich bin und werden was ich für erstrebenswert halte, will Dinge tun, die mir Freude machen und ein Gesicht tragen, dem man diese Haltung ansieht. Ich will bis an mein Lebensende kreativ sein und, sobald es nur irgend möglich ist, in ein Gewässer springen oder Cabrio fahren. Ich will meine Falten mögen und meine Haare nicht färben. Oder gerade färben, denn Wankelmut will ich mir ebenso erlauben wie andere vermeintliche Schwächen. Ich will lachen und weinen und keine überzogenen Ansprüche an das Leben haben. Auf keinen Fall den, dass man immer glücklich sein muss, weil das die Wahrscheinlichkeit, in der Summe öfter unglücklich und unzufrieden zu sein, deutlich erhöht. Ich will mir die Fähigkeit erhalten, mich über kleine Dinge und nette Gesten zu freuen und mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Ich will mit den Einschränkungen des Alters leidlich gut umgehen können, will selbst in den beschissensten Momenten die Kraft haben, daran zu glauben, dass bald wieder bessere folgen werden. Ich will die Chancen nicht aus den Augen verlieren, die in jeder Veränderung liegen, will mich nicht messen und vergleichen, will stark sein und schwach, laut und leise, besonders und alltäglich, will mir genügen und unzufrieden mit mir sein, will ab- und zunehmen, will mich spüren, mitteilen und lebendig sein.

Herrje, man schreibt sich fast in einen Rausch. Einmal aufgeschrieben, fällt mir auf, ich will es nicht erst im Alter, ich will es sofort. Ob ich dazu aus dem „ich will“ nur ein „ich werde“ machen muss?

In diesem Sinne – ich geh Cabrio fahren 😉

Kirsten

Die oben erwähnte Zeile stammt aus dem Lied „Liebes Leben“ von Konstantin Wecker
http://www.wecker.de/de/musik/album/14-Live-98/item/66-Liebes-Leben.html

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