Im Park (Teil I)

Weil „Rot“ so kurz war folgt direkt noch eine Geschichte. Genauer: Teil I einer längeren Geschichte, die ich vor gut einem Jahr im Rahmen eines Schreibseminars geschrieben habe und an deren Überarbeitung ich derzeit sitze. Warum und wann, frage ich mich gerade, ist der früher nicht wegzudenkende Fortsetzungsroman aus den Tageszeitungen verschwunden? Keine Angst, ich werde mich nicht aus nostalgischen Gründen zu Teil II-DLXXXIV (ich gestehe ich habe das gegoogelt) hinreißen lassen. Der zweite und letzte Teil folgt baldmöglichst. Dann gibt es auch eine Druckversion und die Lesung. Ein herzliches Dankeschön geht an Michael Winkler, der mir aus seinem Fundus ein passendes Foto rausgesucht und überlassen hat.

Die Spülmaschine zieht lautstark Wasser, als er die Wohnung betritt. Irgendetwas ist eindeutig nicht in Ordnung, darum muss er sich bald kümmern. Die Nachbarin hat neulich schon gefragt, was denn bei ihm los sei, sie höre da manchmal so ein komisches Geräusch. Friedhelm will einfach nicht einfallen, welchen Techniker seine Frau in solchen Fällen angerufen hat.

Sorgsam stapelt er das Brennholz neben dem Kaminofen. Auch wenn er ihn kaum noch nutzt, achtet er darauf, dass immer genügend Scheite bereitliegen. Manchmal macht er es sich auf dem Sessel davor bequem, liest und trinkt ein Glas Wein dazu. Auch ohne Feuer im Ofen ist es ein schöner Platz. Er nimmt das auf dem Tischchen liegende Buch und räumt es zu den Reisebüchern, über die sich seine Frau immer lustig gemacht hat. Wenn sie geahnt hätte warum er sie las, wäre ihre Reaktion vermutlich anders ausgefallen. Besonders, wenn sie gewusst hätte, warum Kanada so oft darunter vertreten war. Er hatte mit ihr gelacht und „Du weißt doch, mit den Füßen in der Nordsee reist es sich ganz komfortabel um die Welt“ erwidert, um es als Marotte abzutun. Dass er beim Lesen gedanklich mit einer anderen Frau als ihr die beschriebenen Landschaften durchstreifte, hatte er tunlichst für sich behalten.

Er kehrt mit dem Handfeger den herabgefallenen Dreck zusammen, entsorgt ihn im Küchenmüll und hängt Feger und Schaufel wieder an ihren Platz in der Abstellkammer. So, was muss er noch erledigen bevor er aus dem Haus zu seinem täglichen Spaziergang aufbricht? Eigentlich ja albern, aber er hält sich an die Maxime seiner Mutter, nie aus dem Haus zu gehen, wenn noch Arbeit ansteht. Morgen wird er sie wieder anrufen und horchen wie es ihr geht. Nächsten Sonntag wird er sie besuchen, Kaffee und Kuchen mitnehmen und den Nachmittag mit ihr verbringen. Er seufzt bei der Vorstellung. Die Stunden mit ihr dehnen sich von Mal zu Mal mehr. Ob er denn noch regelmäßig in die Kirche gehe, fragt sie beinahe in jedem Gespräch. Marianne würde das sicher gerne sehen. Ein Jammer, dass sie so jung sterben musste. Ob er nicht doch lieber wieder nach Hause zurückziehen wolle, wo er doch nun so allein sei? Er sei nicht allein, versichert er ihr dann stets. Er träfe Freunde, ginge zum Schachspielen und habe ja auch das Abo für die Philharmonie. Dass die langjährigen Gewohnheiten ihn immer öfter die Isolation eher spüren lassen, als sie aufzuheben, verschweigt er. Lieber geht er in den Park und setzt sich in der Nähe des Spielplatzes auf eine Bank. Wenn die Fenster der Musikschule geöffnet werden und die Musik hinüberklingt, ist es besonders schön. Einmal hat er eine Frau getroffen, die nach ihren Unterrichtsstunden dort oft in der Sonne saß. Er hat seine Runde auf ihre Zeiten abgestimmt, um ihr zu begegnen. Sie haben sich wirklich nett unterhalten, doch eines Tages kam sie nicht mehr. Warum weiß er nicht, sie hat sich nicht verabschiedet. Schade, denkt er aus dem Fenster schauend, wirklich schade.

