Im Park (Teil II)

„Der ist ja schon ein bisschen langweilig, kein Draufgänger.“ So eine Reaktion auf den ersten Teil der Geschichte. Genau darum ging es mir. Ich wollte eine Figur schaffen und eine Geschichte schreiben, die möglichst nah am Unauffälligen ist. Gedanklich wanderte ich wieder durch einen Park in Wien, sah die aneinandergereihten Bänke, auf denen sobald das Wetter es nur eben zulässt, vereinzelt ältere Herrschaften sitzen, der Zeit beim Vorbeigehen zuzuschauen scheinen und dankbar jede Gelegenheit zum Gespräch ergreifen. Sie alle haben Sehnsüchte und eine Geschichte. Vielleicht heißt einer von ihnen Friedhelm.

Auf dem Weg nach Hause erledigt er seine Einkäufe. Geistesabwesend geht er durch die Gänge und kann sich nicht entscheiden, was er am Abend gern essen möchte. Am Ende nimmt er aus einem Impuls heraus kanadischen Lachs, saure Sahne und ein Toastbrot mit. Erst am Abend stutzt er über diesen Einkauf, denn eigentlich mag er geräucherten Lachs nicht so gern. Renate hingegen hat ihn geliebt. Mit fast nichts konnte er ihr eine größere Freude machen, als ihre gemeinsamen Stunden mit etwas Lachs anzureichern. Voller Begeisterung erzählte sie dann beim Essen von den Angeltouren, die sie in Kanada unternehmen würden, dem Fisch, den sie anschließend selbst räuchern würden, um ihn vielleicht sogar zu verkaufen. „Wer weiß“, war einer ihrer wiederkehrenden Sätze gewesen, „vielleicht werden wir eine Lachsfarm haben.“ Er hatte dazu stets still gelächelt und nur eine kleine Portion gegessen. Weil er ja hinterher zu Hause noch ein Abendessen serviert bekommen würde und nicht auseinandergehen wolle, hatte er behauptet. Dass er trotzdem etwas mit ihr aß, als seien sie ein ganz normales Paar, das sich nach der Arbeit zu einem gemeinsamen Essen hinsetzt, erzählt und erst nach dem Abwasch miteinander ins Bett geht, bedeutete ihr viel. Sie hatte es ihm einmal zu Beginn ihrer Zeit gesagt. „Weißt Du“, hatte sie gesagt, „wenn wir am Tisch sitzen und essen, dann kann ich mir für einen Moment einreden, dass Du zu mir gehörst.“ Also hatte er Lachs besorgt und gegessen, um ihr die wenige gemeinsame Zeit so ideal wie möglich zu gestalten. Dass ihre Küsse danach nach Fisch schmeckten, war ihm unangenehm gewesen. Doch auch das behielt er für sich, suchte sich andere Stellen ihres Köpers, deren Duft ihn für vieles, wenn nicht gar alles entschädigten.

Jetzt stochert er in dem rötlichen Fleisch, riecht daran und entscheidet, es nicht zu essen. Er packt es in eine der kleinen Plastikdosen, die seine Frau in Massen für notwendig gehalten hatte und stellt sie in den Kühlschrank. Vielleicht morgen, denkt er und schmiert sich stattdessen ein Butterbrot, mit dem er sich vor die Abendnachrichten setzt. Als er Stunden später ins Bett geht legt sich ein feiner Nieselregen auf die Scheiben. „Wenn das Wetter es erlaubt“, hat sie gesagt. Was, wenn es morgen regnete? Würde sie trotzdem kommen? Warum hat er sie nicht nach ihrem Namen, nach einer Telefonnummer gefragt? „Du bist ein Trottel!“, schimpft er halblaut vor sich hin. „Was nützt dir das ganze gute Benehmen, wenn du sie deswegen nicht wiedersiehst?“

