Rot-Blau-Gelb, rötlich*

Manche Erlebnisse bleiben haften, verbinden sich ohne unser Zutun mit anderen Erinnerungen und vermögen eine Geschichte zu kreieren. In diesem Fall war es ein Museumsbesuch vor Jahren, der sich der Liebe zu Wanderungen in den Bergen anschloss, als ich die Aufforderung las, Texte unter dem Motto „Erlebnis Museum“ zu schreiben. Sie beschränkte sich leider auf Museen, die ich noch nicht besuchte, aus dem Wettbewerb war ich raus. Den einmal angestoßenen Gedanken war das kein Hindernis, sie fanden ihren Weg. Hierhin.

zur Lesung

Gegen den feinen Nieselregen half nichts, wie ein Schleier legte er sich auf die Haut und fand seinen Weg unter die schützende Kleidung. Ruhig, mit gleichmäßig ausholenden Schritten bewegte er sich voran; seit Stunden war ihm niemand mehr begegnet. Seine Augen streiften über den Horizont zurück ins Tal, in dem sich Nebelschwaden erfolglos an den Steigungen versuchten. Weit konnte es nicht mehr sein, die Baumgrenze hatte er lange hinter sich gelassen, der Boden unter seinen Füßen war von kargem Grün und zwischen den Steinen wuchsen nur noch vereinzelt niedrige Beerensträucher. Der Weg wurde steiler und machte ihm zunehmend zu schaffen. Als er zur Furt kam blieb er schwer atmend stehen. Die Fahrrinne musste vor Kurzem aufgefüllt worden sein, noch ließen sich keine Reifenspuren ausmachen. Das Gurgeln des Baches erschien ihm unangemessen laut und störend. Ganz anders damals, als die Sonne vom Himmel gebrannt hatte und sie, erfreut über die Abkühlung, barfuß, mit weit über die Knie gekrempelten Hosen, mitten hindurchgegangen waren. Skeptisch musterte er die regennassen Steine. Sie sahen glatt aus, sich hier oben den Knöchel zu verstauchen war kein Spaß. Vorsichtig setzte er einen Fuß auf den ersten Stein und stellte fest, dass er erstaunlich guten Halt bot. Auf der anderen Seite erkannte er den Felsbrocken, auf dem sie gesessen hatten, um Strümpfe und Schuhe wieder anzuziehen.

Der Weg machte eine langezogene Kehre und gab überraschend den Blick ins Nachbartal frei. Irgendwo unter dem Nebel musste der See liegen. Wenn der Wetterbericht Recht behalten sollte, würde es gegen Abend aufklaren. Der auffrischende Wind trieb ihm den Niesel kalt in den Nacken, er schlug den Kragen hoch. Hoffentlich gab es noch Feuerholz in der Hütte. Vor ihm tauchte ein Gatter auf, windschief zusammengenagelte, verwitterte Hölzer. Erstaunlich, dass sie ausreichten um das Vieh zurückzuhalten. Sorgsam schloss er es hinter sich und hängte die Drahtschlinge wieder über den Pfosten. Oberhalb grasten ein paar Kühe, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Mit gefüllten Eutern trotteten sie scheinbar ziellos und träge den Hang hinauf. Bald würden sie sich zum abendlichen Melken Richtung Hochalm bewegen, noch schienen sie jedoch keine Eile zu haben. Am Wegrand hatte sich ein großes Feld Eisenhut breit gemacht und ließ nur vereinzelt andere Farben zu. Der unscheinbare gelbe Enzian hatte keine Chance gegen das tiefe Blau. Er meinte, die ersten Dachschindeln als dunkle Linie ausmachen zu können und beschleunigte unwillkürlich seinen Schritt. Merkwürdig, dachte er, am Ende hat man es immer eilig ans Ziel zu kommen.

