Boller kickt

am

Diesmal gibt es wieder eine echte Fingerübung. Also einen Text, den ich ausschließlich schrieb, um herauszufinden, ob und wie ich eine bestimmte Aufgabe lösen kann. In diesem Fall wollte ich ausprobieren, ob ich einen typischen Krimitonfall hinbekomme, mit wenigen Sätzen einen Kommissar und dessen Kosmos zum Leben erwecken kann. Passend zur gerade hinter uns liegenden EM präsentiert sich der nachfolgende Krimianfang in einem Fußballstadion. Die gänzlich andere Sprache, die er mir abverlangte, hat mir für eine Weile durchaus Spaß gemacht. Wer weiß, vielleicht wird Boller den Fall eines Tages noch aufklären.

 

Musste es ausgerechnet auf diesem Rasen sein? Er hatte geschworen ihn nie wieder zu betreten, als sie ihn damals nicht in den Kader aufgenommen hatten. Wie lange war das jetzt her? Oh no, dachte Boller, als er beim Nachrechnen auf einundzwanzig Jahre kam. Der Regen machte den Rasen für jeden, der nicht mit Stollenschuhen auflief, zu einer mächtig rutschigen Angelegenheit. Normalerweise wäre er schneller gegangen, doch er wollte nicht wie ein Anfänger über den Tatort rutschen und die wenigen Spuren, die eventuell noch zu finden wären, mit seinem Hintern verwischen. Und seinen Kollegen keinen Anlass zum Feixen geben. Sorgsam darauf bedacht, nichts unter die Füße zu bekommen, betrat er den Mittelkreis. Sie lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken, die Beine leicht gespreizt. Boller fühlte sich an Leonardos Vitruvstudie erinnert. Hübsches Ding. Verdammt jung. Ein Jammer.
»Was haben wir, Doc.?«
Frederike Freifrau von Heidesand sah kurz zu ihm auf und fuhr, ohne zu antworten, mit der Untersuchung der Leiche fort.
»Frau Doktor?«, wiederholte er sein Ansprache. Meine Güte, musste sie immer alles so eng sehen? Wo blieb sein Kaffee? Es war 6.45 Uhr, jeder in seinem Team wusste, dass er um die Zeit ohne Kaffee nicht denken konnte. Er sah sich suchend um, während die Pathologin sich erhob und die Gummihandschuhe abstreifte.
»Wir«, begann sie und machte eine Pause, in der sie ihn einer strengen Musterung unterzog, »wir, haben eine junge Frau, schätzungsweise 21-23 Jahre, mit sage und schreibe zwölf Messerstichen.«
Boller stutzte. Die Kleidung der Toten wies keine Blutflecken auf, Fundort und Tatort waren also nicht identisch. Na, immerhin konnte der Regen so nicht viele Spuren verwässert haben. Vermutlich gab es ohnehin so gut wie keine. Bei der Rasenqualität wären selbst bei Trockenheit kaum Spuren zu finden gewesen, wenn die Leiche nur hier abgelegt worden war. Verdammt, wo blieb der Kaffee.
»Hier«, sagte in diesem Moment der von hinten herangetretene Stenzel und reichte ihm einen dünnen Pappbecher ohne Henkel. »Pass auf, ist heiß.« Er zückte sein Notizblock und sah fragend zwischen Boller und der Ärztin hin und her.
»Nun spuck schon aus, wer ist das Mädel, das Mannschaftsluder?«, fragte Boller und nahm einen Schluck, der ihm beinahe den Mund verbrannte. »Verdammt, das ist ja gemeingefährlich! Wer zur Hölle macht so ein heißes Zeug?  Der gehört gesteinigt.«
»Na, dann fang mal an«, ertönte eine Stimme in seinem Rücken, die er sofort erkannte.
»Mensch, Ludger! Sag bloß, du bist hier immer noch das Mädchen für alles?«
»Kann man so sagen.«
Ludger Horstmann war schon damals nicht mehr der Jüngste gewesen. Mittlerweile musste er fast achtzig sein. Das ehemals dauergewellte Haar, über das sich alle lustig gemacht hatten, war einer vollständigen Glatze gewichen. Sein Bauchumfang ließ vermuten, dass er schon lange nicht mehr die f-Jugend trainierte. Der linke Arm schaukelte merkwürdig unkontrolliert vor sich hin. Schlaganfall, tippte Boller und registrierte nun auch das hängende linke Augenlid. Horstmann war nie eine Schönheit gewesen, jetzt sah er erbärmlich aus. Die Flecken auf seiner Hose ließen vermuten, dass es Anneke nicht mehr gab. So hätte sie ihn nie aus dem Haus gelassen. Arme Sau. Ein Leben lang anderen die Klamotten nachtragen war echt Mist. Dann doch lieber KHK mit A12.
»Kennst du sie?«
Boller trat zur Seite und wies auf die Leiche.
»Herr Horstmann hat die Leiche gefunden und uns verständigt«, informierte ihn Stenzel.
»Ah, dann wissen wir schon, wer sie ist?«
»Es ist die Tochter des neuen Mannschaftsarztes. Jennifer Scholl.«
»Vom Lackaffen?«, entfuhr es Boller. Seit Monaten las man immer wieder von peinlichen Auftritten des Vereinsarztes. »Kommt sie nach dem Vater?«
»Wie man’s nimmt.« Der Zeugwart wischte sich die Hand an der Hose ab. Das hatte er früher schon getan, wenn ihm etwas unangenehm war.
»Nun komm schon Ludger, was war sie für eine? Das hier sieht nicht nach Heiligenverehrung aus. Lass mich raten, sie hat es mit jedem getrieben, der nicht bei drei auf dem Baum war.«
»Ne, eher standen sie Schlange. Alle waren scharf auf sie. Außer vielleicht Giovanni, unser neuer Linksaußen. Der wird von seiner Lucia so gut bewacht, der hat eh keine Chance auf ein Auswärtsspiel.«
»Und wer durfte ran?« Der Kaffee hatte endlich eine erträgliche Temperatur erreicht. Schmecken war allerdings was anderes, Horstmanns Kaffee war immer mies gewesen. Es sei denn Anneke hatte an der Maschine gestanden.
»Gott, frag mich nicht, ich jedenfalls nicht. Um rangelassen zu werden musste man genug betteln und mit ein paar Scheinchen wedeln.«
»Und du wolltest nicht betteln und wedeln?«
Ein bitteres Lachen schüttelte den fetten Körper.
»Weiber wie die sind jenseits meiner Preisklasse. Bei denen kriegt man nur ‘nen Stich, wenn man genug Kohle hinblättern kann. Dann ist es aber auch egal, ob du alt oder fett bist.«
»Genommen hättest du sie aber schon.«