Er schläft unruhig in dieser Nacht, wacht oft auf, lauscht auf die Geräusche und fragt sich, ob sie sich überhaupt etwas zu sagen haben werden, ob er nicht viel zu viel von einem Wiedersehen erwartet. Doch dann sieht er sie wieder vor sich den Weg entlang gehen. Wie sie wohl tanzt, fragt er sich und dreht sich im Geiste mit ihr auf einer Tanzfläche. Die Vorstellung hat was. Sie in seinem Arm, rhythmische Bewegungen … er verspürt eine Regung, die sich schon lange nicht mehr gemeldet hat. „Reiß dich zusammen“, ruft er sich zur Ordnung, „du bist nicht mehr zwanzig!“  Ob sie Kaffee oder, wie er, lieber Tee trinkt? Wohin soll er sie einladen? Am besten in das kleinere, altmodischere der beiden Cafés am Park, das andere sieht zwar netter aus, doch die im Vorbeigehen zu hörende Musik war stets zu laut und zu modern. Wem Ella Fitzgerald gefällt, der mag bestimmt keine oberflächlichen Popsongs. Wenn sie denn überhaupt kommt. Bestimmt hat sie seine Einladung nur angenommen, weil sie nicht unhöflich sein wollte. Regnen tut es auch immer noch. Gegen sechs Uhr entscheidet er, sich die Zeit mit etwas Sinnvollerem zu vertreiben, als untätig und mit wachsendem Verdruss im Bett zu liegen. Draußen hängt der Himmel tief, dunkle Wolken bilden eine dichte Decke, die wenig Aussicht auf Wetterbesserung in den nächsten Stunden verheißt. Ein Blick auf die Wetterapp lässt seine Stimmung noch weiter in den Keller wandern. Vermutlich denkt sie schon gar nicht mehr an ihn, hat ihn über den Wetterwechsel längst vergessen. Warum auch nicht, schließlich hat er sich ja nicht als Unterhaltungskünstler hervorgetan. „Sie erinnern mich an einen Abschied.“ Wer sagt denn so was, wenn er neben einer gutaussehenden, sympathischen Frau sitzt?! Für so jemanden geht man bei Regen garantiert nicht vor die Tür. Missmutig starrt er in den Innenhof und entscheidet, dass es völlig sinnlos ist, heute in den Park zu gehen. Er wird sich zum Affen machen, besser er räumt endlich mal wieder das Gästezimmer auf, auch wenn in nächster Zeit sicher niemand darin schlafen wird. Als er die Tür des Schrankes öffnet, fällt ihm der übergroße Regenschirm entgegen, den er vor Jahren in einem Anfall reumütiger Romantik gekauft hat, um Arm in Arm mit Marianne im Regen spazieren zu können. Benutzt haben sie ihn nie. Mit dem Schirm in der Hand geht er zum Fenster und öffnet es. Die hereinströmende Luft ist erstaunlich mild. Ob sie doch kommt? Unsinn. Er wirft den Schirm aufs Bett, schließt das Fenster und geht ins Wohnzimmer. Vor dem Regal bleibt er stehen und sieht die Buchrücken entlang. Wer es nicht besser wusste, würde bei ihrem Anblick vermuten, er sei in all den Ländern gewesen. Dass sie nur Ersatzbefriedigung waren, sieht man ihnen nicht an. Nicht einmal hat er Marianne dazu bewegen können wenigstens nach Holland zu fahren. Oder Dänemark. Immer musste es die deutsche Nordsee sein. 25 Jahre Nordseeurlaub, immer derselbe Ort, derselbe Strand, dieselben Wege, nicht mal die Pension haben sie in den Jahren gewechselt. Mit einem Mal ist das bittere Gefühl wieder da, mit dem er stets die ersten Tage des Urlaubs gekämpft hat. Bei Sonnenschein war es leidlich erträglich gewesen, bei Regen hat er es manchmal kaum ertragen. Er starrt auf die Vitrine, in der die Gläser vorbildlich sortiert und vergeblich auf ihren Einsatz warten. Der Spalt zwischen den Türen zerlegt sein Spiegelbild in zwei Teile, bildet einen unüberbrückbaren Graben, der exakt über den Nasenrücken verläuft. Passt zu dir, denkt er. Anstatt für deine Wünsche einzutreten, hast du eine saubere Trennlinie gezogen, hast dich in deine Tagträume geflüchtet. Bist mit Renate durch Kanada, Tasmanien und weiß der Henker wo noch gereist. Dabei war sie lange nicht so fabelhaft, wie sie in deinen Phantasien rumspukt. Eigentlich war sie sogar ein bisschen simpel, nicht besonders gebildet. Ein lieber Kerl, aber auf Dauer keine ebenbürtige Partnerin. Darum hast du gekniffen. Nicht, weil man so etwas ja nicht tut. Sei doch endlich ehrlich zu dir selbst! Es war nicht weil man die Ehefrau nicht verlässt, wenn sie gerade erfahren hat, dass sie keine Kinder bekommen kann. Sicher, Renate war fröhlich, liebenswert, sehr sexy und auf eine ganz bestimmte Art unterhaltsam. Aber eben nur auf eine Bestimmte. Ach, das ist zu hoch für mich, das muss ich nicht verstehen, hatte sie immer gesagt und ein Thema möglichst schnell gewechselt, wenn sie nichts dazu sagen konnte. Vermutlich hättet ihr euch nach einem Jahr in Kanada nichts mehr zu sagen gehabt, euch getrennt und du hättest allein dagestanden. Da war Marianne die deutlich angenehmere Perspektive. Leidenschaft allein reicht nicht, man muss auch miteinander reden können. So wie mit der Frau im Park, denkt er und kommt wieder in der Gegenwart an. Mit ihr kann er sich beides vorstellen. Leidenschaft und Alltag. Gut sogar. Doch das sind wieder nur sinnlose Tagträume.

