Tamara Woman

Es muss einmal gesagt werden: Das, was uns – seit einiger Zeit nun auch noch mutmaßlich altersgerecht – als Frauenzeitschrift untergeschoben wird, gehört in die Tonne. Ich lese das nicht. Normalerweise. Auch nicht beim Frisör, da plaudere ich mit der netten Fachfrau oder schweige in Erwartung des Ergebnisses. Manchmal werde ich jedoch schwach und lese das Zeug. Wo? Genau, in Wartezimmern.

Das schien ja noch zu dauern. Gelangweilt griff sie nach der letzten, blauverhüllten Zeitschrift, die mit dem Rücken nach oben auf dem Tisch lag. Bei ihrem Glück war es bestimmt ein Motormagazin. Nein, Tamara Woman, das Magazin für die Frau über 50. Na super, aber was nimmt man nicht alles, bevor einen die Langeweile niederstreckt. Warum nicht mal schauen, was Frau so alles mit 50+ noch drauf hat bzw. haben sollte.

Daydreamlovers – Lustpusher Tagtraum

Wie sie sich an Schreibtisch und Spüle auf ein lustvolles Date vorbereiten

Sie sitzen im Meeting, der Kollege referiert zum x-ten Mal seine Strategie zur Umsatzsteigerung, sie greifen zur Kaffeetasse und beim Anblick der aufgeschäumten Milch steigt plötzlich der Duft eines exquisiten Schaumbades in ihre Nase und entführt sie in eine andere Welt. Kräftige Hände massieren sich sanft ihre Waden und Schenkel hinauf. Schon wollen Sie sich zur Ordnung rufen. Das geht doch nicht, konzentrier Dich auf das Meeting! Doch seien sie nicht zu streng mit sich, denn es gibt gute Gründe, nicht immer das Wohl des Unternehmens an die erste Stelle zu setzen.

Tamara Woman Experte Manfred Winter hat sich in deutschen Büros umgehört und herausgefunden: Wer sich diesem Zwang widersetzt und sich über den Tag verteilt immer wieder kurzfristige, virtuelle Peep-Shows gönnt, hat den besseren Sex. Woran liegt das, wollen wir wissen.

Manfred Winter:

Der Körper reagiert auf jedes Bild, auch auf ein virtuelles. Wenn Sie sich nun über den Tag verteilt immer wieder einem virtuellen, sexuellen Bild aussetzen, stimulieren sie sich, ohne dass es zu einer völligen Fokussierung kommt. Es baut sich eine diffuse Spannung auf, die im Laufe des Tages zunimmt. Sie treffen also schon mit einer gewissen Erregung auf ihren Partner. Oft ist es sogar so, dass sie sich kaum noch an die Szenen erinnern, die sie so in Stimmung gebracht haben. Im Bewusstsein überwiegt der Ärger über den Kollegen oder der Stress des anschließenden Einkaufes auf dem Heimweg.

Doch das Gehirn vergisst nicht und wenn nun nur eine Kleinigkeit geschieht, die Bestandteil Ihrer Tagträume war, puscht es die Erregung sofort wieder auf das Level, das sie während der phantasierten Sequenz erreicht hat. Sie werden schneller und heftiger von ihrem Partner sexuell angesprochen, als wenn erst die Einstimmungsarbeit geleistet werden muss. Doch nicht nur die körperlichen Reaktionen haben sich schon warmgelaufen, auch die sexuelle Phantasie startet nicht bei Null und schwingt sich in der Folge zu größeren Höhen auf. Man kann nur dazu raten sich öfter mal eine heiße Nummer vorzustellen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sie tatsächlich erlebt um ein Vielfaches an. Auch und gerade bei Frauen jenseits des Klimakteriums.“

Arschloch, dachte sie.

Wenn Sie also der Kollege zukünftig wieder nicht zu fesseln vermag, gönnen Sie sich ruhig fesselndere Bilder. Die Zufriedenheit mit der Sie am nächsten Tag ins Büro kommen, trägt garantiert zu Ihrer Produktivität bei und kompensiert die kleine Auszeit locker.

