Gerhard

Diesmal gibt es eine Hintergrundarbeit zu lesen. Sie entstand ihm Rahmen meines Fernstudiums Prosaschreiben, ist genaugenommen die erste richtige Aufgabe, die ich hierfür schrieb, sieht man von der zu verfassenden Selbstbeschreibung einmal ab. Weil es mit dem Schreiben in letzter Zeit schlecht lief – viele Termine und wenn Zeit, dann Schreibmüdigkeit oder Ideenmangel – dachte ich, es könnte ganz interessant sein zu lesen, was man so an Vor- und Hintergrundarbeit verfasst, um sich Figuren zu nähern und sie später (hoffentlich) in einen Romankontext zu setzen und dabei genau zu wissen, wen man da agieren lässt. Hier nun also ein bisschen was zu Gerhard, den Ihr möglicherweise einmal in anderem Zusammenhang und ausführlich wiedertreffen werdet.
Über Besucher, die Lust und Zeit haben, mir (gern in Stichworten) aufzuschreiben, wie sie sich den Typ anhand dieses Textes vorstellen, welche Eigenschaften sie ihm zuschreiben, würde ich mich sehr freuen. Für mich wäre es sehr interessant zu wissen, ob er anders bei Euch ankommt, als er meine Tastatur verlassen hat.

 

Er öffnete das Fenster und tippte den Code für das Tor ein. Während es sich langsam öffnete, schweifte sein Blick über den Teil des Grundstücks, den er von der Einfahrt aus einsehen konnte. Die wie zufällig in der Auffahrt verteilten Leuchtkugeln tauchten den Garten in ein einladendes Licht und setzten die Bäume und Sträucher kunstvoll in Szene. Corinnas Aufwand hatte sich gelohnt. Immer wieder hatte sie die Wirkung überprüft, die Gruppierungen verändert und Elektriker und Gärtner dabei arg strapaziert. Er mochte es, dass das alte Tor so langsam aufglitt und ihm so jeden Abend die Zeit ließ, sich auf das Nachhausekommen einzustellen. Die beiden Lärchen, deren jetziges Ausmaß nicht mehr ahnen ließ, wie klein sie gewesen waren, als er sie mit zehn, gemeinsam mit seinem Vater gepflanzt hatte, nickten ihm mit kahlen Zweigen zu. Dank ihrer Größe schirmten sie das leicht erhöht stehende Haus heute wirksam vor Passantenblicken ab. Die sich anschließende Rhododendrenhecke verbarg die Nachbarschaft selbst im Winter und schuf einen fast parkähnlichen Eindruck.

Er nahm das Buch vom Beifahrersitz und sah sich den Einband an. Eine graffitiverschmierte Hausfassade, schmutzige Fenster mit Atomkraft-Nein-Danke-Aufklebern im Übermaß. Dass es Menschen gab, die augenscheinlich freiwillig so lebten, war ihm ein Rätsel. Hätte die junge Buchhändlerin sich nicht so angetan über das Buch ausgelassen, hätte er es bestimmt nicht ausgewählt. Doch ihre Begeisterung war so ansteckend gewesen, dass er sich gar nicht gefragt hatte, ob eine Geschichte in und über die Hausbesetzerszene sein Interesse wecken könnte. Und irgendwie wollte er sie auch nicht enttäuschen.
»Gerhard, bist Du das?«, hörte er die Stimme seiner Mutter aus der Sprechanlage. »Ist etwas mit dem Tor nicht in Ordnung? Warum kommst du nicht hoch?«
Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Tor bereits vollständig geöffnet war und er längst hätte losfahren können.
»Alles gut, ich war nur in Gedanken«, antwortete er und fuhr an. Im Näherkommen sah er, dass die Haustür weit offen stand, drinnen bewegte sich jemand in der Garderobe. Als er das doppelflügelige Garagentor hinter sich schloss, trat seine Mutter in Mantel und Hut vor die Tür.
» Du musst dem Gärtner sagen, dass das Tor unbedingt gefettet werden muss, sonst bekommt Corinna den Wagen bald nicht mehr allein aus der Garage«, sagte sie, ohne von den Handschuhen aufzusehen, die sie sich über die Finger zog. »Wenn sie denn überhaupt noch einmal irgendwohin fährt.«
»Entschuldige, wenn ich dich habe warten lassen. Ich wurde in der Firma aufgehalten.« Er küsste sie flüchtig auf die hingehaltene Wange.
»Corinna schläft, die Krankengymnastik hat sie diesmal wohl sehr mitgenommen. In der Küche steht etwas zu essen.«
»Danke. Meinst du wir sollten noch einmal Dr. Schneider konsultieren?«
»Ich weiß nicht. Lass uns morgen drüber sprechen. Ich muss, Vater ist schon ganz ungehalten, weil ich gesagte habe, wir träfen uns vor dem Eingang. Heute ist Sinfoniekonzert.«
»Tut mir Leid, sag ihm, es sei meine Schuld.«
»Ach was, er kann ruhig mal auf mich warten.« Sie tätschelte ihm die Wange. »Du siehst müde aus. Ein paar Tage Urlaub würden dir gut tun.«
»Es geht schon. Vielleicht fahre ich ein Wochenende weg, wenn Sarah und Johannes in den Semesterferien hier sind.«
»Na, das sehe ich noch nicht. Bis morgen.« Sie stieg in ihr Auto und ließ den Motor an. «Ach, bevor ich es vergesse, Samstag bei uns, deine Schwester kommt mit der ganzen Familie. Vielleicht kannst du deine Frau bewegen mitzukommen.«
»Ich versuch’s. Viel Vergnügen.«