Die Ärztin hatte der Unterhaltung zugehört und dabei ihre Utensilien eingesammelt. Ihrem Gesichtsausdruck nach, stieß die Bewertung des Opfers durch den Zeugwart auf wenig Sympathie. Versnobte Kuh, dachte Boller. Horstmann wischte wieder über seine Hose. Der Kerl sagte nicht alles, was er wusste. Doch für den Moment wollte er ihn ziehen lassen.
»Sag mir nur noch eins, wann hast du zuletzt auf den Rasen geschaut, ohne dass sie da lag?«
»Gestern nach dem Abendtraining. Muss gegen halb elf gewesen sein.«
»Und heute morgen, wie spät war es, als du sie gefunden hast.«
»5.46«, grätschte Stenzel dazwischen. »Bzw. etwas früher. Um 5.46 ging Herr Horstmanns Notruf bei uns ein.«
»Stimmt das so? Ganz schön früh, oder?«
»Jo, ich schlafe nicht mehr gut. Steh immer früh auf und dreh eine Runde.«
»Gut, dann danke erst mal. Wir melden uns wegen des Protokolls.«
»Wann kann wieder trainiert werden?«
»Schätze, das dauert noch, meine Leute müssen noch alles genau unter die Lupe nehmen. Auch die Kabinen.«
»Warum die?«
»Nun, hier ist sie nicht gestorben«, antwortete Stenzel ungefragt und erntete einen bösen Blick seines Chefs. Nun würde es bald die ganze Stadt wissen, Horstmanns Mitteilungsbedürfnis war legendär. Gegen sein Netzwerk war Facebook ein Dreck.
»Wenn die Herren dann mit ihrem chauvinistischen Gerede fertig wären, ich hätte da noch ein paar Informationen, die sie vielleicht interessieren.«
»Sofort Doc. Danke Ludger, du hörst von uns.«