Daydreamlovers, Lustpusher! Was für eine Scheiße! Entnervt warf sie das Zielgruppenmagazin auf den Tisch zurück. Diese Warterei war wirklich ätzend. Sie versuchte es mit der Apotheken Umschau. Da war man vor so einem Schrott wenigstens sicher. Dachte sie. Doch schon die dritte Seite belehrte sie eines Besseren. Ein selig lächelndes Silveragepärchen strahlte ihr entgegen. Selig, weil sie nun endlich ein Mittel gegen Scheidentrockenheit nahm. Hatten sich heute alle Herausgeber von Wartezimmerprosa gegen sie verschworen? Das wurde langsam inflationär. Mindestens fünf Mal war ihr in den vergangenen Tagen beim Lesen irgendwelcher Printwerke das Thema Scheidentrockenheit über den Weg gelaufen. Man musste den Eindruck haben, jenseits der Fünfzig glich der Intimbereich aller Frauen der Sahelzone nach einer mehrjährigen Dürre. Überhaupt diese ganze Wechselthematik mit der man ständig konfrontiert wurde. Warum zum Henker durfte Frau heute nicht mehr einfach nur älter werden, ohne sich ständig mit der Frage zu befassen, wie sie dieses Phänomen hinausschieben wenn nicht gar aufhalten, auf jeden Fall aber mit der Chuzpe und dem Charme meistern könne, die schon in der reichhaltigen Freche-Frauen-Literatur als Richtlinie für die moderne Frau vorgegeben worden war. Es war zum speien!

Antiaging, Anticellulite, Antistress, Anti-was-auch-immer. Hauptsache Frau hatte genug damit zu tun, alle mutmaßlichen Krisenherde und körperlichen Minenfelder zu beackern. Nun auch noch dieser massenweise Hinweis darauf, dass man der nachlassenden Freude am Sex mit einer wahlweise hormonhaltigen oder hormonlosen Creme entgegen wirken könne. Wobei das „könne“ einem geschönten Imperativ gleichkam. Die Botschaft war überdeutlich: Du kannst etwas dagegen tun, also tu es! Die Verantwortung liegt bei Dir. Genauso wie sie bei Dir liegt, wenn Du nicht schlank, faltenfrei und agil wie eine Zwanzigjährige bist. Sie liegt immer bei Dir, es gibt schließlich Mittel gegen alles. Wer sie nicht nutzt ist undiszipliniert, lässt sich gehen und verdient es übersehen zu werden.

Ärgerlich entledigte sie sich auch der Apotheken Umschau. Dieses Blatt sollte eh verboten werden. Dann halt nicht lesen. Wieder einmal überlegte sie, ob sie nicht gemeinsam mit ein paar Freundinnen einen Scheiterhaufen aus für Frauen publiziertem Mist errichten sollte und ihn im Rahmen eines fulminanten Besäufnisses niederbrennen. Schon die Namen ließen ihre Nackenhaare zu Berge stehen. Freundin, Brigitte, Brigitte Woman, Petra, Joy, Shape und wie sie alle hießen. Eine schlimmer als die andere. Am schlimmsten die in den letzten Jahren boomenden Machwerke für die reife Frau mit ihren tendenziösen Inhalten, die nur darauf abzielten neue Produkte an die Frau zu bringen, wozu sie perfide an das seit Jahrzehnten geschulte schlechte Gewissen appellierten. Weil man eben nicht so aussah wie das 50+ Model mit diesen sensationellen, grauen Haaren und den kleidsamen Lachfalten um die Augen, das dank ihres figurschmeichelnden, kleine Pölsterchen liebevoll wegmogelnden Seidenunterkleids noch alle Nase lang phänomenalen Sex haben konnte. So denn, nicht zu vergessen, reichlich Gleitmittel in Form wohlriechender Öle oder Salben zum Einsatz käme.