„Glaubst du etwa, eine Frau wie die findet Gefallen an einem Weichei wie dir? Bestimmt nicht“, sagt er laut und tritt nah an sein Spiegelbild heran. Die Augenbrauen müssten wieder geschnitten werden. Und dieses Hemd sieht unmöglich aus. Ein Geschenk von Marianne, er hat es oft getragen, weil sie es so gern an ihm sah, obwohl er es im Grunde scheußlich findet. Fad. Beigebraun. In plötzlicher Entschlossenheit zieht er es aus, wirft es in den Müll und stellt überrascht fest, dass ihn die Aktion befriedigt. Verrückt, ein Hemd zu entsorgen, nur weil man gerade schlechte Laune hat. Egal, es tut gut.

In diesem Moment klingelt das Telefon. Auf dem Display erkennt er die Nummer seiner Mutter. Muss das jetzt auch noch sein? Bestimmt will sie ihn an die Gardinen erinnern. Widerwillig meldet er sich:
„Mutter.“
„Du vergisst nicht, dass wir Sonntag die Gardinen machen wollen“, eröffnet sie das Gespräch, ohne guten Tag zu sagen. Wieder wundert er sich über den agilen Eindruck, den ihre Stimme macht, die fast neunzig hört man ihr nicht an.
„Du kommst doch?“, fragt sie, als wäre es an der Tagesordnung, dass er sie vergisst. Dabei würde er manchmal gern einen Besuch ausfallen lassen und sie stattdessen öfter anrufen.
„Ich kann das nun wirklich nicht allein.“ Ihre Stimme hat etwas Anklagendes. Friedhelm merkt, dass er ärgerlich wird. Zig Mal hat er ihr schon gesagt, dass sie die Gardinen waschen lassen soll, er würde die Kosten übernehmen. Doch sie besteht darauf sie selbst zu waschen, bzw. ihn dafür einzuspannen. Zwei bis drei Mal im Jahr verbringt er seine Sonntage mit den tonnenschweren Dingern, die seiner Meinung nach nicht eine Spur von Schmutz aufweisen. Wie auch, wo seine Mutter weder raucht noch an einer vielbefahrenen Straße wohnt. Doch es ist müßig mit ihr darüber zu reden, weswegen er jetzt auch nichts dazu sagt.
„Das tut mir Leid“, lügt er stattdessen, „aber ich bin in der Oper verabredet. Wir können es nächsten Sonntag machen. Bis dahin wird es doch sicher noch gehen.“
„Dir kann es ja egal sein, du musst ja nicht auf die schmutzigen Dinger starren. Mit wem bist du denn verabredet. Wäre das nicht an einem anderen Tag gegangen?“ Ihr Ton ist so ungehalten, dass er ihr eine weitere Lüge auftischt.
„Ich habe eine sehr nette Frau kennengelernt, mit der ich dorthin gehe. Es ist leider die letzte Vorstellung, sonst würde ich Dich natürlich nicht versetzen“, schiebt er noch nach.
„Eine Frau, so so. Bald geht es mir wie Frau Herminghaus und du steckst mich ins Heim, damit du deinen Vergnügungen nachgehen kannst.“
