Spätsommer

Nach zwei Krimiübungen – und in Vorbereitung auf eine Lesung im Herbst – widme ich mich wieder meinem eigentlichen Thema: Dem menschlichen Miteinander, wie es hinter jeder Nachbartür oder womöglich sogar der eigenen stattfinden kann. Nicht verschwiegen werden soll, dass der unrühmliche Sommer mit seinen wenigen Sonnenstunden Ideengeber war. Genauer, die Entdeckung, dass die Sonne bereits wieder so tief steht, dass sie die ersten Zentimeter des Wohnzimmerbodens erreicht. Sieht hübsch aus, ist aber auch eindeutiger Beleg für den nahenden Herbst und damit tendenziell deprimierend. Es sei denn, man mag den Spätsommer mehr als andere Jahreszeiten.

 

Wie albern sich sein Mund verformt, wenn er den Namen ausspricht. Das U lagert unnatürlich lange auf den Lippen, als gelte es, das voranstehende, unhörbare O sichtbar zu machen. Da, wieder. Lou. Sie dreht den Kopf zur Seite und betrachtet den Streifen Sonnenlicht, der sich hinter dem Fenster auf dem Wohnzimmerboden ausbreitet. Kein Zweifel, es ist Spätsommer. Bald schon wird die Sonne nachmittags das ganze Zimmer ausleuchten. Schön. Und gleichzeitig ein Abschied von den langen Tagen des Sommers. Immer früher wird die Dunkelheit hereinbrechen und mit der Zeitumstellung im Oktober endgültig das gefühlte Gros des Tages ausmachen. Draußen bewegt ein schwacher Wind fedrige Wolken über einen tiefblauen Himmel; der in voller Blüte stehende Sonnenhut schaukelt die gelb-braunen Köpfe, als freue er sich über den unerwartet schönen Tag. In den zurückliegenden Tagen haben sich die Regentropfen in seinen winzigen Blütenkörben gesammelt und die Stängel zur Seite geneigt. Nun stehen sie aufrecht, fast stolz im Beet. Sie sieht wieder zu ihm. Er spricht in Richtung des Fensters oder des Tisches, ohne sie anzusehen. Nur wenn er den Namen ausspricht, sieht er mit einem prüfenden Blick zu ihr, testete, wie sie auf ihn reagiert.

Als er ihn damals zum ersten Mal aussprach, war sofort das Bild einer nicht nur jüngeren, sondern auch unglaublich schönen Frau vor ihren Augen aufgetaucht. Lou. Schön, sinnlich und klug stellte sie sich diese Lou vor. Dunkelhaarig. Naive Blondchen hießen nicht Lou. Die echte Lou überraschte sie. Und das nicht nur, weil sie eigentlich Louann hieß, was sie affig fand. Sie liefen einander zufällig auf dem Wochenmarkt über den Weg. Sichtlich verlegen übernahm er die Vorstellung.
„Darf ich vorstellen? Louann – Stefanie.“
Scheinbar unbefangen wurde ihr eine sommersprossige Hand gereicht, während die andere dünne Strähnen eines blonden Bobs aus dem Gesicht strich. Schlank war sie, ja. Jung auch. Doch statt der erwarteten Sinnlichkeit strahlte sie Nüchternheit und Pragmatismus aus. Und etwas Frühlingshaftes, das in scharfem Gegensatz zu seiner Herbstlichkeit stand. Mit einem „Entschuldigung, ich muss zum Spargelstand bevor er ausverkauft ist. Du kannst ja nachkommen“, beendete die Jüngere die peinliche Situation, kaum dass sie begann. Er blieb pflichtschuldig stehen und hielt es für nötig, zu erzählen, dass sie jeden Samstag kiloweise Spargel kauften, weil Lou ganz vernarrt in das Gemüse sei. Als ob sie das interessierte.

Nur mühsam konnte sie sich nach der Begegnung auf ihre Einkäufe konzentrieren. Sie erinnert sich, dass die Sonne durch die Wolken brach und ihr den Rücken wärmte, während sie am Olivenstand darauf wartete bedient zu werden und der Versuchung widerstand, hinter den beiden herzuschauen. Zuhause angekommen räumte sie die Vorräte in den Kühlschrank und machte sich einen Kaffee, den sie auf der Terrasse trank. Die Wolken hatten sich gänzlich verzogen und aus der Erde stieg ein Aufbruch verkündender Aprilgeruch. Später arbeitete sie im Garten, beseitigte Unkraut, teilte die sommer- und herbstblühenden Stauden, um sie zu verjüngen, ohne dabei das Treffen aus dem Kopf zu bekommen. Was der Herbst sich vom Frühling verspricht, kann man sich vorstellen, dachte sie. Aber was erhofft sich der Frühling vom Herbst, dem nur der Winter folgt?