Missmutig sah sie aus dem Fenster. Diese ganzen Scheißkonventionen kotzten sie an. Ständig und immer galt es irgendeinem Ideal zu entsprechen. Kein Feld wurde ausgelassen. Kinder, Küche, Karriere, Kosmetik, Haus und Garten, Lifestyle und immer wieder Sex und Partnerschaft. „Dirty talk – damit die Leidenschaft nicht einschläft“, „Sag’s mir Baby – keine Tabus bei Gesprächen über Sex“, „Ich will dich – übernehmen sie die Initiative“, „Besorg’s mir – wie sie Ihren Liebsten zu Höchstleistungen anspornen“. Keine noch so banale Sammlung von Plattitüden, die nicht mit einer reißerischen Überschrift der Marke „So geht es!“ versehen wurde. Und das Schlimme daran war, dass dieser Mist in der Summe nicht ohne Wirkung blieb.

Erst neulich hatte sie sich mit einer Freundin darüber unterhalten, dass es doch eigentlich kaum einen schöneren und bequemeren Ort für ein vergnügliches Miteinander geben würde, als ein möglichst großes Bett. Das sei doch langweilig, hielt ihr die entgegen und schwärmte vom spontanen Sex in Küche und Wohnzimmer. Das könne ja sein, aber deutlich weniger schmerzende Knie auf einer nachgiebigen Unterlage ließen Raum für mehr Genuss an anderer Stelle, hatte sie gekontert. Wer sich nicht verzweifelt fragen müsse, ob die Knochen der Aufregung standhalten oder kurz vor Erreichen der Zielmarke zur Aufgabe zwingen würden, der sei vielleicht weniger „spontan“, dafür aber entspannt genug, um sich mit Lust und ungehemmt hingeben zu können. Da sei schon was dran, aber sie käme sich so altbacken vor, wenn sie es im Bett täte. Obwohl, wenn sie ehrlich sei, sei eine fast zwanghafte Fixierung auf Couchtisch und Co auch nicht besser. Spontan sei das auch nicht. Neulich habe ihr Mann sie aus dem Schlafzimmer eigens unter die Dusche gezerrt, wobei sie sich beim anschließenden Haaretrocknen den Gedanken nicht habe verkneifen können, dass die Missionarsstellung auf einer Matratze durchaus Vorzüge habe. Und sei es nur, dass man danach nicht mitten in der Nacht die Haare föhnen müsse, bevor man einschlafen könne.

Gemeinsam hatten sie eine Liste der absurdesten Orte erstellt, an denen sie es jemals getan hatten. Den Vogel hatte der Balkon im zwölften Stock abgeschossen, bei dem die Panik vor einem möglichen Absturz jegliches Lustgefühl torpediert hatte und die sich bös in den unteren Rücken bohrende Brüstung das Ganze zudem sehr schmerzhaft hatte werden lassen. Urlaubsbekanntschaften und die mit ihnen einhergehenden Gelegenheitskopulationen an obskuren Orten waren eindeutig am schlechtesten weggekommen. Auch die Wirkung von Sandkörnern, die von Brandungswellen in alle möglichen Körperöffnungen gespült würden, sei echtem Genuss abträglich, waren sie sich einig gewesen. Noch dazu könne die Rhythmusdifferenz zwischen Wellen und Körperbewegung irritierend sein. Nein, so ein Bett sei schon in vielfacher Hinsicht ganz wunderbar, waren sie letztlich übereingekommen. Wenn das altmodisch sei, bitte sehr. In einem Bett, mit einem einfühlsamen und leidenschaftlichen, einem echten  Liebhaber sei Lubrikation auch nach dem fünfzigsten Geburtstag kein Thema. Zumindest kein problematisches. Völlig gleichgültig, wie viele Zeitschriften das Gegenteil behaupten würden. Aber was regte sie sich auf, es half eh nichts.

Sie sah eine Weile träumend aus dem Fenster, bis sie lächelnd bemerkte, dass sich entgegen allen Ärgers eine angenehme Erinnerung eingestellt hatte. Sollte sie ihr folgen? Gut, aber nur für einen Moment, bis sie endlich dran war. Man wusste ja nie, vielleicht hatte Manfred Winter doch Recht und sie würde heute Abend davon profitieren. Falls nicht, könnte sie immer noch einen Leserbrief schreiben und über den Mist mal so richtig vom Leder ziehen.

photo credit: <a href="http://www.flickr.com/photos/120262924@N05/13454718054"></a> via <a href="http://photopin.com">photopin</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">(license)</a>

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