Rot

Anlässlich des endlich eingetroffenen Frühlings fiel mir diese Geschichte wieder ein. Gut möglich, dass irgendwann noch blau, gelb, grün, … folgen werden. Euch allen sonnige Zeiten!

Die Schuhe waren hoch, sehr hoch, und rot. Nicht signalrot, aber auch nicht dunkelrot. Ein Rot irgendwo dazwischen, indifferent, was durch das Velourleder noch betont wurde. Wenn rote Schuhe eine Aussage waren, dann war diese ambivalent. Ein „Ja“ mit Einschränkungen, ein „ich würde wollen, wenn“.

Von seinem Platz aus sah er nicht mehr als den ruhig in der Luft schwebenden Fuß des übergeschlagenen Beines und einen Teil des Unterschenkels in mattschimmerndem Espressobraun exklusiver Strümpfe. Schuhgröße und Bein ließen den Schluss zu, dass sie mindestens mittelgroß sein musste. Wenn nicht sogar ungewöhnlich groß für eine Frau. Ihr Alter? Er überlegte.

Solche Schuhe trugen weder junge Mädchen noch Frauen im gesetzten Alter. Sie war in seinem Alter, darauf würde er wetten.

Die Fußspitze wurde zweimal hintereinander langsam nach oben gezogen und weit nach unten gestreckt. Seine Augen folgten der Bewegung soweit es ihm möglich war die Wade hinauf und malten sich deren Ausläufer aus: die winzige Bewegung der Hüfte, in der sie entsprang und endete, die Spannung, die sich am inneren Oberschenkel aufbaute. Wusste sie, um die erotische Ausstrahlung? Säße er ihr gegenüber, er würde sich vorbeugen und ihr, ungeachtet aller Öffentlichkeit, von den Fesseln hoch zum Saum ihres Kleides streichen. Wortlos.

Ihr Gegenüber schien andere Vorlieben zu haben, fummelte lieber mit seinem Smartphone rum. Idiot. Mann, schau dir diese Schuhe an, dieses changierende Braun der Strümpfe, die, auch darauf würde er wetten, ein haptischer Genuss waren. Glatt und weich, wie sanftes Puder. Das lässt man sich nicht entgehen, da muss man herausfinden, ob die in der Luft liegende Einladung sich einfangen lässt. Am besten mit einer eindeutigen, aber sofort wieder auf Distanz gehenden Berührung. Und wenn die Reaktion entsprechend ausfiel, könnte man ihr ins Ohr flüstern, dass man sich nichts Großartigeres vorstellen könne, als diese Schuhe am nächsten Morgen vor seinem Bett liegen zu sehen.

„Was starrst Du da eigentlich die ganze Zeit so verträumt in die Lobby?“
Die Stimme seiner Frau riss ihn aus den Gedanken. Er sah sie an, die Outdoorjacke, die Jeans, die Turnschuhe.
„Ach, nichts. Ich war schon in Gedanken auf der Wanderung. Da kommen die Anderen.“ Er wies auf zwei aus dem Aufzug tretenden Paare. „Dann mal los.“ Er erhob sich und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Sie schlug das Angebot aus, stand allein aus dem tiefen Sessel auf und ging an ihm vorbei auf den Ausgang zu. Kurz zögerte er, dann folgte er ihr mit großen Schritten. Hinter ihm wanderte die Fußspitze wieder nach oben.

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