Gefährliches Spiel

Weil der letzte Krimi, zum Missfallen Einzelner, unvollendet blieb, folgt nun ein Kurzkrimi, für den ich mich an der Komplexität der früher so beliebten Mitratekrimis in Fernsehzeitungen orientierte. Wie, so lautet die entscheidende Frage dort stets, ist der Kommissar dem Täter auf die Spur gekommen. Spekulationen über die entscheidenden Hinweise, dürfen gern hinterlassen werden.

 

Mehr als das konkrete Bild erregte ihn das Nichtwissen, dem er hinter der Maske ausgesetzt war. Nichtwissend wann welcher Mund ihn leckend, saugend und beißend erkundete, wann welche Hand streichelnd oder zupackend zur Sache ging, wann welche Haut, welches Geschlecht ihn streifte und umfing, wen er schmeckte, wessen feuchte Wärme er spürte und wessen Stöhnen sein Ohr erreichte, wuchsen ihm Bilder und Empfindungen von gleichsam machtvoller Lust wie Angst zu. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, schwitzend, mit rasendem Puls suchte er die Fesseln abzustreifen. Sollte er das Codewort sagen, abbrechen, was alle bisherigen Erfahrungen in den Schatten stellte? Gleich. Einmal noch mit angehaltenem Atem zwei Zungen auf ihrem Weg durch die Lenden folgen, zwischen zwei warme Körper gepresst nach Atem ringen, den Schmerz der Erregung auskosten und auf Erlösung hoffen.

Dombrowski stand breitbeinig neben dem Bett und sah sich um. Die hochwertige Möbelausstattung und das zur Fensterfront und dem See ausgerichtete Bett atmeten, trotz des gekonnten Understatements, etwas Neureiches aus. Die gekräuselte Oberfläche des Wassers wirkte auf ihn, als missbillige der See Störungen der Art, die ihn hierher gebracht hatten. In dieser Gegend passierte selten etwas, das die Mord zwei auf den Plan rief. Selbst Einbrüche gab es, dank eines gut funktionierenden, privaten Sicherheitsdienstes, so gut wie nie. Man blieb unter sich und wusste sich zu schützen. Zumindest, solange man nicht gefährlichen Neigungen nachging.
»Armer Teufel.«
»Wieso?« Die Pathologin schnitt die Fesseln mit einem Skalpell durch und begann den Leichnam zu untersuchen. »Sieht eindeutig nach erfülltem Liebestod aus«, stellte sie nüchtern fest und hielt zum Beweis weißliche Flocken empor, die sich reichlich in der üppigen Körperbehaarung fanden.
»Und wo bitte ist dann die dazugehörige Dame?« Dombrowski hob fragend das Foto einer gutaussehenden Brünetten in die Höhe. »Abgehauen vor Schreck?«
»Möglich. So toll ist ein toter Kerl ja nicht.«
»Die Arme«, ätzte er. Ihre Kaltschnäutzigkeit ging ihm gehörig gegen den Strich.
»Zwei«, korrigierte sie ihn.
»Zwei? Woher wollen sie das wissen?« Neugierig trat er näher.
»Unterschiedliche Bissspuren.«
Dombrowski fixierte sie mit zu Schlitzen verengten Augen.
»Bisspuren?!«
»Mehr als eine. Sehen sie?«
Mit gekonntem Griff drehte sie die Leiche auf den Bauch und wies auf Gesäß und Oberschenkel, wo zahlreiche Gebissabdrücke von einem schmerzvollen Liebesspiel erzählten. Und tatsächlich sahen sie unterschiedlich aus.
»Hier«, sie tippte mit der behandschuhten Fingerspitze auf einen besonders deutlichen Abdruck. »Links haben wir einen nahezu vorbildlichen Vollabdruck. Gute Kieferchirurgische Arbeit, würde ich sagen. Sehr ebenmäßig.« Unwillkürlich glitt ihre Zunge über die eigenen Zahnreihen. »Im Gegensatz dazu.« Die Fingerspitze wanderte tippend über unzählige kleine, dafür tiefere, scharfkantige Bissspuren auf der rechten Körperseite. »Acht bis zehn, nein«, sie spreizte das linke Bein etwas ab und offenbarte eine tiefblaue Quetschung am inneren Schenkel. »Elf«, sagte sie ungerührt.
Dombrowski griff in seine Jackentasche.
»Tja, Frau Doktor, ich schätze das war’s dann.«
»Bitte?« Überrascht sah sie zu ihm auf.
»Ich verwette meine Pension darauf, dass Sie die linke Seite des armen Teufels malträtiert haben. Wirkliche schöne Kronen,  die Sie da haben. Hat der Kollege sicher zum Vorzugspreis gemacht.«
»Wie zum Teufel …« Sie starrte ungläubig auf die mit einem hörbaren Klicken einrastenden Handschellen.
»Man sollte sich nie für zu clever halten. Und wer Nummer zwei bei dem Spiel war, werden wir sicher rausbekommen, sobald wir ihre Mails und Nachrichten gecheckt haben. Auf geht’s!«

 

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Thunfisch sagt:

    …kiefernchirurgische Arbeit…? Leiche lag auf dem Rücken, Bissspuren verdeckt auf dem Bauch und…Schenkel.

    Erwischt

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  2. Winkler sagt:

    Ok , einverstanden

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