Boller wartete, bis Horstmann sich ein paar Schritte entfernt hatte, bevor er sich erst an seinen Assistenten wandte.
»Wenn du noch einmal Ermittlungsdetails ausplauderst, kannst du dir eine neue Abteilung suchen, haben wir uns verstanden?«
Stenzel fiel bei dem Ton beinahe das Notizbuch aus der Hand, in dem er eifrig rumblätterte.
»Der Typ ist ein wandelndes Klatschblatt. Wenn er es nicht selbst war, weiß spätestens morgen die halbe Stadt, dass die Kleine nicht hier gestorben ist.«
»Sorry, ist mir so rausgerutscht. Kommt nicht wieder vor.«
»Das will ich hoffen. Was haben sie noch, Doc? Todeszeitpunkt?«
»Etwa zwei, spätestens drei Uhr.« Die Pathologin sah ihm direkt in die Augen und hängte nach einer kleinen Pause ein »Chief« an, das keine Zweifel an ihrer Abneigung gegen Amerikanismen ließ. Boller beschloss den Ton zu ignorieren.
»Sonst noch was?«, fragte er nur und schüttete den Rest des Kaffees auf den Rasen. Das Zeug war wirklich ungenießbar.
»Es sieht so aus, als seien die drei Stiche am Rücken deutlich tiefer als alle anderen. Mindestens einer hat das Potenzial tödlich gewesen zu sein. Genau kann ich das …«
»Natürlich erst nach der Obduktion sagen. Versteh schon. Noch etwas Auffälliges?«
»Ich weiß nicht, ob es von Bedeutung ist, aber das Opfer könnte schwanger sein. Auch das ..«
»Erst nach der Obduktion. Schon klar.«
»Wenn Ihnen alles schon klar ist, brauchen Sie mich ja nicht mehr. Ich bin dann weg.« Sie griff nach ihrer Tasche und ließ ihn auf dem Rasen stehen. Verblüfft sah er ihr nach und stellte wieder einmal fest, dass sie einen tollen Hintern hatte. Wenn sie nicht so zickig und steif wäre, würde er sich den gern mal näher anschauen. Heute steckte er in einer schmalen Jeans, was ihn besonders vorteilhaft zur Geltung brachte. Ihre Beine waren ebenfalls klasse, was in den kurzen Röcken, die sie sonst meist trug, kaum zu übersehen war. Auf die Pumps, mit denen sie sich dabei auf Augenhöhe mit ihm brachte, stand er total. Dieses Geräusch allein, wenn sie mit energischen Schritten über den Flur in sein Büro kam. Es hatte was von einer Domina. Er würde wetten, sie ging ab wie verrückt, wenn sie der Freifrau Ausgang gab.

»Was ist, Chef, sind wir hier fertig?«
»Ja, den Rest erledigen die Jungs. Wir machen uns auf zu den Eltern.«
»Dem Vater, die Mutter ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben«, korrigierte Stenzel.
»Gut, dann auf zu Daddy. Bin gespannt, ob der so durchgeknallt ist, wie er in der Presse rüberkommt. Jungs, vergesst die Umkleiden und die Dusche nicht!«
Auf dem Weg zum Ausgang klingelte sein Handy.
»ich kann dir noch nichts sagen«, kam er der Frage des Anrufers zuvor. »Sie war so was wie das Mannschaftsluder, das dürfte die Sache schwierig machen. Wir fahren jetzt zum Vater, ich komm später rein.«
»Gut«, antwortete Frank Riemenschneider, sein Vorgesetzter, »bis vier möchte ich was wissen, dann bin ich beim Präsi, der hat schon von der Geschichte gehört und will Details.«
»Geht klar. Bis dann.«
Boller steckte das Handy in die Jacke. Wenn der Präsident jetzt schon nachfragte, würde es mächtig Druck geben. Wahrscheinlich war der Mannschaftsarzt ein Lions- oder Rotarierkumpel. Mist, das machte die Arbeit nicht leichter.

 

 

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