„Also bitte, Mutter!“, fährt er sie an. „Nur weil ich einmal in die Oper gehe, stecke ich dich noch lange nicht in ein Heim.“
„Was ist das denn für eine? Auch verwitwet? Ich habe nach dem Tod deines Vaters keinen Mann mehr angeschaut. Aber das ist heute wohl anders.“
Bleib ruhig, ermahnt er sich und überlegt, wie er das Gespräch möglichst schnell beenden kann.
„Was würde Marianne nur dazu sagen? Die Arme wäre bestimmt entsetzt, wenn sie wüsste, dass du dich mit einer Anderen einlässt. Muss das in deinem Alter überhaupt noch sein. Schämst du dich nicht? Ich sag ja, ich habe keinen Mann nach deinem Vater mehr angeschaut. Marianne …“
„Marianne ist seit drei Jahren tot!“, fällt Friedhelm ihr ärgerlich ins Wort. „Sie ist seit drei Jahren tot und ich bin nicht mit ihr gestorben.“

Am anderen Ende der Leitung zieht seine Mutter hörbar den Atem ein. Er weiß genau, was sich jetzt auf ihrem Gesicht abspielt. Bitte, sagt es beleidigt, wenn meine Meinung nicht erwünscht ist, ich kann auch schweigen. Er hat es oft genug gesehen und ist, das wird ihm gerade überdeutlich, viel zu oft darauf eingegangen, hat nachgegeben und sich ihrem Willen gebeugt.
„Bitte“, sagt sie im erwarteten Tonfall. „Wenn du meinst, du musst es ja wissen. Ich werde die Gardinen schon allein sauber bekommen, bis du wieder Zeit für deine alte Mutter findest.“
„Mutter, es reicht!“ Am liebsten würde er einen Hörer aufknallen. Verdammte schnurlose Technik. „Ich habe eben noch gesagt, dass ich nächsten Sonntag kommen werde. Seit Jahren komme ich jeden Sonntag, du hast wirklich keinen Grund zur Klage, nur weil ich einmal in die Oper gehen möchte.“
„Vielleicht würde ich ja auch gern einmal in die Oper gehen“, stichelt sie, doch Friedhelm hat genug und beendet das Gespräch lieber, bevor er sich weiter aufregt.
„Das ist mir neu, bisher hast du Operngesang gern als Gekreische bezeichnet“, würgt er sie ab. „Wie auch immer, ich kann Sonntag nicht. Bis bald, Mutter.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, legt er auf, wirft das Telefon aufs Sofa und läuft aufgebracht ins Schlafzimmer, um sich endlich ein anderes Hemd anzuziehen. Auf dem Weg fällt sein Blick auf die Regale mit den Nordseekrimis seiner Frau. Die kommen weg, entscheidet er. Unter dem Bett im Gästezimmer müssten noch Kartons sein, er wird sie einpacken und morgen zur Büchertafel tragen, dann kann sie noch jemand lesen. Oder er entsorgt sie direkt. Ab damit in den Müll. Ebenso wie mit dem ganzen Nippes, den er nicht mag.