Im Hof knallt ein Mülltonnendeckel zu und reißt ihn aus seinen Gedanken. Wenn er nachher noch einkaufen will, muss er sich auf den Weg machen. Er geht in den Flur und nimmt nach kurzem Zögern den leichten Wollmantel vom Haken, noch geht ein frischer Wind. Aus der Garderobenschublade zieht er die zusammengefaltete Einkaufstasche, die seine Frau schon immer benutzt hat. Sie ist nicht besonders groß, aber er kauft ohnehin immer nur für einen oder zwei Tage ein. Als er aus dem dämmrigen Hausflur auf die Straße tritt, blendet ihn die Sonne. Schön, denkt er, im Park wird was los sein bei diesem Wetter.

Er ist spät dran, wenn er Pech hat ist sein Platz besetzt. Höflich hält Friedhelm einer Frau das Tor zum Park auf. Sie dankt ihm für die Freundlichkeit mit einem Kopfnicken und einem Lächeln, das sich mehr um die Augen als um die Mundwinkel zeigt. Es sind auffällig schöne Augen.

Wie jedes Mal, wenn er an einem Tag wie heute den Hauptweg entlang geht, macht sich eine erwartungsfrohe Heiterkeit in ihm breit. Die ersten Sonnentage des Frühlings machen die Menschen auf eine angenehme Weise gesprächig. Eigentlich unterscheiden sie sich in Temperatur und Sonnenstunden kaum von schönen Herbsttagen. Gleichwohl haben sie etwas Optimistisches, Zuversichtliches, während die Herbsttage stets mit einer gewissen Melancholie daherkommen.

Die Frau läuft vor ihm den Weg entlang. Ihr Gang gefällt ihm. Aufrecht, mit harmonischen Hüft und Schulterbewegungen und mehr vor- als nebeneinander aufsetzenden Füßen. Sehr sinnlich und gleichzeitig dynamisch. Nicht viele laufen so. Leider. Jetzt bleibt sie stehen und sieht sich suchend um. Ihr Blick fällt auf seine Lieblingsbank und geht Richtung Spielplatz, als wolle sie sich vergewissern, eine gute Sicht auf ihn zu haben, bevor sie sich niederlässt. Als sie sich setzt, schließt sie einen Augenblick die Augen. In diesem Moment entscheidet er sich, sie anzusprechen.

„Entschuldigung, darf ich?“, fragt er und deutet auf den Platz neben ihr.
„Selbstverständlich.“ Einladend erwiderte sie die Geste und bedenkt ihn erneut mit einem Lächeln.
„Danke sehr. Ein schöner Tag, nicht wahr“, stellt er fest.
„Ja“, antwortet sie, „ein sehr schöner Tag.“
Sie geht nicht weiter auf ihn ein, wendet sich aber auch nicht ab. Das lässt ihm Muße, sie genauer zu studieren. Mit Absicht hat er sich links von ihr niedergelassen. So kann er sie unauffällig betrachten während er scheinbar den Kindern beim Rutschen zusieht. Sie sitzt sehr gerade mit übereinander geschlagenen Beinen und im Schoß liegenden Händen. Gepflegte Händen, die nur ein sehr schlichter Ring, vermutlich ein Ehering, schmückt. Auch wenn sie ihr Alter verraten, sind es schöne Hände, feingliederig und kultiviert. Er kann sich gut vorstellen, wie sie damit Klavier spielt oder vielleicht malt. Nichts Großes, Modernes, eher filigrane Aquarelle. Die Haare trägt sie halblang und locker frisiert, sie bewegen sich leicht im Wind, der einen Hauch ihres Geruchs zu ihm trägt. Er mag den Geruch der Frauen. Wenn es geht, setzt er sich immer in ihren Windschatten. Bevor er sie anspricht möchte er sie riechen. „Gerüche“, sagt seine Mutter immer, „Gerüche sind wie Tagebücher. Sie können im Nullkommanichts Erinnerungen wecken und reißen Dich aus der Gegenwart.“