In der großen Eingangsdiele war es still. Der Anblick des Treppenliftes, den sie erst vor kurzem hatten einbauen lassen, erinnerte ihn daran, dass er jeden Tag auf seinen eigenen Füßen aus dem Haus ging. Er schämte sich für den Unmut, den er immer noch über die Verschandelung der schön geschwungenen Treppe durch die Transportschiene empfand. In der Garderobe zog er den Mantel aus, schaltete er die Alarmanlage scharf und ging mit dem Buch in der Hand in die Küche. Auf dem makellos sauberen Tresen stand ein angerichteter Teller für ihn bereit, der die Handschrift der Haushaltshilfe trug. Bei dem Anblick verging ihm der ohnehin nicht besonders große Appetit. Sie würde nie lernen, dass er weder Gurken noch Salatblätter auf dem Brot mochte. Und auf ein einsames Essen hatte er auch keine Lust. Er stellte den Teller in den viel zu großen Kühlschrank, entnahm ihm, ohne auf das Etikett zu achten eine der Weißweinflaschen und trug sie, zusammen mit einem Glas, an den Küchentisch. Der Gewohnheit folgend setzte er sich mit Blick zum Fenster, in dem die Mischung aus Spiegelung und Ausblick ihn und den großen Tisch mitten in den Gartenteich rückte.
»Prost«, sagte er sein Glas in Richtung des Spiegelbild hebend. »Mit dir trinke ich am liebsten.«
Er trank den ersten Schluck mit geschlossenen Augen und erkannte erst jetzt einen ihrer Lieblingsweine. Kühl und frisch, eigentlich eher ein Sommerwein. Merkwürdig, dass er im Kühlschrank stand. Hatte Corinna ihn zum Mittagessen geöffnet? Dann konnte es ihr so schlecht nicht gegangen sein. Mit der Fingerspitze fuhr er über das beschlagene Glas, auch das ein Sommergefühl. Es wäre herrlich mal wieder einen Abend mit Freunden auf der Terrasse zu verbringen. Essen, trinken, reden. Leichtigkeit statt dieser Dauerschwere. Seine Mutter hatte Recht, ein paar Tage Urlaub, ein bisschen Alleinsein täte ihm gut. Wenn die Kinder nichts anderes vorhatten, könnte er hoch an die Ostsee fahren. Er war schon viel zu lange nicht mehr dort, bestimmt gab es einiges im Haus zu erledigen. Doch so wie er sie kannte, war ihre Zeit schon vollständig verplant. Er trank das Glas leer, schüttete sich ein weiteres ein und räumte die Flasche zurück in den Kühlschrank. Das Glas in der einen, das Buch in der anderen Hand, benutzte er im Rausgehen den Ellbogen, um das Licht in der Küche zu löschen.