Auf dem Bett liegt noch der Schirm und draußen regnet es nach wie vor. Hätte das Wetter nicht auf seiner Seite sein können? Verdammt, soll er sich doch blöd vorkommen, er wird in den Park gehen. Außer ihm selbst wird ja niemand davon erfahren, dass er sich gegen jede Vernunft in den Regen stellt um auf eine Frau zu warten, deren Erscheinen mehr als unwahrscheinlich ist und deren Namen er nicht einmal kennt. Probehalber spannt er den Schirm auf und entdeckt einen langen Riss in einem der Felder. Ärgerlich schließt er ihn wieder und wirft ihn zurück aufs Bett. Ich besorge einen Neuen, entscheidet er nach einem Blick auf die Uhr, wenn ich mich beeile, komme ich trotzdem früh genug in den Park.

Kurz darauf verlässt er eilig das Haus und fragt sich unterwegs, ob es das Schirmgeschäft überhaupt noch gibt. Es ist bestimmt fünfzehn Jahre her, dass er den Schirm dort erstanden hat. Doch Schirme und Taschen scheint man immer zu brauchen, der Laden existiert noch und hat geöffnet. Möglicherweise aber nicht mehr lange, denkt Friedhelm als er eintritt und feststellt, dass sich seit seinem letzten Einkauf nicht das Mindeste verändert hat. Als schon damals nicht besonders modern, wirkt die Einrichtung mittlerweile arg antiquiert. Die einzige Verkäuferin ist mit einer älteren Dame beschäftigt, die sich nicht zwischen zwei Modellen entscheiden kann. Immer wieder schwankt sie hin und her, wiederholt pausenlos was für und was gegen die jeweiligen Modelle spricht. Suchend blickt Friedhelm sich zwischen den Ständern um, kann aber keinen extragroßen Schirm ausmachen. Hoffentlich geht das hier bald voran. Die Unentschlossenheit der älteren Dame ist nervtötend, unruhig tritt er von einem Fuß auf den anderen. Außerdem ist es schon spät, wenn sie sich nicht bald entscheidet, wird er nicht rechtzeitig im Park sein. Nicht auszudenken, was wäre, wenn sie käme und er wäre nicht da!

„Entschuldigen sie“, unterbricht er das Verkaufsgespräch bemüht freundlich, erntet aber trotzdem so böse Blicke, dass er beide Frauen mit einem besonders freundlichen Lächeln bedenkt. „Ich möchte sie nicht stören, aber ich muss dringend meine Mutter vom Bus abholen und benötige dazu noch einen extragroßen Schirm, damit ich sie am Arm führen kann, ohne dass sie nass wird.“ Er ist selbst ein wenig erstaunt, wie leicht ihm heute das Schwindeln fällt, doch die Strategie geht auf.
„Helfen Sie ruhig dem jungen Herrn, ich überlege derweil noch etwas“, schlägt die Kundin entgegenkommend vor und widmet sich wieder ihrem scheinbar unlösbaren Problem.
„Danke, das ist sehr nett von Ihnen.“ Friedhelm bedankt sich mit einer Verbeugung. Er folgt der Verkäuferin zu einem der hinteren Regale und entscheidet sich ohne langes Zögern für einen regenbogenfarbenen Schirm. Ungeduldig sieht er der Verkäuferin zu, wie sie für ihn die Etiketten abschneidet und umständlich eine handschriftliche Quittung ausstellt, bevor sie die Kasse bedient, die tatsächlich noch eine Kurbelvorrichtung hat. Aufatmend steht er kurz darauf wieder draußen, spannt den Schirm auf und hastet Richtung Park. Er ist mehr als spät. So wie gestern, also gegen elf, hatten sie vereinbart. Gegen elf meint nicht genau elf, versucht er sich zu beruhigen, läuft aber vorsichtshalber doch bei Rot über die Straßenkreuzung und muss nun nur noch den Zaun entlang bis zum Tor, dann hat er es sogar fast pünktlich geschafft, es ist erst fünf nach.