So ist es auch nun. Ihr Geruch erinnert ihn an eine Abschiedsszene, katapultiert ihn in ein Gestern, dem er nicht zu entrinnen vermag. Er spürt wieder die Umarmung, den warmen Arm um die Schultern, die Hand, die sich in den Nacken legt, den Moment des Nachgebens, als sie sich an ihn schmiegt. Der Duft ihres Haares steigt ihm in die Nase, mischt sich mit dem dezenten Körpergeruch den sie ausströmt zu einer unvergesslichen Erinnerung. Er wird Renates Geruch nicht vergessen. Niemals. Er muss nur, wie jetzt, einen Hauch davon wahrnehmen und schon fühlt er sie wieder, erinnert sich sein Körper mit jeder Faser an sie. Doch er erinnert sich auch an die Leere, die sie zurücklässt, als sie sich von ihm löst, mit den Händen von seinen Schultern die Arme hinabstreift. Ein letztes Streicheln bevor sie sich abwendet und geht. Es setzt sich über die Haare in die Haut fort und verankert dort eine Sehnsucht, die keine Frau nach ihr mehr hat stillen können. Heftig reibt er sich den Arm, versucht die Erinnerung aus dem hier und jetzt zu verscheuchen. Bald dreißig Jahre ist es her und noch immer ist ihre letzte Berührung so präsent, als könne er Renate noch zurückhalten, sich anders entscheiden, wenn er nur den Mund öffnen würde.

„Ist ihnen nicht gut?“ In den graublauen Augen liegt Besorgnis.
Er braucht eine Weile um wieder in der Gegenwart des Frühlingstages anzukommen.
„Doch“, antwortet er schließlich. „Doch, es war nur …“, er zögert weiterzusprechen.
Sie fragt nicht nach, sieht ihn nur aufmerksam an. Etwas an ihr veranlasst ihn, sich nicht in die Sicherheit des Smalltalks zu flüchten. Er möchte erzählen von Renate. Ihren Augen, ihrem Lachen, ihrer Bereitwilligkeit, ihrem Mut und ihrem Scheitern an ihm, seinem Verharren, falschen Festhalten, seiner Mutlosigkeit. „Sie erinnern mich an einen Abschied“, hört er sich sagen.

Sie reagiert nicht im Mindesten erstaunt auf diese Antwort. In der Akademie wird ein Fenster geöffnet und die soften Töne eines Saxophons erreichen sie. Eine moderne Jazzversion von Summertime schwebt durch die Luft.
„Das tut mir Leid.“ Diesmal lächelt sie warmherzig. „Ist es lange her?“
„Ja.“ Noch einmal nimmt er ganz bewusst ihren Duft auf, prüft, ob die Erinnerung ihn nicht doch trügt. „Ja, es ist sehr lange her.“
„Dann muss es ein besonderer Abschied gewesen sein.“ Sie sieht hinüber zur Schaukel. „ Es war eine Frau, stimmt’s?“
„Ja, es war eine Frau.“ Verwundert stellt er fest, dass er gern näher an sie heranrücken würde, lässt es jedoch, weil er fürchtet missverstanden zu werden. „Sie riechen ein wenig wie sie.“
„Oh!“ Erschrocken wendet sie sich ihm zu.
„Nein“, beruhigt er sie, „es ist kein unangenehmer Geruch, viel mehr ein Duft. Ein zarter Duft.“
Das Saxophon wird von einem perlenden Klavier unterlegt. Sie strecken die Köpfe in die Höhe, um besser hören zu können. Außer ihnen scheint niemand zu lauschen. Die Kinder sind zu sehr damit beschäftigt, sich endlich wieder austoben zu können, die Mütter schwätzen angeregt miteinander.
„Bei Ella Fitzgerald klang es anders“, stellt sie nach einer Weile fest. „Mögen Sie Ella Fitzgerald? Ich habe sie früher geliebt.“ Sie verdreht so schwärmerisch die Augen, dass Friedhelm lachen muss. Dankbar nimmt er ihr Angebot zum Themenwechsel an.
„Sind Sie dafür nicht ein bisschen zu jung?“
„Na ja, wie man es nimmt. Ihre große Zeit habe ich nicht aktiv erlebt. Aber“, sie hebt einen Zeigefinger in die Luft, „ich habe sie 1975 live in Köln gesehen, da war sie knapp 60. Mein Vater hatte mich anlässlich meines Abiturs zu dem Konzert eingeladen.“
Demnach, rechnete er schnell nach, muss sie jetzt selbst um die 60 sein.
„Es war ein wundervolles Erlebnis“, fährt sie fort. „Ich war hin und weg, es war mein erstes Konzert überhaupt, solche Sachen waren bei uns sonst nicht drin.“ Vor sich hinlächelnd verstummt sie. Als die Musik verklingt sieht sie ihn freundlich an.
„Mit der Musik ist es wie mit den Gerüchen, nicht wahr? Sie können uns ohne Vorwarnung erwischen.“