In seinem Zimmer schaltete er die Leselampe mit dem Fuß ein, machte es sich auf dem Sofa bequem und schlug das Buch auf. Hundert Seiten später schlug er es, schwankend zwischen Faszination und Abwehr, wieder zu. Er meinte den Geruch nach Staub und Essensresten zu riechen, die Enge der kleinen Wohnung spüren zu können. Schon nach der Schilderung der seit Ewigkeiten nicht gewechselten Bettwäsche, in der sich der Protagonist nicht nur mit einer, sondern nacheinander mit vier verschiedenen Frauen vergnügte, hatte er aufhören wollen zu lesen. Der zuletzt gelesene Dialog über Tricks und Kniffe, um ohne Arbeit Leistungen zu erschleichen, die ein solches Leben ermöglichten, hatte das Buch geräuschvoll auf dem Beistelltisch landen lassen. Ohne eine Staubwolke auszulösen, wie er feststellte. Ob Frauen sich in Räumen mit abbröckelndem Putz und vor sich hin stinkenden Wäschebergen wirklich zu den geschilderten Dingen hinreißen ließen? Warum hatte ihr das Buch so gefallen? Sie sah nicht aus, als hätte sie einen Hang zu ungebügelter Kleidung. Oder fleckiger Unterwäsche. Aber was wusste er schon von ihr? Womöglich wohnte sie in einer schmuddeligen WG, in der sich niemand an den Putzplan hielt und man im Bad befürchten musste, sich mehr als nur Flecken einzufangen. Er erinnerte sich an einen Besuch bei einem Studienfreund, der in einem winzigen Zimmer in einem Studentenwohnheim hauste. Gegessen wurde in der Gemeinschaftsküche, die, abgesehen von der Größe, in etwa der eben gelesenen Schilderung entsprach. Keiner störte sich daran, man saß stundenlang vor geleerten Tellern und diskutierte über Gott und die Welt, während die Essensreste langsam eintrockneten. Frauen wie Männer. Nackte Füße wurden vom verschmierten Boden auf Stuhlflächen gezogen und mit Händen umfangen, die unmittelbar darauf durch Haare fuhren und Köpfe zueinander zogen. Er trank Bier aus der Flasche, froh, dass es alle so hielten und er so keines der Gläser benutzen musste. Am Ende des Abends war er im Zimmer einer Australierin gelandet. Oder Neuseeländerin? Wie auch immer. Die Schweißränder unter ihren Armen fanden eine Fortsetzung auf dem BH, was ihn die Flucht hatte ergreifen lassen. Wie es um den Rest der Unterwäsche stand, wollte er schlagartig nicht mehr herausfinden. Auf dem Flur war er über ein knutschendes Pärchen gestolpert, das keine Notiz von ihm nahm und sich gerade die T-Shirts nach oben schob. Draußen auf der Straße, erinnerte er sich jetzt, hatte er ein ähnliches Gefühl empfunden wie eben beim Lesen.

Er stand auf und ging in die Küche, um das Glas aufzufüllen. Im Obergeschoss hörte er leise Musik. Sollte er nach ihr sehen? In der Diele blieb er stehen und lauschte. Es klang nach Filmmusik, die Dramatik ließ auf einen Krimi schließen. Erstaunlich, wo sie doch so kaputt gewesen sein wollte. Wieder stach ihm der Treppenlift ins Auge. Besser er las noch etwas. Sicher würde er beim nächsten Besuch in der Buchhandlung gefragt werden, wie ihm das Buch gefallen habe. Um schlafen zu gehen war es ohnehin noch zu früh.

Zurück am versifften Küchentisch des trägen Lebenskünstlers entschied er, ihm eine Chance zu geben und folgte ihm für weitere Seiten auf dem Weg mit Fahrrad und Plastiktüte durch Kneipen und schäbige Imbissbuden, in denen er Frauen abschleppte, die allesamt aus Australien oder Neuseeland hätten stammen können. Als er weit nach zwölf die Treppe zum Schlafzimmer hinaufging fragte er sich, ob der Preis der Ungebundenheit so aussah und wie sie tatsächlich lebte.

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh, oh… bahnt sich da was an? Er hat noch nicht mal nach ihr gesehen….Mir gefällts….

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    1. monatsweise sagt:

      Danke, freut mich. Und, ist Gerhard Dein Typ?

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      1. Deswegen habe ich das geschrieben.. Ich bin da ein Schäferhund… erst überall mal gucken… gerade wenn noch jemand im Haus ist..Aber ansonsten ja… er hat übergreifende Interessen oder besser sagt nicht von vornherein nein…obwohl er schon Schwierigkeiten mit dem Text hat… Gut beschrieben. …der Zwiespalt

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  2. Der Kutscher sagt:

    Den Typ beschreiben wie ich ihn verstehe?

    Loyal, ohne Freunde.Gewohnheitsverliebt. Sucht seine Sicherheit in gewohnten Abläufen.

    Einsam, vor sich hinarbeitend.

    Das Leben zieht vorbei,gelenkt von Mutter und Firma.

    Bereit für Neues, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen

    Das Leben wartet…..oder endet…..?

    Gut geschrieben, Geschichte kann in jede Richtung laufen.

    Kann Liebesgeschichte werden oder Krimi.

    Schaun mer mal

    Liebe Grüsse

    Der Kutscher

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    1. monatsweise sagt:

      Danke für das Feedback. Ja, so ist er wohl. Aber nicht nur. 😉 Vor allem nicht ganz so einsam, wie es in diesem Ausschnitt scheint.

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