Als er die Tür öffnete schlug ihm abgestandene Luft entgegen. Obwohl er fror, öffnete er alle Fensterläden, bevor er im Kamin ein Feuer entfachte. Erst als es eine Weile brannte, schloss er die Fenster, zog die nasse Kleidung aus und hängte sie zum Trocknen über die Stühle. In eine Decke gehüllt ging er zum Brunnen, um Wasser für einen Tee zu holen. Es war eiskalt und es dauerte, bis es auf dem kleinen Gaskocher zu brodeln begann. Mit dem Becher in der Hand setzt er sich ans Fenster. Der Wind trieb Wolken und Nebel vor sich her und legte nach und nach die Landschaft frei. In der Dämmerung zeichneten sich zuerst die Konturen der umliegenden Berge, dann die Hügel, Wiesen und Wälder unterhalb der Baumgrenze, und schließlich die Uferlinie des Sees ab. Sie wuchsen ihm zu, traten wie von selbst an ihn heran, so wie neulich dieses Bild im Museum.

Mit der Decke um die Schultern und einem weiteren Becher Tee ging er nach draußen. Lustlos war er durch die Museumsräume gestreift und zufällig in die öffentliche Führung geraten. Die Erläuterungen hatten ihm gefallen, waren erfreulich nachvollziehbar und anschaulich gewesen. Dass man graue Bilder malt, wenn man grauer Stimmung ist, hatte er nur konsequent gefunden. Konsequent auch, sie großformatig aufzublähen, wenn der Kummer ein großer war. Seine Aufmerksamkeit war abgedriftet, als sie sich einem auf den ersten Blick wenig ansprechendem Bild widmeten. Rot-Blau-Gelb, rötlich – was für ein Titel. Nur noch mit halbem Ohr hatte er zugehört und war überrascht gewesen, als die Führung plötzlich beendet war. Man solle noch bleiben, dem Bild Zeit geben seine Wirkung zu entfalten. Mehr gelangweilt als wirklich interessiert hatte er die Leinwand studiert. Groß war es, düster. Doch plötzlich war es, als brächen helle Stellen hervor, die ihn in das Bild hineinzogen. Fasziniert hatte er begonnen intensiver hinzusehen.

Im Tal leuchteten die ersten Lichter aus der fortschreitenden Dämmerung und rückten sich in den Vordergrund. Die gegenüberliegenden Berge wirkten, als hätten sie zu einem stillen Rückzug angesetzt, an dessen Ende sie mit dem blauschwarzen Himmel verschmelzen würden. Eigenartig wie sehr Licht die Wahrnehmung beeinträchtig, stellte er fest. Nicht anders war es letztlich mit dem Bild gewesen. Im Grunde ein simpler hell-dunkel-Effekt. Hier ein bisschen mehr Gelb, dort etwas mehr Blau. Farbe auf einer Fläche. Man hätte die Technik bewundern können und einfach weitergehen. Aber etwas hatte ihn gefangen genommen, etwas war mit ihm geschehen während er es betrachtete.

Mehr und mehr hatte er entdeckt, Bewegung und Stillstand, Lautes und Leises. Es war, als hätte das Bild zu leben begonnen, Formen schoben sich über- und untereinander und wechselten, kaum geschehen, die Position. Nichts war statisch, alles floss in einem ruhigen, beständigen Rhythmus ineinander und auseinander. Er hatte versucht sich wieder auf die Oberfläche des Bildes zu konzentrieren. Es misslang. Einmal Wahrgenommenes ließ sich nicht ausblenden, das hatte er schon zuvor gewusst, doch noch nie so unmittelbar erlebt. Was hatte der Maler wohl gesehen, während er die Farbe mit breitem Pinsel und ausholenden Bewegungen auftrug? Welche Gedanken hatte er sich gemacht? Was kommt, was bleibt? Was lasse ich zu, was verberge ich? Im Rausgehen war es ihm vorgekommen, als läge das Blau wie ein zusammengeknülltes, hauchzartes Tuch über buntem Laub. Von Düsternis keine Spur mehr. Auf dem Weg zum Auto war ihm die Hofpflasterung aufgefallen, für die er beim Hineingehen kein Auge gehabt hatte. Nun erkannte er in den scheinbar willkürlich angeordneten Farbschattierungen geometrische Muster, die sich kreuzten, miteinander zu neuen Formen verschmolzen und alle auf den Eingang zustrebten. Verblüfft war er stehengeblieben, es war beeindruckend schön, sie hätte es sofort gesehen und sich dafür begeistert Wie hatte er das zuvor übersehen können? Kein Wunder, dass sie manchmal nur die Schultern über ihn zuckte.