An der Bank angekommen, bestätigt sich seine Befürchtung. Sie ist weit und breit nicht zu sehen. Ob sie schon da war und wegen des Regens nicht gewartet hat? Immerhin ist er etwas zu spät. Aber sie hat gestern nicht auf die Uhr geschaut, unwahrscheinlich also, dass sie die Zeit so genau definiert wie er. Für ihn war es einfach, er ist immer gegen elf im Park. Was soll er jetzt tun? Noch etwas warten? Wenn er schon einmal hier ist, kann er auch einen Moment warten. Sein Schirm ist ja groß genug, um vor dem doch recht kräftigen Regen leidlich sicher zu sein. Er blickt nach oben und kommt sich furchtbar albern vor unter dem leuchtend bunten Ding. Was ihn da geritten hat, ist ihm ein Rätsel. Ob sie noch kommt? Er schaut noch einmal auf die Uhr, viertel nach, er sollte aufgeben und ins Trockene gehen. Doch vorher geht er lieber noch einmal zurück zum Tor und wieder zur Bank, wirft einen Blick auf den Seitenweg, der jedoch genau so ausgestorben daliegt, wie der Rest des Parks. Unschlüssig steht er vor der Bank und starrt auf seine nassen Schuhspitzen. Er wird sich den Tod  holen. Wie kann man aber auch nur so blöd sein, geht er gerade zum xten Mal mit sich ins Gericht, als er hinter sich Schritte hört. Er dreht sich um und kann es kaum fassen. Unter einem winzigen Schirm, der dazu noch eine abgeknickte Speiche hat, kommt sie mit einem sichtlich erleichterten Gesichtsausdruck auf ihn zu.

„Entschuldigen Sie bitte“, redet sie los, bevor sie ihn ganz erreicht hat. „Heute ist wirklich alles schief gegangen. Erst ist mein Schirm gebrochen“, lachend blickt sie zu dem windschiefen Ding auf, „und dann hatte auch noch der Bus einen kleinen Unfall.“ Mit diesen Worten ist sie bei ihm angekommen, steht vor ihm und strahlt ihn an, als gäbe es weder Regen noch irgendeine andere Merkwürdigkeit an diesem Treffen.
„Sie sind bestimmt schon ganz durchgefroren. Ich hoffe, Sie stehen hier noch nicht so lange rum, es tut mir entsetzlich Leid. Gut, dass Ihr Schirm so groß ist“, fährt sie fröhlich fort. „Und so wunderbar bunt. Eine Wohltat an so einem tristen Tag.“ Erst jetzt findet Friedhelm seine Worte wieder. Sie ist tatsächlich gekommen. Er räuspert sich und spürt, wie die Freude über ihr Auftauchen sich in ihm breit macht und er gar nicht mehr anders kann, als zurückzulächeln in diese graublauen Augen.
„Nein, keine Sorge. Ich bin auch gerade erst gekommen. Mir ging es ähnlich, mein Schirm hat sich heute auch verabschiedet, ich musste mir schnell einen neuen besorgen und habe schon befürchtet, ich hätte sie verpasst.“

Ein verlegener Moment entsteht, in dem sie sich ansehen und nicht recht wissen, wie es weitergeht. Ein Windstoß reißt an ihrem Schirm und sie verzieht ängstlich das Gesicht.
„Kommen Sie, lassen Sie uns ins Café gehen“, schlägt Friedhelm vor. „Hier ist es heute wirklich nicht gemütlich. Vielleicht hört es ja bald auf zu regnen, dann können wir immer noch einen Spaziergang machen. Darf ich Sie mit unter meinen Schirm nehmen, ich fürchte Ihrer macht es nicht mehr lange?“ Friedhelm bietet ihr Arm und Schirm an, was sie erfreut annimmt. Ihr marodes Exemplar landet im Vorbeigehen im nächsten Mülleimer .

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