Sie zieht die Jacke enger um sich, bestimmt wird sie gleich aufbrechen. Schade, er hätte gern noch mehr aus ihrem Leben gehört, ihrer Stimme gelauscht und in ihrem Windschatten die Erinnerung an damals verblassen lassen.
„Ja, das können sie. Gottlob nicht nur schlechte.“ Er kann ein fatalistisches Schulterzucken nicht unterdrücken.
„Es ist doch kühler als ich dachte“, sagt sie, bleibt jedoch fröstelnd sitzen. Er hofft, weil sie sich gern noch weiter mit ihm unterhalten würde. Doch der Wind ist gegen ihn und so erhebt sie sich eine Minute später, nickt ihm noch einmal freundlich zu und wünscht ihm einen guten Tag. Er dankt, wünscht ihr ebenfalls einen schönen Tag bei diesem herrlichen Wetter und fühlt die wohlvertraute Leere in sich aufsteigen. Wieder ein Abschied. Wieder eine vertane Chance, der ein langer Tag, wahrscheinlich sogar mehrere folgen werden. Er sieht ihr nach, wie sie ruhig in Richtung Kunstakademie geht. Ohne Nachdenken springt er auf und läuft hinter ihr her.
„Warten Sie, bitte!“, ruft er und erschrickt über die Dringlichkeit in seiner Stimme.
Obwohl es nur ein paar Schritte bis zu ihr sind, ist er fast atemlos als er sie erreicht.„Entschuldigen Sie“, presst er hervor, „ich möchte Sie nicht bedrängen, aber…“, sein Atem normalisiert sich wieder und ermöglicht ihm ein verlegenes Lächeln, von dessen Charme er jedoch nichts ahnt, „aber darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Erwartungsvoll schaut er auf ihren Mund, traut sich nicht ihr in die Augen zu sehen, um die Ablehnung nicht schon zu erkennen bevor sie formuliert wird. In ihren Mundwinkeln taucht ein winziges Lächeln auf, das ihn zuversichtlich stimmt und mutig genug macht aufzuschauen.
„Morgen“, antwortet sie. „Gern morgen, jetzt muss ich leider los.“ Sie sehen sich eine Weile lächelnd an.
„Wo darf ich sie abholen?“, fragt er mit einer so galant angedeuteten Verbeugung, dass sie auflacht und ihm die Hand auf den Arm legt.
„Treffen wir uns hier“, schlägt sie vor. „Lassen Sie uns einen Morgenspaziergang machen wenn das Wetter es erlaubt.“ Schon wendet sie sich ab um ihren Weg fortzusetzen.
„Gleiche Zeit wie heute?“, fragt er schnell nach.
„Ja, so wie heute“, sagt sie, lächelt noch einmal und wendet sich endgültig ab. Er sieht ihr nach, fühlt Erleichterung und Freude. Und ein Bedauern der Haut, dort, wo er ihre Hand gespürt hat.

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