Der Nachmittag im Museum hatte ihn lange beschäftigt. Auch jetzt, bei diesem gänzlich anderen Anblick, war er wieder absolut präsent. Im Grunde, dachte er, ist die Gegenwart eine Ebene, erst in der Rückschau verleihen wir den Dingen die Bedeutung und Tiefe, mit der sie Eingang in unser Denken und Fühlen finden. Er hätte jetzt gern mit ihr darüber geredet. Was hatte sie gesagt, bevor sie ging? Ich werde mich von dir nicht reduzieren lassen. Es ist deine Entscheidung.

Die Holzwand in seinem Rücken atmete den ihr eigenen Geruch nach widerstrebender Vergänglichkeit aus. An warmen Tagen konnte er etwas Leichtes und zugleich Scharfes haben, an Tagen wie diesen überwogen die schweren, moderig weichen Anteile. Ihr war das aufgefallen, ob er es auch röche, hatte sie ihn gefragt. Verwundert und irritiert hatte er den Kopf über sie geschüttelt.

Er fror und zog die Decke enger um sich. Im Tal waren nur noch wenige Lichter auszumachen. Eben noch zu erkennende Umrisse verschwammen im Dunkel zu einer homogenen Fläche. Mit der Farbe verschwand die Landschaft im monochromen Nichts. Es war als würde er die Umkehr dessen erleben, was er vor der Leinwand erfahren hatte. Es stimmte, er hatte sie einschränken, gewissermaßen monochrom machen wollen, berechenbarer, weniger anstrengend. Dabei hatte er sich mehr und mehr von ihr entfernt. Als er den Kopf zurücklegte, um den Rest des kalten Tees zu trinken, sah er die gegenüberliegende Bergkette trotz Dunkelheit matt im Nachtlicht schimmern. Scharf grenzte sie sich vom Himmel ab. Je länger er hinsah, desto mehr Einzelheiten erkannte er; steil aufsteigende Hänge türmten sich über einem Streifen fast schwarzen Waldes, zu dessen Füßen er meinte Wiesen zu erkennen, aus denen immer noch Nebelfelder aufstiegen. Selbst die Nacht ist nicht monochrom, dachte er, sie hat nur andere Farbtiefen als der Tag. Und ist kälter, du solltest ins Warme gehen, du bist schon ganz steif.

Er streckte sich, stand auf und ging in die Hütte. Drinnen legte er noch einige Scheite aufs Feuer und legte sich schlafen. Es sei seine Entscheidung, hatte sie gesagt. Morgen würde er den Kamin kehren, die Läden schließen und sich auf den Heimweg machen. Zu ihr. Er wird ihr von dem Bild erzählen. Oder besser noch, er wird mit ihr dorthin gehen.

 

*Der Titel entspricht dem Bildtitel des beschriebenen Bildes, das aus Urheberrechtsgründen hier nicht abgebildet werden kann. Es handelt sich um ein Bild von Gerhard Richter, das ich vor Jahren im Museum Küppersmühle in Duisburg sah. Wer moderne Kunst mag, dem sei ein Besuch empfohlen. Das Bild, die Sammlung und das Museum als Gebäude sind es wert!

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Eine schöne Geschichte ist rund geworden…. Toll

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