Wieder trifft sie ein prüfender Blick. Lou kommt in die Wechseljahre, hört sie ihn sagen. Mittlerweile klagt er beinahe ungehemmt über die Schwierigkeiten mit der Anderen, erwähnt den Namen immer öfter, sucht ihren Blick, erwartet Verständnis, Entgegenkommen. Zugenommen hat er, wiegt mindestens so viel wie zu der Zeit, vor der Affäre. Vielleicht sogar mehr. Trotzdem ist er noch immer ein attraktiver Mann. Auch wenn er aufrechter sitzen könnte. Das Haar ist fast vollständig ergraut und lange nicht mehr so voll, wie in den Jahren ihrer Ehe. Er wirkt angestrengt. Alt. Zehn Jahre sind keine Kleinigkeit. Und am Tisch der Ex muss man sich keine Mühe geben den Verfall zu leugnen.

Sie schaut auf ihre Arme, denen man die Liebe zum Draußensein ansieht. Jede freie Minute geht sie hinaus, verlagert alle Arbeiten auf die Terrasse, sobald die Temperaturen es erlauben. Früher sind sie viel gereist. Als Paar ohne Kinder waren sie frei, konnten mal eben für zwei Tage ans Meer oder eine Woche in die Berge. Im Herbst flohen sie vor den tristen Tagen, verlängerten den Sommer bis weit in den November oder verkürzten den Winter im Süden. Seit sie allein lebt, reist sie kaum noch. Zu ihrem Erstaunen vermisst sie es nicht. Sie hat gelernt die Jahreszeiten nicht nur hinzunehmen, sondern ihre Besonderheiten zu schätzen. Letztlich trägt man sie in sich, weiß sie heute. Irgendwann kann man den dunklen Nächten, der Stille des Winters nicht mehr entkommen. Dann ist es gut zu wissen, wie das Jahr riecht. Am meisten liebt sie die Spätsommertage. Wenn der erste kühle Wind noch von der angestauten Wärme des Bodens abgemildert wird, die Sonne die Farben leuchten lässt, anstatt sie sengend zu verblassen. Es liegt dann etwas Kristallenes in der Luft, ein Abschied und gleichsam ein Versprechen auf Wiederkehr. Sie empfindet den Kreislauf der Natur an solchen Tagen intensiver, begreift sich selbst als Teil davon.

Er schweigt. Starrt seine auf dem Tisch liegenden Hände an. Sie erinnert sich, wie sehr sie es mochte, wenn er mit ihnen ihre Brüste umfing, zwei sanfte Mulden bildete, in denen sie sich so sicher, so aufgehoben fühlte.

Jetzt  beginnt er wieder zu sprechen, beschwört ihre gute Zeit, schwärmt von den Reisen, bildet Weißt-du-noch-Sätze, redet von wundervollen Sommernächten, unvergesslichen Klettertouren, einsamen Stränden und davon, dass sie ein gutes Team waren und Lou dafür keine Antenne hat. Im Garten wird der Schatten des Ahorns länger. Noch etwa eine Stunde, schätzt sie, dann wird die Sonne hinter dem Wald untergehen. Jetzt ist genau der richtige Moment, um an die Mauer gelehnt den Tag zu verabschieden und den Abend zu begrüßen. Heute noch einmal ohne Jacke. Ob das morgen noch gehen wird, ist ungewiss.
»Du sagst ja nichts«, sagt er, als sie aufsteht. »So kenne ich dich gar nicht.«
Was soll sie ihm sagen? Dass es Reisen gibt, für die man keine Rücktrittsversicherungen abschließen kann?
»Du kannst im Gartenhaus schlafen.« Sie nimmt die Teetasse und öffnet die Terrassentür. »Morgen musst du dir etwas anderes suchen, ich will die Fenster streichen.«

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bernhard Schreiber sagt:

    Liebe Kirsten,
    nur ganz kurz noch zwei kleine Anmerkungen zu dem Text Spätsommer:
    1. Im 2ten Absatz „testete, wie sie …“ Hier fällst Du vom Präsenz in den Imperfekt. Müßte aber wohl Präsenz sein.
    2. Meines Erachtens kauft man Spargel kiloweise Ende mai und Juni, aber nicht im April, oder?

    Na ja, einfach nur, um den Leser nicht zu verwirren. Aber sonst gefällt mir, wie Du die Geschichte aufgezogen hast.

    Schönes Wochenende
    Bernhard

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    1. monatsweise sagt:

      Lieber Bernhard,
      1. Danke, schaue ich mir gleich an!
      2. Sagen wir, es war Ende April und es handelte sich um den ersten Spargel aus Gewächshäusern. 😉
      3. Dito!

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